• Modernist Cuisine

    Filippo T. Marinetti (1876 bis 1944), im ägyptischen Alexandria geboren, Sohn eines italienischen Anwalts und selbst Anwalt (wenn auch nur spaßeshalber, wie es bei den Söhnen wohlhabender Familien in den Mittelmeerländern üblich ist), wuchs in Paris auf und hatte schon in jungen Jahren zu schreiben begonnen. 1905 zog er nach Mailand, wo die Abneigung gegen die bourgeoise Welt, der er entstammte, zum Motor seiner literarischen Aktivitäten wurde. Vier Jahre später erschien auf Seite eins der Pariser Tageszeitung Le Figaro der epochemachende kurze Text, der seither sein gesamtes Werk überstrahlt: das Futuristische Manifest. In martialischer Rhetorik forderte Marinetti darin den radikalen Bruch mit der kulturellen Tradition des Abendlands: »Schönheit gibt es nur noch im Kampf … Museen: Absurde Schlachthöfe der Maler und Bildhauer, die sich gegenseitig wild mit Farben und Linien entlang der umkämpften Ausstellungswände abschlachten … Diesen Kalvarienberg gekreuzigter Träume, diesen Registern gebrochenen Schwunges … Aber wir wollen von der Vergangenheit nichts wissen, wir jungen und starken Futuristen! … Legt Feuer an die Regale der Bibliotheken … Reißt ohne Erbarmen die ehrwürdigen Städte nieder!« Fünf Jahre später nahm der Erste Weltkrieg Marinetti und seinen Freunden den wesentlichen Teil der Arbeit ab. Marinetti selbst meldete sich als Kriegsfreiwilliger und überlebte die Front (viele seiner Freunde nicht). 1915 und 1919 saß er gemeinsam mit Mussolini, dessen revolutionäre Ideen ihn angezogen hatten,1 wegen des Vorwurfs im Gefängnis, die Störung einer Gegendemonstration durch eine Bombe angestiftet zu haben. Mussolini fraß dann zwar bald Kreide, um in der Politik zu überleben, und bezeichnete Marinetti als »extravaganten Clown«, machte ihn 1924 aber schließlich zum Mitglied der Akademie der Künste. Im Futuristischen Manifest hatte Marinetti (als 29-Jähriger) noch geschrieben: »Wenn wir vierzig sind, mögen andere, jüngere und tüchtigere Männer uns ruhig wie nutzlose Manuskripte in den Papierkorb werfen. Wir wünschen es so!« Mit 46 Jahren hatte er das ganz offensichtlich vergessen und warf sich einem neuen Gegner entgegen, einem, der die Italiener täglich zweimal an Körper und Geist lähmte und auf lange Sicht zu vernichten drohte. Es war nicht der Kommunismus, es waren die Spaghetti, »diese absurde Religion der italienischen Gastronomie«. Marinetti wollte das Zentrum der italienischen Kultur zerstören, denn wenn es irgendetwas gibt, das man den Menschen nicht wegnehmen kann, dann sind es ihre Essgewohnheiten. Aber hatte nicht die faschistische Revolution bereits die Grundfesten erschüttert? Würde ein zweiter Schlag die Revolution vollenden, der auf tiefsitzende Gewohnheiten zielte und mit ihrer Beseitigung zu einer vollkommenen Umwertung der Werte führen musste? Am 28. Dezember 1930 erschien in der Turiner Gazetta del Popolo das Manifest der futuristischen Küche, in dem es unter anderem heißt: »Wir hören …, man müsse verhindern, dass der Italiener kubisch, massig und bleibeschwert werde, von undurchsichtiger und blinder Kompaktheit … Im Unterschied zu Brot und Reis ist die Pasta asciutta eine Nahrung, die man hinunterschlingt, aber nicht kaut … Davon leiten sich ab: Schlappheit, Pessimismus, nostalgische Untätigkeit und Neutralismus … Die Verteidiger der Pasta asciutta tragen eine Kugel oder Bruchstücke von ihr im Magen, wie Zuchthäusler oder Archäologen … Sie ist zudem unmännlich, weil der beschwerte und beengte Magen niemals der physischen Begeisterung für die Frau und der Möglichkeit, sie geradewegs zu besitzen, förderlich ist … Die vollkommene Mahlzeit erfordert die unbedingte Originalität der Speisen.« (…)

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  • Notizen zu Christoph Möllers‘ „Die Möglichkeit der Normen“

    Christoph Möllers‘s neuestes Buch ist der Rechtsphilosophie-Hit des Jahres. Nicht nur, weil das Thema grundsätzliche Bedeutung hat, sondern auch, weil der Autor Träger des Leibnizpreises 2016 und Prozessvertreter der Bundesregierung im NPD-Verbotsverfahren ist, also Theorie und Praxis in seltener Weise verbindet. Der Titel hebt provozierend die Bedeutung der Frage hervor: Wir sind so von Normen umzingelt, dass niemand ernsthaft deren Möglichkeit bezweifeln würde – der Autor will uns mit der Frage wachrütteln, warum wir Normen für so selbstverständlich halten. Auch deshalb treten Juristische Aspekte gegenüber den politologisch/philosophisch/soziologischen in den Hintergrund. (mehr …)
  • Das Problem der Fairness in der Flüchtlingsfrage

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    Nachdem das Oberlandesgericht München trotz der Anleitung des Bundesverfassungsgerichts es endlich geschafft hatte, alle Klarheit über die Zahl der journalistischen Plätze zu beseitigen, hoffte es darauf, Ruhe in den Gerichtssaal zu bekommen. Natürlich war es darauf gefasst, gleich zu Beginn Ablehnungsanträge einzufangen. Keiner der Fachjournalisten, die darüber im Fernsehen berichteten, schien zu wissen, dass die Verteidigung diese Anträge unverzüglich am ersten Prozesstag stellen muss, weil sie danach das Recht zur Rüge verliert. Es wurde ihr wie üblich als Prozessverschleppung vorgehalten und zwar von anderen Anwälten, die die Opfer vertreten. Die riefen schon seit langem nach einem kurzen Prozess und forderten gleichzeitig, alle Versäumnisse der Ermittlungsbehörden des Bundeskriminalamts, der Nachrichtendienste und aller verantwortlichen Politiker in die Details zu zerlegen – der Widerspruch blieb ihnen wohl verborgen. (mehr …)
  • „Im Schönfelder gibts das Wort Gerechtigkeit nicht“. Interview mit Herbert Rosendorfer

    Herbert Rosendorfer, Richter am Amtsgericht München seit 1967, dann 4. Zivilsenat Oberlandesgericht Naumburg (1993-1997), geboren 1934 in Bozen, gestorben im September 2012.

    Er wuchs in Kitzbühel auf (Autobiografisches, Kindheit in Kitzbühel 1998). Abitur in München, ein Jahr an der Akademie der Bildenden Künste[1], dann Jurastudium und Staatsanwaltschaft Bayreuth (Bayreuth für Anfänger, 1969). Kleine Musikwerke entstehen. (mehr …)
  • Leserkommentar zu Steve Sem-Sandbergs „Holocaust und Fiktion“

    Ein Kommentar zu Steve Sem-Sandbergs im Novemberheft erschienenem Essay Realität des Holocaust und Spielraum der Fiktion, den es hier gratis zu lesen gibt. Auch diejenigen, die nicht mehr zur Generation der Täter oder Opfer des Holocaust gehören, können sich der paradox wirkenden Frage nicht entziehen, ob sie stellvertretend für die Generationen der Täter bereuen sollen und Vergebung erlangen können. (mehr …)