Paradiesbrücke

Meine Mutter kannte sie, jeder Einheimische kennt sie, warum sie so heißt, wissen wenige. Gerade heute wieder getestet, mit einem Augenzwinkern, bei einer netten Kollegin mit Paradiesbrückenbezug im baselländischen Muttenz, aber das ist … jedenfalls, der Legende nach stand Luther bei einem seiner vier Predigt-Aufenthalte in der Stadt, er war mit dem Bürgermeister Mühlpfordt befreundet, unter starker Bedrängnis wütender und bewaffneter Franziskaner, er rettete sich durch wilde Flucht über die Mulde auf ebenjener heutigen Brücke, die aber schon die Nachnachfolgerin der von 1524, in das jenseitige gut verschließbare Gasthaus, beides erklärte er, Luther, zu seinem Paradies, der Wirt und der Rat nahmen dieses Diktum gerne auf. Ortsbezogenes Marketing war von jeher ein wesentlicher Treiber der Public History.

Robert Blum, mein Herzensrevolutionär, der große Redner mit dem noch größeren Herzen, hatte in Leipzig, seinem Wohnort, zugunsten seines Freundes Todt auf ein Mandat für das Frankfurter Vorparlament verzichtet. März 1848, die Welt gärte, der Protest regierte ihre Plätze und Straßen, sie war nicht mehr so eingerichtet, dass sich genug Menschen in ihr zu Hause gefühlt hätten, Konfliktlinien parallelisierten sich akut. Blum trug die Funken der immer revolutionären Idee, die Welt vernünftig einrichten zu wollen, durch das 1815 halbierte Königreich. Am 19. März kam er in die Stadt mit der Paradiesbrücke, auf ihrem Kornmarkt gab er ihren massenhaft versammelten Bürgern leidenschaftlich seine Botschaft, die an diesem Ort starker Gegensätze von reich und arm sowie großen und alten kommunalen Selbstbewusstseins gegenüber der landesherrlichen Obrigkeit offene Türen aufstieß. Die Versammlung wählte ihn hic et nunc zu ihrem Abgeordneten für das Frankfurt am Main und zu ihrem Ehrenbürger. Am Kornmarkt hatte mein Großvater mit seinen Eltern, Juristenhaushalt, eine stattliche Wohnung. Sie blickten darauf aus ihrem Fenster, Nationalisten und Hitlerverehrer, die sie waren, ohne Verstand, ohne Gespür auch für die feinen Vibrationen dieses Ereignisses, die historische Seismologen noch heute, wenn auch nur noch schwach, messen können. Die Stadt hatte wenig Bombenzerstörungen zu beklagen, das besagte Haus am Kornmarkt erhielt allerdings einen Volltreffer. Die Bewohner*innen überlebten im Luftschutzkeller. Solche Präzisionsschläge waren selten zu jener Zeit.

Müntzer kam als Prediger aus Wittenberg nach der Stadt, auf Empfehlung Luthers selbst, auf seine eigene Weise kam er diesem Auftrag nach. Er tat dies mit großem Erfolg. Es ist die zweite reformierte Stadt, wie sagt man so schön: der Geschichte. Smiley. Müntzer, der, wie er selbst sagte, für die „Wahrheit in der Welt“ kämpfte, wurde von Luther zu den dortigen „Propheten“ gerechnet, und er wurde ihm ein Gegner. Der Rat der Stadt verwies die 72 Spinner und Schwärmer  um die Aufrührer Storch, Drechsel und Stübner 1521 der Stadt. Müntzer natürlich auch, 56 Tuchgesellen, die ihn schützen wollen, wurden gefangengesetzt. So weit kam es noch! Völlig zu Recht natürlich, denn wer zu genau auf die Sprache schaut, bringt bekanntlich immer alles durcheinander und nimmt lästigerweise jeden beim Wort.

So war’s natürlich nicht gemeint, auch nicht von Luther: mit Blick auf das Evangelium. In unserer Stadt, wie ich sie vielleicht inzwischen nennen darf, trennten sich also 1521 (22 dann in Wittenberg) die Wege der obrigkeitsaffinen Reformation des Wortes und der radikalen evangelischen Reformation der Welt. Der Konflikt endete im Gemetzel von Frankenhausen und anderen Orts 3-4 Jahre später. Wer von der Marien- zur Katharinenkirche geht, die 15 Minuten, kann die Aufregung vor sich sehen. Die Stadt wurde im zweiten der Weltkriege kaum zerstört, die sog. Priesterhäuser hinter der Marienkirche zählen zu den ältesten erhaltenen Wohnbauten weit und breit in teutschen Landen, nur die Zerstörungen des gewaltigen Muldehochwassers von 1954, als die Fluten noch auf dem Hauptmarkt 2,10 Meter hoch standen und die typischen Stadtplanerfantasien der in dieser Hisicht sehr langen Nachkriegszeit vernichteten das uraltverwinkelte Viertel um die Katharinenkirche. Aber, wer sein Ohr an den Boden legt, ungeachtet aller despektierlichen Blicke von irgendwem, der hört es noch, das Geschrei der Franziskaner, der reformierten „Schwärmer“ (was hätte Schiller zu ihnen gesagt) und der ruheliebenden Gutsituierten, das Stampfen der städtischen Ordnungskräfte. Die Stadt war der Nabel der geistigen Welt.

„So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen, als das, was nicht ist.“ Stefan Heßbrüggen hat kürzlich in einer überraschenden Twitterreply an Robert Musils Mann ohne Eigenschaften erinnert, und ich fand das treffend, auch für mich. Durch die Welt laufen und die Kontingenz alles Gewordenen und scheinbar Bestehenden beständig vor Augen zu haben, das ist gewiss eine geistige Verirrung; keine antiquarische allerdings, eher das Gegenteil, eine Liquidationsneigung gegenüber geschenkten Gewissheiten. Es ist immer anders, als im Brustton von Überzeugtheit erzählt wird, erscheint dann; schon wegen aller hohen Brusttönigkeit, denn aus dem Bauche ist zu atmen, wenn es Stimme haben will. So laufen Verirrte wie ich herum, durch irgendwas, und mit dem Schauen zerfallen ihnen die herkömmlichen Geschichten davon. In die geistige Leere müssen die Bilder selbst gemacht werden, durchaus auch im wörtlichen Sinne, und dann kann bis zur Ermüdung der Begleitung davon erzählt werden. Tut mir leid für die Betroffenen, erst jüngst wieder, und ich leide wie ein Hund, wenn ich andere im Zustand des subjektiven Schöpfungserzählens überfordere.

Am vergangenen Wochenende war ich wieder in der Stadt, die die zweite meiner vielen Heimaten ist, mit vier vertrauten Menschen aus vier Generationen. Nicht Klein-, nicht Großstadt ist sie, für mich als Kind bei meinen vielen Besuchen und Aufenthalten aber: Metropole. Mit dem Pesechshunderteins fuhr man mehr als zwei Stunden südwärts über huckelige Strassen, durch Feld, Wald, Industrie (JETZT Fenster zu!!, rief die Mutti, wenn es an den Ort mit dem anziehenden Namen „Espenhain“ ging), Dörfchen und Städtchen und einmal quer durch das große Klein-Paris. Ich schulde dieser Stadt etwas und ihre Bewohner*innen. Sie ist so schön, so zauberhaft, so reich an Vergangenheit. Zugleich ist dieser Reichtum auch begrenzt, es hat noch Aussicht, das Einzelne würdigen zu wollen, die Bewohner*innen können es schätzen und ein fast rührenden Stolz entwickeln, es versinkt nicht in der schieren Menge des irgendwie Bedeutenden, das die wahren Metropolen konstituiert.

Ich möchte also etwas Schuld abzutragen versuchen, jeder Leserin und jedem Leser rate ich: Besucht diese Stadt, übernachtet in ihr, lasst Euch auf sie ein, beachtet sie und gebt ihren vielen Ausgewanderten das Gefühl, dass es ein guter Ort ist, von dem sie stammen.

 

Blick auf den Turm der berühmten Marienkirche ins Tal der Mulde, aufgenommen aus einem Fenster über dem ehemaligen „Ringcafé“, einstmals eine erste Adresse (und der Ort, an dem meine Eltern vor 51 Jahren ihre Hochzeit gefeiert haben, aber das tut hier nichts zur Sache).

Einigermaßen interessant ist das Gebäude im Vordergrund. Es markiert mit seinem Fassadenverlauf die Position der früheren Stadtmauer. Es sieht altertümlich aus, ist es aber nicht, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Bis 1858 stand dort, am linken Rand des Bildes, das letzte noch erhalten gebliebene Stadttor, das sogenannte Frauenthor. An diesem Frauenthor befand sich eine der Zollstationen der alten Stadt. Nach dem Abriss und mit der Neugestaltung wurde im Laufe der 1860er Jahren ein, wie man so zu sagen pflegt, gründerzeitlicher Neubau errichtet, den man „Altes Zollhaus“ nannte. Es war ein funktionales, halbwegs imposantes Gebäude im Rahmen dieser provinziellen Bürgerstadt, das einige historisierende Elemente enthielt, ohne aber als identitäres Statement wirken zu wollen oder zu können, einfach etwas vom Zeitgeschmack. Von ihm ausgehend führte eine der wichtigen Einkaufsstrassen auf den Markt und die Marienkirche zu, die „Innere Plauensche“. Besonders markant an diesem Haus war ein dekorativer Erker an der der Inneren Plauenschen zugewandten Seite, der jeden, der aus Richtung der großen Strassenbahnkreuzung am Georgenplatz kam, in der Innenstadt begrüsste. Gut 150 Jahre später löste dieses Bauelement den Großen Erkerstreit der Jahre ab 2003 aus.

In der ökonomischen Verzweiflung der Nachwendejahre war die Stadtverwaltung  freigiebig mit Abriss- und Baugenehmigungen und kämpfte um jeden Investor. Die sächsische Denkmalpflege hatte überall alle Hände voll zu tun, das Schlimmste zu verhindern. Ein Hamburger Immobilienunternehmer hatte das extrem renovierungsbedürftige, gleichwohl inzwischen denkmalgeschützte „Alte Zollhaus“ erworben, um es abzureissen und an seiner Stelle einen Nullerjahre-Konsumfunktionsbau zu errichten und an H&M zu vermieten. Der Mietvertrag auf Basis des Architektenentwurfs und der städtischen Baugenehmigung war geschlossen, alles schien erledigt, bis erst der sächsische Denkmalsschutz sich querstellte und dann die Bürgerschaft und die lokale „Freie Presse“. Der Erkerstreit wurde zu einem symbolischen Konflikt einer langsam wieder zum Leben erwachenden Stadtgesellschaft, auch diese Stadt hatte nach 1990 2/5 ihrer Bewohner*innen verloren, und den Interessen einer investorengetriebenen städtischen Infrastrukturpolitik. Zwei Jahre lang war dieses prominente Grundstück eine zunehmend verwahrlosende Baustelle bis es zu einem Vergleich kam. Das Resultat sieht man teilweise auf dem Bild: Ein moderner Bau, der die Umrisse und Gestaltung des „Alten Zollhauses“ aufnimmt und auch den historisch-ahistorischen Erker an der Ecke gerettet und integriert hat. Insofern markiert dieser Bau eine Epoche, den Übergang aus der Transformationszeit in eine sich schrittweise einstellende und immer weiter fragil bleibende bundesdeutsche Stadtnormalität. Heute mieten eine Bank und einer Drogerie die Flächen, die Jahresmiete beträgt p.a. 516’000 Euro (2010).

 

 

Das 1914 eröffnete König-Albert-Museum. Meine mütterlichen Vorfahren waren gerade 5 Jahre zuvor aus dem armen und angesichts der dortigen Ressourcen übervölkerten österreichischen Böhmerwald in die berühmte und reiche sächsische Boomtown eingewandert. Es war auch nicht weit, von hier sind es nur 50 Kilometer bis zur historischen Grenze auf dem Kamm des Erzgebirges. Das neue und wirklich schöne und zugleich äußerlich bescheiden gehaltene Museum mit seinen barocken Dresden-Zitaten wird sie in ihrer Entscheidung bestärkt haben, nicht dem anderen Teil der Familie nach Wien zu folgen, sondern über die Staatsgrenze an die Mulde zu gehen. Das Museum wurde zu einem festen kulturellen Bezugspunkt der böhmischen Hellers. Die blieben, bekanntes Migrant*innenschicksal, auch lange böhmisch, nicht nur in der Küche, bis heute, sondern auch staatsbürgerlich. Anton Heller diente jedenfalls in k.u.k. Uniform im ersten der europäischen Weltkriege am Ende des letzten Jahrtausends. Heute: Städtisches Museum.

 

 

Erster hauptamtlicher Direktor des Museums wurde der zu einer ambivalenten Karriere ansetzende Hildebrand Gurlitt (ein Name mit besonderem Klang seit der Beschlagnahmung der Sammlung seines Sohnes 2012), unter dessen 5-jähriger Führung das Haus sehr schnell nationale Aufmerksamkeit erlangte, besonders wegen seines Augenmerks auf die zeitgenössische Kunst und vor allem auch für sein Bemühen einen inzwischen berühmt gewordenen Sohn der Stadt, Max Pechstein, für seine Herkunftsgemeinde zu interessieren, in der er die ersten zwanzig Jahre seines Lebens, bis zum Abschluss seiner Berufsausbildung als Dekorationsmaler gelebt und sich ausgebildet hatte. Das heutige Museum macht seit 2014 auf seine bedeutende Pechstein-Sammlung durch seinen Namenszusatz aufmerksam. Die Sammlung des Museums ist vielgestaltig, romantische Maler, mittelalterliche Sakralkunst der Region, letztere bewegend eben wegen der Zufälligkeit ihres Überliefertseins. Grossartig auch die Mineraliensammlung, die ihren Reichtum dem zehnjahrhundertelangen Tiefbergbau in den Gemarken der Stadt verdankt. Und dann noch die 50 Pechstein-Werke aus allen Schaffensepochen, auch aus der frühesten. Die Sonnenblumen haben mich besonders angesprochen, hier beschränkt sich der Expessionist selbst, sucht den Anschluss, bleibt aber erkennbar. Sonnenblumen haben es dem Künstler angetan, ähnlich wie Nolde, anders bei ihm aber anscheinend ohne weltanschauliche Sirenenklänge – Nolde, der ihn, Pechstein, 1934 beim NS-Staat wegen seines angeblichen Jüdischseins denunzierte. Gut, dass Nolde nicht mehr bei der Kanzlerin hängt. Gut auch, dass Pechstein nichts repräsentieren soll, sondern einfach nur als Musealie unsere Aufmerksamkeit erntet.

 

 

Ein solches Rathaus habe jedenfalls ich noch nicht gesehen. Und ich war sehr überrascht, als ich es bei meinem letzten Besuch vor zwei Jahren entdeckte, nachdem ich 30 Jahre nicht mehr auf dem Hauptmarkt gestanden hatte. Die Augen des Kindes und des Jugendlichen blieben an diesem Gebäude nicht haften, die Hände der Grossmutter wiesen nicht daraufhin. Schade! So stand ich dann plötzlich vor diesem quietschgelben Riegel, dessen Fassadenfarbe sicher etwas typisch Sächsisches, wenn ich es auch nicht kenne. Aber wer kennt schon das typisch Sächsische? Der Riegel ist tatsächlich sehr alt. Der kleine Robert Schumann wohnte 2.5 Jahre darinnen, da seine Mutter durch eine Krankheit geschwächt war, die Frau des Bürgermeisters war seine Patentante. 1813-1816 waren bewegte Jahre, nicht zuletzt in Sachsen. Der Weg zur Häuslichkeit seiner Familie war aber nicht weit, es werden kaum 100 Meter sein. Der Bau geht auf das Jahr 1403 zurück, im Laufe der mannigfachen Um- und Überbauten blieb davon aber bis heute nicht mehr als eine Kapelle zurück, der Gebäudekorpus wurde 1867 neogotisch verblendet. Auf alten Abbildungen sieht man den Zustand vor dieser Verblendung. Gefällt mir besser. Das freie Spiel von Einbildungskraft und Verstand gelingt besser, you know.

 

 

Das Gewandhaus, Haus der Gewänder, unverfälschtes und unverbautes Renaissancegebäude (1525). Wie der Name schon signalisiert, die mächtige Zunft der Tuchmacher der Stadt hatte sich dieses Gebäude errichtet. Genauso war es übrigens mit seinem ungleich bekannteren Leipziger Namensvetter. Wie auch in Leipzig wurde das Gebäude 1823 in einen Konzert- und Theatersaal umfunktioniert (in der grossen Nachbarstadt 1781). Die kulturbeflissenen böhmischen Immigranten besaßen natürlich ein Abonnement und waren in nahezu jeder Woche Gast der dortigen Aufführungen. Meine Mutter und meine Grossmutter bildeten in dieser Hinsicht ein sich treibendes Gespann der Selbstbildung. Das Haus wird seit Jahren generalsaniert. Ich habe meiner Mutter versprochen, noch einmal mit ihr dort eine Abendvorstellung zu besuchen. Also, haltet Euch ran, Bauleute.

 

 

Robert, was soll man sagen. In fast allem, was er musikalisch tat, seiner Zeit ein halbes Jahrhundert voraus, nichts konnte sein Bild in der vox populi allerdings nachhaltiger beschädigen als der Film Frühlingssinfonie von 1983 (in dem wenigstens Rolf Hoppe überirdisch glänzte). Wie Pechstein verbrachte er seine ersten 20 prägenden Jahre an seinem Heimatort. Er kam aus allerbestem Hause, sein Vater, über den noch viel zu sagen wäre, der mich aber anspricht aus dem Vergangenen: August, mittelloser Pfarrerssohn, Kaufmannslehrling, Selfmademan, Verleger, Buchhändler, Autor, Übersetzer. Seine Mutter, Christiane Schnabel, die uns durch ihren lebendigen Briefwechsel mit ihrem jüngsten Sohn gegenwärtig sein kann. Das Haus der Schumanns seit 1808, als sie mit Geschäftskonzept und Startkapital in die Stadt gekommen waren, direkt schräg gegenüber der Marienkirche auf dem Hauptmarkt, Geschäfts- und Wohnhaus, ein intellektueller Mittelpunkt der Stadt. Robert, ein glänzender Schüler, jüngstes der fünf Kinder, voller Begabung und Sendungsbewusstsein, Sprachgenie, Musikschüler, früh komponierend, musikalisch aber niemals streng ausgebildet. Es waren gute Jahre für ihn dort. Die Geschwister, die das Geschäft weiterführten. Ein gutes Haus. Bis der Vater dem Sechzehnjährigen mit 53 starb, plötzlich. Ein Jahr zuvor war seine Schwester Emilie aus dem Leben geschieden. Der geschäftliche Erfolg des Vaters hatte die Familie auf sichere Füsse gestellt, Roberts Lotterleben in Leipzig und Heidelberg konnte beginnen, es erscheint wie ein Ausweichen vor diesem Schatten, der sich so unvermittelt über diesen Halbnochkindbaldschonmann gelegt hatte. Bis 1847 kehrte er immer wieder in seine erste Heimatstadt und zu seiner Familie für Besuche ein. Das Denkmal mag ich, es stand zu meiner Kindheit und Jugend in der Nähe des Schwanenteichs, jetzt vor dem Gewandhaus auf dem Hauptmarkt. Dort, wo es wohl auch ursprünglich stand. Es stammt von Johannes Hartmann (1901).

 

 

Die Stadt war reich. Das Glück eines Universitätsprivilegs hatte sie nicht, aber genug kommunale Unterstützung, um eine seinerzeit berühmte Latein- und zeitweise auch parallel eine Griechischschule zu unterhalten. Beginnen wir aber mit der Abbildung.

Dieses Haus war das Heim von Stephan Roth, ein gotisches, um 1500 errichtetes Gebäude. So unspektakulär der Name Roths, so einfach war seine Herkunft. Roth ist ein gutes Beispiel dafür, welche Karrieren am Beginn der europäischen Neuzeit in der Mitte des Heiligen Römischen Reiches möglich waren, welche soziale Dynamik nicht Folge der Reformation war, sondern eine ihrer Voraussetzungen. Der offenkundig hochbegabte Sohn einer Schusterfamilie konnte die Lateinschule besuchen, der Rat der Stadt stiftete ihm ein Stipendium für das Studium in Leipzig. Als er zurückkehrte wurde er 1517 Direktor der berühmten Latein- und Ratsschule und bekam bald einen Kollegen Agricola. Als Roth weiterzog, blieb Agricola alleinverantwortlich. Roth blieb aber seiner Stadt verbunden, kehrte später als Stadtschreiber und Ratsherr zurück, auf ihnen gehen das Archiv und die Bibliothek zurück.

Der Katholik Georgios Agricola, der eigentlich Pawer hieß, auch er Sohn eines sächsischen Handwerkers, kam 1518 und ging 1522, und er stellte in dieser Zeit das Schulwesen der Stadt auf neue und unerhörte Beine. Schulkommissionen, neue Schulordnungen, Schulgeldbefreiuungen, renoviertes Gebäude, Latein, Griechisch und Hebräisch gleichgeordnet. Das Gebäude, das Agricola und Roth als Schulhaus vom Rat übernommen und erneuert hatten, stand gleich neben der Marienkirche, geräumig für seine damalige Zeit, noch Robert Schumann, der in seinen ersten sieben Jahren gleich um die Ecke wohnte, besuchte diese Schule, errichtet worden war es 1479. Der klassizistische Nachfolgebau von 1876 – in diesem Jahr wurde auch der Neubau des Landgerichts eingeweiht, was für ein Jahr! – an genau dieser Stelle der Lateinschule war dem städtischen Kunstverein gewidmet, und hier ist noch heute der Stadt Ausstellungshalle für zeitgenössische Kunst untergebracht. Roth und Agricola hätten das begrüsst.

 

 

Dieses ist das Stammhaus des Warenhausunternehmens der jüdischen Familie Schocken, 1901 übernahm Simon hier das Geschäft. Sehr erfolgreich, das Hauptbüro blieb immer in der Stadt, mehr als 30 Filialen in ganz Deutschland bis 1933, in zwei Schritten bis 1938 „arisiert“. Hier war ein wesentlicher Grundstock der Horten- und später der Kaufhof-Warenhauskette. Es ist vergleichbar mit dem Wismarer Stammhaus des Karstadt-Konzerns. Hier arbeiteten die böhmische Schwester meiner Großmutter und ihr Mann, er macht Karriere, wurde später in Stuttgart Zweigstellenleiter. Als mein Justizgroßvater in spe es für richtig hielt 1933 in die NSDAP einzutreten, stellte ihn die böhmische Familie vor die Option Heirat oder Partei. So trat er im Herbst 1933 wieder aus, und die Karriere der Schwester und des Schwagers war nicht mehr gefährdet. Mit Antisemiten wollte man im Hause Schocken nichts zu tun haben, aus guten Gründen, bekanntlich. Simon war seit 1911 Gemeindevorsteher der Juden in der immer noch bedeutenden Stadt. Der Bruder Salman arbeitete und lernte seit 1901 hier im Geschäft seines Bruders. Er wurde späterhin ein weltberühmter Verleger und Herausgeber. 1937 kaufte er Haaretz in Tel Aviv und führte dieses Unternehmen zum Erfolg. Wir dürfen den Brüdern dankbar sein.

 

 

Ja, es ist ein idyllisches Foto, nein, ich habe es nicht auf Instagram gepostet. Die Farben sind mit Standardfilter aufgenommen. Es ist einfach der güldene Westen, wie er sich durchweg eben von hier aus so darstellte. Meine Großmutter arbeitete nach dem Krieg II auf der Hauptpost als Lohnbuchhalterin, mit Blick auf dieses grüne Areal mitten in der Stadt, der Groß- und Urgroßvater bei Gericht ebenfalls an dessen Rand, die Mutter gewann auf der anliegenden Freilichtbühne den Hula-Hoop-Wettbewerb 1959, der Preis wurde ihr von Heinz Florian Oertel überreicht – kaum eine*r der geschätzten Leser*innen wird wissen, was das bedeutet(e)! Mit meiner Großmutter bin ich auf dem Schwanenteich ungezählte Runden gerudert. Sie liebte es, ich liebte es. Rudern wird für mich in Ewigkeit damit verbunden bleiben. Das Gewässer hieß natürlich nicht schon immer so, sondern erst seit 1860, die Zeit, in der alles irgendwie historisiert werden musste. Warum „Schwan“? Nun, klar, es gab Schwäne dort, aber wo gab es sie nicht. Schwäne sind allerdings seit altersher im städtischen Wappen enthalten. Eine Herkunftsgeschichte des Stadtnamens bezieht sich eben auf das lateinische Cygnus, was auch Plausibilität für sich haben mag, insofern die Lage der Stadt in einer Muldenaue vor ihrer Urbanisierung ein ausgeprägtes Biotop dieser Tiere gewesen sein mag. Wie dem auch sei, das Loch zu diesem riesigen Teich wurde schon 1473-77 vor den Mauern der Stadt ausgehoben. Es konnte Wasser aufnehmen und speichern, Fischzucht ermöglichen und bot der Stadt auch etwas Schutz nach Südwesten. Die harte Arbeit vor 550 Jahren hat sich gelohnt.

 

 

Das Amts- und auch Landgericht in der Stadt. Teil eines stattlichen ganzen Justizbezirkes aus einer Epoche. Ein – wie ich finde – schönes, stilistisch ausgewogenes und funktionales Repräsentativgebäude aus dem Jahr 1876. Das Wappen der Wettiner über dem Eingang. Gleich neben dem Schwanenteich. Hier arbeiteten Urgroßvater und Großvater als Justizinspektoren vom Kaiserreich bis in den NS, dann war das nicht mehr opportun. Die Stadt hat in Sachsen eine hervorragende Tradition als regionales Verwaltungszentrum, und es war ein harter Schlag für seine Einwohner*innen – in der Familie herrscht bis heute gelinde Empörung – als die Stadt im Jahre 1952 im Rahmen der DDR-Verwaltungsreform ihren alten sächsischen Bezirkshauptstadtrang verlor und im neuen Bezirk Chemnitz (ab Mai 53 Karl-Marx-Stadt) der alten Nachbarrivalin untergeordnet worden ist. Ich gebe diese Empörung natürlich an meine Kinder weiter wie die extensive Verwendung von Äpfeln in der Küche. So viel Tradition muss sein.

 

 

Das ist ein Stadtplan, der das Wesentliche gut zeigt: die Anlehnung an die Mulde, deren Furt hier die Zollerhebung attraktiv machte. Rechts, also östlich, geht der Hang steil. Zu erkennen ist der Ring der alten Stadt, auch die Position der alten Tore. Oben rechts, bezeichnenderweise nur klein eingetragen, der Plan ist etwas älter, die kurfürstliche Residenz (Schloss Osterstein), ein typisches und stilklares Rennaissancecastrum, das mit Moderne und Aufklärung (wie so viele innerstädtische Schlösser und Burgen!) zum Gefängnis umfunktioniert wurde (1775-1962), ab 1933 auch als Konzentrationslager diente, dann wieder als Haftanstalt und erst jetzt wieder schrittweise von seiner Zweckentfremdung und nachfolgenden Vernachlässigung befreit wird. Man befand sich unter den Gefangenen dort übrigens nicht selten in guter Gesellschaft.

Man sieht die schmale Paradiesbrücke in der Mitte des Flussverlaufs, den Kornmarkt, den Hauptmarkt, die beiden Hauptkirchen, die Innere Plauensche und ihren Austritt zum Ring, wo einmal das Frauentor sich befand. Und den gewaltigen prächtigen Schwanenteich. Zwischen der Parkanlage des Schwanenteichs und dem Ring, also der Linie der früheren Stadtbefestigung wurde nach 1871 das Gerichtsviertel systematisch angelegt.

Ich könnte noch lange weitererzählen, so fahret einfach hin und schauet selbst. Und lasset etwas Geld in dieser Stadt, sie verdient es.

Und über das umwerfende Hochalterretabel von 1479 in der Marienkirche kann ich hier auch nur diese Anmerkung machen, dabei lohnt schon die Betrachtung dieses Kleinods die Reise. Die Werkstatt Michael Wolgemuts hat sich jeden einzelnen der Rheinischen Gulden redlich erarbeitet.

Es gibt viele feine, oft unsichtbare Äderchen, die uns mit der Vergangenheit der Orte verbinden, in deren Bannkreis wir uns gerade befinden mögen, Kunstwerke wie diese sind wirkungsgeschichtliche Schlagadern.


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