Das Leben selbst
Ein neuer politischer Kompass von Dan ZimmerEin neuer politischer Kompass
Im April 2025 verkündete Michael Kratsios, der Wissenschaftsberater des US-Präsidenten: »Präsident Trump hat uns allen, die im Dienste seiner Regierung stehen, eine monumentale Aufgabe aufgetragen – die Erneuerung unserer Nation.« Frühere Staatschefs sprachen von moralischer oder geistiger Erneuerung, Trump versprach in seiner ersten Präsidentschaft eine Wiedergeburt in der Terminologie des Nativismus. Mittlerweile wiederum forciert er eine andere Form der politischen Erneuerung, mit Kratsios gesprochen: »Unsere Technologien und das, was wir mit ihnen machen, werden die Werkzeuge sein, mit denen wir das Schicksal unseres Landes in diesem Jahrhundert gestalten werden.«
Kaum jemand war darauf vorbereitet, wie energisch die zweite Trump-Regierung sich der Technologie zuwenden würde. Obwohl Tech-Oligarchen wie Elon Musk oder die Finanziers Peter Thiel (Kratsios’ ehemaliger Chef) und Marc Andreessen sich scheinbar fest an die politische Rechte gebunden haben, gibt es nichts an diesen politischen Figuren, was in einem relevanten Sinn als »konservativ« gelten könnte. Trumps ehemaliger Berater Steve Bannon warnte in einem Interview im Januar 2025 sogar ausdrücklich vor ihnen: »Du bist nur ein digitaler Leibeigener. Deinen Wert als menschliches Lebewesen […] bedenken sie nicht. Für sie ist alles digital […] Sie sind alle superprogressive Liberals. Sie sind alle Techno-Feudalisten. Sie kümmern sich einen feuchten Dreck um den Menschen.« Damit liegt Bannon im Großen und Ganzen richtig, und je schneller wir begreifen, warum das menschliche Wohl keine Rolle mehr spielt, desto schneller können wir unsere politische Orientierung inmitten der anhaltenden Kämpfe zwischen Linken und Rechten, Liberalen, Konservativen und digitalen »Superprogressiven« wiedergewinnen.
Manchen schien es, als wäre die Übernahme der amerikanischen Regierung durch die Tech-Oligarchen aus heiterem Himmel erfolgt. Bei genauerem Hinsehen wird jedoch klar, dass es sich nur um die jüngste Phase eines Konflikts handelt, der die politischen Prioritäten unterschwellig seit mehr als einem halben Jahrhundert prägt. Die Gegner der jetzt an die Macht gelangten Tech-Fraktion sind weniger die traditionellen Linken oder Rechten, sondern eher die Umweltschützer mit den Regulierungen, die sie seit den 1970er Jahren schufen, um die Technologie im Zaum zu halten. Diese Spannung zwischen den Anhängern des technologischen Fortschritts einerseits und den Anhängern der Umweltbewegung andererseits steht quer zu traditionellen politischen Fronten, sie trennt in der MAGA-Bewegung eine Tech- und eine grüne Fraktion und spaltet die Linke zunehmend in ihr eigenes technosolutionistisches und ihr ökologisches Lager.
Während die traditionelle Linke ebenso wie die traditionelle Rechte den Fokus auf das menschliche Wohlergehen leg(t)en, wird die gegenwärtige Politik von Menschen neu geformt, die behaupten, sich für nichts Geringeres als das Leben selbst einzusetzen. Der Tech-Guru Musk etwa rühmt sich dafür, Ressourcen zu akkumulieren, »um das Leben multiplanetar zu machen und das Licht des Bewusstseins bis zu den Sternen auszuweiten«, während das Gegenlager für sich in Anspruch nimmt, das Leben hier auf Erden zu Stabilität zurückzuführen. Hier zeichnen sich künftige Auseinandersetzungen ab, die schon deshalb schwer zu befrieden sein dürften, weil beide Seiten sich als Vertreter des Lebens mit großem L inszenieren (die Gesamtheit aller Lebewesen, zusammengefasst in einem Prozess und unter einem Eigennamen). Auch wenn Musk und das von Trump angeführte MAGA-Movement (vorerst) getrennte Wege zu gehen scheinen, bestehen die tiefer liegenden Orientierungen, die sie ursprünglich zusammengebracht haben, fort.
Der politische Konflikt unserer Gegenwart erschöpft sich jedoch nicht allein in unterschiedlichen Präferenzen für technologische oder ökologische Lösungen, schließlich sind die neuen Diener des Lebens sich zugleich zutiefst darüber uneins, was das Leben überhaupt auszeichnet. Die eine Seite betrachtet es vorrangig als einen Informationsprozess, den es zu erweitern und verbessern gilt, während die andere es als komplexes System versteht, das man bewahren und im Gleichgewicht halten muss. Diese gegensätzlichen Perspektiven führen zu einander entgegensetzten politischen Visionen: Die einen blicken zu den kosmischen Eroberungen des Lebens hinauf, die andere blicken hinab und sind auf die innerplanetarischen Verflechtungen fokussiert. Diese neue Lage verlangt nach einer neuen politischen Sprache und einer neuen politischen Orientierung – weder links noch rechts –, die, so würde ich vorschlagen, am besten in dem Gegensatz zwischen einem technologischen Up und einem ökologischen Down erfasst werden kann.
Das Ende des Menschen
Seit sich 1789 in der Französischen Nationalversammlung die noch immer gängige parlamentarische Sitzordnung etablierte, haben die Linken in der Regel behauptet, dass der Mensch weitaus universellere, gerechtere und rationalere politische Ordnungen schaffen könne als die bestehenden. Demgegenüber tendierten die Rechten dazu, ein gewisses Maß an Ungleichheit, Irrationalität und Spaltung als notwendige Konsequenz menschlicher Unzulänglichkeit zu akzeptieren. Trotz der erbitterten Debatten, die beide Lager trennten, waren sie sich jedoch darin einig, dass die Politik sich um den Menschen und seine Bedürfnisse drehen sollte. Tatsächlich war der humanistische Konsens so unerschütterlich, dass bis weit ins 20. Jahrhundert einige seiner schärfsten Kritiker, wie etwa Martin Heidegger, bloß protestierten, dass »gegen den Humanismus gedacht […] wird, weil der die Humanitas des Menschen nicht hoch genug ansetzt«. Ebenso ruft Michel Foucault sorgenvoll eine Zeit in Erinnerung, »in der man die humanistischen Werte, repräsentiert vom Nationalsozialismus, hochhielt, und in der selbst die Stalinisten behaupteten, sie seien Humanisten«.
Doch obwohl die Wurzeln des politischen Humanismus tief in das Fundament der westlichen Philosophie reichen, erodierten die Grundlagen des Glaubens an den menschlichen Sonderstatus im Laufe des 19. Jahrhunderts rapide. Die Chemie stellte fest, dass Menschen aus den gleichen Elementen zusammengesetzt sind wie alles andere auch, während die sich entwickelnden Forschungsgebiete der Neuropsychologie, Ökologie und Evolutionsbiologie entdeckten, dass Menschen weitaus stärker als zuvor angenommen anderen Organismen ähneln und zugleich von diesen abhängig sind.
Im frühen 20. Jahrhundert gab die Wissenschaft ihre jahrhundertelange Suche nach einer das Leben stiftenden Substanz auf. Stattdessen kam sie zunehmend zu dem Ergebnis, dass die Essenz lebender Wesen nicht in der Substanz ihrer Materie liegt, sondern in der Weise, wie diese angeordnet ist. Der Scheidepunkt war mit Erwin Schrödingers berühmtem Vorschlag aus dem Jahr 1943 erreicht: »Das, wovon ein Organismus sich ernährt, ist negative Entropie.« Innerhalb eines Jahrzehnts wurde dieses Konzept der sogenannten Negentropie in »Information« umgetauft, was die Möglichkeit eröffnete, die Natur sowohl der Menschen als auch anderer lebender Wesen grundsätzlich neu zu betrachten: als ein System, das komplexe Informationen verarbeitet.
Das Leben als neues Paradigma
Zahlreiche Denkströmungen haben zum Aufstieg des Lebens mit großem L beigetragen, doch erst Mitte des 20. Jahrhunderts verbanden sich diese Entwicklungen zu einem kohärenten Ganzen. 1948 führte der Mathematiker Norbert Wiener den Begriff »Kybernetik« ein, um eine neue wissenschaftliche (Meta)Disziplin zu begründen, die sich mit der Frage beschäftigte, wie komplexe Systeme in einem feindlichen Universum überleben können. Wiener fragte sich: Warum sind einige Systeme dazu in der Lage, die erforderlichen Informationen zu verarbeiten, um die Energie zu sichern, die zur Aufrechterhaltung ihrer Komplexität benötigt wird, obwohl doch der zweite Hauptsatz der Thermodynamik unaufhaltsam darauf abzielt, Unterschiede in Gleichheit aufzulösen? Lebende Wesen, so Wieners Beobachtung, stellten eine »Insel hier und jetzt in einer sterbenden Welt dar«. Dementsprechend schlug er vor, den Begriff des Lebens auszuweiten, um »alle Phänomene zu beschreiben, die lokal gegen den Strom der zunehmenden Entropie schwimmen«.
Diese Neubestimmung machte klar, dass das Leben ein Kontinuum zunehmend komplexer Systeme ist, die irgendwo zwischen Kristall und Virus Form annehmen. Aus dieser Perspektive umfasst das Leben einzellige Organismen, das Spektrum der mehrzelligen Lebewesen, die Ökosysteme, die diese Wesen bilden, und die Masse der Ökosysteme, die sich gegenseitig erhalten und gemeinsam die planetare Ökosphäre bilden. Zugleich wurde es dadurch, dass man Lebewesen als komplexe, informationsverarbeitende Systeme begriff, möglich, menschengemachte Artefakte entlang des gleichen Kontinuums anzuordnen. Allem, vom einfachen Thermostat über analoge und digitale Computer bis hin zu menschlichen Kommunikationssystemen, Gesellschaften und Ökonomien, konnte ein Ort auf der gleichen Achse zugewiesen werden.
Die neue, kybernetisch geprägte systematische Ökologie der 1960er Jahre kam schnell zu der Erkenntnis, dass die Ströme von Materie, Energie und Information, die diese Systeme erhielten, alle untereinander verbunden waren. Im Lauf der 1970er Jahre nahm so das Leben selbst Gestalt an; als das System der Systeme, die von Menschen, ihren technischen Erzeugnissen und allen irdischen Organismen in ihrem Anschwimmen gegen den Strom der Entropie geformt wurden.
Gegen Ende der siebziger Jahre war der Einfluss der Kybernetik derartig ubiquitär geworden, dass die Außengrenzen des Feldes sich auflösten und unzählige Tochterdisziplinen entstanden. Auch wenn die vielen Nachfahren der Kybernetik die Welt als Gewirr komplexer Informationsverarbeitungssysteme betrachteten, interessierten sich einige stärker für das Leben als komplexes System. Weil jedes komplexe System eines beständigen Fließens von Materie, Energie und Information bedarf, kann kein System vollständig isoliert von seiner Umwelt begriffen werden. Diese Umwelten wiederum konstituieren ihre eigenen Systeme, die ihre eigenen Umwelten haben.
Beginnt man einmal damit, diese Verbindungen von System und Umwelt zu kartieren, wird schnell deutlich, dass »jedes Ding mit jedem anderen in Beziehung steht« – Barry Commoners erstes Gesetz der Ökologie. Die Kybernetik stellte ein neues Set von Werkzeugen zur Verfügung, um diese komplexen Abhängigkeitsverhältnisse wesentlich detaillierter darzustellen. Dies wiederum prägte neue Wissenschaftsgebiete wie etwa die Systemökologie, die Erdsystemwissenschaft und – vermutlich am berühmtesten – James Lovelocks und Lynn Margulis’ Gaia-Hypothese, von Lovelock schlicht als »ein praktischerer Begriff als ›biologisch-kybernetisches System mit homöostatischen Tendenzen‹« bezeichnet.
Andere interessierten sich stärker für das Leben als Prozess der Informationsverarbeitung. Im Lauf der 1960er Jahre kamen einige Forscher zu dem Schluss, dass menschliche Gehirne und Maschinen strukturell ähnliche Muster der Informationsverarbeitung aufweisen. Neue Forschungsrichtungen, wie etwa die Kognitionswissenschaften, die Erforschung Künstlicher Intelligenz und die Bioinformatik, begannen diese Analogien zu studieren. Mit den 1970er Jahren sahen immer mehr Computer-, Ingenieurs- und Informationswissenschaftler keinen funktionalen Unterschied mehr zwischen den Rechenprozessen, die in einem menschlichen Gehirn ablaufen, und denjenigen in einem Silikonchip. Während also diejenigen Erben der Kybernetik, die sich für die Erde als komplexes System interessierten, sich zunehmend zum Geflecht des irdischen Lebens hingezogen fühlten, neigten diejenigen, die sich auf die Informationsverarbeitung konzentrierten, zu einer immer stärkeren Abstraktion von der organischen Welt.
Hätte es die ökologische Krise der sechziger und siebziger Jahre nicht gegeben, wären die wissenschaftlichen Nachfahren der Kybernetik möglicherweise immer weiter auseinandergedriftet. Angesichts von brennenden Flüssen, tödlichem Smog, saurem Regen und einem wachsenden Ozonloch überzeugten frühe computersimulierte Modelle viele davon, dass das Ausmaß der globalen Zivilisation begonnen hatte, den Planeten unbewohnbar zu machen.