Cäsarenwahnsinn als Skandal
Ludwig Quidde und die Erfahrung eines disruptiven Autoritarismus von Martin KohlrauschMittlerweile gibt es kaum mehr einen prominenten römischen Kaiser oder neuzeitlichen Potentaten, der nicht mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump verglichen wurde. Der Erkenntnisgewinn nimmt dabei nicht notwendig zu. Oft ist die historische Konstellation, in der ein Nero oder Augustus regierten, zu entlegen, um heute noch aufklärerisch wirken zu können. Oder die USA des 21. Jahrhunderts entziehen sich einer historischen Einordnung. Vielleicht ist Trump aber auch einfach ein in so vieler Hinsicht neuartiges Phänomen, dass die Geschichte hier nicht weiterhilft. Darauf, dass etwas mit dieser spezifischen Form personenzentrierter Herrschaft grundlegend nicht stimmt, dass ihr etwas Dysfunktionales anhaftet, werden sich gleichwohl die meisten einigen können. Offenbar setzt sich diese Erkenntnis auch im – von Trump aus gesehen – eigenen Lager durch. Erstaunlich ist schließlich nicht so sehr, dass opportunistische Erwägungen so viele Mitglieder der Elite ihre Bedenken hintenanstellen oder verdrängen ließen. Erstaunlich scheint vielmehr, dass es auch in einer Situation, in der die opportunistische Gleichung nicht mehr aufgeht, dem neuen Establishment in Washington unmöglich erscheint, das Wahnhafte, zumindest tief Irrationale als solches zu benennen und hieraus Schlüsse zu ziehen.
Wenn wir den Blick auf diejenigen weiten, die den Exzess im Amt überhaupt erst ermöglichen, kann ein historischer Fall vielleicht doch etwas zum Verständnis beitragen. Die jüngere deutsche Geschichte hält ein faszinierendes Beispiel kluger politischer Analyse bereit, wobei das Schicksal seines Autors dessen Diagnose auf so unheimliche wie bezeichnende Weise bestätigte.
Sechs Jahre nach der Thronbesteigung Wilhelms II., selbst ein beliebter Kandidat für Trump-Assoziationen, hob der Historiker Ludwig Quidde 1894 den bereits im 19. Jahrhundert nicht mehr besonders originellen Vergleich beliebiger zeitgenössischer Herrscher mit oft überzeichnet dargestellten antiken Referenzen auf ein neues Niveau. Quidde ist heute beinahe vergessen, war aber seinerzeit ein führender Historiker, Begründer der Historikertage und eine wichtige Stimme des Linksliberalismus. Eigentlich lag die Antike weit ab von Quiddes Expertise, was ihn aber nicht daran hinderte, mit Caligula – Eine Studie über römischen Cäsarenwahnsinn mit mehr als 200 000 verkauften Exemplaren eine der erfolgreichsten politischen Publikationen des Kaiserreichs zu verfassen. Quidde löste damit den ersten einer Reihe von Medienskandalen aus, die ein wesentliches Kennzeichen der wilhelminischen Monarchie wurden. Als Medienskandal ermöglicht der Fall Einblicke in eine tiefgreifende Transformation der Medienlandschaft, und, hiermit einhergehend, politischer Legitimation und politischer Durchsetzungsmöglichkeiten.
Der Erfolg von Quiddes Pamphlet beruhte denn auch sicher nicht auf neuen Erkenntnissen zu Caligula, wobei der römische Kaiser als Referenzpunkt dem Erfolg der Schrift nicht abträglich war. Als »halb wahnsinnig, halb blödsinnig« hatte Theodor Mommsen Caligula in seinen vielbeachteten zeitgenössischen Vorlesungen charakterisiert. Gerade aufgrund der schillernd-fatalen Reputation Caligulas und dessen, für eine historische Figur, relativ hoher Bekanntheit reizten die unverkennbaren Analogien zu Wilhelm II., die als nicht sehr subtile Anachronismen auch historisch ungebildeten Lesern ins Auge stachen. Der »durchgehende Charakterzug seiner Maßregeln« war, so berichtete Quidde vermeintlich über Caligula, eine »nervöse Hast, die unaufhörlich von einer Aufgabe zur anderen eilte, sprunghaft und oft widerspruchsvoll und dazu eine höchst gefährliche Sucht, alles selbst auszuführen«. Wer noch Zweifel hatte, wer hier gemeint sein könnte, erfuhr, dass »Prunk und Verschwendungssucht« in der Einrichtung von Palästen ein wesentliches Kennzeichen des Herrschers waren. Konkrete Analogien zur damaligen wilhelminischen Jetztzeit folgten. In der von Quidde vermeldeten Entlassung des »Prätorianergenerals Macro« mussten die Leser fast zwangsläufig an die 1890 erfolgte Entlassung Bismarcks durch den jungen Kaiser denken. Der Hinweis auf »spielerische Manöver« war leicht als Kritik an der vermeintlichen Praxis Wilhelms II. zu lesen, Show über Substanz zu stellen – im Militär, aber auch jenseits dessen.