Heft 858, November 2020

Das große deutsche Beschweigen

von Volker Breidecker

Korpsgeist und Elitensolidarität seit dem »Dritten Reich«

Im März 2010 wollte das reformpädagogische Landschulheim Odenwaldschule (OSO) den hundertsten Jahrestag seiner Gründung feierlich begehen. In die Vorbereitungen platzten die Enthüllungen eines dort jahrzehntelang vertuschten Systems sexuellen Missbrauchs an Schutzbefohlenen. Die Vorwürfe gegen den langjährigen Schulleiter Gerold Becker und weitere Angehörige des Lehrkörpers waren nicht neu. Zehn Jahre zuvor waren sie in einer ganzseitigen Reportage der Frankfurter Rundschau zu lesen gewesen. Die Veröffentlichung blieb folgenlos, weil kein anderes Medium den Fall aufgreifen wollte. Missbrauch als Tabu geschlossener Anstalten sollte Anathema, der Glanz der Odenwaldschule bewahrt bleiben. Gerold Beckers Lobby stand mit der Autorität prominenter Namen dafür ein.

Es fielen die Namen Hartmut von Hentigs, des Doyens der Reformpädagogik und Lebensgefährten von Gerold Becker, derer von Weizsäcker, von Dohnanyi und weiterer Eltern von Zöglingen aus der Elite des Landes. Und es fiel der Name des Bildungspolitikers Hellmut Becker, der Gerold Becker – beide weder verwandt noch verschwägert – an die OSO geholt, dort zum Schulleiter gemacht und selbst dann noch gedeckt hatte, als ihm der eigene Patensohn die sexuelle Übergriffigkeit des Pädagogen schilderte.

Hellmut Becker (1913–1993) – Sohn des preußischen Kultusministers Carl Heinrich Becker, Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts (MPI) für Bildungsforschung, Mitbegründer des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, Justiziar der Odenwaldschule, der Eliteschulen Birklehof und Salem, des Frankfurter Instituts für Sozialforschung und des Sigmund-Freud-Instituts für Psychoanalyse – agierte seit der Nachkriegszeit als omnipräsenter Organisator verzweigter kulturpolitischer wie wissenschaftlicher Netzwerke. Als einer der Akteure der »zweiten Gründung« dieser Republik zählte der Freund und Gesprächspartner von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, von Carl Friedrich und Richard von Weizsäcker, von Marion Gräfin Dönhoff und Hartmut von Hentig mit eigenen Worten zu jener »kleine[n] Anzahl von Leuten, die sich alle irgendwoher kannten«,1 um schwierige Probleme notfalls durch einen Anruf beim Minister zu lösen.