Heft 900, Mai 2024

An der Seite Israels

von Jonas Rosenbrück

Irrwege und Sonderwege

Seit den brutalen Attacken der Hamas am 7. Oktober 2023 und dem darauffolgenden Krieg Israels im Gazastreifen hat sich auch das internationale Bild Deutschlands geändert. Als einer der engsten Verbündeten Israels wird Deutschland verstärkt mit dessen Politik und Kriegsführung assoziiert und erhält für diesen Schulterschluss sowohl Lob als auch Tadel. Scharfe Kritik kam zum Beispiel vom (inzwischen verstorbenen) namibischen Präsidenten Hage Geingob angesichts der deutschen Positionierung »an der Seite Israels« vor dem Internationalen Gerichtshof. Deutschlands Verteidigung Israels gegen Südafrikas Vorwurf, Israel begehe Völkermord im Gazastreifen, sei eine »schockierende Entscheidung«, die Deutschlands »Unfähigkeit« anzeige, »Lehren aus seiner schrecklichen Geschichte zu ziehen« – gemeint war hier der deutsche Genozid im heutigen Namibia von 1904 bis 1908.

Eine zunehmende globale Isolierung lässt sich auch am Abstimmungsverhalten der Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen ablesen; hier steht Deutschland gegen eine sehr klare Mehrheit. Bei vielen Künstlerinnen und Künstlern und Intellektuellen nicht nur im Globalen Süden gilt es inzwischen als ausgemacht, dass in Deutschland jede Perspektive, die Kritik an Israel übt, als antisemitisch gebrandmarkt und unterdrückt wird. Die Initiative »Strike Germany«, ein Aufruf an alle Kulturschaffenden, Deutschland aufgrund seiner »Repression« zu boykottieren, wird nicht nur von der Nobelpreisträgerin Annie Ernaux unterstützt, tatsächlich sahen sich Veranstaltungen wie die Berlinale, die Berliner Transmediale und andere Ausstellungen mit (einer allerdings überschaubaren Zahl von) Absagen konfrontiert.

Auf die Kritik an Deutschland lassen sich zwei Antworten geben. Die erste, in der deutschen Presse verbreitet, sieht diese Phänomene als Auswüchse eines postkolonialen Diskurses, der weder Israels noch Deutschlands historische Position und moralische Verpflichtungen versteht. Die zweite Antwort würde solche Ereignisse nicht (oder nicht nur) als Irrwege begreifen, sondern als Hinweis auf ein wirkliches Problem in der deutschen Beziehung zu Israel.

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