Heft 920, Januar 2026

Boom und Zerstörung

Russlands Kulturpolitik im Zeichen des Ukrainefeldzugs von Kerstin Holm

Begegnungen vor Ort: Neugier und Vorsicht

Ich persönlich habe bei meinen Besuchen in den letzten Jahren in Russland keinerlei Feindseligkeiten erlebt. Die Leute scheinen sich zu freuen, wenn es noch Europäer in ihr Land verschlägt. Wegen der sehr aggressiven staatlichen Propaganda und Desinformation sind viele neugierig auf Informationen von Leuten aus dem Ausland. Jedenfalls fragten mich im vergangenen Sommer wildfremde Frauen (in Samara und im Fernzug dorthin), ob es denn stimme, dass, wie die Staatsnachrichten behaupteten, die Europäer Russen hassten, ukrainische Flüchtlinge sich in Deutschland schlecht benähmen, und dass es verboten sei, in Deutschland mit dem »Z«-Zeichen der Kriegsunterstützer herumzulaufen.

Zugleich sind die Menschen merklich vorsichtiger geworden. Ein paar Beispiele: Ein gutes Jahr nach Beginn der Vollinvasion 2023 kam im Moskauer Schwimmbad noch eine ältere Frau, die ich aus der Zeit, als es viele westliche Ausländer in Russland gab, vom Sehen kannte, auf mich zu, um mir zu sagen, dass sie »das, was da gerade passiert« (also die Großinvasion in die Ukraine), entschieden missbillige. Einige Monate später war ich im Kunstmuseum von Tambow, dort drängte mich die Verkäuferin des Souvenirladens, Christbaumschmuck mit Friedenssymbolik zu kaufen, mit dem Argument, das sei jetzt »sehr aktuell und wichtig«.

In Frühsommer 2025 hörte ich solche Signale nicht mehr. In Moskau lobten vielmehr zweimal fremde Leute, einmal in der Sauna, einmal ein gepflegter Mitpassagier im nagelneuen Bus, ungefragt, wie unvergleichlich schön und komfortabel die Hauptstadt doch sei. Was übrigens stimmt, in puncto Sauberkeit und öffentliche Verkehrsmittel ist Moskau ein Traum. Die Hauptstadt ist aber auch ein eigener Planet, sie saugt die Ressourcen des ganzen Landes auf, und die Folgen der »Militärischen Spezialoperation« in der Ukraine spürt man hier noch vergleichsweise wenig. Allerdings sind auch überall Gesichtserkennungskameras installiert, in der Metro, in Bussen, an Hauseingängen. Die Mutter einer emigrierten Journalistin, die ich in einer Metro-Station traf, versicherte mir, die glänzende Hülle täusche, die kulturelle Substanz darunter sei weitgehend zerstört.

Tatsächlich waren gerade in Moskau vor der Vollinvasion besonders viele demokratische Künstler und Aktivisten tätig. Sie waren aber auch besonders stark von der Ausreisewelle und von Verhaftungen betroffen, auch die Schließung von Theatern und die Umstrukturierung beziehungsweise Schließung von Museen betraf vor allem die Hauptstadt: die Tretjakow-Galerie und das Puschkin-Museum bekamen neue Direktorinnen ohne kunsthistorische Qualifikation; das Gulag-Museum und das Memorial-Museum wurden geschlossen. Die verbliebenen Regimegegner etwa an den Hochschulen oder im Verlagswesen sind nicht mehr öffentlich sichtbar, einige Künstler (etwa vom teatr.doc) und Aktivisten (Memorial) arbeiten mehr oder weniger im Untergrund.

Kulturboom in Kriegszeiten

Die Atmosphäre von Angst, Selbstzensur und extremer Vorsicht, die die immer repressiveren Gesetze und Zensurregeln sowie die Prozesse gegen im Kulturbetrieb Tätige erzeugt haben, betrifft natürlich das gesamte Land. Dass der Zensur-Boom seit der Vollinvasion von einem von staatlichen und privaten Geldern finanzierten Kultur-Boom begleitet wird, ist dabei nur auf den ersten Blick paradox.

Die Kulturförderung soll internationales Prestige einbringen, das gegen ukrainische und westliche Vorwürfe russischer Barbarei geltend gemacht werden kann. Zugleich soll das Kulturleben vor dem Hintergrund des Kriegsgeschehens Normalität im Innern demonstrieren, die Repressionen übertönen und Feststimmung erzeugen. Und natürlich soll es die Leute im Sinn von Patriotismus und traditionellen Werten auch ästhetisch-kulturell erziehen beziehungsweise umerziehen.

Die Kunst des gesprochenen und geschriebenen Wortes steht dabei naturgemäß besonders im Fokus. Gleich nach Beginn der Großinvasion im Frühjahr 2022 wurden die letzten liberalen Medien wie der Radiosender Echo Moskwy und die Zeitung Nowaja Gaseta geschlossen. Nach der Schließung des Gogol-Zentrums und des Meyerhold-Zentrums in Moskau ist dort als renommierte Sprechbühne noch das Kammertheater »Innenraum« (Prostranstwo wnutri) verblieben, dort läuft etwa immer noch das nach 2022 herausgekommene dokumentarische Stück Hiroshima über die Folgen der Atomexplosion, das indirekt auf das derzeitige Kriegsgeschehen verweist. Es wird gespielt von dem Frauenensemble »Sosos Töchter«, das die wegen »Terrorismus« im Gefängnis einsitzende Schenja Berkowitsch gegründet hat. Der dreißig Jahre alte Regisseur des Stückes, Alexander Plotnikow, hat Russland inzwischen verlassen.

Eine weitere nach wie vor wichtige Moskauer Bühne ist das Theater der Nationen, wo in der letzten Saison der Regisseur Anton Fjodorow (Jahrgang 1981) Don Quijote inszeniert und aktualisiert hat, als Geschichte eines verwahrlosten alten Tyrannen irgendwo in einem lateinamerikanischen Kriminellenmilieu, der sich Wahnideen von »Traditionen« angelesen hat und diese seiner Umgebung mittels terroristischer Übergriffe aufzuzwingen versucht – was offensichtlich auf das Putin-Regime anspielt. Die Aufführung arbeitete mit anspielungsreichen Wortwitzen wie der Formel vom »Ritter von der traurigen Gestalt«, auf russisch abgekürzt RPO, was an RPZ, die Abkürzung für Russisch-Orthodoxe Kirche, erinnert, die Russland ja in eine vermeintlich bessere Vergangenheit zurücktreiben will. Das Premierenpublikum lachte dankbar. Solch etwas spitzfindiger Humor, wie er heute auf russischen Bühnen anzutreffen ist, erschließt sich für Außenstehende nicht ohne Weiteres. Moskauer Gesprächspartner sagten mir, diese an Sowjetzeiten erinnernde Lachkultur habe etwas Sklavisches an sich.

Russische Büchervernichtung

Die Buchbranche blieb länger frei, dorthin flossen keine staatlichen Gelder, und die Staatsmacht war bis zur Großinvasion der Ansicht, Bücherlesen sei ein eher elitäres Vergnügen für wenige. Einige Tabuthemen gab es schon vor 2022, zum Beispiel die nationale Unabhängigkeit der Ukraine oder das Nation Building überhaupt, zumal von Nationen auf dem Territorium des Russischen Imperiums. Auch Bücher, die die Soros-Stiftung Open Society publiziert hatte, wurden schon in den Zehnerjahren aus Bibliotheken entfernt, unabhängig von ihrem Inhalt; die Soros-Stiftung gilt seit 2015 als unerwünschte Organisation.

Nach 2022 wurden dann auch internationale NGOs wie Transparency International, Greenpeace, der WWF, politische Stiftungen wie die Heinrich-Böll- oder die Friedrich-Ebert-Stiftung sowie das Deutsche Historische Institut (DHI) zu in Russland unerwünschten Organisationen erklärt. Nach jedem dieser Verbote mussten Bibliotheken und Verlage die Bücher, die mit Unterstützung dieser Institutionen produziert worden waren, aus ihren Beständen entfernen, ebenfalls unabhängig von ihrem Inhalt, der oftmals politisch neutral war. Die Ordnungshüter veranstalteten Razzien in Bibliotheken, oft aufgrund von Denunziationen, also mussten Bibliothekare und Verlagsleute immer mehr Titel aus dem Programm beziehungsweise den Regalen nehmen, verschenken oder vernichten, weil ihnen sonst Strafzahlungen drohten oder Schlimmeres. In vielen Regionen sind langjährige, verdiente Bibliotheksmitarbeiter wegen vermeintlicher Sympathie für westliche Werte entlassen worden. Seit 2022 sind außerdem Vergleiche des NS-Regimes mit dem Stalinismus, wie sie insbesondere osteuropäische Totalitarismustheoretiker ziehen, ein Straftatbestand, entsprechende Bücher oder Artikel müssen ebenfalls aus Regalen und von Webseiten entfernt werden.

Die Grundlage für einen richtigen Feldzug gegen das Verlagswesen war jedoch das Gesetz, das die öffentliche Moral vor Propaganda von LGBT schützen soll. Es wurde 2022 verabschiedet und definiert die »internationale LGBT-Bewegung« (die es nicht gibt) als »extremistische Organisation«. Jede Erwähnung von Homosexualität, die diese nicht verdammt, kann als Propaganda gelten. 2024 wurde das Gesetz erweitert um das Verbot der so genannten »Propaganda der Childfree-Ideologie«, also Propaganda für Kinderlosigkeit. Damit sind jegliche Äußerungen über negative Aspekte des Kinderkriegens verboten (ein ähnliches Verbot ist unlängst auch in China in Kraft getreten).

Der erste Verlagsprozess wurde 2023 gegen den Moskauer Kleinverlag Popcorn Books eröffnet wegen des Buchs »Ein Sommer mit Pionierhalstuch« (Leto w pionerskom galstuke), das von der Freundschaft zweier junger Pioniere in später Sowjetzeit erzählt, die in homoerotische Liebe übergeht. Das Buch (mit »18+« gekennzeichnet) war im ersten Jahr der Großinvasion 2022 ein Bestseller, sehr zum Entsetzen von Kremlpatrioten wie Nikita Michalkow oder dem Schriftsteller Sachar Prilepin. Michalkow und Prilepin betrachteten es zudem als Provokation, dass auf dem Buchumschlag die Passage aus der russischen Verfassung zitiert wurde, wonach Zensur verboten ist. Große Buchhandlungen und Online-Vertreiber nahmen das Buch damals aus ihrem Angebot; es gab jedoch Restbestände, wer wollte, konnte es weiterhin finden.

Als Organ der Postfaktum-Zensur gründete der russische Buchverband, die Interessenvertretung der Branche, ein kontrollierendes »Expertenzentrum«. Darin ist die Überwachungsbehörde Roskomnadsor vertreten, die vom Putin-Vertrauten Wladimir Medinski geleitete Militärisch-historische Gesellschaft, aber auch die Russisch-Orthodoxe Kirche. Auf Empfehlung dieses »Expertenzentrums« stellte der Großverlag Eksmo-AST den Vertrieb von Wladimir Sorokins Roman Das Erbe ein, außerdem den der Romane Giovannis Zimmer von James Baldwin und Ein Zuhause am Ende der Welt von Michael Cunningham. All diesen Büchern wird das Behandeln nichttraditioneller sexueller Praktiken vorgeworfen.

2024 erschienen auch erstmals Bücher mit geschwärzten Seiten: Im Tagebuch vom Ende der Welt der emigrierten Autorin Natalja Kljutscharjowa,1 das der mutige Petersburger Limbach-Verlag herausgebracht hatte, erschien immer wieder ein schwarzer Balken anstelle des Wortes »Krieg«. Bei der Übersetzung von Roberto Carneros Pasolini-Buch Morire per le idee beim Verlag Eksmo-AST wurde etwa ein Fünftel des Textes geschwärzt, alles, was mit Pasolinis Homosexualität zu tun hat. In der Übersetzung von Salman Rushdies Knife bei Corpus waren Passagen geschwärzt, in denen der Autor Putin als Tyrannen bezeichnet. Im Sommer 2025 verschickte der Buchverband an die Verlage ein »Merkblatt«, das ihnen rät, bei jedem Verdacht auf verbotene Inhalte zum schwarzen Marker zu greifen. Es gibt dabei keine klaren Spielregeln, potenziell »gefährliche« Themen und Aussagen sind sicherheitshalber zu meiden.

Seit diesem Sommer (anderen Quellen zufolge seit 2024) setzt Eksmo-AST zudem eine Künstliche Intelligenz ein, die Manuskripte vorab auf das Vorhandensein von nichttraditioneller sexueller Orientierung, Drogen, kinderlosem Lebensstil, suizidalen Gedanken, Extremismus durchleuchtet, woraufhin sie aussortiert werden. Der Leiter der Abteilung für die Unterstützung von Verlagen im Digitalministerium, Wladimir Grigoriew, kündigte für Ende Oktober 2025 an, seine Behörde werde für sämtliche Verlage eine KI bereitstellen, die neue und alte Bücher auf »gefährliche Inhalte« checkt. Laut Grigorjew könnten infolgedessen 4 bis 5 Prozent aller seit 1990 erschienenen russischen Bücher verboten werden.

Im Mai 2025 fanden Razzien in einigen Verlagen, bei Verlagsmitarbeitern sowie intellektuellen Buchhandlungen in Moskau, Sankt Petersburg und Nowosibirsk statt. Dabei wurden etwa tausend Bücher beschlagnahmt, die auf keiner Verbotsliste standen, von Thomas Mann, Walter Benjamin, Hannah Arendt bis Susan Sontag. Die Ordnungshüter nahmen sie möglicherweise mit, weil sie ausländisch, intellektuell anspruchsvoll, also »fremd« sind. Die Sicherheitsbeamten haben bestimmte Quoten zu erfüllen.

In Moskau wurden drei Mitarbeiter von Eksmo-AST verhaftet und verhört. Sie hatten in den Kleinverlagen Popcorn Books und Individuum, die Eksmo-AST übernommen hat, gearbeitet und einst dort Bücher produziert oder vertrieben, die LGBT-Themen berührten und damit aus Sicht der Behörden »Extremismus« propagieren. Eksmo-AST verschickte daraufhin in vorauseilender Selbstzensur an die Buchläden eine Liste mit fünfzig seiner Bücher, die vernichtet werden müssten. Andere Verlage folgten diesem Beispiel. Die drei Verlagsangestellten stehen unter Hausarrest und warten auf ihren Strafprozess.

Ein besonders effizientes Repressionsinstrument ist die Einstufung als »ausländischer Agent«.2 Unter den davon betroffenen Autoren sind die bekanntesten Boris Akunin, Dmitri Bykow, Dmitri Gluchowski, Ljudmila Ulizkaja. Die beiden populärsten, Akunin und Bykow, wurden zudem kriminalisiert, mithilfe einer Provokation der Kreml-Prankster Wowan und Lexus. Diese gaben sich bei einem Videoanruf bei Akunin als der ukrainische Präsident Selenskyj aus, bei Bykow als Selenskyjs Vertrauter Andrij Jermak, und sie entlockten beiden Unterstützungsbekenntnisse für die Ukraine, die in Russland strafbar sind. Akunin wurde im vergangenen Jahr in absentia zu vierzehn Jahren Gefängnis verurteilt, Bykow wurde zum »Terroristen« erklärt und bekam in absentia sieben Jahre.

Bücher von »Ausländischen Agenten« dürfen infolge der jüngsten Gesetzesverschärfung zudem seit dem 1. September 2025 nicht mehr in Buchläden verkauft werden. Viele anspruchsvolle und von Razzien betroffene Buchläden (wie der Moskauer Falanster) und ebensolche Verlage (wie der Petersburger Limbach-Verlag oder die Neue Literarische Umschau NLO, die viele »ausländische Agenten« im Programm hatten) hatten daher vor dem 31. August ihre Restbestände mit großen Rabatten verkauft. Das neue Gesetz verbietet den »Ausländischen Agenten« nämlich jegliche Bildungsaktivitäten. Läden oder Verlage, die ihre Bücher im Programm behalten hätten, wären von staatlicher Unterstützung abgeschnitten worden. Das heißt, sie hätten nicht mehr an städtischen Wettbewerben teilnehmen und keine Bücher an Schulen oder Bibliotheken liefern dürfen. Bücher »ausländischer Agenten« sind noch über den Online-Handel, antiquarisch oder über inoffizielle Kanäle zu bekommen. Ihr Besitz ist noch nicht verboten. Aber angesichts der Eigenlogik der Repressionsmaschine, die immer nur weiter voranschreitet, sind Beobachter überzeugt, dass ein solches Verbot nur eine Frage der Zeit ist.

Z-Schriftsteller

Zugleich wird die russische Literatur durch viele neue Buchmessen, Buchfestivals und neue Schriftstellerresidenzen gerade in den Regionen vom Staat verstärkt gefördert. Insbesondere auch die so genannten Z-Schriftsteller. Diese Autoren besingen den Ukrainefeldzug und würden die zensurbereinigte Flur gern besetzen, werden aber zu ihrem Leidwesen kaum gelesen. Ihre Gedichtbände wurden 2024 noch in hauptstädtischen Buchläden prominent platziert, sie sind aber kommerzielle Flops, im Frühsommer 2025 lagen sie irgendwo im untersten Regal oder waren gar nicht zu finden. Die Gesellschaft ist kriegsmüde, da der Ukrainefeldzug aber weitergeht, versuchen die meisten, ihn zu verdrängen.

Ikone und Mentor aller Z-Autoren ist der fünfzig Jahre alte Schriftsteller, Politiker und Kriegsveteran Sachar Prilepin, der selbst im Donbass (und zuvor in Tschetschenien) gekämpft hat. Prilepin leitet jetzt das militärische Ausbildungslager »Stal« (Stahl) in der Region Nischni Nowgorod, wo auch aufstiegswillige Kulturfunktionäre trainieren. Als literarischer Stratege hatte er schon im Jahr 2017 in seinem Buch »Heereszug« (Wswod) über die »Offiziere und Verteidiger der russischen Literatur« hervorgehoben, die Klassiker wie Alexander Puschkin, Michail Lermontow oder der Begründer der russischen Philosophie Pjotr Tschaadajew hätten ihrem Land auch militärisch treu gedient und seien bereit gewesen, für dessen Interessen zu töten und zu sterben. Lermontow diente als Offizier der russischen Expansion im Kaukasus, Tschaadajew kämpfte im Abwehrkrieg gegen Napoleon.

In seiner Videosendung »Sachars Schlüssel« (Kljutschi Sachara) vereinnahmt Prilepin zudem Dichtergrößen des 20. Jahrhunderts, die von der Sowjetmacht verfolgt wurden, für die patriotische Revanche, er kodiert sie um. In der Sendung vom 4. Mai 2025 erklärte er den aus seinem Land vertriebenen Poeten Joseph Brodsky, der sein Leben lang die Sowjetmacht schmähte, zum russischen Imperialisten und Verächter der Ukraine: wegen seines sarkastischen Gedichts auf die Unabhängigkeit der Ukraine von 1991. In der Sendung vom 24. August 2025 huldigte Prilepin den Dichterinnen Marina Zwetajewa und Anna Achmatowa, lobte ihrer beider Werk, aber auch, dass sie in der Sowjetunion Stilikonen gewesen seien. Zugleich wehrte er sich gegen die Rezeption beider Dichterinnen als Opfer des Sowjetstaats.

Vier propagandistische Typen

So wenig erfolgreich die Z-Autoren bei der russischen Leserschaft sind, so symptomatisch sind sie doch mit ihrer Präsenz als Kulturbotschafter, mit ihren Telegram-Kanälen und als Propagandisten für die russische Invasionsarmee. Vier Figuren möchte ich kurz vorstellen, die unterschiedliche Typen in diesem Genre repräsentieren.

Eine der Bekanntesten ist die siebenunddreißig Jahre alte Poetin und Kriegsreporterin Anna Dolgarewa, die sich 2014 in ihrer ostukrainischen Heimat Charkiw der Anti-Maidan-Bewegung angeschlossen hatte. Sie zog damals in die prorussische Donezker »Volksrepublik« um und brach mit ihren Verwandten, die dem ukrainischen Staat gegenüber loyal waren – damit ist sie eine für viele Ostukrainer beispielhafte Figur. Für Dolgarewa sind Ukrainer, die gegen Russland kämpfen, fehlgeleitete »Brüder«. Als orthodoxe Christin betet sie in ihren Gedichten für die russischen Soldaten, im Fall ihres Heldentodes prophezeit sie ihnen, sie würden sofort ins Paradies kommen. Sie betet aber auch für ukrainische Wehrdienstleistende, also Krieger der Gegenseite, die nur ihre Pflicht tun und keine Führungsfunktion haben.

Im Frühjahr 2025 präsentierte Dolgarewa in Russland ihr Kriegstagebuch »Ich bin hier keine Frau, sondern ein Fotoapparat«. Sie porträtiert darin zum einen Kämpfer für die separatistischen Volksrepubliken, die ihr begegnet sind, darunter viele radikal-idealistische Kommunisten, Anarchisten, aber auch orthodoxe Christen, die aus allen Teilen Russlands in den Donbass kamen. Und sie berichtet vom Dauerbeschuss der Volksrepubliken durch die ukrainische Armee, die viele Zivilisten und insbesondere Kinder getötet haben soll. Ihrer Meinung nach machte das den Einmarsch 2022 nötig. Nach Beginn der Großinvasion besuchte Dolgarewa das zerstörte Mariupol, aber auch das frisch eroberte Melitopol. Sie berichtet von proukrainischen Demonstrationen, sprach dann aber nur mit prorussischen Einwohnern, von denen einige Ukrainisch sprachen. Sie zitiert deren Klagen über die ukrainische Armee, insbesondere über das legendäre Asow-Regiment, das als besonders nationalistisch gilt. Dolgarewa notiert Erzählungen von Mariupolern, wonach Asow-Soldaten Leute aus ihren Wohnungen geworfen und sich dort einquartiert hätten. Einige hätten Zivilisten um Essen und Geld angegangen oder ihnen verboten, russisch zu sprechen. Manche hätten sogar auf Zivilisten geschossen. Ihre Gesprächspartner fanden, das zeige, dass sie Nazis seien, schreibt Dolgarewa.

Der Petersburger Dichter Alexander Pelewin, siebenunddreißig Jahre alt, flirtet mit dem Bösen und kultiviert die höhnische Pose gegenüber den Hoffnungen der demokratischen Opposition. Pelewin hat in der Vergangenheit mit NS-Ästhetik gespielt. Zu Beginn des Ukrainefeldzugs schrieb er sarkastische Spottverse über das Gutmenschentum der Dissidenten und die Vernichtung von Regimekritikern, er pries seine »böse, schreckliche, finstere« Heimat mit ihren »Sklaven und blutigen Orks«, wie die Russen tatsächlich von Ukrainern genannt werden. Inzwischen gibt Pelewin sich seriöser, er hat einen Sammelband herausgebracht mit dem Titel »Das unendliche weiße Licht«, der überwiegend ältere und zahmere Gedichte enthält. Darin steht aber auch das Gedicht, das die geschlagene liberale Opposition verhöhnt. Es heißt darin »Danke, dass wir nicht das wunderbare Russland der Zukunft geworden sind«. Danke, dass wir nicht öko-friendly geworden sind, dass wir unsere Sprache nicht verkauft haben, sondern die »tödliche russische Rede von Puschkin bis Limonow tönen und brennen« wird wie die glühende Sonne.

Literarisch und intellektuell ambitionierter ist der ebenfalls in Petersburg lebende Autor German Sadulajew, Sohn eines Tschetschenen und einer Russin, dessen Roman Ich bin Tschetschene 2009 auch auf Deutsch erschienen ist. Sadulajew, zweiundfünfzig Jahre alt, publizierte voriges Jahr den Roman »Niemand hält dieses Leben aus« (Nikto ne wywosit etu schisn), dessen russischer Titel mit den lateinischen Lettern Z und V gesetzt war, ein Signal, dass der Autor den Ukrainefeldzug unterstützt. Der Romanheld ist ein depressives, tablettenabhängiges Alter Ego Sadulajews mit Lolita-Komplex. Im Traum verwandelt dieses sich körperlich in ein Russland, das die Intelligenzija wie seinen Darminhalt ausscheidet. Sein Romanheld, der 2014 für die Separatisten im Donbass gekämpft hat, sehnt den großen Ukrainekrieg herbei wie eine Testosteron-Entladung. In dem Text, der als reflektierender innerer Monolog über die archaisch bleibende Menschheit geschrieben ist, entflieht die Figur der Petersburger Tristesse mit einer Hilfsmission für die Front in der Ukraine. Dort erlebt er allerdings einen ganz anderen Krieg, in dem mobilisierte Soldaten von ihren Vorgesetzten bestohlen und verheizt werden.

Einen authentischen Einblick in die Menschenvernichtungsmaschine des Krieges bietet der Fronterfahrungsbericht des Jekaterinburger Historikers und Ex-Geschäftsmanns Daniil Tulenkow mit dem Titel »Sturm Z«. Tulenkow, sechsundvierzig Jahre alt, war kurz vor Beginn der Großinvasion wegen Wirtschaftsvergehen zu Gefängnishaft verurteilt worden und zog 2023 freiwillig an die Front, um seinen guten Namen wiederherzustellen. Sträflinge wie er würden von der Armeeführung in den fast sicheren Tod geschickt, direkt in feindliche Stellungen oder in die von allen Seiten beschossene, von keiner Seite kontrollierte »Graue Zone«, notiert Tulenkow, der an der Abwehr der ukrainischen Gegenoffensive in der Region Saporischschja beteiligt war. In seinem Telegram-Kanal spricht Tulenkow von »industrieller Menschenvernichtung«. Verwundete, die sich dem Feind ergäben, würden fast immer erschossen, von Russen wie von Ukrainern, keiner wolle und könne sich mit ihnen belasten. Fast alle seiner Kameraden seien umgekommen.

Heute lebt Tulenkow wieder in Jekaterinburg und erlaubt sich auf seinem Telegram-Kanal erstaunliche Freiheiten. Er schreibt, Russland habe sich einem Banditen ausgeliefert, den er wie Putin charakterisiert, ohne ihn beim Namen zu nennen. Er findet das allerdings angesichts der Erniedrigung seines Landes im Jugoslawienkrieg 1999 alternativlos – die internationale Politik bezeichnet er als einen Kampf von Raubtieren. Die Ukrainer nennt er stets derb »Chochly«, bekundet aber auch Respekt für sie, ihr Selbstbehauptungskampf sei echt, sie identifizierten sich mit ihrem Land, schreibt Tulenkow – im Gegensatz zu Russland, das von der Machtelite privatisiert worden sei und wo nur chancenlose Provinzler für viel Geld in den Krieg zögen. Im Unterschied zur Kremlpropaganda glaubt Tulenkow nicht, dass Russland die Ukraine assimilieren und »verdauen« könne, vielmehr glaubt er, dass sein Land wegen seiner demografischen und wirtschaftlichen Misere einen Frieden brauche.

Das Buch von Tulenkow, der eine sehr radikale Erfahrung verarbeitet, hat von allen erwähnten die höchste Auflage, zehntausend Stück. Es war bei meinem letzten Moskau-Besuch ein Geheimtipp unter Intellektuellen. Das Kriegstagebuch von Dolgarewa kam auf nur viertausend Exemplare, der Roman von Sadulajew sogar bloß auf zweitausend. Das Publikum, das sich für Literatur über den Ukrainefeldzug begeistert, ist eine kleine Blase, die Mehrheit der russischen Leser bevorzugt eskapistische Genres, etwa für junge Erwachsene oder romantische Fantasy.

Revanche der (geistig) Minderbemittelten

Die mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete und jetzt in Russland weitgehend zerschlagene Gesellschaft Memorial hat mehr als dreißig Jahre lang daran gearbeitet, den Staatsterror der Sowjetepoche, aber auch neuere Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren, mit Publikationen, Ausstellungen, Filmvorführungen, Aufsatzwettbewerben. Viele Mitarbeiter und Freunde von Memorial fragen sich jetzt, da ihr Lebenswerk weitgehend in Scherben liegt, was sie falsch gemacht haben könnten. Ich sprach darüber mit einer Moskauer Künstlerin, die aus einer nichtrussischen Wolgaprovinz stammt und in einem wichtigen Museum der Hauptstadt arbeitet, das wie alle wichtigen Museen unter großem politischem Druck steht. Diese Künstlerin sagte mir bei unserem Treffen, Memorial habe wirklich großartige didaktische Arbeit geleistet, aber möglicherweise sei der Abgrund zwischen Intelligenzija und Volk in Russland unüberbrückbar.

In der Bevölkerung gibt es ein antiintellektuelles Ressentiment, das von den Sicherheitsorganen instrumentalisiert wird. Die Künstlerin glaubt, dass die kreative Klasse an diesem Ressentiment einerseits selbst mit schuld sei, weil sie die an Kunstschaffen desinteressierte Mehrheit verachte, zu der beispielsweise auch ihre Eltern gehörten. Die Künstlerin meint zudem, es sei eigentlich unvermeidlich, dass die Mehrheit der Russen in einer Welt der Märchen und Mythen lebt – derzeit etwa mit dem Märchen, dass der Westen Russland zerstören wolle. Dieses Bild wird durch Propaganda, Zensur und die Blockade unabhängiger Medien geschaffen. Dabei hilft die Größe des Landes, sie isoliert die Leute. Nur eine Minderheit hat einen Pass für Auslandsreisen, die meisten haben keine Chance, andere Länder zu sehen, sie haben nicht einmal die Chance, das eigene Land zu erkunden. Auch der erwähnte, dem Regime gegenüber loyale Verleger und Philosoph spricht von einer katastrophalen Primitivisierung der Kultur und des Humankapitals.

Russland hat in den dreißig Jahren nach dem Ende der Sowjetunion in den Geisteswissenschaften und der Kultur eigenständige Stimmen und Figuren hervorgebracht, die international konkurrenzfähig und gefragt waren. Die öffentlich sichtbarsten, strahlkräftigsten von ihnen sind ausgereist, neben den Prominenten wie Kirill Serebrennikow, Wiktor Jerofejew, Wladimir Tarnopolski ganze Heerscharen von Universitätsgelehrten, Lehrern, Journalisten, Museumsleuten, Verlegern, Ökonomen, Ärzten, Musikern, Mathematikern.

Die verbliebenen »liberalen« Hochschulgelehrten haben sich von leitenden Positionen zurückgezogen, sie treten nicht mehr an die Öffentlichkeit. Wissenschaftlern sind Kontakte zu Institutionen im westlichen Ausland verwehrt. Wenn sie westliche Kollegen treffen wollen, müssen sie beim Inlandsgeheimdienst FSB Rechenschaft darüber ablegen. Ganze Lehrstühle für Mediävistik, Politologie oder Soziologie wurden geschlossen. Die fortschrittliche Moskauer Schaninka-Hochschule durfte 2025 keine neuen Studenten mehr aufnehmen, sie wird möglicherweise in ein paar Jahren schließen müssen. Die internationale Assoziation für Slawische, Osteuropäische und Eurasische Studien ASEEES wurde 2025 zur »unerwünschten Organisation« erklärt, russische Philologen können an ihren Veranstaltungen nicht mehr teilnehmen. Es gibt vielfältige inoffizielle Lehrveranstaltungen, inoffizielle Aktivitäten von Memorial oder die Online-Seminare der Freien Universität (ebenfalls eine »unerwünschte Organisation«), die emigrierte Wissenschaftler für anonyme russische Interessenten kostenlos abhalten, sie können den Schaden nur minimal begrenzen.

Bildende Kunst: Boom der Privatmuseen

Besser steht es um die Bildende Kunst. Sie wird auch stark zensiert, doch in der Kunstszene gibt es weit weniger »ausländische Agenten« und Strafprozesse. In den staatlichen Museen sind die Mitarbeiter eingeschüchtert und genervt, weil sie ständig dem Kulturministerium Rechenschaftsberichte vorlegen müssen, sagte mir ein Museumskollege in Moskau. Doch während die Tretjakow-Galerie ihre Abteilung für Zeitgenössisches geschlossen hat, ist zugleich ein Boom für zeitgenössische Kunst zu verzeichnen. Das liegt zum einen an den westlichen Sanktionen, das viele Geld im Land sucht nach attraktiven Luxusobjekten, und vielen Leuten gehen die propagierten »traditionellen Werte« auf die Nerven.

Jedenfalls machte im September die Moskauer Kunstmesse Cosmoscow Rekordumsätze, auch die Graphikmesse Kontur in Nischni Nowgorod im Mai meldete Spitzenverkäufe. Zugleich wurden beide Veranstaltungen zensiert. Bei Cosmoscow kamen die Zensoren zweimal: einmal während der Montage und dann bei der Vorbesichtigung, sie sollen ganze Lastwagenladungen von Kunstwerken aussortiert haben. In Nischni Nowgorod wurde bei Kontur eine Graphikschau verboten, die der Moskauer Sammler Anton Koslow zeigen wollte.

Zugleich gibt es immer mehr private Kunstmuseen. In Moskau veranstaltet das vom Ölmagnaten Leonid Michelson 2021 eröffnete Kulturzentrum GES-2 hochkarätige Ausstellungen. In Nischni Nowgorod organisierte die Moskauer Galerie Triumph im Sommer 2025 erstmals eine grandiose internationale Kunstbiennale zum Thema Ökologie mit Arbeiten von einhundertfünfzig Künstlern aus Asien, Südamerika, Russland, aber auch aus Italien und Frankreich. Allerdings wurden auch dort etwa zehn Künstler herauszensiert, sie hatten in sozialen Netzwerken Sympathie für die Ukraine bekundet. In Susdal zeigt das private Kulturzentrum MiraZentr zeitgenössische Kunst. Im Dezember wurde in Moskau ein großes neues Privatmuseum des Baulöwen Andrej Moltschanow mit Namen »Kollekzia« eröffnet, und in Samara die grandios erweiterten Schau- und Residenzräume der Galerie »Viktoria«, geleitet von der ersten Frau des genannten Michelson, der aus dieser Region stammt.

Es gab auch eine Ausstellung mit Werken kriegsbegeisterter Propagandakünstler im Moskauer Sarjadje-Park mit realistischen, sakral aufgeladenen Gemälden russischer Krieger oder einem Porträt Puschkins, der eine Pistole auf den Betrachter richtet. Die Schau trug einen Titel aus der Johannes-Offenbarung: »Und ich sah eine neue Erde und einen neuen Himmel«; sie war allerdings spärlich besucht.

In Moskau kultiviert zudem der Sohn von Alexander Dugin, der Künstler und Kurator Dmitri Chworostow, eine »dunkle« Ästhetik in der zeitgenössischen Kunst. Chworostow ist künstlerischer Leiter des Wosnessenski-Zentrums, er unterhält einen Telegram-Kanal namens »Souveräne Kunst« (Suwerennoje iskusstwo), wo er Beiträge von Curtis Yarvin, des Vordenkers der »dunklen Aufklärung« in den USA, postet. Chworostow positioniert sich ideologisch als Eurasier wie sein Vater. Die von ihm kuratierten Kunstschauen etwa vom »Dunklen Tauwetter« oder »Mystischen Dissidententum« richten den Fokus auf die rationalitätsfeindlichen, mystischen, sektiererischen Aspekte der sowjetischen Nachkriegskunst. Chworostow erzählte mir, in den Zehnerjahren hätten westliche Kuratoren russischen Künstlern erklärt, ihr Land müsse erst einen Mindeststandard an sozialer Gerechtigkeit erreichen, bevor sie in globalen Fragen mitdiskutieren könnten. Die Liberalen hätten mittels Konzepten wie Marktmacht und Menschenrechten versucht, die Kontrolle von Staaten über ihre Bürger, also ihre Souveränität, zurückzuschneiden. Deswegen begrüßt Chworostow es als Sieg eines politischen Realismus, dass das Gewaltelement in die internationalen Beziehungen zurückgekehrt sei.

Russische Argumente

Russland definiert sich als eigenständige, byzantinisch-eurasisch geprägte Zivilisation, mit ihren eigenen souveränen Auffassungen von Freiheit, Menschenrechten, Recht und Moral. Westliche oder innerrussische Kritik an Menschenrechtsverletzungen und Rechtsverstößen im Land erscheinen aus dieser Sicht als von einer globalen liberalen Elite gesteuert, die Russlands Souveränität beschränken will.

Die Schwachstelle bleibt freilich die Legitimation des Feldzugs als gerechter Krieg. Russische Propagandisten schmähen das Kiewer Regime als faschistisch und als illegitimes Produkt eines Staatsstreichs, obwohl die klassischen Merkmale des Faschismus – Führerkult, militarisiertes System, Sakralisierung des Staates, Medienzensur – in Russland eher zu beobachten sind als in der Ukraine und obwohl der ukrainische Präsident im Gegensatz zum russischen aus freien Wahlen mit echter Kandidatenkonkurrenz hervorging.

Ich habe bei meinen kremltreuen Gesprächspartnern keine schlüssige Antwort auf die Frage bekommen, was den ukrainischen Faschismus ausmacht und woran man ihn erkennt. Ein Priestermönch eines ultrakonservativen Moskauer Klosters sagte ganz offen, das Gerede vom ukrainischen Faschismus sei Unsinn. Bei zynischen Kriegsbloggern konnte man zu Beginn der Großoffensive lesen, Ukrainer würden als Faschisten geschmäht, um bei Russen die Tötungshemmung auszuschalten. Als ich dem Kunstkurator Chworostow diese Frage stellte, sagte er, als faschistisch gelte die Idee eines ukrainischen Nationalstaates – »wahrscheinlich« (nawernoje) setzte er hinzu, er hatte keine klare Meinung und fand es offenbar auch nicht wichtig.

Eine Erklärung für die argumentative Leerstelle findet sich, wenn man die Diskurstechnik des russischen Präsidenten analysiert, wie es der Münchener Professor für slawische Literatur Riccardo Nicolosi in seiner 2025 erschienenen Studie Putins Kriegsrhetorik getan hat. Putin doziert und monologisiert (etwa über das ukrainische »Nazitum«) beweisfrei, er erklärt oder untermauert nichts – denn damit würde er sich auf eine Stufe mit dem Adressaten stellen. Er exekutiert vielmehr die machtgestützte Deutungshoheit von oben nach unten. Das buchstäblich schlagende Argument dabei ist (staatliche) Gewalt. Bezeichnenderweise trägt der Gummiknüppel, mit dem russische Polizisten friedliche Demonstranten verprügeln, den Produktnamen »Argument«.

1

Natalja Kljutscharjowa, Tagebuch vom Ende der Welt. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. Berlin: Suhrkamp 2023.

2

Der juristische Status der »ausländischen Agenten« wurde 2012 eingeführt, zunächst für Bürgerinitiativen, die Geld aus dem Ausland erhielten, dann für Medien, schließlich für Personen. Die Kriterien für die Zuerkennung des Status sind immer willkürlicher geworden, die mit ihm verbundenen Auflagen wurden zugleich ständig verschärft. »Ausländische Agenten« müssen quartalsweise Rechenschaft über Einkommen und Ausgaben ablegen, dürfen nicht unterrichten oder an Bildungsaktivitäten beteiligt sein, seit 2025 müssen sie alle Einkünfte aus intellektueller Arbeit oder dem Verkauf oder der Vermietung von Eigentum auf ein Sonderkonto abführen. Sie sind in Russland sozial tot. So wird eine unabhängige Zivilgesellschaft an der Wurzel ausgemerzt. Vgl. hierzu auch Alexander Blankenagels Beitrag »Wir haben das Beste gewollt, aber raus kam das Gleiche wie immer« in diesem Heft.