Leserkommentar zu Steve Sem-Sandbergs „Holocaust und Fiktion“

Ein Kommentar zu Steve Sem-Sandbergs im Novemberheft erschienenem Essay Realität des Holocaust und Spielraum der Fiktion, den es hier gratis zu lesen gibt.

Auch diejenigen, die nicht mehr zur Generation der Täter oder Opfer des Holocaust gehören, können sich der paradox wirkenden Frage nicht entziehen, ob sie stellvertretend für die Generationen der Täter bereuen sollen und Vergebung erlangen können.

Jeder Versuch, sich von den Taten der früheren Generationen zu distanzieren, kann mit dem Hinweis darauf beantwortet werden, dass nur die Gnade der späten Geburt uns verschont hat und dass ein Verbrechen dieser Art tatsächlich nur in Deutschland geschehen ist (und vielleicht auch nur hier geschehen konnte). Man sagt uns: Sorgt dafür, dass so etwas nie wieder geschehen kann, aber lässt uns mit der Frage allein, wie wir das tun sollen, denn keiner spricht mit uns darüber und wenn wir uns darüber beschweren, wird uns Larmoyanz vorgeworfen, fehlende Einsicht in die Zusammenhänge und Anmaßung. Unsere Reue geht ins Leere, weil wir nicht die Täter sind, daher dürfen wir auch nicht um Vergebung bitten, aber die dauernde Ermahnung, aufmerksam zu sein, müssen wir immer wieder demütig entgegennehmen.

Ähnliche Paradoxa sehen wir auf der Seite der Opfer. Jüdischen Kindern und Enkeln geht es nicht besser. Ihnen ist die Last auferlegt, die Erinnerung an die Verbrechen, deren Opfer ihrer Eltern und Großeltern geworden sind, aufrecht zu erhalten, um sicherzustellen, dass sie sich nie wiederholen können. Auch sie sind in einem hoffnungslosen Zwiespalt: Wenn sie uns vergeben, lassen sie zu, dass die Wunde der Erinnerung sich schließt – und dann sind sie an ihrer Aufgabe gescheitert: Ihre Vergebung treibt sie in neue Lebensgefahr. Zudem werden ihnen in dieser Diskussion auch noch die Entscheidungen des Staates Israel zugerechnet, von dem sie sich aus Solidarität nicht distanzieren können.

Am Ende stehen wir beide in einem langsam ansteigenden Grundwasser der Hilflosigkeit und des Zorns über den double bind, der uns fesselt, weil sie nicht vergeben und wir nicht bereuen dürfen – und deshalb leben sie bei uns unter Polizeischutz und wir schämen uns dafür. Und was das Schlimmste ist: Über diese unauflösbare Situation kann man nicht einmal sprechen, um wenigstens unser beider Lage zu betrauern: jede Art Sprache klingt wie eine schiefe Verteidigung gegen eine Anklage, die nicht erhoben wird, und so bleibt es beim Austausch von Gesten ohne Inhalte.

Benno Heussen, geb. 1944, ist Rechtsanwalt und Honorarprofessor der Universität Hannover. Im Merkur ist von ihm zuletzt im April 2012 der Aufsatz Europa als Fusionsprojekt. Eine Manöverkritik erschienen.


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