Berechtigte Anklage oder Fake News? Zu Frank Ligtvoets Beitrag „Ein Mann und ein Junge“

Wir haben uns mal geduzt, F.L. und ich. Nachdem er mich neuerdings offensichtlich verachtet, zögere ich, einfach Frank zu sagen. Eigentlich sollte es ein offener Brief an F.L. werden, nun ist es ein Traktat geworden, in dem es vordergründig um F.L.’s „Buchbesprechung“ 1 des von mir herausgegebenen Briefwechsels zwischen F. W. Buri und W. Frommel geht. 2 Tatsächlich geht es um eine Debatte über Homoerotik und möglichen sexuellen Missbrauch im „George-Kreis“ in Deutschland und im „Frommel-Kreis“ in Holland. Sie wurde 2017 von F.L. mit Beiträgen in der Zeitschrift „Vrij Nederland“ initiiert und 2018 in der deutschen Presse aufgegriffen.

Dass F.L.’s Beitrag im Septemberheft des MERKUR keine Buchbesprechung ist, lässt sich leicht feststellen: die Briefe, die 80 Prozent der Edition ausmachen, werden in keiner Weise besprochen, lediglich ein Foto und einige Sätze aus meinem Einführungstext werden kommentiert. Dass die unhaltbare und absurde Bildanalyse, die F.L. hier offeriert, ebenso wenig mit meiner Edition zu tun hat wie seine Polemiken mir gegenüber, wird jedem Leser schnell klar. Ich verzichte darauf, mich gegen seine Anschuldigungen zu wehren.

Auch wenn es nicht wirklich um das Foto geht, darf ich klarstellen, dass dieses Foto nicht die „Reinheit dieser Freundschaft illustrieren“ soll, wie mir F.L. unterstellt, sondern es soll zeigen, wie Frommel und Buri aussahen, als sie sich in Frankfurt am Main im Jahr 1933 begegneten. Aus dem Foto oder aus den Briefen der Edition herleiten zu wollen, dass es sich hierbei um „pädophile sexuelle Kontakte“ handelte, entbehrt jeden Belegs. Vielmehr konnte ich den Briefen, die in meiner Edition uneingeschränkt präsentiert werden, keinen Beleg für Pädophilie entnehmen. Ich kann sexuelle Kontakte zwischen den Briefkorrespondenten nicht ausschließen, allerdings bleibt offen, ob, in welcher Form und welchem Ausmaß und ab wann diese bestanden. Dabei stellt sich die wichtige Frage, ab welchem Alter man einem jungen Menschen sexuelle Selbstbestimmung zugesteht. Das deutsche Strafrecht legt fest: Sex mit Kindern unter 14 Jahren ist ausnahmslos verboten und strafbar. 3 Bei Jugendlichen zwischen 14 und 16 ist einvernehmlicher Sex dann strafbar, wenn der Täter älter als 21 und die fehlende Fähigkeit des Opfers zur sexuellen Selbstbestimmung ausnutzt. 4 Bei Jugendlichen zwischen 16 und 18 geht der Gesetzgeber grundsätzlich davon aus, dass sie eigenverantwortlich über sexuelle Kontakte entscheiden können. Nach heutiger Gesetzeslage könnte Frommel eine Anklage drohen, wenn es Sex in den ersten beiden Jahren nach ihrer Begegnung gegeben hat und Buri eine fehlende Fähigkeit zur sexuellen Selbstbestimmung nachgewiesen werden kann. Dies hat F.L. nicht nachgewiesen. Ich befasste mich in den letzten 10 Jahren ausgiebig mit den Briefen und kann keinen Beleg dafür finden. In den 1930er Jahren war die Rechtsprechung anders als heute und jede Form einer gleichgeschlechtlichen Beziehung strafbar. Insofern wäre damals eine sexuelle Handlung zwischen Frommel und Buri unabhängig vom Alter strafbar gewesen. Die Gesellschaft begrüßt inzwischen mit überwiegender Mehrheit, dass Homosexualität nicht mehr strafbar ist. Frommel als Homosexuellen zu diskreditieren, wie es nicht nur F.L., sondern auch Literaturexperten wie Ulrich Raulff und diverse Journalisten getan haben, ist inakzeptabel, sagte zu Recht Kai Kauffmann in seiner Rede am 26. September 2018 in Heidelberg zur Finissage einer George-Ausstellung im Haus Cajeth. Das sollte F.L. wissen, der als Schwuler und gleichgeschlechtlich Verheirateter von der Liberalisierung der Homosexualität profitiert. In der aktuellen Debatte werden die Begriffe Homosexualität, sexuelle Gewalt, Pädophilie sowie Päderastie vermengt, obwohl sie unterschiedliche Dinge bezeichnen.

Die Begriffe Pädophilie und Pädosexualität bezeichnen das sexuelle Interesse bzw. sexuelle Handlungen von Erwachsenen an Kindern vor Erreichen der Pubertät, d.h. unter dem 14. Lebensjahr, und werden als Ausdruck psychischer Störung verstanden. 5 Dafür gibt es weder im Briefwechsel noch sonst in der mir bekannten Frommel-Literatur Belege. Das habe ich in meinem Einführungstext festgestellt und es ist durch die aktuelle Debatte in keiner Weise widerlegt worden. Päderastie bzw. Ephebophilie bezeichnet eine Form von Homosexualität zwischen Männern und männlichen Jugendlichen nach dem 14. Lebensjahr. Bei dieser Form der Beziehung, die aus dem antiken Griechenland bekannt ist, nimmt neben der sexuellen Komponente, die unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann, ein pädagogischer Anspruch eine zentrale Rolle ein. Daraus abgeleitet wurde der Begriff „Pädagogischer Eros“, der in der Reformpädagogik des frühen 20. Jahrhunderts geprägt wurde und spätestens seit dem Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule umstritten ist. Dabei wird nicht selten übersehen, dass der Missbrauch an Schulen und in der katholischen Kirche vielfach weder Pädagogischer Eros noch Ephebophilie war, sondern Pädophilie bzw. strafbare Pädosexualität, denn er betraf vorwiegend Kinder unter 14 Jahren.

Sexuelle Gewalt ist alters- und geschlechtsunabhängig, impliziert oft einen Machtmissbrauch und bezeichnet sexuelle Handlungen ohne beiderseitige Einwilligung beziehungsweise Einwilligungsfähigkeit. Folgen sind häufig seelische Traumata. Hinweise für sexuelle Gewalt in der Beziehung Frommel-Buri lassen sich meines Erachtens aus dem Briefwechsel nicht ableiten. Um dieser Frage weiter auf den Grund zu gehen, habe ich den Briefwechsel auf Hinweise für seelische Traumata als Folge sexueller Gewalt untersucht. Weder der Briefwechsel noch F.L. liefern derartige Belege. Dass die Beziehung Frommel-Buri solche Schäden offensichtlich nicht hinterlassen hat, spricht gegen ein Vorliegen von sexueller Gewalt. Dass diese Argumentation eine „verblüffende Argumentation“ sein soll, die „zudem den Verdacht keineswegs ausräumt, sondern eher verstärkt“, wie F.L. schreibt,1 kann ich nicht nachvollziehen. Woher ich die Autorität nehme, Buris geistigen Gesundheitszustand zu beurteilen, fragt F.L. im nächsten Satz. Zum Einen ist das keine Frage der Autorität, sondern der Analyse der Briefe und der Biographien der beiden Schreiber. Zum Anderen habe ich Buri über zwanzig Jahre persönlich gekannt und weder als Arzt, der ich bin, noch als Freund, der ich ihm war, konnte ich feststellen, dass sein geistiger Gesundheitszustand eingeschränkt gewesen wäre. Zum Dritten geht es hier gar nicht um den geistigen Gesundheitszustand, sondern um Hinweise für seelische Traumata als Folge sexueller Gewalt. Tatsächlich finden sich diverse Hinweise in Buris Leben für seelische Traumata, die sich auch im Briefwechsel deutlich spiegeln. Allerdings treten sie nicht als Folge sexueller Gewalt auf, sondern als Folge unbeantworteter Liebe zu Frauen, als Folge der Trennung von Familie und Heimatland oder von Gefühlen des Versagens im Berufsleben. Leider lässt F.L. in der Diskussion jegliche Differenziertheit in Wortwahl und Argumentation vermissen.

Im Übrigen ging es mir bei der Herausgabe des Briefwechsels nicht um „schwarze Fähnlein“ und deren vermeintliche Nähe zum Naziregime im Jahr 1933. Deshalb möchte ich nicht in diese Debatte einsteigen, wenngleich F.L.’s Ausführungen zur Historie durch diverse Dokumente und letzte Zeitzeugen wie den 1922 in Hildesheim geborenen amerikanischer Literaturwissenschaftler Guy Stern infrage gestellt werden. Meine Intention war es, den außergewöhnlichen Briefwechsel allgemein zugänglich zu machen, weil er eine grossartige Freundschaft zweier Dichter im 20. Jh. festhält. Wenn F.L. den „historischen und politischen Kontext“ anspricht, sollte er nicht verschweigen, wie Frommel sich für den jungen, aufgrund seiner jüdischen Herkunft bedrohten Buri einsetzte, durchaus nicht ohne Gefahr für sich selbst. Dies unerwähnt lassen und Frommel als „arischen Pädophilen“ bezeichnen, ist eine bösartige Diffamierung, gegen die er sich nicht mehr zur Wehr setzen kann.

Wäre Buri als Junge von Frommel sexuell missbraucht worden, wie F.L. es behauptet, dann  wäre Buri diesem Menschen kaum ein Leben lang gefolgt. Dann hätte er ihm aus dem Weg gehen können, indem er seinen Eltern nach Brasilien gefolgt wäre, wie diese es ihm wiederholt dringend angeraten hatten. Auf ausdrücklichen Wunsch Buris haben seine Eltern schließlich zugestimmt, dass er zunächst in Deutschland unter der Obhut seines Freundes zurück blieb und später nach Holland übersiedelte. Buri hätte Jahrzehnte Gelegenheit gehabt, Missbrauchsvorwürfe zu erheben, wenn ihm danach gewesen wäre. Tatsächlich blieben beide bis zu Frommels Tod freundschaftlich verbunden. Buri hat Frommel in dessen letzten Jahren auf dem Krankenbett sogar regelmäßig gepflegt – das passt nicht zu Missbrauchsvorwürfen, die F.L. in den Raum stellt.

Was bedeuten diese Ausführungen nun für die Bewertung von Frommel und seinen Freundeskreis? Pädosexualität an Kindern unter 14 Jahren und ggf. auch an Kindern unter 16 Jahren ist ebenso wie sexuelle Gewalt an Männern und Frauen jeglichen Alters nicht nur strafbar, sondern auch ethisch uneingeschränkt zu verurteilen. Sie ist kein Kavaliersdelikt, bedarf der Aufdeckung und der Ahndung. Solche schwerwiegenden Beschuldigungen erfordern ein Urteil, das über jeden Zweifel erhaben ist. Dazu sind Belege, nicht nur Bezeugungen, erforderlich. Bezeugungen, wie die von F.L. können eine Ermittlung initiieren, aber den Beleg nicht ersetzen. Andernfalls rückt die Bezeugung erschreckend nah an Verleumdung, mit der ebenso Missbrauch und Trauma induziert werden kann wie durch sexuelle Gewalt. Die aktuelle „me too“-Debatte hat gezeigt, wie schwer es ist, im Einzelfall sexuelle Gewalt zu belegen, v.a. wenn die Tat viele Jahre zurück liegt. Im Zweifel muss die Unschuldsvermutung gelten, auch wenn es schwer fällt. Dabei spielt die Glaubwürdigkeit der Kläger und der Beklagten eine zentrale Rolle. Beide sollten gehört und beurteilt werden. Im Fall Frommels ist das 32 Jahre nach seinem Tod nicht mehr möglich. Allein dieser Umstand wirft die Frage auf, was die aktuelle Debatte um Frommel erreichen soll.

Als F.L. (geb. 1954) mit seinen Berichten zu sexuellem Missbrauch im Freundeskreis um Frommel im Jahr 2017 auftrat, stand der von ihm bezeugte Missbrauch an seiner eigenen Person im Mittelpunkt. In seinem ersten Beitrag spricht er als Betroffener und Mitglied dieses Freundeskreises von einem „Geständnis“. 6 Er berichtet davon, wie er als 20jähriger Student einem etwa gleichaltrigen Architekten jugoslawischer Herkunft und einem geringfügig älteren Schweizer Anthropologen in Amsterdam begegnete und sich mit diesen beiden anfreundete. Die beiden gehörten dem Freundeskreis um Frommel an und führten ihn in diesen Kreis ein, den F.L. als „Kult“ und als „Sekte“ bezeichnet. Er berichtet von homoerotischen Beziehungen in diesem Freundeskreis, denen ein „poetischer Code“, das ist der „Stern des Bundes“ von Stefan George, zugrunde liegt. Über sich selbst in diesen Jahren schreibt er: „Ich war gerade kein Teenager mehr [also Anfang 20] und hatte schon ein ganzes Leben hinter mir. Ich war ein sonderbares,  einsames Mutterkind aus einer großen katholischen Familie, das ziemlich unbarmherzig von zweien seiner älteren Brüder schikaniert wurde. Ich fühlte mich zu Jungen hingezogen und konnte das zunächst nicht der Außenwelt zeigen. Homosexualität wie ich sie in meinen ersten Studentenjahren erlebt hatte, hatte mir nicht gegeben, was ich mir davon erhofft hatte, nämlich Liebe. Meine Familie war aus meinem Blickfeld verschwunden, und meinen ältesten Freund aus meiner Gymnasialzeit, hatte ich mir entfremdet.“ In dieser offensichtlich emotional höchst schwierigen Situation ist F.L. diesen Menschen begegnet, die er im weiteren Text mit schweren Vorwürfen belastet. F.L. schreibt: „Castrum, Frommel und seine Welt schienen frei zu sein von den mir damals als bedrohlich empfundenen Seiten des gay life der 70er Jahre. Hier ging es um Freundschaft, die in erster Linie „literarisch“ war. Ich machte in gewisser Weise mein Coming Out ungeschehen. / Frommel, damals Mitte 70, war ein eindrucksvoller, gebildeter und geistreicher Mann, der mitreißend erzählen und amüsant lästern konnte. Ich geriet schnell in seinen Bann, sogar so sehr, dass ich die allzu erotischen Abschiedsküsse mit falschen Zähnen und die Altmänner-Erektionen gegen mein Bein geschehen liess.“

Die Sprache in diesem Beitrag zeugt von verunglimpfender Emotionalität statt von sachlicher Berichterstattung. Dies setzt sich im zweiten ausführlicheren Beitrag F.L.’s in derselben Zeitschrift fort. Dort verzichtet er interessanterweise auf unmittelbare Vorwürfe gegen Frommel, stattdessen richtet er sie gegen andere Personen des damaligen Freundeskreises. Allerdings verunglimpft er Frommel weiter auf der emotionalen Ebene, indem er beispielsweise schreibt: „Sein Lieblingstier war ein Elefant, und so war er auch im Bett.“ 7 Mit solchen Formulierungen stellt er seine Glaubwürdigkeit in Frage.

Es wird in beiden Beiträgen F.L.’s von Vergewaltigung und sexuellen Traumata in diesem Kreis gesprochen, ohne konkret zu werden, d.h. es werden keine Taten mit Namen der Beteiligten, Zeit und Ort benannt. Stattdessen wiederholen sich vage Beschuldigungen und nicht überprüfbare Berichte unschöner Praktiken. Außer den Genannten fallen drei weitere Namen: W. Hilsley (1911-2003), F. W. Buri (1919-1999) und C. V. Bock (1926-2008), drei jüngere Freunde Frommels. Ob diese nun auch missbraucht worden sein sollen, wird aus dem Artikel nicht deutlich. Hilsley, einem ehemaligen Schullehrer, und zwei seiner Lehrerkollegen wird vorgeworfen, diverse jüngere Menschen missbraucht zu haben. Als Beleg werden zwei Opfer ohne Namen genannt, die F.L. persönlich kannte. Ob diese Beschuldigungen an Hilsely und seinen Kollegen zutreffen, kann ich weder bestätigen noch ausschließen. Wenn sie zutreffen, wären sie ein weiteres schreckliches Beispiel für Missbrauchsfälle nicht nur an deutschen, sondern auch an holländischen Schulen. Frommel die genannten Vorwürfe ebenso anzulasten, nur weil er mit Hisley befreundet war, ist zumindest juristisch nicht haltbar. Und Frommels weitläufigen Freundeskreis deshalb pauschal als eine Art von monströser Sekte zu bezeichnen, wie F.L. dies tut, ist höchst fragwürdig. Diese Vorwürfe im Analogieschluss auch auf den George-Kreis auszuweiten, zeugt von wenig wissenschaftlicher Differenziertheit.

Als Zeugin für F.L.’s Anschuldigungen wird Joke Haverkorn angeführt, die 2013 ihre „Entfernte Erinnerungen an W.“ [Frommel] publizierte und ihm darin sexuellen Missbrauch junger Menschen unterstellt. 8 Deren Glaubwürdigkeit wird allerdings infrage gestellt durch den Umstand, zunächst glühende Verehrerin Frommels und später Ehefrau seines Neffen gewesen zu sein, bis dieser sich von ihr trennte mit der Folge, dass sie sich vom Freundeskreis um Frommel entfernte. Naheliegend ist, dass hier der persönliche Schmerz der Scheidung von ihrem Ehemann und damit letztlich von der gesamten Freundeswelt um Frommel die Einschätzungen in ihren Erinnerungen geprägt haben könnten. Als weiterer Beleg wird Alexander Drescher genannt, der Schüler der Odenwaldschule war und dort nach eigenen Angaben missbraucht worden ist. Angeblich hätten die Eltern diesen Missbrauch gedeckt und, da der Vater ein Freund Frommels war, falle diesem ebenso wie den Eltern Schuld zu. Der Missbrauch eines Schülers ist zweifelsfrei eine furchtbare Sache, und wenn es stimmt, dass die Eltern dies gedeckt haben, ist dies schlimm. Die Argumentation, diesen Missbrauch auch Frommel anzulasten, weil er mit dem Vater befreundet war, erscheint allerdings ziemlich absurd, solange nicht belegt ist, dass Frommel mit dem Schülermissbrauch konfrontiert war und diesen ebenso wie angeblich die Eltern deckte. Kritisch ist auch zu betrachten, wenn George und dessen Weltanschauung oder Dichtung mit den Straftaten in der Odenwaldschule in Verbindung gebracht werden. Die wissenschaftliche Aufarbeitung dieser These steht aus.

Im weiteren Verlauf des Textes kommt F.L. auf seine eigenen Erfahrungen zurück und berichtet, dass er sich dank der Begegnung im Jahr 1982 mit Nanne Dekking (geb. 1960), seinem späteren Ehemann, aus der „Frommelsekte“ befreien konnte. An anderer Stelle in demselben Beitrag spricht er von etwas mehr als 10 Jahren, die er in dieser Sekte gefangen war (1974-1986), und von 30 Jahren (1986-2016), die er benötigte, da herauszukommen und darüber berichten zu können. In den letzten Abschnitten seines Textes spricht F. L. von einem Gefühl der Mitschuld, insbesondere seinem Mann gegenüber, der mit in diese „Sekte“ zu geraten drohte, ihn aber schließlich daraus befreit habe.

Der Bericht klingt zunächst bewegend und bedrückend. Ein junger Mensch, der in eine Sekte gerät, in der sexueller Missbrauch praktiziert wird – wer ist da nicht entsetzt? Solche Traumatisierungen sind ohne Frage furchtbar und rufen ein starkes Gefühl des Mitleids hervor. Bei genauerem Hinsehen treten Fragen auf. Wird die eigene Erfahrung als Missbrauchsopfer geschildert? Wenn ja, wer hat F.L. wann missbraucht? Welche Belege gibt es dafür? Leider wird F.L. diesbezüglich in keinem seiner Beiträge konkret. Oder geht es eher um Missbrauchsfälle im Frommelkreis, die F.L. beobachtet, aber nicht selbst erfahren hat? Dann wäre schwer nachvollziehbar, warum er 30 Jahre benötigte, sich aus den Zwängen der „Sekte“ zu befreien und darüber berichten zu können. Zu respektieren ist es, wenn F.L. den Freundeskreis um Frommel als Sekte empfunden hat. Frommel war ab 1982 schwer krank und verstarb 1986. In diesen Jahren war er keine Leit-Figur dieses Kreises mehr. Der Kreis war eher führungslos und löste sich bald nach Frommels Tod auf, nachdem es zu ergebnislosen Machtkämpfen gekommen war. Die Stiftung Castrum Peregrini bekam eine neue Führung (Michael Defuster, Lars Ebert, Frans Damman), die Frommel nicht bzw. kaum mehr kannte, wie sie selbst bezeugt hat. Nicht nachvollziehbar ist, welche Gewalten F.L. ab 1982 erfassten und ihm eine Befreiung über Jahrzehnte hinweg nicht ermöglichten.

Es stellt sich ebenfalls die Frage, warum F.L. bereit war, als Sargträger bei Frommels Beerdigung teilzunehmen, wenn er so furchtbare Erlebnisse mit dieser Person verband. Rätselhaft ist ferner, warum F.L. noch sieben Jahre später, im Jahr 1993, einen Artikel über Frommel publizierte, in dem er schreibt: „Selbst die, die ihn erst in jener Zeit kennenlernten, als ihn seine körperlichen und geistigen Gebrechen beeinträchtigten, waren von diesem Mann mit den langen grauen Haaren tief beeindruckt: Ein Mann der auch ohne die Worte, die er im Gespräch und Gedicht so gerne gebraucht hatte, einfach da war. Die Wirkung dieses Seins wird mit den Freunden sterben. Vielleicht wird mal einer sich auf die Suche machen nach seinen Gedichten und dem unglaublichen Leben, das am 13. Dezember 1986 endete.“ 9

Was ist passiert, dass ein Mensch seine Meinung, sein Empfinden gegenüber einer Person so radikal ändert? Sind es Traumata, die er durch seine beiden ersten Freunde aus dem Frommel’schen Freundeskreis erfuhr? Ist es der Umstand, dass er nie zum ‚inner circle’ dieses Kreis gehörte? Sind es Traumata in der Familie, in der Kindheit, wie seine Bemerkungen dazu andeuten? Oder ist es einfach ein erwünschtes Drama? Ein Bedürfnis nach Aufmerksamkeit? Liegt die Ursache für den Wandel in seinem heutigen Leben, seinem aktuellen Seelenzustand? Darüber kann nur spekuliert werden. Die Berichte F.L.s geben keinen hinreichenden Aufschluss. Erschreckend ist die Emotionalität, mit der F.L. auftritt und Menschen verurteilt und verunglimpft. Damit verspielt F.L. seine Glaubwürdigkeit. Zunehmend erscheint er selbst als Täter, der sich nicht scheut, Unwahrheiten zu verbreiten und Menschen zu verleumden, ohne triftige Beweise zu beschuldigen.

Die Anklage F.L.’s reicht von George über Frommel bis hin zu namenlosen Gefolgsleuten Frommels und ist so weit und diffus, dass man den Eindruck bekommt, hier wird ein Rundumschlag gegen eine intellektuelle Bewegung geführt, die Teile der Geistesgeschichte zu Anfang des 20. Jahrhunderts geprägt hat. Als Kronzeugen werden einige wenige Namen genannt, deren Glaubwürdigkeit ebenfalls hinterfragt werden kann: Thomas Karlauf, dem eine Leitungsfunktion im Castrum Peregrini verwehrt wurde, Joke van Haverkorn, die von ihrem Mann Christoph Frommel verlassen wurde, Alexander Drescher, der von seinen Eltern bitter enttäuscht war. Alle diese Menschen haben ihre individuellen Gründe, gegen Frommel und George, die sie einst verehrt haben, heute kritisch eingestellt zu sein.

Mit seiner „Buchbesprechung“ offenbart F.L. seine wahren Intentionen: nicht der Briefwechsel, nicht das Publikmachen seiner Opferrolle und seiner Peiniger, nicht sein persönliches Trauma, sondern die Zerschlagung einer geistigen Strömung und die Verleumdung ihrer Protagonisten, ist das Ziel seiner Publikationen. Kritisches Hinterfragen muss stets erlaubt sein, aber durch diffuse Denunziation und Verleumdung können Menschen und Schicksale zerstört werden. Das wäre dann auch eine Form von Missbrauch, die ebenso wenig rechtfertigbar ist, wie die, welche bekämpft werden soll. Das kann oder will F.L. offensichtlich nicht sehen. Darin liegt die eigentliche Tragik von F.L.

Aus dem Umstand, dass sich Frommel auf Stefan George und dessen Dichtung berief, in dem was er tat oder schrieb, leitet F.L. ab, dass Vorwürfe, die dem Frommel’schen Freundeskreis gelten, auch für den Georgekreis zuträfen. Diese Behauptung muss hinterfragt werden, solang dafür keine wissenschaftliche Begründung vorliegt. In diesem Kontext ist auch der Angriff auf die Edition des Frommel-Buri-Briefwechsels zu sehen, auf die Protagonisten vom Wallstein-Verlag, bei dem der Briefwechsel verlegt wurde, und auf die Herausgeber der akademischen Reihe „Castrum Peregrini Neue Folge“, als deren 10. Band der Briefwechsel erschien. Diesen Angriff führt F.L. nicht auf der Ebene des sachliches Diskurses, sondern auf persönlich verletzende Art, wenn er beispielsweise schreibt: „Bischoff nähert sich dem Thema in der Einführung auch ganz direkt, nur nicht sehr klaren Verstands“ oder „Durch seine inkompetente und vorurteilsbelastende Darstellung provoziert das Buch …“. Zu den Reihenherausgebern schreibt F.L.: „Das George-Establishment hat das alles durchgewunken und auf diese Weise den Mythos der in diesem Umfeld oft schändlichen Praxis bestärkt und dem Verbrechen höhere Weihen erteilt.“ Es zeigt sich, wer hier vorurteilsbelastet ist und wer von „Verbrechen“ redet, ohne diese zu belegen. Es wird Zeit, dass sich die seriöse Literaturwissenschaft und der vorurteilsfreie Journalismus damit befassen, indem sie die Debatte auf eine sachliche Ebene zurückführen und aufarbeiten.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Frank Ligtvoet: Ein Mann und ein Junge. Zur Edition des Briefwechsels zwischen Wolfgang Frommel und Friedrich W. Buri. Merkur 72 (832), September 2018.
  2. Wolfgang Frommel – Friedrich W. Buri, Briefwechsel 1933-1984. Hrsg. und eingeleitet von Stephan C. Bischoff. Wallstein Verlag, Göttingen, 2017.
  3. Strafgesetzbuch §176.
  4. Strafgesetzbuch §182.
  5. Ahlers CJ, Schaefer GA, Beier KM: Das Spektrum der Sexualstörungen und ihre Klassifizierbarkeit im ICD-10 und DSM-IV. Sexuologie 12:120-152, 2005.
  6. Frank Ligtvoet: In de schaduw van de meester: seksueel misbruik in de kring van Wolfgang Frommel. Vrij Nederland, Amsterdam, 10. 07. 2017.
  7. Frank Ligtvoet: Misbruik in naam van het hogere. De seksuele trukendos van kunstgenootschap Castrum Peregrini. Vrij Nederland, Amsterdam, Nr. 79, Seite 52f. März 2018.
  8. Haverkorn van Rijsewijk J. Entfernte Erinnerungen an W. Verlag Osthoff, Würzburg 2013.
  9. Frank Ligtvoet: Wolfgang Frommel und Holland. Castrum Peregrini 206:51-60, 1993.

12 Kommentare

  1. Frank Ligtvoet sagt:

    Stephan C. Bischoff’s blog reacting on my Merkur piece is for a big part ad hominem criticism. Let me just say this about my personal role in the story. Yes, I was a member of the Frommel cult Castrum Peregrini, adored its leader Wolfgang Frommel, took care of him when he was in his last months, carried his cask in 1986 to his last resting place and wrote a glowing In Memoriam. Yes, it took me long to wake up, too long, shamefully long to see and acknowledge the dark side of this world. However, George’s idea of pedagogical eros as the noblest form of human relations, codified in his Der Stern des Bundes inspired time and again sexual abuse. Not only in the Frommel circle, but also in the Odenwald Schule, in the International School Beverweerd and in individuals like Hans Scholl. I’ve seen it in the Freundeskreis of Castrum Peregrini with my very own eyes, realizing late, too late what I saw. Bischoff dismisses me as he does the other witnesses, demeaningly.
    Others than Stephan C. Bischoff do believe the witnesses and victims. And it is hard not to believe them after reading the well researched and meticulously documented biography of Frommel’s mecenas and landlord, the aristocrat and artist Gisèle d’Ailly by Annet Mooij from last year (Amsterdam: De Bezige Bij). Reading it my initial reaction was: ‘Oh. my God it is worse than I thought.’ Even the stubborn, current Castrum Peregrini leadership decided after almost two years of resistance at the end of 2018, on the basis of Ms. Mooij’s findings to install an independent commission to investigate the sexual and other abuse under Frommels influence. The German Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs started their investigation in the Frommel cult a year earlier and interviewed three victims, amongst others me.
    My piece was not a book review, as Bischoff clearly saw. It was a piece that wanted to show that his edition was academically below par, that the book suppressed and twisted painful facts, which could have been easily checked. That Bischoff set the stage for a story that lauded a friendship which in my interpretation was a long story of mental and – seeing Frommel’s now well known history – possible sexual abuse. My piece expressed also my concern that the editorial board of the series in which the book was published, consisting of highly qualified Stefan George scholars, had let this work of propaganda pass.
    For my part, I am working on a piece where I use Bischoff’s edition fruitfully, to make another point about how damaging this friendship was for the younger friend. I hope it finds its way to Germany.

    Frank Ligtvoet
    Brooklyn

  2. Frank Ligtvoet sagt:

    One detail. The piece Bischoff refers to in note 7. is not mine, nor is the ‚Elephant‘ quote. The piece is by two seasoned Vrij Nederland journalists, Harm Botje and Harm Donkers, who quote victim ‚Lodewijk‘ when he talks about his sexual experience with Wolfgang Frommel.

    1. Christiane Kuby sagt:

      Christiane Kuby, Zu Stephan Bischoffs Brief vom 6.2.2019

      BELEHRUNG
      Um welchen preis gibst du mir unterricht?
      ›Lass mich den sinn der in dir ist erfahren
      Dass du dich in der wahren schönheit zeigst –
      Dein rechter lehrer bin ich wenn ich liebe ..
      Du musst zu innerst glühn – gleichviel für wen!
      Mein rechter hörer bist du wenn du liebst.> (Stefan George, Das Neue Reich)

      Frommel (W.F.) hat immer vertreten, dass eine pädagogische Beziehung allumfassend sein muss, will sie gelingen; dass eine Freundschaft zwischen Älterem und Jüngerem nur funktioniert, wenn auch der Körper mit einbezogen wird. Der ganze Mensch, das umfasste auch die Körperlichkeit und bedeutete auch Sex. Auch wenn das Wort Sex oder Sexualität in WFs Augen ein schmutziges Wort war, das sich auf heterosexuelle Beziehungen beschränkte. Der Sex zwischen Mann und Junge, zwischen Frau und Mädchen war für ihn „übergeschlechtlicher Eros“, die sexuelle Beziehung stand im Dienst des Höheren: der Erziehung.
      WFs Kritik am herkömmlichen Unterricht betraf das mangelnde emotionale Engagement des Lehrers. „Dein rechter Lehrer bin ich wenn ich liebe“, heißt es in einem Gedicht von George, sex-frei sozusagen. Über den Schüler wird gesagt: „Du musst zuinnerst glühn – gleichviel für wen! /Mein rechter hörer bist du wenn du liebst.“ Bei George geht es also um emotionale Intensität, der Lehrer muss den Schüler lieben, der Schüler braucht diese Liebe nicht zu erwidern, solange er selbst nur auch „glüht“. Es geht um die Intensität des Gefühls, der Körper wird ausgespart.
      Bei WF war das in meiner Wahrnehmung anders. Er wollte mehr. Mein Vater bezeichnete ihn als einen „dionysischen Menschen“, nachdem ich mich als 14Jährige über den Zungenkuss beschwert hatte, mit dem WF mich überfallen hatte. Seine Libido war enorm. Zärtlichkeit umfasste bei ihm den ganzen Körper. Liebe ohne Zärtlichkeit kannte er nicht. Seine Zärtlichkeit war immer auch sexuell. Grenzen erlegte er sich nicht auf. Dabei handelte er nicht nur triebhaft, sondern auch durchdacht. Er war sich des Alters des Jüngeren bewusst. Die meisten von uns wurden zwei, drei oder vier Jahre umworben und vorbereitet, Frank L. würde das grooming nennen, wir wurden indoktriniert, bis wir den Widerstand aufgaben, und dann waren wir oft schon um die 18. Ich war 18, als WF zum ersten Mal mit mir schlief, doch davor hatte es intensive Zärtlichkeiten gegeben, ständige grenzüberschreitende Zudringlichkeit. Ich glühte, wie es bei George heißt, wusste nicht recht „für wen“, es war ein allgmeines, noch ungerichtetes Glühen, mir damals nur halb bewusst war auch viel Angst vor der Autorität des Älteren dabei. Nun kann man sich auf den Standpunkt stellen: Wenn du 18 warst, warst du nicht mehr minderjährig! Aber geht es wirklich um diese juristisch festgelegte Altersgrenze? Muss man nicht das Machtgefälle im Auge behalten? Muss man nicht fragen, ob hier Macht über junge Menschen bewusst eingesetzt, beziehungsweise missbraucht wurde?
      In meinem Fall war WFs Liebe sicher nicht absichtslos: da die heterosexuelle Liebe in seiner Welt offiziell keinen Platz hatte, war sein unausgesprochenes wie ausgesprochenes Ziel, mich an eine 34jährige Frau weiterzureichen, die meine „Erziehung“ auf sich nehmen sollte.
      Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist, sagt eine deutsche Redensart. Dass ich mich damals „als thon“ in WFs Hände schmiegte und mich von ihm formen ließ, bedeutet nicht, dass ich den Machtmissbrauch seinerseits heute nicht erkennen kann.

      Den 14- bis 16jährigen Buri umwirbt WF in seinen Briefen in einer Weise, dass mir schwindelt. Wer in dem Alter so wortreich und schwärmerisch in den Himmel gehoben wird von einem über dreißigjährigen Mann mit einer Mission, welcher Knabe könnte dem widerstehen? Darf ein Erwachsener seine Liebe, seine Sehnsucht so ungehemmt zum Ausdruck bringen, darf er den Jungen derart an sich binden, durch Lob und Tadel, an sich persönlich binden? Zudem dieser Junge in einer zunehmend feindlichen, weil antisemitischen Umgebung lebte, die Deutschland ab 1933 für ihn geworden war?
      Und was bindet stärker als Erotik?
      Warum sollte WF den jungen Buri, den er mit Worten auf einen Sockel hob, nicht auch mit Haut und Haar geliebt haben? In den Briefen finde ich genügend Beispiele dafür, auch wenn sie durch die Blume gesagt sind.

      In den 1997 bei Castrum Peregrini herausgegebenen Briefen an die Eltern schreibt der 23jährige WF:
      „Merkwürdig war mein Zusammensein mit [der Holländerin] Ant. [..] Als ich nach zwei Tagen abreiste, war es mehr Flucht. Ich kann nicht anders: wenn ich von heftiger Sympathie zu einem Menschen verbrannt werde, will ich ihn ganz haben, möchte ich ihn mit meinem Blut durchströmen, ihn von mir besessen machen, ihn anbeten und sein Gott werden.“ (15.9.1925)
      Anderthalb Jahr zuvor erklärt er den Eltern seinen neuen Lebensentwurf, der ihm durch die Begegnung mit Percy Gothein klar geworden ist und der ihn dazu ermutigt, auf einen Abschluss seines Studiums zu verzichten: „Für mich selbst steht die pädagogische Aufgabe endgültig im Mittelpunkt [..] Es bildet sich heute, entfernt von – ja, entgegengesetzt zu der staatlich begutachteten Pädagogik – eine Erziehung, die nicht weniger gelernt und gekonnt sein will. Es handelt sich da um Ja oder Nein [..] Ich erlebe, wie die trockenste Arbeit Fülle bekommt, wenn ich sie wieder einem Jungen geben kann. So bin ich heuer täglich fast mit dem kleinen Billi Hildesheimer zusammen, arbeite mit ihm Französisch und erlebe menschlich die unerhörtesten Wunder“ (17.2.1924).
      Zu dem Zeitpunkt ist der kleine Billi 12 Jahre alt, geb 15.12.1911.
      „Auf uns Jungen liegt eine Aufgabe wie seit Jahrhunderten keine größere zu nennen ist“ (27.9.1924)
      Nach vier Wochen mit dem 13jährigen Billi im Ostseebad Swinemünde:
      „..und all das [die Sommerlandschaft] floss zusammen, ist lebende Einheit in der schönen Gestalt des Freundes. Hier ward mir ein Sinn gegeben“ [..] (22.8.1925).
      Einen Monat später schreibt er:
      „Der Abschied von Swinemünde fiel mir doch nicht leicht. Wie ein einziger golden seliger Sonnentag liegt diese Zeit irgendwo dahinten und darnach war Herbst.. Ich habe eine Art dichterisches Tagebuch in jenen vier Wochen geführt, das ich im Winter in Freistunden noch ausarbeiten will. Ich müsste es nennen das `Leben mit einem Gotte´…“ (15.9.1925)

      Wen kann es bei einer solchen Überschwänglichkeit, einer solchen Überhöhung des jungen Freundes wundern, wenn dieser als Erwachsener in die Fußstapfen des Erziehers tritt? Kann das ein Zufall sein? Bestand kein Zusammenhang?

      Warum heute leugnen, was wir damals das Tollste an WF fanden? Dass er ein Erotiker war! Dass er die Menschen, die mit ihm in Berührung kamen, „erotisierte“. Warum leugnen, dass er uns lehrte und anleitete und ermutigte, Beziehungen zu Minderjährigen anzuknüpfen? So lange die Pubertät und die Gesellschaft den Heranwachsenden noch nicht „verdorben“ hatten? Wir alle in seiner Nähe, indoktriniert und glühend, haben versucht, einen jüngeren Freund oder eine jüngere Freundin zu finden, die wir in seinem Sinn „erziehen“ wollten. Dass es den meisten von uns nicht gelungen ist, ist vielleicht ein Glück für die „Jüngeren“, hat uns aber selbst jahrzehntelang ein schlechtes Gewissen und das Gefühl des Versagens WF gegenüber beschert.

      Eine von WFs Methoden der Indoktrinierung war das Schimpfen auf heterosexuelle Beziehungen, und da es ihm um seine Freunde ging, bezog sich das Schimpfen meist auf die Frauen. Frauen wurden als sexbesessene, gefährliche Wesen verunglimpft, oder als Mütter und Madonnen ohne eigene Bedürfnisse gepriesen. Auch dazu finden sich Beispiele in WFs Briefen an den jungen Buri, ausgerechnet in der Zeit seiner wachsenden sexuellen Wünsche Frauen gegenüber. Ein Zitat aus vielen: „[..] Wie entsetzlich ist es, welches gericht wird herausbeschworen durch ein geschlecht, das die Mutter verdrängt, den ehebund zersezt und nur die unaufhörliche gespannte jagd nach der wollust kennt. Wo der mann zum sklaven der sinne sich erniedrigt oder zum nützlichen erwerbstier! Erinnern wir unser herz an die ruhige keuschheit unserer Mutter [..]“ (WF an Buri, 10.3.1938, S. 233ff). Das schreibt ein 36Jähriger einem 19Jährigen.

      Brecht und Picasso waren beide Erotomanen, und wäre ich ihnen mit 18 begegnet, wäre ich ihnen vielleicht „glühend“ zu Willen gewesen. Genau wie sie war auch WF ein Erotoman. Im Unterschied zu Brecht und Picasso war er jedoch als Künstler nicht produktiv. Sein Produktivität lag auf einer anderen Ebene. Sein Lebensinhalt war der „pädagogische Eros“, den er praktizierte, den er zum Prinzip erhob und seinen jüngeren Freunden auferlegte. So sollte ein Männerkreis entstehen, der sich selbst ständig verjüngte. Ein Kreis, in dem WF, umgeben von immer jüngeren Bewunderern, nach Belieben schalten und walten konnte. Liegt es da nicht nahe zu fragen, ob er nicht die Macht missbraucht hat, die er über Menschen hatte, egal ob sie minderjährig waren oder junge Erwachsene? Tut das Alter hier wirklich zur Sache? Gilt es nicht vielmehr den Altersunterschied und das Machtgefälle zu beachten?

      Wenn sich manche von uns, die damals, vor 30 oder mehr Jahren, „glühende Verehrer*innen“ WFs waren, heute kritisch und beschuldigend von ihm abwenden, so tun sie das gewiss nicht zum Vergnügen. Als Arzt müsstest du wissen, lieber Stephan, dass mit Depressionen nicht zu spaßen ist, und dass Depressionen bisweilen Jahrzehnte nach dem Geschehenen auftreten. Ob das eine Vergewaltigung, eine Ehescheidung oder eine andere Verletzung war, tut hier nichts zur Sache – man sollte die Anschuldigungen aber ernst nehmen, statt die Kritiker zu verunglimpfen.
      Und dass du, der nicht nur Buri, sondern auch WF aus nächster Nähe gekannt hat, die sexuelle Komponente in den pädagogischen Beziehungen WFs, sowie ihre schädlichen Folgen für die Entwicklung vieler Freunde leugnest, wundert mich sehr.

    2. Angelika Oetken sagt:

      Eine Frage an Frau Kuby. Sie schreiben: „Liebe ohne Zärtlichkeit kannte er nicht. Seine Zärtlichkeit war immer auch sexuell.“ Inwieweit war Wolfgang Frommel willens und in der Lage, zwischen den verschiedenen Formen der Liebe zu anderen Menschen, Zärtlichkeit und Sexualität zu unterscheiden?

  3. Joke Haverkorn van Rijsewijk sagt:

    Lieber Stephan Bisschoff, mich als Kronzeuge aufzuführen ist irreführend und nicht richtig. Und völlig abwegig ist die Behauptung dass ich als Kronzeuge auftrete weil ich u.A. von seinem Neffen C.L. Frommel verlassen wurde. Die Wirklichkeit ist dass ich WF und seinen Kreis sehr früh(in 1950) kennenlernte und 1964 in die Frommel-familie hinein heiratete. In 1992 verliess ich dank Scheidung die Familie. Ich kehrte dann nach Amsterdam zurück wo ich wieder ein sehr aktives und reiches Leben, ausserhalb der Reste des Frommelkreises aufbauem konnte. Tatsache ist das Melchior Frommel mich in 2012 aufforderte meine Erinnerungen an seinen Onkel Wolfgang Frommel aufzuschreiben. Das Resultat: meine ‚Entfernte Erinnerungen an W. ‚(2013) Diese Erinnerungen sind begründet auf meine Erlebnisse im Frommelkreis von 1950 bis 1986(WFs Tod), 120 persönliche Briefe von WF an mich und schliesslich das Nachleben des Kreises bis 2013, Gisèles Tod. Ich bin keine Kronzeugin sondern eine Zeitzeugin. Als Mediziner solltest du wissen dass die Menschliche Seele aus mehr als nur Reaktionen besteht.
    Joke Haverkorn van Rijsewijk

  4. pim ligtvoet sagt:

    Wie peinlich und wie eindrücksvoll, danke sehr

  5. Paul Visser sagt:

    Am 1980 hatte Hilsley, auf der Schule Beverweerd, mich im Blick.
    Ich war 13 Jahre alt. Er war damals 70 Jahre alt. Er hatte mich gegroomed und isoliert.
    Er hat mich jede Woche ein Jahr lang missbraucht. Auch penetriert.
    Nach dem ein weiteres Opfer von Hilsley: MP 23 Jahre, mich auch missbrauchte für ein weiteres Jahr.
    Investigativer Journalismus bedeutet auch Nachforschungen aus zu führen, Herr Bischoff.

  6. Frank Ligtvoet sagt:

    One of the oddest of Bischoff’s observations in his blogpost is the characterisation of Wolfgang Frommel as a gay man. My comments on Bischoff’s edition of the correspondence between Frommel and F.W. Buri, initially a boy of 12, regarded amongst other issues sexual abuse, not ‘homosexual abuse’, if that is even a category. They were however countered by the editor, a trained medical doctor, as follows: ‘Frommel als Homosexuellen zu diskreditieren, wie es nicht nur F[rank] L[igtvoet], sondern auch Literaturexperten wie Ulrich Raulff und diverse Journalisten getan haben, ist inakzeptabel, sagte zu Recht Kai Kauffmann in seiner Rede am 26. September 2018 in Heidelberg zur Finissage einer George-Ausstellung im Haus Cajeth.’

    One reason to call Bischoff’s characterisation odd is because Frommel was not a homosexual: he was possibly a pedophile and a pedosexual, for sure an ephebophile and ephebosexual, and – however secretly, but also with gusto, particularly when the women were young – a heterosexual. Another reason is that Frommel, like George, despised homosexuality when it referred to a relationship which copied traditional heterosexual relationships, when the relationship was not hierarchical and pedagogical. George called it ‘widerlich’ and Buri used the quote from where this word stems, as motto for his memoir Ich gab dir die Fackel im Sprunge: ‘Freundschaft zwischen Männern muss erzieherisch sein und tragisch, sonst ist sie widerlich.’ Buri wanted, I think, to make clear to the world that he was not a homosexual.

    It is a misunderstanding to think that Frommel was secretly gay and Castrum a haven for gay men. Castrum’s ideology was anti-gay and most boys lured into the cult were heterosexual. To belong they were destined to have a sexual experience with an older male friend. However, the ideology was not always reflected in the reality: Frommel’s older friend (and younger friend of Stefan George), and Urfather of the cult Percy Gothein, used the Herengracht 401 where Frommel and friends lived during the war when he visited as ‘a boy’s bordello’, according to one of these boys quoted in Annet Mooij’s biography of Gisele d’Ailly, and Gothein stayed not alone in this abusive behavior.

    Bischoff added to his ‘discreditation’ quote: ‘Das sollte F.L. wissen, der als Schwuler und gleichgeschlechtlich Verheirateter von der Liberalisierung der Homosexualität profitiert’. That means that I as a gay man should understand that I cannot discredit another man because he is gay. I understand that, but formulating it the way he does Bischoff stresses again Frommel’s assumed homosexuality. May I now add that I don’t suffer of self hate: not only my best friends are gay, I am it myself, so I would not discredit a homosexual because of his homosexuality. And then: ‘Profitieren von der Liberalisierung’? Sounds homophobe to me. Equality is a civil right, isn’t it? Or should I thank liberal Bischoff and his liberal friends for – when it comes in handy – changing their tune? I heard them sing in the past.

    One more thing. What exactly did Prof. Dr. Kai Kauffmann say? We don’t know, because Kauffmann spoke in Heidelberg without a written text, as he emailed me. He riffed, when talking about the allegations of sexual abuse toward George and George followers, in another speech he had held in Bingen for the Stefan-George-Gesellschaft. That one is printed on their site. Neither in Heidelberg nor in Bingen did he speak about Frommel as a homosexual, Kauffmann wrote me. He talked about homosexuals in general. Here it is in the Bingener Fassung, when he talks about the needed academic research by George scholars into the allegations: ‘In keinem Fall darf es passieren, dass Homosexuelle, die zu Zeiten Georges unter der Strafandrohung des § 175 standen, von uns heute indirekt wieder in das Zwielicht des Schmutzigen, ja der Schweinerei gestellt werden, denn das hieße die damaligen Opfer moralischer Stigmatisierung und juristischer Verfolgung und Bestrafung erneut zu Tätern zu machen.’ So that should settle the case, although I am slightly taken aback by the wording ‘Zwielicht des Schmutzigen, ja der Schweinerei’. That could have been said a tad less salaciously.

    Professor Kauffmann held his speech however at the closing session of the bibliophile exhibition of George and George related books, organized by antiquarian Thomas Hatry and historian Hans-Martin Mumm. Bischoff obviously attended. They have, like Bischoff, a great heart for homosexuals. In their catalogue they attack Julia Encke, who published in the Frankfurter Allgemeine Sontagszeitung the first account in a mainstream publication on sexual abuse in the Frommel Kreis in Germany and looks in her piece as well into the possibilities of sexual abuse in the George Kreis. Her piece, Hatry and Mumm write in their Vorwort: ‘richtete sich letzten Endes gegen die Homosexualität insgesamt.’ Well, if I can use my authority as a gay man and as one of the sources of Julia Encke’s piece, I am happy to say: No, she didn’t. She was focused on abuse, abuse inspired by the pedagogical eros ideology, that George codified in his Stern des Bundes: a collection of poems, that can be read – and was used as such – as a grooming manual. Just like Bischoff transforms Frommel into a gay man to get his point across that his critics are homophobes, so do Hatry and Mumm with Stefan George. They write: ‘Stefan George [bot] mit seinem Werk und seinem Kreis den Homosexuellen seiner Zeit einen künstlerischen Schutzraum […], der es erlaubte, sich zu seiner Dichtung zu bekennen, ohne sich outen zu müssen.’ But not unlike Frommel, George would never have accepted that he had created a haven for closeted gay men or worse, would never define himself as gay. George made through his disciples his distance to homosexuals and homosexuality very clear.

    What happens in both cases, the Frommel case and the George case, is the transformation of both men into homosexuals. The fact that both men looked in the first place for boys and young men to erotically educate them, that pederasty was their first mission, a mission that lead particularly in casu Frommel and his circle to a lot of cases of sexual abuse, and in most cases to mental abuse, is that way obsfucated. By making both men homosexuals the George scholars – Bischoff, Kauffmann, Hatry and Mumm are not alone in using this magic wand – redefine the attacks on their sexual misbehavior as attacks on their homosexual behavior. And the latter ‘darf in keinem Fall passieren.’ Of course not. But the question is not about homosexual abuse, but about sexual abuse of boys and young men and in Frommel’s case girls and young women.

  7. A.Mayer sagt:

    Das übliche Victim-blaming. Unfassbar, dass es immer noch Leute gibt, die sowas bringen.

  8. Angelika Oetken sagt:

    „Sexuelle Gewalt ist alters- und geschlechtsunabhängig, impliziert oft einen Machtmissbrauch und bezeichnet sexuelle Handlungen ohne beiderseitige Einwilligung beziehungsweise Einwilligungsfähigkeit.“

    Der sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen umfasst mehr als das, was landläufig unter sexueller oder sexualisierter Gewalt verstanden wird. In den meisten Fällen handelt es sich um Beziehungstaten, bei denen Erwachsene das natürliche Bedürfnis von Minderjährigen nach Zuwendung und Kontakt ausnutzen und zum Zwecke der Befriedigung eigener sexueller Anliegen instrumentalisieren. Gelingt es dem Opfer nicht, sich davon innerlich zu distanzieren, indem es sich klar macht, dass die Aufmerksamkeit des Täters, der Täterin nicht ihm als Menschen, sondern lediglich in seiner Funktion eines sexuellen Objektes galt, kann das missbräuchliche Beziehungsgefüge schwere seelische, psychosomatische und biografische Folgeschäden nach sich ziehen. Schlimmestenfalls können die Betroffenen nicht lernen, zwischen Zuneigung und sexuellen Absichten zu unterscheiden und/oder sie tun es ihren sexuellen AusbeuterInnen später nach, begehen selbst Sexualstraftaten an anderen Menschen. Manche solcherart mental beschädigten, umfassend ausgebeuteten und benutzten Personen werden später promiskuitiv, im Volksmund „sexsüchtig“, andere vermeiden jegliche Form intimer Verbindungen zu Anderen.

    Für sexuellen Missbrauch gibt es verschiedene Beschreibungen.
    1. Die medizinische Perspektive: „Das Ausnützen eines Kindes zur (sexuellen) Befriedigung eines Erwachsenen“. Quelle: Definition des wissenschaftlichen Rats der amerikanischen Ärztevereinigung (Council of Scientific Affairs of the American Medical Association, 1985, P.789). Die ICD kennt folgende Klassifikationen für missbräuchliche Handlungen an Kindern:
    „T. 74.1. Körperlicher Missbrauch
    T. 74.2. Sexueller Missbrauch
    T. 74.3. Psychischer Missbrauch

    Z. 61.4. Erzwungenes sexuelles Verhalten und/oder sexuelle Aktivität zwischen einem Kind und einem Erwachsenen.“

    2. Die Strafrechtliche Festlegung:
    㤠176 StGB:
    (1) Wer sexuelle Handlungen an einer Person unter 14 Jahren (Kind) vornimmt oder an sich von dem Kind vornehmen läßt, wird mit Freiheitsstrafe von 6 Monaten bis zu 10 Jahren bestraft
    ….
    (2) In besonders schweren Fällen ist auf Freiheitsstrafe von nicht unter einem Jahr zu erkennen.“

    㤠176 a StGB:
    ….(2) der sexuelle Missbrauch von Kindern wird ….
    mit Freiheitsstrafe nicht unter 2 Jahren bestraft wenn

    1. Eine Person über 18 Jahre mit dem Kind den Beischlaf vollzieht oder ähnliche sexuelle Handlungen an ihm vornimmt oder an sich von ihm vornehmen lässt, die mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind
    …..
    5. Mit Freiheitsstrafe nicht unter 5 Jahren wird bestraft, wer das Kind … bei der Tat körperlich schwer misshandelt oder durch die Tat in die Gefahr des Todes bringt.“

    4. Sozialwissenschaftliche Definition:
    „Unter sexuellem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen versteht man ihre Beteiligung an sexuellen Handlungen, die sie aufgrund ihres Entwicklungsstandes nicht verstehen, dazu kein wissentliches Einverständnis geben können, die sexuelle Tabus der Familie und der Gesellschaft verletzen und zur sexuellen Befriedigung eines nicht Gleichaltrigen oder Erwachsenen dienen“ (Schechter und Roberge, 1976).“

    „Wäre Buri als Junge von Frommel sexuell missbraucht worden, wie F.L. es behauptet, dann wäre Buri diesem Menschen kaum ein Leben lang gefolgt.“
    Die Berichte über Wolfgang Frommels Persönlichkeit und Vorgehensweisen legen nahe, dass es sich bei ihm um einen typischen manipulativen Typ von Täter handelt, der jegliche Form von Beziehung zu Anderen sexualisiert. Da solche Menschen im tiefsten Inneren nicht davon ausgehen, liebenswert und sexuell attraktiv zu sein, vergreifen sie sich grundsätzlich an Schwächeren, in Frommels Fall männlichen und weiblichen Pubertierenden und jungen Menschen. Da echte Befriedigung aufgrund der übergriffigen Einseitigkeit ausbleibt, wird das sexuell übergriffige und ausbeuterische Verhalten zur Sucht. Es wäre interessant, bei George, Frommel und weiteren Personen des sektenartigen Gefüges nach Hinweisen zu suchen, wann in der Kindheit diese zutiefst destruktive und kriminelle Prägung einsetzte. Hans-Hagen Haase beschreibt die Psychodynamik anhand der Entwicklung pädokrimineller Täter in einem im Jahre 2000 erschienenen Fachartikel https://www.karger.com/Article/Abstract/46756 (mit Paywall, aber sehr lesenswert). Für Haase stellt die „Pädophilie“ die schwerste Form des krankhaften Narzissmus dar. Zur Erinnerung: Narziss himmelt sich selbst nicht deshalb an, weil er sich für so toll hält, sondern weil er glaubt, dass niemand ihn für liebenswert genug hält, um ihn zu bewundern. Narzissmus: die schlimmste Form von Einsamkeit. Paart sie sich mit Arroganz, kommt noch eine entscheidende Prise Dummheit hinzu. Insofern sollte Buris lebenslange Abhängigkeit von dem viel älteren Mann vor dem Hintergrund der Gesamtpersönlichkeit beider eher als Indiz für Frommels Täterschaft, denn als Entlastung gewertet werden. Jungen wie Buri, der schon bevor er Frommel kennen lernte, einen Selbstmordversuch verübt hatte und von seinen Eltern offenbar nicht ausreichend geschützt wurde oder werden konnte, stellen für Männer vom Schlage eines Wolfgang Frommel ideale Opfer dar. Inwieweit Frommel dabei die Tatsache ausnutzte, dass Friedrich W. Buri und dessen Familie damals aufgrund ihrer deutsch-jüdischen Herkunft in besonderer existenzieller Bedrängnis waren, sollte näher untersucht werden. Auch das wäre typisch für gewohnheitsmäßige SexualstraftäterInnen: eine verbreitete Groomingstrategie dieser feigen MissbraucherInnen.

  9. Paul Visser sagt:

    Ich würde es begrüßen, wenn mehr über die Opfer nachgedacht würde. Und was weniger, mit Menschen, wie Sie und mir, auf am eine klinische, akademische, theoretische Art und Weise behandelt zu werden, als wären wir alle Roboter.

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