Boom und Zerstörung
Russlands Kulturpolitik im Zeichen des Ukrainefeldzugs von Kerstin HolmBegegnungen vor Ort: Neugier und Vorsicht
Ich persönlich habe bei meinen Besuchen in den letzten Jahren in Russland keinerlei Feindseligkeiten erlebt. Die Leute scheinen sich zu freuen, wenn es noch Europäer in ihr Land verschlägt. Wegen der sehr aggressiven staatlichen Propaganda und Desinformation sind viele neugierig auf Informationen von Leuten aus dem Ausland. Jedenfalls fragten mich im vergangenen Sommer wildfremde Frauen (in Samara und im Fernzug dorthin), ob es denn stimme, dass, wie die Staatsnachrichten behaupteten, die Europäer Russen hassten, ukrainische Flüchtlinge sich in Deutschland schlecht benähmen, und dass es verboten sei, in Deutschland mit dem »Z«-Zeichen der Kriegsunterstützer herumzulaufen.
Zugleich sind die Menschen merklich vorsichtiger geworden. Ein paar Beispiele: Ein gutes Jahr nach Beginn der Vollinvasion 2023 kam im Moskauer Schwimmbad noch eine ältere Frau, die ich aus der Zeit, als es viele westliche Ausländer in Russland gab, vom Sehen kannte, auf mich zu, um mir zu sagen, dass sie »das, was da gerade passiert« (also die Großinvasion in die Ukraine), entschieden missbillige. Einige Monate später war ich im Kunstmuseum von Tambow, dort drängte mich die Verkäuferin des Souvenirladens, Christbaumschmuck mit Friedenssymbolik zu kaufen, mit dem Argument, das sei jetzt »sehr aktuell und wichtig«.
In Frühsommer 2025 hörte ich solche Signale nicht mehr. In Moskau lobten vielmehr zweimal fremde Leute, einmal in der Sauna, einmal ein gepflegter Mitpassagier im nagelneuen Bus, ungefragt, wie unvergleichlich schön und komfortabel die Hauptstadt doch sei. Was übrigens stimmt, in puncto Sauberkeit und öffentliche Verkehrsmittel ist Moskau ein Traum. Die Hauptstadt ist aber auch ein eigener Planet, sie saugt die Ressourcen des ganzen Landes auf, und die Folgen der »Militärischen Spezialoperation« in der Ukraine spürt man hier noch vergleichsweise wenig. Allerdings sind auch überall Gesichtserkennungskameras installiert, in der Metro, in Bussen, an Hauseingängen. Die Mutter einer emigrierten Journalistin, die ich in einer Metro-Station traf, versicherte mir, die glänzende Hülle täusche, die kulturelle Substanz darunter sei weitgehend zerstört.
Tatsächlich waren gerade in Moskau vor der Vollinvasion besonders viele demokratische Künstler und Aktivisten tätig. Sie waren aber auch besonders stark von der Ausreisewelle und von Verhaftungen betroffen, auch die Schließung von Theatern und die Umstrukturierung beziehungsweise Schließung von Museen betraf vor allem die Hauptstadt: die Tretjakow-Galerie und das Puschkin-Museum bekamen neue Direktorinnen ohne kunsthistorische Qualifikation; das Gulag-Museum und das Memorial-Museum wurden geschlossen. Die verbliebenen Regimegegner etwa an den Hochschulen oder im Verlagswesen sind nicht mehr öffentlich sichtbar, einige Künstler (etwa vom teatr.doc) und Aktivisten (Memorial) arbeiten mehr oder weniger im Untergrund.
Kulturboom in Kriegszeiten
Die Atmosphäre von Angst, Selbstzensur und extremer Vorsicht, die die immer repressiveren Gesetze und Zensurregeln sowie die Prozesse gegen im Kulturbetrieb Tätige erzeugt haben, betrifft natürlich das gesamte Land. Dass der Zensur-Boom seit der Vollinvasion von einem von staatlichen und privaten Geldern finanzierten Kultur-Boom begleitet wird, ist dabei nur auf den ersten Blick paradox.
Die Kulturförderung soll internationales Prestige einbringen, das gegen ukrainische und westliche Vorwürfe russischer Barbarei geltend gemacht werden kann. Zugleich soll das Kulturleben vor dem Hintergrund des Kriegsgeschehens Normalität im Innern demonstrieren, die Repressionen übertönen und Feststimmung erzeugen. Und natürlich soll es die Leute im Sinn von Patriotismus und traditionellen Werten auch ästhetisch-kulturell erziehen beziehungsweise umerziehen.
Die Kunst des gesprochenen und geschriebenen Wortes steht dabei naturgemäß besonders im Fokus. Gleich nach Beginn der Großinvasion im Frühjahr 2022 wurden die letzten liberalen Medien wie der Radiosender Echo Moskwy und die Zeitung Nowaja Gaseta geschlossen. Nach der Schließung des Gogol-Zentrums und des Meyerhold-Zentrums in Moskau ist dort als renommierte Sprechbühne noch das Kammertheater »Innenraum« (Prostranstwo wnutri) verblieben, dort läuft etwa immer noch das nach 2022 herausgekommene dokumentarische Stück Hiroshima über die Folgen der Atomexplosion, das indirekt auf das derzeitige Kriegsgeschehen verweist. Es wird gespielt von dem Frauenensemble »Sosos Töchter«, das die wegen »Terrorismus« im Gefängnis einsitzende Schenja Berkowitsch gegründet hat. Der dreißig Jahre alte Regisseur des Stückes, Alexander Plotnikow, hat Russland inzwischen verlassen.
Eine weitere nach wie vor wichtige Moskauer Bühne ist das Theater der Nationen, wo in der letzten Saison der Regisseur Anton Fjodorow (Jahrgang 1981) Don Quijote inszeniert und aktualisiert hat, als Geschichte eines verwahrlosten alten Tyrannen irgendwo in einem lateinamerikanischen Kriminellenmilieu, der sich Wahnideen von »Traditionen« angelesen hat und diese seiner Umgebung mittels terroristischer Übergriffe aufzuzwingen versucht – was offensichtlich auf das Putin-Regime anspielt. Die Aufführung arbeitete mit anspielungsreichen Wortwitzen wie der Formel vom »Ritter von der traurigen Gestalt«, auf russisch abgekürzt RPO, was an RPZ, die Abkürzung für Russisch-Orthodoxe Kirche, erinnert, die Russland ja in eine vermeintlich bessere Vergangenheit zurücktreiben will. Das Premierenpublikum lachte dankbar. Solch etwas spitzfindiger Humor, wie er heute auf russischen Bühnen anzutreffen ist, erschließt sich für Außenstehende nicht ohne Weiteres. Moskauer Gesprächspartner sagten mir, diese an Sowjetzeiten erinnernde Lachkultur habe etwas Sklavisches an sich.
Russische Büchervernichtung
Die Buchbranche blieb länger frei, dorthin flossen keine staatlichen Gelder, und die Staatsmacht war bis zur Großinvasion der Ansicht, Bücherlesen sei ein eher elitäres Vergnügen für wenige. Einige Tabuthemen gab es schon vor 2022, zum Beispiel die nationale Unabhängigkeit der Ukraine oder das Nation Building überhaupt, zumal von Nationen auf dem Territorium des Russischen Imperiums. Auch Bücher, die die Soros-Stiftung Open Society publiziert hatte, wurden schon in den Zehnerjahren aus Bibliotheken entfernt, unabhängig von ihrem Inhalt; die Soros-Stiftung gilt seit 2015 als unerwünschte Organisation.
Nach 2022 wurden dann auch internationale NGOs wie Transparency International, Greenpeace, der WWF, politische Stiftungen wie die Heinrich-Böll- oder die Friedrich-Ebert-Stiftung sowie das Deutsche Historische Institut (DHI) zu in Russland unerwünschten Organisationen erklärt. Nach jedem dieser Verbote mussten Bibliotheken und Verlage die Bücher, die mit Unterstützung dieser Institutionen produziert worden waren, aus ihren Beständen entfernen, ebenfalls unabhängig von ihrem Inhalt, der oftmals politisch neutral war. Die Ordnungshüter veranstalteten Razzien in Bibliotheken, oft aufgrund von Denunziationen, also mussten Bibliothekare und Verlagsleute immer mehr Titel aus dem Programm beziehungsweise den Regalen nehmen, verschenken oder vernichten, weil ihnen sonst Strafzahlungen drohten oder Schlimmeres. In vielen Regionen sind langjährige, verdiente Bibliotheksmitarbeiter wegen vermeintlicher Sympathie für westliche Werte entlassen worden. Seit 2022 sind außerdem Vergleiche des NS-Regimes mit dem Stalinismus, wie sie insbesondere osteuropäische Totalitarismustheoretiker ziehen, ein Straftatbestand, entsprechende Bücher oder Artikel müssen ebenfalls aus Regalen und von Webseiten entfernt werden.
Die Grundlage für einen richtigen Feldzug gegen das Verlagswesen war jedoch das Gesetz, das die öffentliche Moral vor Propaganda von LGBT schützen soll. Es wurde 2022 verabschiedet und definiert die »internationale LGBT-Bewegung« (die es nicht gibt) als »extremistische Organisation«. Jede Erwähnung von Homosexualität, die diese nicht verdammt, kann als Propaganda gelten. 2024 wurde das Gesetz erweitert um das Verbot der so genannten »Propaganda der Childfree-Ideologie«, also Propaganda für Kinderlosigkeit. Damit sind jegliche Äußerungen über negative Aspekte des Kinderkriegens verboten (ein ähnliches Verbot ist unlängst auch in China in Kraft getreten).