Heft 927, August 2026

Anarchofaschismus reloaded

von Johannes Geck

Georg Büchner, Dantons Tod

Im Januar dieses Jahres ging ein Video viral. In einer Luxuslimousine wiegen sich fünf Männer zu Kanye Wests auf den meisten Plattformen gesperrtem Song Heil Hitler. Zu sehen sind Tristan Tate, Sohn eines afroamerikanischen Vaters, in Rumänien des Menschenhandels angeklagt; Myron Gaines, Streamer mit sudanesischen Wurzeln und mehrfacher Holocaustleugner; Sneako, philippinisch-haitianischer Abstammung, konvertierter Muslim und wegen antisemitischer und frauenfeindlicher Aussagen von YouTube verbannt. Und in ihrer Mitte Nick Fuentes, weißer Nationalist und offener Mussolini-Bewunderer, der bei anderer Gelegenheit erklärt hatte, die meisten Schwarzen gehörten hinter Gitter. Zusammen versammeln die fünf eine Followerschaft von über fünfzehn Millionen Menschen hinter sich.

Auf den ersten Blick passt hier gar nichts zusammen. Nach Fuentes’ eigenen Maßstäben müsste er drei seiner vier Mitfahrer als Feinde bekämpfen. Stattdessen feiert er mit ihnen, und das so selbstverständlich, dass die Frage nicht mehr lautet, wie man sich solche Bündnisse erklärt, sondern was man bisher übersehen hat, wenn sie keiner Erklärung mehr zu bedürfen scheinen. Was diese Männer verbindet, ist keine geschlossene Weltanschauung, sondern eine Pose, der ideologische Konsistenz nachgeordnet ist. Diese Pose aber übt ihre Träger in eine bestimmte Weltdeutung ein, die sich als anarchofaschistisch beschreiben lässt.

Ihr faschistischer Charakter tritt hervor, sobald man sie nicht als Stilfrage isoliert, sondern als Stilisierung einer bestimmten Vorstellung des Politischen begreift. In ihr zirkulieren die Affekte, die Robert Paxton in seiner Anatomy of Fascism als »mobilizing passions« beschrieben hat: von der Schönheit der Gewalt über Instinktfixierung bis hin zur nihilistischen Abwärtsspirale. Insofern ist die Pose keine bloße Oberfläche, sondern die ästhetische Form, in der eine antiegalitäre Weltanschauung sich vorbewusst Ausdruck verschafft. Diese Form lässt sich seit einigen Jahren auch in einer Reihe von Romanen beobachten, die innerhalb der intellektuellen Rechten und auch darüber hinaus rezipiert werden. Faschismus meint hier weder ein epochal gebundenes Herrschaftsregime noch eine geschlossene Ideologie, sondern, mit Roger Griffin, ein Muster, das auch »im embryonalen Zustand« erkennbar bleibt: im Kopf eines Ideologen, zwischen zwei Buchdeckeln, in einem viralen Clip. Was die jüngere Forschung als Faschisierung beschreibt, also die schleichende Verbreitung faschistischer Affekte und Sprechweisen in eigentlich nichtfaschistischen Milieus, samt einer wachsenden Lust an Zerstörung, findet in dieser Pose ihren ästhetischen Ausdruck.

Ihr anarchisches Moment wiederum liegt nicht in einer politischen Theorie des Anarchismus, sondern rührt vom Werk Ernst Jüngers her. Anders als der Anarchist, der gegen jede Macht zu kämpfen meint, hatte Jünger mit dem »Anarchen« eine Figur entworfen, die sich den Machtstrukturen, die sie vorfindet, zeitweise äußerlich anpassen kann, ohne sich ihnen aber innerlich zu unterwerfen. In der Aktualisierung dieser Attitüde der Überlegenheit, der Einnahme einer aristokratischen Position liegt der spezifische Beitrag der neuen anarchofaschistischen Pose. Während der historische Faschismus auf Massenmobilisierung und totale Unterordnung unter den Führerstaat setzte, wird darin ein Faschismus der einsamen Wölfe propagiert, der sich jeder organisatorischen Einbindung verweigert. Diese Transformation macht ihn anschlussfähig für eine Generation, die in radikaler Selbstverwirklichung sozialisiert wurde und gleichzeitig nach autoritären Sinnstiftungsangeboten sucht, nachdem die Horizonte der politischen Orientierung eingestürzt zu sein scheinen.

Deutsche Nihilismen

Faschistische Ideologien kennen, wie Roger Griffin gezeigt hat, zwei Spielarten des Kulturpessimismus: die passive, die im Verfall keinen Ausweg sieht und in den Terror mündet, und die palingenetische, die den Verfall als Morgendämmerung einer neuen Ordnung deutet. Die Belletristik, von der hier die Rede ist, liefert die Ästhetisierung beider Typen, oft in unmittelbarer Nachbarschaft.