• Strandgeschichten

    Kerala, Südindien, Mitte Januar. Das ältere französische Ehepaar war begeistert: Es sei so atemberaubend schön hier, das Meer, die Gewürze, die Farben und diese unglaublichen Strände, endlos groß und leer. Sie kämen jedes Jahr hierher, für vier Monate, von November bis Ende Februar. »Da ist es bei uns einfach zu kalt.« Wo sie denn wohnten? Montpellier. Vor uns glitzert der Strand, der sich unabsehbar weit nach Norden und Süden erstreckt, dahinter Palmen. Zehn Uhr morgens, 32 Grad. Der Strand, das ist der Sehnsuchtsort, das Ziel am Urlaubsziel. Geschätzte drei Viertel aller Bildschirmhintergründe in den Büros meiner Universität zeigen einen Strand – mit Palmen, menschenleer, wie in den Reisebüroprospekten. Im Frühjahr 2017 wurde eine Umfrage durchgeführt, was Schweizerinnen und Schweizer besonders intensiv mit Heimat verbinden. Die Familie, sagten 70 Prozent. Die Berge: 60 Prozent. Fast jede und jeder Fünfte, 18 Prozent, meinte dagegen: der Meeresstrand. (mehr …)
  • Südfrüchte vom Ätna

    Historischer Ortstermin: Südfrüchte vom Ätna

    Von Valentin Groebner

    Auf Sizilien kann man lernen, dass die katholische Auffassung vom sakralisierten Essen – das Brot ist der Leib Gottes, der Wein sein Blut, das Öl die Salbung – im Alltag weiter herunterdekliniert werden will. Werbeplakat für ein Restaurant: »La cucina tipica e sana come a casa tua.« (Aber wieso dann dort hingehen?) Ebenfalls auf der Insel zu kaufen gibt es Produkte der Marke »Libera terra«, produziert auf konfiszierten ehemaligen Landgütern der Mafia – Slogan: »I sapori della legalità«. Essen ist eben nicht nur Heimkommen und gleichzeitig Befreiung von Zuhause, sondern geträumte Verbesserung von Gesamtkörpern. Und des eigenen sowieso. Die Orangen, die unter dem Ätna an der sizilianischen Ostküste wachsen, werden in buntbedruckten Einwickelpapieren verkauft: Sterne, Palmen, dunkelhäutige Kinderköpfe, schwarzlockige weibliche Schönheiten und der Vulkan als schwarze Silhouette, die große orangerote Flammen ausspuckt. Als Kind im Wien der 1970er Jahre habe ich die Einwickelpapiere gesammelt und mich mit meinem älteren Bruder um die besonders prächtigen gestritten: Heute ist ihnen ein eigenes Museum im Internet gewidmet, in dem man in ihren Dekorationen schwel-gen kann. Die Beschriftungen – »agrumi dell’Etna« – waren wie die exotischen Ortsnamen – Paterno, Catania – im grauen Wiener Winter ein Versprechen auf Wärme und Intensität, und ein Einwickelpapier verspricht sogar »Etna esplosione«.  

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  • Historischer Ortstermin: Gipfelglühen

  • Dieser Ausstellungskatalog ist ein Selfie