Dokumentation: Eva Geulens Kommentar

Beim Merkur-Gespräch zu den kleinen und großen Formen der Gegenwartsliteratur hat Eva Geulen die Beiträge/Gespräche von Kathrin Passig/Holger Schulze (hier die Slides) und Kathrin Röggla/Ulrich Peltzer kommentiert. Wir dokumentieren diesen Kommentar.

Zwei Geständnisse:

Ich bin weder auf Facebook noch auf Twitter abonniert, aber mit einem Mann verheiratet, der damit und mittelbar davon lebt und komme auf diese Weise in den Genuss von Sekundärbeobachtungen. – Ich lese gerne lange Romane: Stifter und Bolano.

Drei Bemerkungen:

  1. Es ist nicht ausgemacht und nicht auszumachen, wann ein Text eine kleine Form ist und ab wann ein Text als große Form gelten kann:
  • Denn beides sind PROSA-Formen, und Prosa ist, gattungstechnisch und gattungshistorisch, das Andere der klassischen Trias Epos, Tragödie und Komödie. Weil sich die Formen der Prosa erst nach dem Zerfall der alten Poetik theoretisch ausdifferenzieren – wobei es Aphorismen, Fabeln etc. natürlich schon vorher gab – sind Gattungsabgrenzungen innerhalb von Prosa immer schwierig und vage. Gerade die komplizierte Theorie-Geschichte des Romans, der eben im traditionellen Sinne keine Gattung ist, legt davon Zeugnis ab (Lukacs).
  • Man kann das vergleichen mit der auch beliebten Unterscheidung von einfachen vs. komplexen Formen. Dann sieht man gleich, wie man die eine immer nur relativ in Bezug auf die andere, in Absetzung von der anderen überhaupt benennen kann. Und wir wissen, dass manchmal die vermeintlich einfache Form bevorzugt und valorisiert wurde, ein anderes Mal die vermeintlich komplexe: Mal das schlichte Volkslied, mal die Duineser Elegien.
  • In viel von dem, was ich heute Abend gehört habe, wird dieses Modell fortgeschrieben. Der Roman ist als große Form entweder die anspruchsvollere, der gegenwärtige Kurzformen nicht mehr genügen, weil sie nicht mehr den Mut zur Totale haben (so Ingo Meyer, über dessen unterkomplexes Romanverständnis auch noch etwas zu sagen wäre), oder der Roman ist, aus der anderen Perspektive, der Feind, die große, bürgerliche Form, deren Prätentionen auf Totalität man eigentlich ablehnt, ohne doch auf das, was Kathrin Röggla den „Zusammenhang der Zusammenhänge“ genannt hat, verzichten zu wollen. Dann wird automatisch die kleinere Form bevorzugt und ihre Eigenschaften werden als authentischer für die literarische Repräsentation unseres beschleunigten Lebens valorisiert. Dabei kommt, fürchte ich, nicht vielmehr als der übliche Schlagabtausch heraus. Wenn man die neuen Schreibformen so beschreibt wie Holger Schulze: „Details des täglichen Lebens, lakonische Miniatur, dichter Moment, wirklichkeitsroh“, dann war das schon immer der Anspruch der kleinen Prosa, von Peter Altenbergs „Wie ich es sehe“ über Kafka, Musil, Benjamin, Kracauer bis Eich, Kaschnitz etc. (Formen: Liste, Protokoll, Notiz etc.) Das ist dann aber wahrlich keine Erfindung der Netzkultur, sondern ein denkbar alter Hut.
  1. Tweets kommunizieren durchaus mit diesen alten Formaten und Formen, aber ihre Spezifika müssen anders beschrieben werden; genauer: wir müssen sie anders beschreiben, weil wir sonst gar nichts neues sehen können. Kathrin Passig hat uns da einiges zur Verfügung gestellt:

Diese Twitter-Texte sind keine (kleinen oder kurzen) Einzeltexe, sondern auf Serialität angelegt; sie bilden potentiell nicht bloß einen großen, sondern im stream sogar unendlichen Text, größer als jeder Roman, auch als solche, die Unendlichkeit zwischen 2 Buchdeckel zwingen wollten, etwa Jean Paul, Musil, Joyce u.a. Die Metaphorik von Strom, eintauchen und freischwimmen scheint mir etwas ganz Entscheidendes einzufangen, obwohl es andererseits natürlich auch die alte Metapher für intensive Lektüre ist. Aber Kathrin Passig zögert, und ich finde, mit Recht, dieses „ambient writing“ nun direkt aus den medialen Voraussetzungen abzuleiten. Smartphones sind und sind nicht die Voraussetzung des neuen Schreibens. Wir können noch viel zu wenig abschätzen, was die neuen Möglichkeiten, selbst in rasantem Entwicklungsfluss, eigentlich machen, um Kausalverbindungen herzustellen. Vorläufig brauchen wir alternative Beschreibungen: ambient writing oder mobile Texturen, instantanes Schreiben sind sehr gute Ansätze.

  • Diese Beobachtungen könnte man vielleicht auch noch eintragen in das durch Zeitverkürzung geänderte Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Twitter-stream, tweeting und re-tweeting geschieht in Echtzeit (und für den, der tatsächlich mal länger nicht online gewesen sein solle, gibt es jetzt die Funktion „while you were away“, so eine Art Anrufbeantworter, der dafür sorgt, dass Du nichts verpasst.) Das ist nicht simulierte Mündlichkeit, wie man sie aus print-Texten kennt, sondern ein endloses quasi mündliches Gespräch, in dem sich durch die Konkurrenz aller alle bemühen, besonders clever, witzig und elegant zu sein. Man kann darin eine Schule des guten Stils sehen wie die Briefkultur es im 18. Jahrhundert einmal war. Natürlich zehrt dieser Stil auch von alten Kurz-Formen, Aphorismus, Witz, Pointe, Anekdote etc., aber diese Mündlichkeit zweiten oder dritten Grades macht daraus vielleicht auch etwas anderes. Und das wirkt dann sehr produktiv zurück, denn so fragt sich etwa Kathrin Passig selbst, ob die Unterscheidung große oder kleine Form hier nicht eigentlich fehl am Platz ist, weil aus kleinen Texten große werden können, wie aus der Novelle von den wunderlichen Nachbarskindern ein Roman namens Wahlverwandtschaften, womit wir
  • Wieder beim Roman wären, der perhorreszierten oder verehrten bürgerlichen Großform, den Georg Lukacs ein Produkt „der gereiften Männlichkeit“ nannte. Und wer will damit schon was zu tun haben? Ich hatte schon angedeutet, dass ich sowohl die Heroisierungen wie den Affekt gegen diese übrigens auch nicht immer große Prosa-Form nicht ganz verstehe. Dass ein Roman auch im Netz entstehen kann und aus vielen kleinen Texten so etwas wie ein Roman, stellt Christiane Frohmann mit ihrem Buchprojekt „1000 Tode schreiben“ unter Beweis. Außerdem scheint es auch dem gedruckten Roman sehr gut zu sehen. Neben vielen schlechten gibt es ein paar ganz herausragende. Wir haben am ZfL im letzten Semester Bolanos 2666 gelesen, da geht es auch um 1000 Tode und mehr. In ihn kann man ebenso eintauchen wie in einen twitter-stream… und er enthält so viel oder so wenig Zusammenhänge wie Kurzprosa auch.

3 Kommentare

  1. Doktor sagt:

    Zum Tod des Romans ein Name: Bolano.

    Der hier auch zwei mal genannt wurde.

    Oder: 2666.

    Der Zombie Bolanos. Und des Romans.

    Mit 2066 hier falsch benannt .

    Nicht unwichtig, den die aus 2000 und 666 bestehende Nummer 2666 erzählt schon allein in 4 und nicht 140 Zeichen eine ganze Geschichte.

    Eine einzige Zahl nicht ein Wort erzählt eine ganze Geschichte.

    Selbst der von Bolano bewunderte David Lynch, der nur von athmosphärischen Titeln wie Lost Highway oder Inland Empire ausgehend ein ganzes Screenplay entwickelte brauchte mindestens zwei Wörter.

    Durch die bloße Zahl nimmt Bolanos Bezug auf eine hier außer acht gelassene aber zentrale Komponente: Die Grundlage von Twitter und allen gesellschaftlichen Prozessen die durch die Digitalisierung verändert (gesehen) werden: die Zahl, der Alghoritmus, die Berechenbarkeit.

    Bolano thematisiert dies in 2666 nicht, aber daß er einem Roman der Leiblichkeit und Spürbarkeit auf alle nur erdenklichen Weisen durchdekliniert eine Zahl voraussetzt ist eine hellsichtige Intuition seines Jahrtausendromans.

    Dass Litaraturkritik in Deutschland zu dieser Zonbie Wiedergeburt des Romans nicht viel mehr einfällt als das tölpelhaftes „Meisterwerk“ ist eine andere Geschichte.

  2. Ekkehard Knörer sagt:

    Der Typo ist korrigiert. Also der im Romantitel.

  3. Eine Annäherung an das von Eva Geulen besonders hervorgehobene Konzept des ambient writing findet sich dieser Tage auch im Band „Code und Konzept“, der von Hannes Bajohr herausgegeben wurde:

    UBIQUITÄRE LITERATUR:
    Kleptopoetik, Nihilisticles & Botculture

    https://minimore.de/shop/hannes-bajohr-hg-code-und-konzept/

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