• Wozu Literatursoziologie?

    Die erste Schwierigkeit, vor der die Literatursoziologie steht, ist die Definition ihres Gegenstands. Was in einer naiven Betrachtung womöglich als voraussetzungslos vorgestellt wird, das literarische Werk, erscheint im Blick der Literatursoziologie als ein Resultat gesellschaftlicher Prozesse. Statt rein auf den ästhetischen Gehalt eines literarischen Werks zu sehen, beobachtet die Literatursoziologie den Blick, der darüber entscheidet, ob und in welcher Weise ein Text als literarisch betrachtet wird. Was als Literatur definiert wird – und damit die Frage, welche Werke inkludiert werden und welche nicht –, erscheint dabei als ebenso dynamisch und kontingent wie die ästhetische Wertung, die Werke innerhalb dieses Rahmens einordnet.

    Das zweite Problem der Literatursoziologie ist die Frage nach der Sozialität des Literarischen. Theodor W. Adorno bemerkt in seinen 1967 erschienenen Thesen zur Kunstsoziologie, in denen er scharf mit der empiristischen Ausrichtung der Disziplin abrechnet, knapp: »Die Frage, ob Kunst und alles, was auf sie sich bezieht, soziales Phänomen sei, ist selbst ein soziologisches Problem.«  Ein ästhetisches Werk entsteht zweifelsohne in sozialen Strukturen, ob es dadurch aber erschöpfend erklärt wird, ist eine andere Frage. Ein literarischer Text lebt, was sich für Literaturwissenschaftlerinnen von selbst versteht, für Soziologen vielleicht eher nicht, durch einen konstitutiven Sinnüberschuss, das heißt er produziert mehr Sinn, als seine Verfasserin oder sein Verfasser zu intendieren, und mehr, als eine Interpretin oder Interpret eindeutig zu bestimmen vermag. Würde man die polyphone Semiotik literarischer Texte ignorieren, negierte man sich selbst als »Literatursoziologie«, hält der Literaturwissenschaftler Peter V. Zima in seiner Kritik der Literatursoziologie fest.

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  • Die Klage ist des Kaufmanns Gruß

    In diesem Jahr bleiben die Hallen zur Frankfurter Buchmesse leer. Angesichts steigender Covid-19-Infektionszahlen wäre die Messe wohl zu einem lebhaften Marktplatz infektiöser Aersole geworden. Dass das digitale Programm die dichte Atmosphäre sich langsam voranschiebender Menschenmassen nicht ersetzen kann, ist wohl allen in der Buchbranche bewusst. Anlass zur Sorge bot die Entscheidung dennoch kaum – man bedauerte zwar, dass man auf den alljährlichen Messekater verzichten müsse, aber eine branchenübergreifende Empörung blieb weitestgehend aus. (mehr …)
  • Männerkörper und Textfantasien. »Männerphantasien«, literaturwissenschaftlich gelesen

    Als Klaus Theweleits Männerphantasien vor vierzig Jahren bei Stroemfeld /Roter Stern erschien, artikulierte die Studie ein neues Bedürfnis von Männern, ihre eigenen Anteile an den postfaschistischen Herrschaftsverhältnissen zu reflektieren.  Mit der Frauenbewegung der 1970er Jahre setzte ein neues Nachdenken über Kapitalismus und Geschlecht ein, das Private war politisch, die Sphäre der kapitalistischen Produktion mit jener der häuslichen Reproduktion verknüpft. Emanzipatorische Politik hieß für linke Männer, den unbewussten Machtmechanismen in sich nachzuspüren, die nicht nur gegen Frauen, sondern auch dem eigenen Geschlecht gegenüber repressiv wirkten. [2. Zur Rezeption der Männerphantasien vgl. Sven Reichardt, Klaus Theweleits »Männerphantasien« – ein Erfolgsbuch der 1970er Jahre. In: Zeithistorische Forschungen, Nr. 3, 2006 (https://zeithistorische-forschungen.de/3-2006/4650).]

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