Heft 884, Januar 2023

Ausweitung der Komfortzone

von Angelika Schwarz

»Licht, das mit einem Fingerdruck an- oder ausgeht; eine Lufttemperatur, die unabhängig von den Jahreszeiten ist; Wasser, das auf Befehl, ganz nach Wunsch, jederzeit und überall heiß oder kalt fließt; all das und der Körper, der dadurch geformt wird …«. So beschreibt Lucien Febvre den »modernen, selbstzufriedenen Komfort« als Kernelement der westlich-urbanen Lebensweise.1 Künstliche Beleuchtung, Zentralheizungen und Klimaanlagen zählen neben elektrischen Haushaltsgeräten oder gepolsterten Möbeln zu den Requisiten des komfortablen Lebens, die in ihrer selbstverständlichen und allgegenwärtigen Verfügbarkeit den Gegensatz zu traditionellen Gesellschaften markieren. Die Ausrichtung auf Komfortbedürfnisse wirkt sich auf subtile, aber doch einflussreiche Weise auf die Gestaltung des Alltagslebens aus.

Ganze Industriezweige von der Ergonomie bis zur Klimatechnik orientieren sich beispielsweise an der Definition des Komfortablen. Die Gebäudeplanung und Architektur, das Design und die technische Ausstattung von Innenräumen sind auf die Frage spezialisiert, wie Aufenthaltsorte eingerichtet sein müssen, um dem menschlichen Organismus eine möglichst angenehme und stressfreie Erfahrung zu bereiten. In Febvres Formulierung klingt jedoch bereits an, dass das Bedürfnis nach Komfort, also nach Zuständen des Angenehmen, des Behaglichen oder des Bequemen, nicht immer schon da ist und lediglich auf seine Realisierung durch den technologischen Fortschritt wartet. Die moderne Anspruchshaltung auf ein komfortables Leben wird im Gefüge von kulturellen Dispositionen und technischer Infrastruktur überhaupt erst »geformt« – sie ist Gewöhnungssache.

Was dem Körper zugemutet werden kann und welche Grenzen der Empfindlichkeit berücksichtigt werden müssen, ist seit den jüngsten Debatten um eingeschränkte Energielieferungen erneut zur politischen Streitsache geworden. Bei der Aufrechterhaltung von westlichen Komfortstandards – das weiß auch das Bundeswirtschaftsministerium – handelt es sich um eine energieintensive Angelegenheit. Nicht nur der aktuelle Krisenwinter, auch die langfristige Erwartung extremer Temperaturereignisse rücken Szenarien des Ungemütlichen erneut in den Raum des Möglichen. Auch wenn der Rede vom Komfort stets der Verweis auf natürliche und überhistorische Bedürfnisse anzuhören ist, werden die Grenzen des Erträglichen je nach Krisenlage neu vermessen.