Liberté, Egalité, Fraternité – Laicité

Unterwegs in Sarcelles

Ich war recht oft in Paris in den letzten Jahren. In die Banlieue habe ich mich bislang nicht getraut. Heute fahre ich mit dem RER D nach Sarcelles. Am Bahnsteig am Gare du Nord die halbe Welt, aber weiß ist sie nicht. Hindi höre ich, afrikanische Sprachen, Arabisch, auch Russisch. Der Zug ist sehr voll, er leert sich deutlich, bis ich in Garges-Sarcelles aussteige. Nun bin ich aber wirklich der einzige Weiße. Das ist, zwanzig Minuten vom Gare du Nord, nicht mehr Paris, sondern das Département Val d’Oise. Zone vier im Verkehrsnetz, mein Paris-Visite-Ticket gilt hier nicht mehr. Ich dachte, ich probier’s trotzdem, prompt scheitere ich am Ausgang, das Drehkreuz bleibt starr.

rer d

Dann sehe ich einzelne Menschen an der Seite verschwinden, da ist eine offene Gasse, da komme ich raus. Vor dem Bahnhof eine Tramstation, aber ich gehe nach rechts, da wimmelt etwas. Marktstände, Kleidung, Schuhe, fünf Euro, zehn Euro, es wird schon abgebaut, es ist nach eins. In der Mitte der Marktstände ein Gebäude, aus Beton, Lärm, ich gehe hinein, eine Markthalle, nicht sehr groß, aber sehr voll, Fischgeruch, Fleischgeruch, Marktlärm. Es kommt mir nicht vor, als fiele ich weiter auf, es gibt keine feindseligen oder auch nur neugierigen Blicke, aber ich unterlasse es lieber, ein Foto zu machen.

portes de la ville

Auf der anderen Straßenseite ein einstöckiger Gebäudekomplex mit Läden, Restaurants, viele geschlossen, die offenen sehen nicht einladend aus. An einem düsteren Seiteneingang steht „Les portes de la ville“, ich wage es nicht, diese Pforten zu durchschreiten. Im Hintergrund ein Bagger, der die Trümmer eines offenbar unlängst abgerissenen großen Gebäudes abräumt. Ich gehe in die andere Richtung, das Quartier heißt La dame blanche, oder auch Cité des peintres, weil die Straßen die Namen von Malern tragen, die Verbrechensrate ist, wie ich hinterher google, sehr hoch. Ein Gelände mit mehrstöckig gereihten Wohngebäuden, das eingezäunt ist. Aber ganz sicher keine gated community in dem Sinn, dass hier Reichere wohnten, die Ärmere nicht hineinlassen wollen. Da ist kein Reichtum auf vollgemüllten Mini-Balkonen, ein hagerer älterer Mann mit Fünftagebart kommt mir auf dem Weg jenseits des Gitters entgegen. An Straßenecken stehen junge Männer, von denen ich nicht weiß, warum sie da stehen, was sie da tun. Erst sind da noch eine Reihe von Leuten mit Tüten vom Markt, die mir das Gefühl einer gewissen Sicherheit geben. Dann wird es leer. Ich kann mich nicht mit dem Blick der hier Lebenden sehen, aber beim Versuch es zu tun, werde ich mir sehr auffällig und mache kehrt, zurück Richtung Bahnhof.

Von da fährt die Tram, Linie 5, die hier endet. Sie fährt durch Sarcelles, Peyrefitte und endet am Marktplatz von Saint-Denis. Ich steige aus im Zentrum von Sarcelles, Les Flanades. Das ist eines der Grands Ensembles, sogar das größte in Frankreich, Ergebnis einer städtebaulichen Vision, 12368 Wohnungen in Gebäuden entlang eines Boulevards, den die Tram nun entlangfährt. Sarcelles ist heute der Inbegriff der gescheiterten Banlieue-Projekte, der Wikipedia-Artikel insistiert jedoch darauf, dass die Bewohnerinnen und Bewohner sich mit ihrem Lebensraum identifizieren, dass die ethnische Mischung lange als gelungen gelten konnte. (Freilich steht am Ende des Satzes ein ominöses „réf. necessaire“, mit dem bei Wikipedia Behauptungen unter den Verdacht des Wunschdenkens gestellt werden.) Die Mehrzahl der Bewohner kommen aus dem Maghreb, dem subsaharischen Afrika und der Türkei. Aber ein Drittel der Bewohner sind jüdischen Glaubens, Sarcelles heißt auch „La Petite Jérusalem“. Davon habe ich nichts gesehen, ich weiß es nur aus der Wikipedia („réf. necessaire“). Am Eingang des Boulevards findet sich ein Schulgebäude, in dem, vielleicht auch Wunschdenken, die revolutionäre Trias „Liberté, Egalité, Fraternité“ durch ein offenbar später, in etwas größerer Schrift, mit etwas größerem Abstand hinzugefügtes „Laicité“ ergänzt ist.

laicite

Den Boulevard hinauf finden sich neben der Tram Bäumchen in Töpfen und am Rande der Straße kleine Supermärkte, Imbisse, Waren von den Antillen verspricht einer, es sind Menschen auf der Straße, vor allem auch auf den Plätzen, die sich zwischen den bis nach vorne an den Boulevard gezogenen Blöcken und den etwa dreißig Meter dahinter liegenden Hochhaus-Querriegeln ergeben. Es dominiert, durch die partielle Begrünung eher noch akzentuiert, der Beton. Ich denke an Marzahn, dort fühlte ich mich bei Erkundungen ähnlich von der baulichen Umgebung nicht gemeint, ohne mir den (da sozialistischen) Menschen vorstellen zu können, der von dieser Art Raumordnung adressiert gewesen sein könnte. Rechts auf der Seite ist ein bunkerartiges Ding, Beton, grob verputzt, die noch vorhandenen Buchstaben „O“ und „UM“ verweisen darauf, dass da einst etwas war, das „FORUM“ hieß. Jetzt aber: verfallen, verlassen, unzugänglich gemacht durch einen Zaun, der das Ding und das begrünte Gelände darum abschließt. Vieles ist kaum lesbar für mich, Räume mit fremd bleibenden Zügen; fremd für mich, der ich als Tourist hier so fehl am Platz bin, wie man im inneren Paris überall mit mir rechnet. Sarcelles: Niemand wartet auf mich. Nichts lädt mich ein.

ibis

Ich gehe trotzdem hinein. Vorne dran steht „Le Marché“. Ich wähle einen Seiteneingang, da steht ein Ibis-Hotel (etwas Vertrautes!), da wölben sich Lichtschachtpyramiden (über dem, wie ich später begreife, Untergrund-Parking), da sind offene Türen. Es ist eine Mall. Links davon ein großes Gebäude, verrammelt, verriegelt, neueren Datums als die Mall, die ich gleich betrete. Das verrammelte Gebäude ist Zeuge eines Dramas, das mir beim Anblick stumm bleibt, aber per Google dann mit mir spricht. Das waren die Halles d’Auchon, der „Leuchtturm des Einkaufszentrums von Les Flanades“ (sagt der Artikel). Sie haben Verluste gemacht und Ende letzten Jahres geschlossen. Der Betreiber will die Arbeitsplätze erhalten, einen Nachmieter suchen. Von Lidl ist im Artikel die Rede. Jetzt, Stand Mitte März, sind keine Lebenszeichen zu sehen. Eher tot als lebendig wirkt auch die Mall, die ich nun doch betrete. Sie ist ganz klar Siebziger-Jahre-Betonarchitektur, nicht brutalistisch, sondern auf Proporz bedacht und in diesem Proporz, so weit es geht, auf Eleganz. Weit geht es nicht. Die Mall ist einstöckig (allerdings ist sie eigentlich der Sockel für mehrstöckige Wohnhäuser, zu denen man in der Mall immer wieder verschlossene Aufgänge sieht), labyrinthisch, neonbeleuchtet, in vielen Gängen sehe ich wie nach außen gestülptes architektonisches Innengestänge an der Decke, ganz schwaches Echo der expressiven Strukturtransparenz, für die das Centre Pompidou steht. Ich sehe Läden für Hochzeits- und andere Kleidung, prächtige Kopftücher, arabische Aufschriften, man kann sich die Nägel machen lassen und auch die Haare, es gibt eine Fleischerei und andere Lebensmittelläden, und auch ein Wettbüro. Nur ist wenig los, ich biege um viele Ecken und sehe kaum Menschen, auch keine jugendlichen mall rats, wie ich sie aus Amerika kenne.

centre commercial

Der Labyrinthhaftigkeit wegen erschließt sich mir die Struktur nur in Teilen. Einen großen geschlossenen Innenhof gibt es, monoton in aus der Wand kragenden, eigentlich fast filigranen Betonfensterrahmen gegliedert, dominiert von einem Brunnen mit einer mächtigen Skulptur, sie heißt „Der aquatische Phönix“. (Quelle: Google. Ich habe hinterher gegoogelt, aber auf meinem Handy auch schon vor Ort.) Am Rand sehe ich in einer vor dem Wetter halbwegs geschützten Nische an einer Wand, die vielleicht der nun zugemauerte Eingang zu einem ehemaligen Kino ist, vier Flächen wie für Kinowerbeplakate. Nur auf einer der Flächen findet sich noch ein Plakat, stark verblasst. Es bewirbt einen Film mit dem Titel „Lisa“, das sagt mir nichts, oben steht „et Jeanne Moreau“. Der Film kam, sagt Google, im Jahr 2001 in die Kinos. Jeanne Moreau lebt hier nicht mehr.

lisa

Wenige Leute verlieren sich auch auf dem Innenhof, die Teile der Mall tragen über den Zugängen Namen französischer Départements, unterscheiden sich davon abgesehen aber durch nichts. Ausnahme: der auf den Boulevard mündende vordere Trakt, eine Art Food Court, mit Supermärkten, die leer sind und mir lieblos scheinen, alles ohne natürliches Licht. Ich habe in den USA und in Berlin schon manche sterbende Mall bzw. Markthalle gesehen. Das Trostloseste war, einmal in Austin, ein vor sich hin gammelnder Eislaufring, den ich noch überfüllt, laut, als beliebtes Ziel von Familienausflügen kannte. Je lebendiger etwas mal war, desto toter erscheint es. Das Centre commercial Les Flanades muss einmal sehr lebendig gewesen sein.

Ich bin dann mit der Tram noch bis an die Endhaltestelle Marché de Saint-Denis gefahren, entlang an teils verrammelten Strip Malls, heruntergelassenen Rolläden, und auch an einem riesigen, aber verlassen daliegenden Buffalo Grill – das ist eine französische Fast-Food-Kette, die so bewusst Amerikanisches imitiert, wie die vernacular landscapes von Peyrefitte es eher unbewusst tun. (Die Tramstationen heißen trotzdem unverdrossen Paul Valéry oder Jacques Prévert.) An der Endstation des Marché de Saint Denis ein betonierter, unbelebter Platz, die Markthalle leider geschlossen, in der Fußgängerzone mache ich bald kehrt und gehe zwei Tramstationen zurück, um unter einer großen Straße hindurch hinüber zur Université 8 von Saint-Denis zu gelangen. Hier haben, das verkündet ein Memorialhinkelstein direkt neben dem Eingang, Gilles Deleuze, Hélène Cixous, Michel Foucault, Francois Chatelet und andere Größen der heroischen französischen Theorieepoche gelehrt. Nein, das stimmt eigentlich nicht. Es war die linke, freie Universität von Vincennes, gegründet 1969 aus dem Geist der 68er Revolution, die den Ort für dieses Denken geschaffen hatte. Sie wurde, gegen den Widerstand von Personal und Studenten, 1980 nach Saint Denis strafversetzt. Der Campus ist rundum eingezäunt, man kann das Gelände nur durch den Haupteingang betreten, an dem zwei Security-Kräfte Taschenkontrollen durchführen. An der Wand neben der Pforte ein großes Plakat mit einem Aufruf zum Streik – er richtet sich gegen neue Versuche, die 35-Stunden-Woche aufzuweichen. Überall, auch an den Universitäten, auch an den Schulen, höre ich, wird deshalb gestreikt.

hinkelstein

Der Eindruck, dass die Universität mit der Stadt Saint Denis viel (oder auch nur etwas) zu tun hat, vermittelt sich nicht. Ein riesiger Busbahnhof und vor allem der Ein- und Ausgang zur Metro-Linie 13, die hier beginnt oder endet und nach Paris führt, liegen unmittelbar dem Eingang der Universität gegenüber. Fehlt nur ein Tunnel, und man müsste auf dem Weg von zuhause zur Uni von Saint-Denis nicht einmal den Busbahnhof sehen. Niemand, der studentisch aussieht, geht jedenfalls – wie ich es tue – die Straße neben dem Zaun entlang Richtung Centre Ville. Direkt an das Unigelände schließt ein Lycée an, von außen ist der Übergang nicht zu erkennen, alle Schülerinnen und Schüler, die durch die doppelt gesicherte Pforte kommen und gehen, sind schwarz. Der Zaun ist freilich weiß. Die Stäbe sind dünn. Es ist trotzdem so, dass ich keine Verbindung sehe zwischen der einen und der anderen Welt.

saint denis universite


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