Merkur Nr. 608, Dezember 1999

Ein deutsches Trauma? Die Kollektivschuldthese zwischen Erinnern und Vergessen

von Aleida Assmann

 

Wir sind inzwischen davon abgekommen, Geschichte und Gedächtnis als polare Gegensätze zu denken. Eine solche Gegensatzkonstruktion ging von einem Bild der Geschichtswissenschaft als einem abstrakten und standpunktlosen überindividuellen Suchprozeß aus, dem auf der Seite des Gedächtnisses die lebendigen, das heißt subjektiv begrenzten und affektiv befrachteten Erinnerungen gegenüberstanden. Nicht daß diese Opposition je ganz aufzugeben wäre, aber wir sind immer sensibler geworden für die vielfältigen Verknüpfungen, die sich in der Grauzone zwischen Geschichte und Gedächtnis auftun. Historiker, Politologen, Soziologen haben in den letzten Jahren ein verstärktes Interesse an den Verschränkungen zwischen Geschichte und Gedächtnis gezeigt und damit mehr oder weniger programmatisch zur Konstitution des neuen Forschungsgegenstandes beigetragen.

Zu diesem eminent interdisziplinären Projekt, an dem Psychoanalytiker, Historiker, Soziologen und Politologen beteiligt sind, hat auch eine kulturwissenschaftliche Gedächtnisforschung etwas beizutragen, die sich für die Dynamik von Erinnerungsprozessen und für die Vermittlung von subjektiver Erfahrung und wissenschaftlich objektivierter Geschichte interessiert. Ausgehend von der Prämisse, daß Erinnerung Wahrnehmung voraussetzt, möchte ich genauer nach den Wahrnehmungen und Reflexionen der Deutschen in den ersten Nachkriegswochen, -monaten und -jahren fragen. Über diese Fragen geben Texte Aufschluß, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit entstanden sind und die sich mit dem Problem der deutschen Schuld auseinandersetzen. Diese Texte, die damals in großer Zahl in den nach dem Krieg gegründeten neuen Zeitschriften erschienen sind, werden heute kaum noch zur Kenntnis genommen. Für Historiker haben sie vermutlich keinen Quellenstatus. Sie bergen jedoch ein wichtiges Potential an Information und Reflexion, auf das niemand verzichten kann, der sich für die deutsche Erinnerungsgeschichte interessiert. Es lohnt, zu diesem Anfang zurückzukehren, der ein Trauma einschließt, das auf untergründige Weise immer noch nachwirkt.

 

Das deutsche Trauma

Es ist charakteristisch für die deutsche Erinnerungsgeschichte, daß sie in Sprüngen und Eruptionen verläuft. Seit der Mitte der achtziger Jahre ist der bevorzugte Anstoß zur Erinnerung der Skandal gewesen, Skandal im Sinne der Erregung öffentlichen Ärgernisses und öffentlicher Aufmerksamkeit − man denke an Reagans Besuch in Bitburg (1985), den Historikerstreit (1986), die Jenninger-Rede (1988), das Buch und die Lesereise Goldhagens (1996) oder die Ausstellung über Verbrechen der Wehrmacht (1997) und schließlich die Debatte, die durch die Rede des Friedenspreisträgers Martin Walser ausgelöst wurde. Walser hatte sich darin gegen eine »Dauerpräsentation unserer Schande« gewehrt. Er klagte die Medien an, unentwegt die Bilder des Grauens aus den befreiten Konzentrationslagern zu zeigen, und beteuerte, daß er, dessen Sensibilität diesen Bildern nicht gewachsen sei, bestimmt schon zwanzigmal weggeschaut habe. Das hat bestimmt mancher getan, aber keiner wäre vor Walser auf die Idee gekommen, dies so trotzig öffentlich zu bekunden. In seinem von Erregung gezeichneten Abwehrgestus sehe ich das Nachbeben eines deutschen Traumas, das im Folgenden aus verschiedenen Perspektiven rekonstruiert werden soll.

Der Traumabegriff hat in den letzten Jahren eine unerhörte Konjunktur erfahren. Ursprünglich aus der Medizin- und Psychiatriegeschichte stammend, ist er zu einem Leitbegriff der Literatur- und Kulturwissenschaften avanciert. Dabei ist er von persönlichen Krankengeschichten abgelöst und zunehmend auf kollektive Leiderfahrungen in der Geschichte übertragen worden. Unter Trauma verstehe ich eine blockierte Erinnerung, die nicht ins Bewußtsein aufgenommen, sondern in einer unzugänglichen »Krypta« verschlossen wird, wodurch eine Erregung erzeugt wird, die sich noch langfristig in diffusen Symptomen niederschlägt.

Der Komplex, der im Jahre 1945 im Bewußtsein der Zeitgenossen eingeschlossen und versiegelt worden ist, betrifft meiner Ansicht nach die sogenannte Kollektivschuldthese. Dieses Wort steht für den Vorwurf der Siegermächte, daß das deutsche Volk in seiner Gesamtheit schuldig geworden und in der Weltmeinung verurteilt sei. Daß es eine solche pauschale Verurteilung der Deutschen zu irgend einem Zeitpunkt wirklich gegeben hat, wird von Historikern bestritten. Norbert Frei macht geltend, daß es kein historisches Dokument gibt, das diesen Vorwurf amtlich ausbuchstabiert und hält die Kollektivschuldthese deshalb für eine deutsche Erfindung.1 Bereits zwei Jahre zuvor hat sich Dagmar Barnouw im Merkur (Nr. 554, Mai 1995) mit einer Reihe von Fotos beschäftigt, die im Holocaust Museum in Washington unter der Rubrik »Confrontation« gesammelt sind und die deutsche Bevölkerung beim Ansehen von KZ-Greueln zeigen. In einer neuen Monographie zum Thema kommt sie überhaupt nicht vor.2

Der Soziologe Helmut Dubiel stieß in den Debatten des Deutschen Bundestages wiederholt auf den Begriff der Kollektivschuld. Da auch er die Kollektivschuldthese nicht für ein historisch belegbares Faktum hält, erklärt er sie zum Phantom eines schuldbeladenen Gewissens: »An der Abwehr der Kollektivschuldthese, die sich in den einschlägigen Debattenbeiträgen sehr häufig findet, ist vor allem bemerkenswert, daß sie auf einen Vorwurf reagiert, den niemand erhoben hatte. In keinem Dekret der Besatzungsmächte, in keiner öffentlichen Äußerung eines mit Definitionsmacht ausgestatteten britischen, französischen oder amerikanischen Politikers war jemals von einer kollektiven Schuld der Deutschen die Rede … Die geradezu obsessive Abwehr eines Vorwurfs, den niemand erhoben hatte, erlaubt einzig die psychoanalytische Deutung als ›Projektion‹. In dieser Abwehr wird nämlich die vielfältige − nach überkommenen moralischen und politischen Kriterien kaum deutbare − Verstrickung zahlloser Deutscher in die historisch beispiellosen Verbrechen ihres Staates indirekt eingestanden.«3

Im Widerspruch zu Dubiel möchte ich zeigen, daß der Topos der Kollektivschuld, der sich in Bundestagsreden »sehr häufig findet«, auf einer Erfahrungsgrundlage beruht. Und diese Erfahrung berührt ein Trauma, das die Anamnese von Schuld blockiert und damit die deutsche Erinnerungsgeschichte von ihrem ersten Anfang an verformt hat. Es hat durchaus etwas gegeben, worauf sich die reflexartige Abwehr der Kollektivschuldthese bezog. Das sind die Bilder aus den Konzentrationslagern, die von den Alliierten als Mittel der politischen Pädagogik eingesetzt wurden. Der dichte Schleier aus Verheimlichung, ungläubiger Abwehr und Nichtwissenwollen, der dieses dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte abgedeckt hatte, wurde mit diesen Bildern schlagartig zerrissen, die nach Befreiung der Konzentrationslager die von Deutschen begangenen Greueltaten publik machten. Wie die Deutschen auf diese Veröffentlichung im einzelnen reagierten, ist heute natürlich nicht mehr feststellbar. Doch gibt es schriftliche Reaktionen und Auseinandersetzungen mit dem Ereignis, die es erlauben, einige Konturen des deutschen Traumas zu markieren.

 

Offen liegt unsere Schmach vor den Augen der Welt

Zu den Formen der Veröffentlichung der nationalsozialistischen Verbrechen gehörte die unmittelbare Autopsie. In Bergen-Belsen und Buchenwald ließen die Alliierten die Bewohner der nahen Orte an den Leichenbergen vorbeiziehen. Eine ausführliche Beschreibung dieser Szene findet sich am Anfang des vorletzten Kapitels des Romans Doktor Faustus von Thomas Mann. Nachdem er die verschiedenen Stationen der deutschen Kapitulation erwähnt hat, läßt Mann seine Erzählerfigur fortfahren: »Unterdessen läßt ein transatlantischer General die Bevölkerung von Weimar vor den Krematorien des dortigen Konzentrationslagers vorbeidefilieren und erklärt sie – soll man sagen: mit Unrecht? −, erklärt diese Bürger, die in scheinbaren Ehren ihren Geschäften nachgingen und nichts zu wissen versuchten, obgleich der Wind ihnen den Stank verbrannten Menschenfleisches von dorther an die Nasen blies, − erklärt sie für mitschuldig an den nun bloßgelegten Greueln, auf die er sie zwingt, die Augen zu richten. Mögen sie schauen − ich schaue mit ihnen, ich lasse mich schieben im Geiste von ihren stumpfen oder auch schaudernden Reihen. Der dickwandige Folterkeller, zu dem eine nichtswürdige, von Anbeginn dem Nichts verschworenen Herrschaft Deutschland gemacht hatte, ist aufgebrochen, und offen liegt unsere Schmach vor den Augen der Welt, der fremden Kommissionen, denen diese unglaubwürdigen Bilder nun allerorts vorgeführt werden, und die zu Hause berichten: was sie gesehen, übertreffe an Scheußlichkeit alles, was menschliche Vorstellungskraft sich ausmalen könne. Ich sage: unsere Schmach. Denn ist es bloße Hypochondrie, sich zu sagen, daß alles Deutschtum, auch der deutsche Geist, der deutsche Gedanke, das deutsche Wort von dieser entehrenden Bloßstellung mitbetroffen und in tiefe Fragwürdigkeit gestürzt worden ist? … Wie wird es sein, einem Volke anzugehören, dessen Geschichte dies gräßliche Mißlingen in sich trug, … einem Volk, das mit sich selbst eingeschlossen wird leben müssen wie die Juden des Ghetto, weil ein ringsum furchtbar aufgelaufener Haß ihm nicht erlauben wird, aus seinen Grenzen hervorzukommen, − ein Volk, das sich nicht sehen lassen kann?«

In diesem Textausschnitt sind alle Elemente enthalten, die den Kern des deutschen Traumas berühren: das Argument, nichts gewußt zu haben, die Mitschuldfrage, die erzwungene Wahrnehmung der Greuel, die weltweite moralische Kontrolle, der Zwang zur negativen kollektiven Identifikation, die Entwertung deutscher Traditionen, das neue Bild der Deutschen als Paria-Volk. Dieser Text ist darüber hinaus getragen vom Pathos eines Bekenntnisses: Der im amerikanischen Exil schreibende Autor, der sich nicht zu einer Rückkehr nach Deutschland entschließen konnte, tritt ein in das nationale Wir, erklärt sich als Teil des negativ gebrandmarkten Volkes. Er tritt ein in die »schaudernden Reihen« und spricht wiederholt von »unserer Schmach«.

Auffällig in diesem Text ist das reiche Vokabular schamkultureller Begriffe. Immerzu ist von Augen, Schauen, Blicken die Rede, von »entehrender Bloßstellung« und dem Volk, »das sich nicht sehen lassen kann«. Durchgängig ist von Schmach und nicht von Schuld die Rede; wenn damit gerechnet werden muß, daß »alles Deutschtum… in tiefe Fragwürdigkeit gestürzt ist«, so liegt das weniger an den monströsen Verbrechen selbst als an deren »entehrender Bloßstellung«. Durchgängig wird im Text die Passivität des Kollektivsubjekts »deutsches Volk« betont; es schaut nicht, sondern wird gezwungen hinzuschauen, es wird geschoben, es wird für mitschuldig erklärt.

Diese Bilder des Grauens hat man inzwischen oft wiedergesehen. Jeder wird sich sein Leben lang an sie erinnern, wann und wo immer er sie zum erstenmal gesehen hat. Und doch sah man die Bilder 1945 anders als in den folgenden Jahren. Und das nicht nur, weil ihre erste Veröffentlichung die Wucht des Schocks steigerte. Entscheidender war, daß im selben Moment, als die Deutschen zum ersten Mal auf diese Bilder schauten, die Welt auf die Deutschen schaute. Die Betrachter waren zugleich Betrachtete; was sie sahen, sahen sie nicht nur coram publico, sondern coram globo. Der Schlüsselsatz in Manns Text lautet: »offen liegt unsere Schmach vor den Augen der Welt«. An die Stelle einer lang geübten Strategie offizieller Geheimhaltung und inoffiziellen Wegschauens im NS-Staat trat mit einem Schlag die Präsentation deutscher Schande unter den Augen der Weltöffentlichkeit.

Die Befürchtungen, daß die Deutschen zum neuen Paria-Volk werden, haben sich in dieser Form nicht bewahrheitet. Die junge Bundesrepublik gelangte schon bald wieder zu Wohlstand und politischem Ansehen. Anstelle der Isolation kam die Westintegration und der feste Platz im Bündnis der Nato. Und doch müssen damals viele ähnliches gefühlt haben, wenn auch wohl nur wenige solchen Gefühlen Ausdruck verliehen haben. Manns Text ist keine zutreffende Beschreibung der historischen Entwicklung, aber dafür möglicherweise eine um so akkuratere Artikulation der zeitgenössischen Wahrnehmung und der dabei beteiligten Projektionen. Manns Text ist eine literarische Verdichtung des deutschen Traumas.

 

Das ist eure Schuld!

Das Ritual der Veröffentlichung deutscher Verbrechen blieb nicht auf die Anwesenden beschränkt. Fotografische Bilder, die die Funktion der Beweisstücke gegen ein mörderisches Regime erfüllten, wurden bald auch an anderen Orten Deutschlands ausgestellt. Mit diesen Bildern sollte die Aufklärung einer Bevölkerung erzwungen werden, die sich von diesem Wissen immer noch abzuschotten versuchte. Auf offizielle Geheimhaltung und inoffizielles Wegschauen im NS-Staat folgte nun abrupt der Zwang zum Hinschauen beziehungsweise mit an Walser erinnernden Worten: die Präsentation deutscher Schande unter den Augen der Weltöffentlichkeit. Auch die Deutschen, die nicht in Bergen-Belsen oder Buchenwald an die Tatorte der Verbrechen geführt wurden, wurden durch Veröffentlichung der Bilder in eine Zeugen-Gemeinschaft hineingezwungen.

In einer materialreichen Studie hat Cornelia Brink den öffentlichen Gebrauch von Fotografien aus Konzentrationslagern untersucht. Es gab so etwas wie eine alliierte Medienpolitik für den Umgang mit dem besiegten Deutschland, die von der Joint Chiefs of Staff Direktive 1067 festgelegt wurde. Darin war von einer Politik der Härte die Rede, die auf die psychologische Kriegsführung vor der Kapitulation folgen sollte: »Härte ersetzt alle Schmeicheleien, die die psychologische Kriegsführung während der Kampfphase erforderte … Diese unnachgiebige Politik bedeutet, gegenüber einem besiegten Volk eine zurückhaltende Einstellung aufrechtzuerhalten. Das verlangt in höchstem Maß in allen Äußerungen einen strikten, nicht gefühlsbetonten, faktischen Journalismus. Die ersten Schritte der Reeducation werden sich streng darauf beschränken, den Deutschen unwiderlegbare Fakten zu präsentieren, um ein Bewußtsein von Deutschlands Kriegsschuld zu erzeugen sowie einer Kollektivschuld für solche Verbrechen, wie sie in den Konzentrationslagern begangen wurden.«4

Im Gegenzug zu der Propaganda des nationalsozialistischen Regimes wollten sich die Alliierten einer Strategie der Wahrheit bedienen und durch eine authentische und faktische Berichterstattung einen Schock der Wahrheit erzeugen, der zu einer Anerkennung von Schuld führen sollte. Die Unterstellung einer Kollektivschuld in der zitierten Direktive wurde bereits nach einer Woche revidiert, weil man erkannte, daß der Begriff der Kollektivschuld den Prozeß der Demokratisierung nicht beförderte, sondern eher behinderte. Die These von der Kollektivschuld der Deutschen nahm also nicht die Form einer offiziellen Doktrin an und hat auch keine juristischen Folgen nach sich gezogen. Gleichwohl gab es unterhalb dieser offiziellen Ebene eine Bilderkampagne, die als erster Schritt im Rahmen des Reeducation- Programms konzipiert war. Die Psychological Warfare Division organisierte über die Massenmedien eine großangelegte Informationskampagne über Rundfunk, Lautsprecher, Flugblätter, Zeitungen und Plakate. Im Mittelpunkt standen dabei Fotografien aus den befreiten Konzentrationslagern, die pädagogisch, moralisch, politisch wirken sollten. Krematoriumsöfen und Leichenberge sind die häufigsten Motive, deren Arrangement Cornelia Brink folgendermaßen kommentiert: »Die Bilder beschränken sich darauf, Kollektive vorzuführen, die einander gegenüber stehen. Sichtbar als Ankläger sind die Besatzungssoldaten, die Journalisten und Politiker. Unsichtbar, dennoch anwesend im Blickkontakt mit diesen ist eine deutsche Bevölkerung, für die diese Bilder veröffentlicht werden und die sie anschauen soll. Zwischen ›Weltöffentlichkeit‹ und Besatzungsmacht auf der einen und den Deutschen auf der anderen Seite liegen die Toten der Konzentrationslager. So vorgeführt, liefern sie den Beweis für die Verbrechen.« Diese Bilder, so stellt man heute fest, brachten die Deutschen weniger zu einer Wahrnehmung des unermeßlichen Leids der Opfer als zu einer Selbstwahrnehmung als Opfer. »Der Vorwurf einer deutschen Kollektivschuld«, so Wolfgang Benz, »wurde zur Metapher für alles Leid und Unrecht, das Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg angeblich geschah.«5

Vier Jahre nach Kriegsende besuchte Hannah Arendt Deutschland, wo sie von der Plakataktion erfuhr: »In den ersten Tagen der Besatzung waren überall Plakate zu sehen, die das fotografisch festgehaltene Grauen von Buchenwald mit einem auf den Betrachter deutenden Finger zeigten, zu dem der Text gehörte: ›Du bist schuldig‹.« 6 Cornelia Brink druckt in ihrem Band solche Plakate ab, die eine Auswahl an Bildern mit Begleittext und einer großen Überschrift verbinden. »Diese Schandtaten: Eure Schuld!« steht auf einem Plakat, sowie in kleinerer Schrift: »Ihr habt ruhig zugesehen und es stillschweigend geduldet«, und: »Das ist Eure große Schuld. Ihr seid mitverantwortlich für dieses grausame Verbrechen!«

 

 

Vieles spricht dafür, daß es dieses Plakat war, auf das Hannah Arendts Lehrer, der Philosoph Karl Jaspers, auf seine Weise reagierte. Als in Heidelberg die erste Universität zum Wintersemester 1945/46 unter der Aufsicht der Amerikaner wieder eröffnet wurde, hielt er eine Vorlesung über die geistige Situation in Deutschland. Diese Vorlesung erschien 1946 unter dem Titel Die Schuldfrage. Diese Frage, so schreibt Jaspers, habe für ihn »ihre Wuchtbekommen durch die Anklage seitens der Sieger und der gesamten Welt gegen uns Deutsche. Als im Sommer 1945 die Plakate in den Städten und Dörfern hingen mit den Bildern und Berichten aus Belsen und dem entscheidenden Satz: Das ist eure Schuld!, da bemächtigte sich  ine Unruhe der Gewissen, da erfaßte ein Entsetzen viele, die das in der Tat nicht gewußt hatten, und da bäumte sich etwas auf: Wer klagt mich da an? Keine Unterschrift, keine Behörde, das Plakat kam wie aus dem leeren Raum. Es ist allgemein menschlich, daß der Beschuldigte, ob er nun mit Recht oder Unrecht beschuldigt wird, sich zu verteidigen sucht … ›Das ist eure Schuld!‹ besagt … heute viel mehr als Kriegsschuld. Jenes Plakat ist schon vergessen. Was dort von uns erfahren wurde, ist jedoch geblieben: erstens die Realität der Weltmeinung, die uns als gesamtes Volk verurteilt − und zweitens die eigene Betroffenheit.«7

Auch Jaspers kehrt zu dieser Urszene der deutschen Schuld zurück. Was Jaspers in diesen Worten mehr andeutet als beschreibt, wird er für alle Zeitgenossen von damals deutlich genug ausgesprochen haben. Charakteristisch ist das in seinem Text durchgehaltene »wir« und »uns«. Er bedient sich hier noch einmal der Tonart des nationalen Diskurses, nachdem sich die Voraussetzungen für diesen Diskurs in ihr Gegenteil verkehrt haben: Zu Hitlers Zeiten war es das deutsche Volk gewesen, das den Rest der Welt bezwingen wollte, jetzt ist es dieser Rest der Welt, der als Sieger und Richter auf das bezwungene Deutschland blickt. Nach der Allmacht die Ohnmacht, nach der Hybris die Schuld. Mit der »Weltmeinung, die uns als gesamtes Volk verurteilt«, wird das Band der Nation noch einmal neu geknüpft, nun nicht mehr auf dem Boden eines positiven Selbstwertgefühls, sondern als Täterkollektiv auf dem Boden einer gemeinsamen Schande. Diese kollektive Prägung, diese Geburt einer neuen deutschen Identität aus dem Geist der Schande stand im Zentrum des Textauszugs von Thomas Mann. Jaspers dagegen schreibt explizit gegen diese Form der Identitätsprägung durch das kollektive Trauma an. Seine philosophische Analyse von Schuld, die eine sorgfältige Differenzierung dieses Begriffs vornimmt, ist seine Form der Abwehr der Kollektivschuldthese.

Sein Grund der Abwehr ist allerdings subtiler: Er wehrt sie ab, weil sie Abwehr mobilisiert. Denn für ihn führt der weltöffentliche Vorwurf der deutschen Kollektivschuld zu einer demütigenden Erfahrung kollektiver Scham und deshalb gerade nicht in die bewußte Auseinandersetzung mit der Schuld. Die letzten beiden Sätze des zitierten Abschnitts fügen sich schlecht zusammen. »Jenes Plakat ist schon vergessen« und »Was dort von uns erfahren wurde, ist jedoch geblieben«. Aber vielleicht ist es gerade dieser Widerspruch, zusammen mit seiner sprachlichen Unbeholfenheit, der auf das Problem hindeutet, um das es hier geht: die paradoxe Verknüpfung von Vergessen und Behalten, die das Trauma kennzeichnet.

Wie Thomas Mann spricht auch Jaspers von der Weltmeinung und dem kollektiven Verlust der Würde, aber weit wichtiger als das Problem der Scham ist ihm die Frage der Schuld. Ungleich stärker als auf die visuelle reagiert er auf die verbale Botschaft des Plakats. Seine Überlegungen zur Schuldfrage haben sich an der Verurteilung aller Deutschen »als gesamtes Volk« entzündet und sein Beitrag zur Problematik besteht in einer Differenzierung von Schuldbegriffen, die der »Kollektivschuldthese« ihre traumatische Spitze nehmen sollte.

 

Worüber man nicht schweigen darf und nicht sprechen kann

Neben Printmedien und Plakaten spielten auch Filmbilder eine wichtige Rolle. Anglo-amerikanische Teams sammelten seit März 1945 Bildmaterial, das in einen ersten Film mit dem Arbeitstitel KZ einging, der nur einem kleinen deutschen Publikum vorgeführt wurde. Im Januar 1946 kam dann der Film Die Todesmühlen in die deutschen Kinos. Da sich die Fertigstellung dieses Filmes verzögerte, »deckte sich seine politische Aussage, die noch von einer Kollektivschuld der Deutschen ausging, nicht mehr mit den neuen besatzungspolitischen Richtlinien«, wie Cornelia Brink schreibt. Erich Kästner, der vom NS-Regime verfolgte Autor, dessen Bücher bei der Bücherverbrennung auf deutschen Marktplätzen mit in Flammen aufgegangen waren, war als Berichterstatter bei den Nürnberger Prozessen mit dabei. Im Februar 1946 hatte er über Die Todesmühlen zu berichten. Seinem Bericht, Wert und Unwert des Menschen, stellte er folgenden Passus voran: »Amerikanische Kameraleute hatten in verschiedenen Konzentrationslagern, unmittelbar nach der Befreiung der Häftlinge, Aufnahmen gemacht, die jetzt überall als Film vorgeführt werden. Das unterdrückte Gefühl, wenigstens passiv an der Riesenschuld teilzuhaben, die Skepsis jeder ›Propaganda‹ gegenüber, die eigene Notlage und andere Gründe führten dazu, daß der Film seinen Zweck, im allgemeinen gesehen, nicht erreichte.«8

Kästner beschreibt die Bilder des Films, die den Anblick festhalten, der sich den Befreiern bot, die hohlwangig überlebenden Skelette ebenso wie die verstreut herumliegenden oder aufgestapelten Leichen, und er fügt hinzu: »Ich bringe es nicht fertig, über diesen unausdenkbaren, infernalischen Wahnsinn einen zusammenhängenden Artikel zu schreiben. Die Gedanken fliehen, so oft sie sich der Erinnerung an die Filmbilder nähern. Was in den Lagern geschah, ist so fürchterlich, daß man darüber nicht schweigen darf und nicht sprechen kann.« Er rekonstruiert die perverse Logik, die dieses gigantische Massenmorden mit äußerster materieller Sparsamkeit verkoppelt, und er macht deutlich, wie weit alle wissenschaftlichen Erklärungen von Massenwahn und Terror hinter diesen Bildern zurückbleiben. Aber auch die Reaktionen der Kinobesucher hat er genau registriert. Manche sind ergriffen, andere schweigen und etliche wehren das Gesehene als amerikanische Propaganda ab. »Die Kinos sind voller Menschen. Was sagen sie, wenn sie wiederherauskommen? Die meisten schweigen. Sie gehen stumm nach Hause … Wieder andere murmeln: ›Propaganda! Amerikanische Propaganda! Vorher Propaganda, jetzt Propaganda!‹ …Warum klingt ihre Stimme so vorwurfsvoll, wenn sie ›Propaganda‹ sagen? Wollen sie die Köpfe lieber wegdrehen, wie einige der Männer in Nürnberg, als man ihnen diesen Film vorführte?« Kästner endet seinen Artikel mit den Worten: »wir Deutsche werden gewiß nicht vergessen, wieviel Menschen man in diesen Lagern umgebracht hat. Und die übrige Welt sollte sich zuweilen daran erinnern, wieviel Deutsche darin umgebracht wurden.« Das ist sein Satz gegen die Kollektivschuldthese, die besonders die ehemaligen Dissidenten des NS-Regimes als ungerecht zurückwiesen. Das Thema der Kollektivschuld hatte Kästner bereits in verschiedenen seiner journalistisch-politischen Glossen aufgegriffen.

In einem Artikel mit dem Titel Splitter und Balken zum Beispiel setzte er sich mit den Thesen von C.G. Jung auseinander, die dieser nach dem Krieg in einem Interview mit einem Reporter der Zürcher Weltwoche äußerte. Jung hatte sich dort gegen »jenen beliebten gesinnungsmäßigen Unterschied zwischen Nazis und Gegnern des Regimes« ausgesprochen und damit die These von einer deutschen Kollektivschuld unterstützt. Es gäbe keine Scheidung zwischen anständigen und unanständigen Deutschen, alle seien »bewußt oder unbewußt, aktiv oder passiv, an den Greueln beteiligt«. Und Jung fährt fort: »Die Frage der Kollektivschuld ist … für den Psychologen eine Tatsache, und es wird eine der wichtigsten Aufgaben der Therapie sein, die Deutschen zur Anerkennung dieser Schuld zu bringen!«

Als ehemaliger Regimegegner kommentiert Kästner solche Aussprüche voller Bitterkeit: »es klang, als habe der bedeutende Mann eine Trompete des Jüngsten Gerichts verschluckt«, »wie dröhnte doch jetzt seine Stimme, gleich der eines etatmäßigen Seelenfeldwebels, über die Grenze!« Die Kollektivschuldthese verletzte das Rechtsempfinden der besseren Deutschen, zu denen sich Kästner rechnete, und die sich nun unterschiedslos in der Kategorie der schuldigen Deutschen wiederfanden. Kästner hielt Jung deshalb in seinem Artikel Die Schuld und die Schulden die Worte des amerikanischen Oberrichters und Hauptanklägers Jackson entgegen, der im November 1945 zu Beginn des Nürnberger Prozesses die Kollektivschuldthese bereits revidierte, indem er der Welt erklärte: »Wir wollen klarstellen, daß wir nicht beabsichtigen, das ganze deutsche Volk zu beschuldigen. Wir wissen, daß die Nazi-partei nicht auf Grund einer Mehrheit der abgegebenen Stimmen zur Macht kam.« Kästner konnte seinerseits zeigen, daß Jung bereits 1934 unter anderen Vorzeichen ein Anhänger kollektivistischer Denkmuster gewesen war, und er zitiert eine dekuvrierende Passage über das »kostbarste Geheimnis des germanischen Menschen, seinen schöpferisch ahnungsvollen Seelengrund«, das dem Juden Sigmund Freud naturgemäß verschlossen bleiben mußte. Seine eigene Haltung zur Kollektivschuldthese brachte Kästner auf die Formel: »Die Schuld müßte ich ablehnen. Die Schulden würde ich anerkennen.«

 

Die Stimme des Gewissens ist nicht wachgeworden

Zu den besseren Deutschen rechnete sich auch Eugen Kogon, der die Jahre von 1939 bis 1945 im Konzentrationslager Buchenwald verbracht hat und ab 1946 die Frankfurter Hefte zusammen mit Walter Dirks und Clemens Münster herausgab. Diese Zeitschrift sollte vom christlich-katholischen Gewissen bestimmt sein und »Sichtung und Orientierung« ermöglichen, »nachdem sich die Wasser einer propagandistischen Sintflut verlaufen« hatten, wie es im Editorial des ersten Heftes (April 1946) heißt. Gleich in seinem ersten großen Artikel unter der Überschrift Gericht und Gewissen setzte sich Kogon mit der Frage der Kollektivschuld auseinander. Die Wirkung der veröffentlichten Bilder und ihrer Überschriften schildert Kogon so: »Noch während es halbbetäubt um die erste Besinnung rang, stürzte ein Chor von anklagenden Stimmen des Abscheus und der Erbitterung über das deutsche Volk her. Es bekam nichts anderes zu hören als den tausendfachen Schrei: Ihr, ihr allein seid schuld! Ihr Deutsche seid schuldig! Da verwirrte sich das Herz des Volkes, in vielen verhärtete es sich. Wegen des argen Geschreis um sie und wegen der eigenen Blindheit wollten sie vom Insichgehen nichts mehr hören. Die Stimme ihres Gewissens ist nicht wachgeworden.«

Die große Gefahr sah Kogon darin, daß das deutsche Volk, »blutverschmiert und selbstbeschmutzt inmitten der zertrümmerten europäischen Arena unbesonnen« und trotzig verharrt. Die Vision, die er dagegen setzt, ist die eines christlich orientierten Prozesses von Schuldanerkennung, Reue, Buße und Läuterung. Noch ist nicht alles verdorben, und eine tiefgehende Selbstanalyse und Umkehr kann seiner Meinung nach sogar eine neue Mission Deutschlands in Europa vorbereiten. Er wünschte sich, daß die Deutschen die größte Niederlage ihrer Geschichte »zum Anlaß nehmen, um in die eigenen verschütteten Tiefen hinabzusteigen, wo das Gold der hohen deutschen Qualitäten − jawohl: das Gold! − begraben liegt, den historischen und nationalpsychologischen Wurzeln der Schuld nachzuspüren und nach Generationen der Geduld gewandelt zur Erfüllung der wahren deutschen Aufgabe in Europa und der Welt, zur Leistung des Beitrags, der seinem gereinigten Wesen entspricht, hervorzutreten«.

Anders als Thomas Mann ging der in Traditionen eines nationalen Katholizismus wurzelnde Kogon nicht von einer Kontaminierung aller deutschen Traditionen durch die NS-Verbrechen aus. Er wollte deshalb auch keine totale Erneuerung von außen, wie es das Programm der Reeducation vorsah, sondern eine Erneuerung von innen aus dem Geist des christlichen Abendlands. Diese Erneuerung von innen aber sah er wie Jaspers durch die Kollektivschuldthese der Alliierten gefährdet, die er nicht mit derselben Bußfertigkeit wie Thomas Mann hinnehmen konnte. Viel schärfer noch als Kästner hat Kogon diese Form der politischen Pädagogik kritisiert, die er für ebenso ungerecht wie ineffektiv hält: »Die Kräfte der Besinnung im Deutschtum zu wecken, war Aufgabe einer weitblickenden Realpolitik der Alliierten. Sie faßte sie in dem Programm der ›reeducation‹ zusammen. Und sie wurde eingeleitet durch die These von der deutschen Kollektivschuld. Der Anklage-›Schock‹, daß sie alle mitschuldig seien, sollte die Deutschen zur Erkenntnis der wahren Ursachen ihrer Niederlage bringen. Man kann heute, fast ein Jahr nach Verkündigung der These, nur sagen, daß sie ihren Zweck verfehlt hat … Die ›Schock‹-Pädagogik hat nicht die Kräfte des deutschen Gewissens geweckt, sondern die Kräfte der Abwehr gegen die Beschuldigung, für die nationalsozialistischen Schandtaten in Bausch und Bogen mitverantwortlich zu sein. Das Ergebnis ist ein Fiasko.«

Die Schock-Pädagogik der »alliierten KL-Propaganda« sei so problematisch gewesen, weil sie in Wirklichkeit das Gegenteil von dem beförderte, was sie angezielt hatte. So sei »zum seelischen Hindernis der inneren Erneuerung geworden«, was der Anfang der Besinnung hätte sein können. Mit der berechtigten Abwehr einer nationalen Kollektivschuld sei zugleich jeder Impuls einer Auseinandersetzung mit individueller moralischer Schuld erstickt worden. Kogon, der sich zu jener »guten Hälfte des deutschen Volkes« zählte, die das Kriegsende nicht als Niederlage, sondern als »Befreiung« erlebt hatte, hoffte für die andere Hälfte auf eine innere Wandlung. Deutschland, so schrieb er, »wird den Richter dann nichtmehr zu fürchten brauchen, weil es sich selber ehrlich beurteilt hat«. Doch hat die Kollektivschuldthese nicht zu einer Bewußtwerdung der Deutschen geführt, sondern im Gegenteil zu einer Wahrnehmungsblockade. Die enthüllten Konzentrationslager sind nicht, wie Kogon es erhofft hatte, zu »Marksteinen der deutschen Selbstbesinnung« geworden. Diese Aufgabe wurde an die Nachgeborenen delegiert.

 

Das hat mich durchgehauen bis auf den Grund

Die letzte Stimme, die ich in meiner Beispielreihe heranziehe, widerspricht Kogons Einschätzung. Es handelt sich, zumindest auf den ersten Blick, um ein Zeugnis von der eindringlichen Wirkung dieser politischen Schock-Pädagogik. Von den bisher gehörten Stimmen unterscheidet es sich markant. Zum einen stammt es nicht aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, und zum anderen meldet sich hier ausnahmsweise einmal das Gewissen eines Täters zu Wort, der aus dem Kreis der politisch aktiven Nationalsozialisten stammt.

Es geht um das autobiographische Zeugnis eines SS-Offiziers, der in Himmlers »Ahnenerbe« maßgeblich an der nationalsozialistischen Kulturpolitik mitwirkte und nach dem Krieg unter anderem Namen eine neue, gutbürgerliche Existenz gründete, in der er rasch wieder zu Ruhm und Ansehen kam. Ich meine den spektakulären Fall des Germanistikprofessors und Rektors der Aachener Universität Hans Schwerte, der erst 1995 im hohen Alter als ehemaliger SS-Mann Hans Schneider enttarnt wurde und inzwischen zum Gegenstand von drei Monographien geworden ist.

Schneider/Schwerte ist kein Jekyll und Hyde. Der Mann mit den beiden Namen ist nicht sein eigener Doppelgänger gewesen, sondern hat nacheinander zwei Leben geführt, die (fast) nichts miteinander zu tun hatten. Der Politologe Claus Leggewie, der sich mit diesem Fall beschäftigt und Schwerte ausführlich interviewt hat, bezeichnet diesen Sachverhalt treffend als »diachrone Schizophrenie«.9

Zwischen den beiden Existenzen liegt ein Wendepunkt, der von Schwerte als »Schockkonversion« beschrieben wurde. »Schockpädagogik« und »Schockkonversion« passen zusammen wie das Konvex zum Konkav. Dieser von ihm selbst so stilisierte Punkt der Umkehr ist für uns von besonderem Interesse, weil er eine Momentaufnahme des Menschen jenseits seiner beiden Rollen präsentiert. Dieser Moment ist allerdings keine Stunde der Wahrheit, aber wohl der signifikanteste Augenblick von Schneider/Schwertes virtuoser biographischer Selbstinszenierung.

Schwerte hat seinem Gesprächspartner Leggewie diese Konversionsgeschichte fünfzig Jahre später mit folgenden Worten erzählt: »Im Mai schien eine wunderbar warme Frühlingssonne. Ich ging, sozusagen auf den Spuren Thomas Manns, in Lübeck spazieren. An der Obertrave gab es herrliche Spazierwege, die von Bäumen gesäumt sind. An diese Bäume hatten die Engländer Bilder aus den Konzentrationslagern gepinnt. Zu sehen waren auch die KZ-Wärter, und diese hatten eben jene schwarze Uniform an, die ich selbst getragen hatte. Das hat mich durchgehauen bis auf den Grund. Neben mir stand ein unbekannter Mann in einer Schirmmütze. Ich war so aufgewühlt, daß ich dem, was ich mit eigenen Augen sah, kaum glauben konnte. Aber dieser Mann bestätigte mir unter Tränen, genau so sei es in den Konzentrationslagern zugegangen. Er sagte, er könne es beurteilen, da er selbst Angehöriger des Wachpersonals gewesen sei. ›Ich bin dabeigewesen‹, diesen Satz aus seinem Munde werde ich nie vergessen. Der Mann hieß Batschka oder so ähnlich. Er war Angehöriger der Totenkopfdivision und war als blutjunger Ausländerdeutscher von der SS zum Lagerdienst rekrutiert worden.«

Auch wenn diese Geschichte wenig Anspruch auf Wahrhaftigkeit machen kann, ist sie dennoch höchst signifikant. Wieder stehen die Bilder von Bergen- Belsen im Mittelpunkt, die die Einzelbiographie mit der Kollektivgeschichte und also Schneider/Schwertes Moment der Konversion mit der traumatischen Umprägung deutscher Identität verknüpfen. Von einer expliziten Schuldzuweisung an alle Deutschen in einer Beischrift ist hier nicht die Rede.

Mit dem moralischen Imperativ der Alliierten fehlt auch die reflexhafte Abwehr, an deren Stelle hier die Identifikation getreten ist: die abgebildeten KZ-Wärter »hatten eben jene schwarze Uniform an, die ich selbst getragen hatte«. In diesem Augenblick, der einem Eingeständnis eigener Schuld sehr nahe kommt, ist der Betrachter des Plakats ganz mit sich, seinen Erinnerungen und seinem Gewissen allein. Dieser Moment ist in einem Satz zusammengefaßt, der zugleich mit der Wucht des Schocks die existentielle Kehre beschreiben soll: »Das hat mich durchgehauen bis auf den Grund.« Ein Blitz der Selbsterkenntnis in der Anerkennung von Schuld, möchte man vermuten. Doch so plötzlich dieser Moment kam, so plötzlich ist er auch schon wieder vorbei, denn sofort hat das traumatisch exponierte Ich seinen Stellvertreter und Sündenbock gefunden. Den Satz: »Ich bin dabeigewesen« spricht dieses Ich nämlich gar nicht selber aus, sondern legt ihn einem anderen in den Mund. Die vermeintliche Sekunde der Wahrheit ist also gar keine, denn sie bleibt gänzlich folgenlos. Auf den Moment der Erkenntnis von Schuld folgt unmittelbar die Verschiebung der Schuld und die Selbst-Rückstufung vom Täter zum ungläubigen Beobachter.

Am Ende dieser autobiographischen Erinnerung steht der Name eines Fremden. Er »hieß Batschka oder so ähnlich«. Soll hier ein unmotiviertes Detail der eigenen Geschichte Glaubwürdigkeit verleihen? Eine andere Erklärung ist wahrscheinlicher. Die Erwähnung des Namens Batschka und die Andeutung von dessen Lebensgeschichte haben einen denunziatorischen Charakter. Der Erzähler, der ja um keinen Preis bereit war, seinen eigenen Namen preiszugeben, kann sich um so besser an andere Namen und Biographien erinnern. Als Erfahrungsbericht einer Schockkonversion taugt die Geschichte also vorne und hinten nicht. Denn das Ich, das hier in der Frühlingssonne an der Obertrave spazierengeht, hat seine Namenskonversion ja schon hinter sich. Für diese bedurfte es keines Gewissensschocks, sondern allein der Angst vor Entdeckung. Namenskonversion und Identitätskonversion fallen aber nicht nur auseinander, sie heben sich in ihrer Wirkung auch gegenseitig auf. Denn während eine Identitätskonversion nur auf der Anerkennung der früheren Schuld und damit auf Erinnerung gegründet sein kann, gründet Schneider/Schwertes Umbenennung auf Vergessen, weil mit dem früheren Ich zugleich dessen Erinnerungen abgeschnitten werden. So also funktioniert diachrone Schizophrenie.

Leggewie vertritt die These, daß es sich bei dem Fall Schneider/Schwerte trotz aller spektakulären Einmaligkeit doch um einen exemplarischen deutschen Fall handele; exemplarisch nicht nur aufgrund einer gewissen statistischen Häufigkeit − in der Tat hat es in den fünfziger Jahren viele vergleichbare »U-Boot«-Existenzen gegeben −, sondern exemplarisch im Sinne einer individuellen Verkörperung eines nationalen Prozesses der »Umpolung kollektiver Identität«. Der Autor spricht mit Blick auf den Fall Schneider/Schwerte geradezu von einer Parabel. Er weist darauf hin, daß auch die neue Bundesrepublik ihre Identität durch eine Namensänderung gewann und daß sich diese Bundesrepublik ebenfalls im Zuge einer forcierten Umorientierung von ihren Erinnerungen abgewendet hat, die sie nun zu einem späten Zeitpunkt wieder einholen: »Der westliche Teil Deutschlands hat, anfangs genauso tastend, bewußtlos und verlogen wie Schwerte, eine demokratische Karriere begonnen, die niemals lupenrein und doch überraschend erfolgreich war − um am Ende, genau wie Schwerte, wieder mit der braunen Vorgeschichte konfrontiert zu werden und mißtrauische Fragen nach der Aufrichtigkeit der Konversion gestellt zu bekommen.«

In der Perspektive der Historiker ist die Kollektivschuldthese eher ein Konstrukt der Phantasie als ein Faktum der Geschichte. In der Perspektive einer Gedächtnisgeschichte verringert sich der Abstand zwischen Konstrukt und Faktum. Das ist kein Plädoyer für ein Verschwimmen der Kategorien, wohl aber eines für einen multidisziplinären Zugang zum Problem und eine Ausweitung der Quellen. Das deutsche Trauma, das ich zu rekonstruieren versucht habe, ist für die deutsche Erinnerungsgeschichte von nachhaltiger Wirkung gewesen. Es entzündete sich nicht an den von Deutschen begangenen Verbrechen, sondern an den Umständen ihrer Veröffentlichung seitens der Alliierten. Es war ein Trauma nicht der Schuld, sondern der Scham. Und dieses kollektive Trauma der Scham ist bis zu Walser ein nachhaltiger Schutzschild gegen moralische Auseinandersetzung und kollektive Erinnerung geblieben.

 

 

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Norbert Frei, Vergangenheitspolitik (München: Beck 1996) und Von deutscher Erfindungskraft oder: Die Kollektivschuldthese in der Nachkriegszeit. In: Rechtshistorisches Journal, 1997, S.621−634.
  2. Gesine Schwan, Politik und Schuld. Frankfurt: Fischer 1997.
  3. Helmut Dubiel, Niemand ist frei von der Geschichte. München: Hanser 1999.
  4. Zitiert nach: Cornelia Brink, Ikonen der Vernichtung. Berlin: Akademie 1998.
  5. Wolfgang Benz, Etappen bundesdeutscher Geschichte am Leitfaden unerledigter deutscher Vergangenheit. In: Brigitte Rauschenbach (Hrsg.), Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten. Berlin: Aufbau 1992.
  6. Hannah Arendt, Besuch in Deutschland. Berlin: Rotbuch 1993.
  7. Karl Jaspers, Die Schuldfrage. München: Piper 1979.
  8. Erich Kästner, Gesammelte Schriften. Bd.5. Köln: Kiepenheuer &Witsch 1959.
  9. Claus Leggewie, Von Schneider zu Schwerte. München: Hanser 1998.

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