Der Wiedergänger der Utopie
von Nicola GessSeit einigen Jahren kursiert unter progressiven Intellektuellen, Aktivistinnen und Kulturschaffenden eine Diagnose, die auch im öffentlichen Diskurs Widerhall findet: Die politische Imagination sei verkümmert. Es gebe zu wenig davon, oder was davon übrig sei, sei zu wenig radikal oder den Anforderungen der Gegenwart nicht gewachsen. Die Forderung lautet, die politische Imagination wiederzubeleben, um angesichts der doppelten Krise eines erschöpften Neoliberalismus und des ökologischen Zusammenbruchs neue Vorstellungsräume zu erschließen, vielleicht sogar neue Formen utopischen Denkens zu entwickeln. Oliver Marchart spricht sogar von einem »imaginative turn« der Geistes- und Sozialwissenschaften und des avancierten Kunstfeldes.
Dieser Ruf nach Erneuerung nimmt viele Formen an, zielt aber häufig auf eine Erneuerung kultureller Narrative und Erzählweisen. Zu den prominenten Vertreterinnen dieser Position gehören etwa Amitav Ghosh, der neue Formen des Erzählens gefordert hat, die der ökologischen Krise gewachsen sind, oder Donna Haraway, deren Konzept der spekulativen Fabulation darauf zielt, etablierte Grenzen zwischen Fakt und Fiktion, Natur und Kultur zu erschüttern, um andere Formen des Zusammenlebens zwischen Spezies denkbar zu machen. Literatur ist generell zu einem privilegierten Ort dieser Bestrebungen geworden. Ihr wird eine besondere Fähigkeit zugeschrieben, neue Räume politischer Imagination zu eröffnen und mit alternativen Formen zeitlicher und sozialer Organisation zu experimentieren. Ein häufig zitiertes Beispiel ist Kim Stanley Robinsons Roman The Ministry for the Future, der zu einem Referenzpunkt in Diskussionen über Climate Fiction und politische Zukunftsfähigkeit geworden ist.
Die diagnostizierte Krise der politischen Imagination steht allerdings in einem auffälligen Kontrast zu einem anderen Phänomen: der gegenwärtigen Wirkungsmacht politischer Fantastik, ob in Form fabulierender Desinformation, rechter Retrotopien oder insbesondere ausufernder Verschwörungstheorien. Statt einer Verarmung der politischen Imagination scheinen sie eher deren Vitalität zu bezeugen. Was ist von diesem paradoxen Befund zu halten? Haben wir es hier tatsächlich mit widersprüchlichen Phänomenen zu tun? Und was verrät diese Spannung über den Zustand des politischen Imaginären heute?
Utopie und Verschwörungstheorie
Die These einer Blockade der politischen Imagination ist älter als gemeinhin angenommen. Bereits 1964 kritisiert Adorno im Gespräch mit Ernst Bloch, dass gegenwärtig »die Erfüllung der Utopie im allgemeinen nur in einer Wiederholung des immer gleichen ›Heute‹« bestehe. Die Menschen seien »vereidigt auf die Welt, wie sie ist«, denn ihnen sei aufgrund der globalen »Verhärtung der gesellschaftlichen Apparatur« »die Fähigkeit, das Ganze sich vorzustellen als etwas, das völlig anders sein könnte«, abhandengekommen.
Als »Utopian problem« bezeichnet 1988 auch Fredric Jameson in seinem Aufsatz Cognitive Mapping die Schwierigkeit linker Politik, eine »Vision der Zukunft« zu entwerfen – worauf auch er schon mit der Forderung nach einer »neuen Ästhetik« antwortet. Keine marxistische oder sozialistische Partei oder Bewegung, schreibt er, sei derzeit in der Lage, sich eine von den Mechanismen des Marktes freie Gesellschaft überhaupt vorzustellen: »the task of trying to imagine how a society without hierarchy, a society of free people, a society that has at once repudiated the economic mechanisms of the market, can possibly cohere«. Zugleich kommt Jameson in diesem Aufsatz auch auf Verschwörungstheorien zu sprechen. Die Bedingung für die Möglichkeit politischer Erfahrung sei ein »cognitive mapping«, ein Akt des bewussten gedanklichen Kartierens, durch den sich das Subjekt zu den sozialen (Klassen)Strukturen, in die es eingebunden und mit denen es konfrontiert ist, in Beziehung setzt. Bei Verschwörungstheorien handele es sich um den scheiternden Versuch eines solchen Kartierens: »Conspiracy […] is the poor person’s cognitive mapping in the postmodern age; a degraded figure of the total logic of late capital, a desperate attempt to represent the latter’s system.«
Folgt man Jameson, ist die Verschwörungstheorie dem angestrebten cognitive mapping also ähnlich und unähnlich zugleich. Man könnte von einem entstellten Doppelgänger sprechen: Wir haben es mit einer anderen, verzerrten Version desselben Impulses zu tun. Dieser Gedanke kehrt auch in späteren Erklärungsversuchen zu verschwörungstheoretischem Denken wieder. Bei Luc Boltanski etwa entstehen Paranoia-Diskurs, Kriminalliteratur und Sozialwissenschaften gleichursprünglich um 1900, weil alle drei auf den modernen Zweifel an der »Realität der Realität« reagieren, nämlich auf das Gefühl, dass die sichtbare Wirklichkeit von verborgenen Strukturen oder Akteuren gesteuert wird. Oberflächlich betrachtet haben politische Verschwörungstheorien tatsächlich viel mit Sozialkritik gemein, wenn sie etwa soziale Missstände adressieren oder einen kritischen Blick auf gigantische Wirtschaftssysteme richten. Das tieferliegende Problem aber ist, dass das manichäische Basisnarrativ von Verschwörungstheorien die Einsicht in das Funktionieren moderner Gesellschaften geradezu verstellt. Wo eine soziologische Analyse auf die Interaktion komplexer Systeme wie Recht, Wirtschaft und Politik hinweisen würde, reetablieren Verschwörungstheorien, wie unter anderen Timothy Melley gezeigt hat, menschliche Intentionalität. Dass die Dinge so sind, wie sie sind, wird auf das Handeln einer Gruppe böser Individuen zurückgeführt, auf deren Entlarvung und Bestrafung wiederum andere Individuen nun ebenso zielgerichtet hinarbeiten können. Auf den zu Recht wahrgenommenen Autonomieverlust, der ein Impuls zur Herausbildung einer kritischen Gesellschaftstheorie sein könnte, reagiert die Verschwörungstheorie also mit einem imaginären Autonomiegewinn. Mit Rahel Jaeggi ließe sich das als eine Form der Regression bezeichnen: Verschwörungstheorien würden dann eine Krise der Krisenbewältigung anzeigen.