Wale und Wolken, Gott und Google

„Wir können niemals scheiden, was Wetter und was Götter sind.“ Mit diesem Satz Friedrich Kittlers markiert John Durham Peters in The Marvelous Clouds die Horizonte, vor denen dieses Buch das Drama der Medienwissenschaft im 21. Jahrhundert aufzieht. Dass die Natur und das Göttliche zusammenfallen, dieser Gedanke ist der antiken Vorstellungswelt entlehnt. Sie sind das, von dem Menschen nur dann etwas wissen können, wenn sie es sichtbar machen und dem sie ansonsten hilflos ausgeliefert sind. Um aus Göttern und Wetter mehr zu machen als bloßes Geschehen, braucht es Medien. Götter sprechen durch brennende Dornbüsche, Orakel und heilige Schriften; das Wetter im Gemessenen und Beobachteten, in Wolkenformationen, Luftdruck und -feuchtigkeit.

Mit The Marvelous Clouds knüpft Peters, in Deutschland wohl am ehesten bekannt durch seine kommunikationstheoretische Abhandlung Speaking Into the Air, an den zentralen Gedanken der Medienökologie an: Menschliche Umwelten liegen nicht einfach vor, sie sind zusammengesetzt aus dem, was Menschen widerfährt (Götter und Wetter!), und dem technischen wie kulturellen Umgang damit. Wo von Natur die Rede ist, darf von Medien nicht geschwiegen werden. Peters wendet dabei im Vergleich zur frühen Medienökologie den Blick. Für ihn sind Medien nicht (wie es Neil Postman einmal formulierte) die Petrischale, in der Kultur wächst. Sie sind Zonen der Aushandlung, eine geteilte Sphäre, in der „natural element and human craft“ zusammenkommen. In dieser „mid-world“ (von der es im Eingangszitat von Ralph Waldo Emerson heißt, dass sie „die Beste“ sei) lässt menschliches Handeln das in Erscheinung treten, was „Natur“ genannt werden kann, auf das reagiert werden muss und das neuerlich in technisch-kulturelle Ensembles eingebunden werden wird. Medien sind hier also nicht der Grund menschlichen Handelns, sondern dessen Externalisierung, die menschliche Umwelten überhaupt erst erzeugt.

Diese Beschreibung erinnert nicht zufällig an Martin Heideggers Bild des Tempels, der im Ursprung des Kunstwerks den Streit von „Welt und Erde“ zur Erscheinung bringt. Heidegger spielt eine große Rolle für Peters‘ Überlegungen, aber eher – wie es im Titel des ihm gewidmeten Abschnitts heißt – als „Wettermann“ denn als Verkünder eines nahenden letzten Gottes. Peters liest ihn durch die historisierende Brille der „deutschen“ Medienwissenschaft, von der er eine für US-amerikanische Verhältnisse sicher ungewöhnlich genaue Kenntnis hat. Gleichzeitig stellt er diesen Heidegger in einen Zusammenhang mit Pragmatismus und dem amerikanischen Transzendentalismus, ergänzt seine Überlegungen um Einflüsse aus der historischen Epistemologie, Science Studies bis zu Bruno Latour und eine beeindruckende Fülle von technikhistorischen und naturwissenschaftlichen Fallgeschichten. Dieses Material erdet Peters’ Wolkenskizzen.

Sein Projekt ist dabei genau keine apokalyptische Spekulation über neue Erdenzeitalter, die da kommen werden. Er äußert explizit ein Interesse am Langweiligen, Gewöhnlichen, Unscheinbaren und nennt dieses Vorhaben mit einem Wortspiel „Infrastrukturalismus“. Es geht ihm ganz klassisch darum, zu untersuchen was und wie wir wissen können. Medien machen dabei das Fremde auslesbar, dem sie sich eingeschrieben haben. Den Vorgang dieses Auslesens verdeutlicht Peters an einer Vielzahl von Beispielen. Sein Buch ist ein Kompendium gegenwärtiger und historischer Medientechniken: Neben Büchern und dem Internet ist genauso die Rede von Wal-Tran und Schiffen, Kalendern und Leuchttürmen.

Der Aufbau des Buches folgt dabei den elementaren (im Doppelsinn von „grundlegend“ wie „auf die Elemente bezogen“) Voraussetzungen der jeweiligen Medien: An eine kurze methodische Einleitung schließen Abschnitte zu Wasser und Meer, zu Feuer, den so genannten „sky media“ (allen voran Uhr und Kalender) und den Techniken des Einschreibens an. Den Abschluss bildet, auch Peters’ theologischen Interessen geschuldet, die Frage nach den Grenzen des Wissens und dem Umfang der bekannten Welt: „God and Google“. Hier der Mitschnitt seines unterhaltsamen Vortrags gleichen Titels:

Bereits der Einstieg in The Marvelous Clouds zeigt, dass dieses Buch seine Stärke nicht bloß aus seiner theoretischen Verortung zieht, sondern besonders aus der Komposition von Fallgeschichten und deren avancierter Beschreibung. Was es bedeutet, Medien zu haben und wie sich diese mit der sie umgebenden Welt und den Körpern ihrer Erschaffer_innen verbinden, führt Peters negativ vor, wenn mithilfe umfangreicher wie origineller Quellen eine Annäherung an die Weltsicht eines Wals unternommen wird. Dahinter steht bei ihm keine kitschige Parallelisierung zweier vermeintlich intelligenter Spezies (und auch keine Utopie post-technologischer Kultur), sondern ein genauer Blick für Differenzen. Was es für das, was man bei Walen als Sprache bezeichnen kann, für einen Unterschied macht, dass sie sich aufgrund ihres Trägermediums nicht in einer festgelegten Abfolge zeigt, lässt sich nur spekulieren. Peters zeigt aber im Vergleich deutlich, dass Phänomene wie eine sequentielle Wahrnehmung, die Möglichkeit, die eigene Umwelt bleibend zu transformieren oder ein frontales Sichtfeld für menschliche Kultur weder zufällig noch notwendig, vielmehr Ergebnis einer wechselseitigen Anpassung von Körpern und ihren materiellen wie räumlichen Umwelten sind. Seine Annäherung an eine Meeressäuger-Kultur aktualisiert anschaulich ein Denken, das Peters auch aus der französischen Anthropologie (besonders von André Leroi-Gourhan) bezieht.

Mit dieser Tradition teilt er auch die Aufmerksamkeit für das, was in der neueren deutschen Kulturwissenschaft unter dem Stichwort „Kulturtechnik“ firmiert, bei Marcel Mauss aber noch deutlicher „Körpertechnik“ heißt. Wenn die Rede auf Google kommt, spricht Peters diesen Fokus deutlich aus: „[M]edia have shifted from mass media to cultural techniques not only in theory, but in fact.“ Diese Überzeugung zieht sich durch das gesamte Buch: Medien sind nicht dort, wo gesendet und empfangen wird, vielmehr organisieren sie eine Welt, in der sich Menschen (immer auch körperlich) einrichten und bewegen. Wie Kittler ist John Durham Peters davon überzeugt, dass Medienwissenschaft letztlich Ontologie heißt. Netzwerke entscheiden darüber, was in ihnen zur Sprache kommt oder nicht, was ein Ereignis, ein Fall, eine Geschichte ist.

Betrachtet man mit Peters so eine Welt, die sich ständig selbst aus dem zusammensetzt, was sich eben so finden lässt, verbieten sich Vollständigkeit- und Ganzheitsfantasien von selbst. Auf eben diese zielt die Frage nach der Gottgleichheit von Google. Dass die Welt sich im 1:1-Maßstab kartieren ließe, wenn nur endlich alle Daten vorlägen, ist ein Gedanke, den Peters Apologeten des Silicon Valley ebenso wenig wie Scholastikern durchgehen lässt. Die Idee vollständiger Berechen- und Programmierbarkeit ist vielmehr ein Marketingtool, ein Bild, das sich Google et al. zu Nutze machen, eine Realität zu verkaufen als das, was digitale Infrastruktur abbilden kann, um umgekehrt die Realität auf entsprechende Passung hin zu konditionieren. Peters Überlegungen stellen dem immer wieder ein Bild des Lückenhaften, Unvollständigen und schlicht Zufälligen gegenüber, dessen Emblem die nicht klassifizierbaren Wolken sind: „A world in which omniscience has cloudy patches would be one in which not everything is spelled out in advance, noise is audible, and our choices have real consequences – a pluralistic universe in which there is such a thing as irreparable loss.“ Verlust und Verschwinden – Googles Angstträume – sind es, die menschliche Umwelten offen, veränderbar und damit lebbar erhalten.

The Marvelous Clouds legt den gegenwärtig allzu präsenten Anthropozän-Gedanken im Sinne von Peters’ Infrastrukturalismus tiefer. Ja, menschliche Existenz ist untrennbar mit ihren ökologischen Bedingungen verbunden. Ja, diese Beziehung ist reziprok. Aber angesichts der Vorläufigkeit, der Brüchigkeit dieser Beziehung – und der Lückenhaftigkeit dessen, was wir von ihr wissen, gilt größte Vorsicht gegenüber Management-Fantasien im Angesicht einer globalisierten Biosphäre. Die Idee des Infrastrukturalismus teilt die in seinem Namen angelegte Skepsis gegenüber den großen Erzählungen. Peters erschafft nicht eine neue Welt, seine Mikrostudien sind eher ein „reverse engineering“ des „Spaceship Earth“ als dessen Betriebsanleitung. Wo Bruno Latour mit der geopolitischen Emphase seiner Gaia-Vorlesungen (vgl. Niels Werber im Merkur 792, Mai 2015) eher für Konfusion sorgt, klärt und kartiert Peters das (bewölkte) Gebiet, in dem es für medien-, kultur-, und technikwissenschaftliche Disziplinen Aufgabe genug sein dürfte, auch nur für Orientierung zu sorgen.

John Durham Peters, The Marvelous Clouds: Toward a Philosophy of Elemental Media. University of Chicago Press 2015.


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