Der Wiedergänger der Utopie
von Nicola GessSeit einigen Jahren kursiert unter progressiven Intellektuellen, Aktivistinnen und Kulturschaffenden eine Diagnose, die auch im öffentlichen Diskurs Widerhall findet: Die politische Imagination sei verkümmert. Es gebe zu wenig davon, oder was davon übrig sei, sei zu wenig radikal oder den Anforderungen der Gegenwart nicht gewachsen. Die Forderung lautet, die politische Imagination wiederzubeleben, um angesichts der doppelten Krise eines erschöpften Neoliberalismus und des ökologischen Zusammenbruchs neue Vorstellungsräume zu erschließen, vielleicht sogar neue Formen utopischen Denkens zu entwickeln. Oliver Marchart spricht sogar von einem »imaginative turn« der Geistes- und Sozialwissenschaften und des avancierten Kunstfeldes.1
Dieser Ruf nach Erneuerung nimmt viele Formen an, zielt aber häufig auf eine Erneuerung kultureller Narrative und Erzählweisen. Zu den prominenten Vertreterinnen dieser Position gehören etwa Amitav Ghosh, der neue Formen des Erzählens gefordert hat, die der ökologischen Krise gewachsen sind, oder Donna Haraway, deren Konzept der spekulativen Fabulation darauf zielt, etablierte Grenzen zwischen Fakt und Fiktion, Natur und Kultur zu erschüttern, um andere Formen des Zusammenlebens zwischen Spezies denkbar zu machen. Literatur ist generell zu einem privilegierten Ort dieser Bestrebungen geworden. Ihr wird eine besondere Fähigkeit zugeschrieben, neue Räume politischer Imagination zu eröffnen und mit alternativen Formen zeitlicher und sozialer Organisation zu experimentieren. Ein häufig zitiertes Beispiel ist Kim Stanley Robinsons Roman The Ministry for the Future, der zu einem Referenzpunkt in Diskussionen über Climate Fiction und politische Zukunftsfähigkeit geworden ist.
Die diagnostizierte Krise der politischen Imagination steht allerdings in einem auffälligen Kontrast zu einem anderen Phänomen: der gegenwärtigen Wirkungsmacht politischer Fantastik, ob in Form fabulierender Desinformation, rechter Retrotopien oder insbesondere ausufernder Verschwörungstheorien. Statt einer Verarmung der politischen Imagination scheinen sie eher deren Vitalität zu bezeugen.2 Was ist von diesem paradoxen Befund zu halten? Haben wir es hier tatsächlich mit widersprüchlichen Phänomenen zu tun? Und was verrät diese Spannung über den Zustand des politischen Imaginären heute?
Utopie und Verschwörungstheorie
Die These einer Blockade der politischen Imagination ist älter als gemeinhin angenommen. Bereits 1964 kritisiert Adorno im Gespräch mit Ernst Bloch, dass gegenwärtig »die Erfüllung der Utopie im allgemeinen nur in einer Wiederholung des immer gleichen ›Heute‹« bestehe. Die Menschen seien »vereidigt auf die Welt, wie sie ist«, denn ihnen sei aufgrund der globalen »Verhärtung der gesellschaftlichen Apparatur« »die Fähigkeit, das Ganze sich vorzustellen als etwas, das völlig anders sein könnte«, abhandengekommen.3
Als »Utopian problem« bezeichnet 1988 auch Fredric Jameson in seinem Aufsatz Cognitive Mapping die Schwierigkeit linker Politik, eine »Vision der Zukunft« zu entwerfen – worauf auch er schon mit der Forderung nach einer »neuen Ästhetik« antwortet. Keine marxistische oder sozialistische Partei oder Bewegung, schreibt er, sei derzeit in der Lage, sich eine von den Mechanismen des Marktes freie Gesellschaft überhaupt vorzustellen: »the task of trying to imagine how a society without hierarchy, a society of free people, a society that has at once repudiated the economic mechanisms of the market, can possibly cohere«.4 Zugleich kommt Jameson in diesem Aufsatz auch auf Verschwörungstheorien zu sprechen. Die Bedingung für die Möglichkeit politischer Erfahrung sei ein »cognitive mapping«, ein Akt des bewussten gedanklichen Kartierens, durch den sich das Subjekt zu den sozialen (Klassen)Strukturen, in die es eingebunden und mit denen es konfrontiert ist, in Beziehung setzt. Bei Verschwörungstheorien handele es sich um den scheiternden Versuch eines solchen Kartierens: »Conspiracy […] is the poor person’s cognitive mapping in the postmodern age; a degraded figure of the total logic of late capital, a desperate attempt to represent the latter’s system.«
Folgt man Jameson, ist die Verschwörungstheorie dem angestrebten cognitive mapping also ähnlich und unähnlich zugleich. Man könnte von einem entstellten Doppelgänger sprechen: Wir haben es mit einer anderen, verzerrten Version desselben Impulses zu tun. Dieser Gedanke kehrt auch in späteren Erklärungsversuchen zu verschwörungstheoretischem Denken wieder. Bei Luc Boltanski etwa entstehen Paranoia-Diskurs, Kriminalliteratur und Sozialwissenschaften gleichursprünglich um 1900, weil alle drei auf den modernen Zweifel an der »Realität der Realität« reagieren, nämlich auf das Gefühl, dass die sichtbare Wirklichkeit von verborgenen Strukturen oder Akteuren gesteuert wird.5 Oberflächlich betrachtet haben politische Verschwörungstheorien tatsächlich viel mit Sozialkritik gemein, wenn sie etwa soziale Missstände adressieren oder einen kritischen Blick auf gigantische Wirtschaftssysteme richten.6 Das tieferliegende Problem aber ist, dass das manichäische Basisnarrativ von Verschwörungstheorien die Einsicht in das Funktionieren moderner Gesellschaften geradezu verstellt. Wo eine soziologische Analyse auf die Interaktion komplexer Systeme wie Recht, Wirtschaft und Politik hinweisen würde, reetablieren Verschwörungstheorien, wie unter anderen Timothy Melley gezeigt hat, menschliche Intentionalität.7 Dass die Dinge so sind, wie sie sind, wird auf das Handeln einer Gruppe böser Individuen zurückgeführt, auf deren Entlarvung und Bestrafung wiederum andere Individuen nun ebenso zielgerichtet hinarbeiten können. Auf den zu Recht wahrgenommenen Autonomieverlust, der ein Impuls zur Herausbildung einer kritischen Gesellschaftstheorie sein könnte, reagiert die Verschwörungstheorie also mit einem imaginären Autonomiegewinn. Mit Rahel Jaeggi ließe sich das als eine Form der Regression bezeichnen: Verschwörungstheorien würden dann eine Krise der Krisenbewältigung anzeigen.8
Wer Verschwörungstheorien als scheiternden Versuch eines sozialanalytischen Verstehens beschreibt, unterschlägt allerdings einen wesentlichen Teil ihrer Anziehungskraft: das Element, das sie als eine ästhetische Praxis kennzeichnet. Verschwörungstheorien sind nicht nur ein Versuch, die Welt zu verstehen. Sie machen sie auch lebendig, dramatisch, aufregend; und sie sind im höchsten Maße auf Spekulation angewiesen. Im Kern betreiben Verschwörungstheorien ebenso stark Worldbuilding wie fiktionale Literatur: Sie entwerfen eine andere Welt; nicht nur eine, in der alles einen Sinn ergibt, sondern eine, die ästhetisch ansprechender ist als die reale. Das epistemische Moment, das Jameson betont, erklärt zwar, warum Verschwörungstheorien entstehen. Es erklärt aber nicht, warum sie derart viele Menschen für sich einnehmen und warum sie eine so starke affektive Bindung erzeugen.
Einer Antwort darauf kommt man näher, wenn man nicht so sehr ihren thetischen Gehalt als vielmehr ihre fiktionale Logik betrachtet.9 Viele Verschwörungstheorien muten wie fantastische Literatur an. Notorisches Beispiel: die Echsenmenschentheorie, also die Annahme, dass menschenähnliche intelligente Lebensformen, die von reptilienartigen Außerirdischen abstammen, die Politik vieler Länder kontrollieren. Auch die strukturelle Nähe von Verschwörungstheorien zu Mythen oder, allgemeiner gesprochen, zu Geschichten ist auffällig. Geschichten geben Orientierung. Sie formen aus einer unübersichtlichen und komplexen Welt eine lineare Erzählung, in der die Pläne und Konflikte ihrer Heldinnen eine Handlung vorantreiben, die zielgerichtet auf ein versöhnliches oder tragisches Ende hinausläuft. Von einem klassisch erzählten Roman erwarten wir geradezu, dass nichts rein zufällig geschieht, dass alles mit allem zusammenhängt und dass auch das kleinste Detail noch Bedeutung für das Ganze hat. Diese literarischen Gesetzmäßigkeiten zeichnen auch Verschwörungstheorien aus. Dabei rekurrieren sie auf eines der ältesten Basisnarrative überhaupt: den mythischen Kampf von Gut gegen Böse. Und sie passen darin einen Plot ein, wie man ihn am ehesten aus dem Spionageroman kennt.
Dabei beherzigen Verschwörungstheorien eine Einsicht, die seit langem fester Bestandteil vieler Dichtungstheorien ist, nämlich dass der Erfolg von Geschichten nicht nur von ihrem Neuigkeitswert, sondern auch von ihrer Glaubwürdigkeit abhängt. Es ist seit der Antike eine bekannte poetologische Forderung, dass Autorinnen und Autoren sich nicht so sehr an der Wahrheit als vielmehr am Anschein von Wahrheit orientieren sollen – an dem, was den Lesenden wahrscheinlich dünkt. Verschwörungstheorien beherzigen das: Sie leben von einer Glaubwürdigkeit, die nicht auf der Übereinstimmung mit Fakten, sondern auf der Vermeidung kognitiver Dissonanzen, der Bestätigung vorhandener Überzeugungen und der Reduktion von Kontingenz und Komplexität basiert. Sie zeichnen sich nicht durch eine logische, sondern durch eine narrative Kohärenz aus, die auch Widersprüche aushalten kann, solange diese harmonisch in die Geschichte eingefügt werden.
Die Nähe zur Literatur zeigt sich schließlich auch darin, dass viele Verschwörungstheorien Motive und Handlungselemente fiktionaler Texte übernehmen, ohne deren Fiktionalität zu reflektieren. Die Reptiloiden-Verschwörungstheorie beispielsweise geht auf eine Erzählung von Robert E. Howard zurück, die er 1929 in Weird Tales veröffentlichte. Vertreter der Verschwörungstheorie vom »Großen Austausch« beziehen sich auf Jean Raspails Roman Le Camp des Saints von 1973 – Steve Bannon etwa bezeichnete 2016 die Migrationsbewegung in Europa mit dem englischen Titel des Romans: »It’s not a migration, it’s really an invasion. I call it the Camp of the Saints.«10 Und die US-amerikanische Variante dieser Verschwörungstheorie, der sogenannte »White Genocide«, hat in William Luther Pierces Roman The Turner Diaries von 1978 einen ihrer wichtigsten Stichwortgeber – ein Buch, das, wie die Terrorismusanalysten Bruce Hoffman und Jacob Ware betonen, wie kaum ein zweites einen starken Einfluss auf den gewalttätigen rechten Extremismus in den USA ausgeübt hat.11
Die Nähe zum Literarischen sensibilisiert für das, was ich oben als »ästhetische Praxis« bezeichnet habe. Verschwörungstheorien sind nicht nur die verzerrte Version des cognitive mapping. Sie sind auch die verzerrte Version dessen, was ich, in Erweiterung von Jameson, als »utopisches Mapping« bezeichnen möchte. Verschwörungstheorien mobilisieren eine ähnliche imaginative Energie, ähnliche Formen von Worldbuilding und affektiver Anziehungskraft wie das utopische Denken, aber ohne dessen politische Transzendenz und ohne die Öffnung von Möglichkeitsräumen. Denn die Verschwörungstheorie überschreitet die bestehende Welt nicht, sie unterwandert sie nur. Sie denkt dieselbe Welt noch einmal, aber mit anderen Vorzeichen: dieselben Akteure, dieselben Institutionen, dieselben Machtverhältnisse – nur entlarvt, umgekehrt, enthüllt. Das Andere, das sie sucht, ist immer schon innerhalb des Bestehenden versteckt. Die Utopie dagegen denkt ein Außen: ein Woanders oder ein Noch-Nicht, das (idealiter) strukturell verschieden ist von dem, was ist. Die Imagination der Verschwörungstheorie bleibt, mit anderen Worten, systemimmanent: Sie kann keine wirkliche Alternative zur bestehenden Gesellschaft denken, weil sie keinen archimedischen Punkt kennt, von dem aus die Welt anders entworfen werden könnte. Das erklärt auch, warum die Verschwörungstheorie politisch so lähmend ist, obwohl sie sich so aufgewühlt anfühlt: Sie produziert Erregung, aber keine Transzendenz. Man hat die Wahrheit enthüllt, aber man steht immer noch in derselben Welt, nur mit dem Gefühl, sie jetzt zu durchschauen.
Der »Q-Anon Schamane«
Damit lässt sich das eingangs beschriebene Paradox neu fassen. Die Blockade der utopischen Imagination und die Fülle an Verschwörungstheorien sind nicht zwei voneinander unabhängige Phänomene, die zufällig gleichzeitig auftreten. Sie sind zwei Seiten einer Medaille. Die blockierte politische Vorstellungskraft kommt in der Verschwörungstheorie auf verquere, verstellte, verkehrte Weise zum Zug. Das Bild des Wiedergängers, das Philip Manow für den Rechtspopulismus vorgeschlagen hat,12 lässt sich hier produktiv aufgreifen: die Verschwörungstheorie als Wiedergänger der Utopie.
Ich möchte diese These an einem Beispiel veranschaulichen. Jacob Angeli, eigentlich Jacob Chansley, besser bekannt als der »QAnon-Schamane«, ist in den Jahren vor dem Sturm auf das Kapitol, der ihn weltweit bekannt machen sollte, als Autor von zwei Büchern in Erscheinung getreten: dem 2018 im Selbstverlag veröffentlichten Will & Power unter dem Pseudonym Loan Wolf und dem 2020 ebenfalls im Selbstverlag erschienenen One Mind At A Time. A Deep State Illusion.13 Anhand dieser Bücher lässt sich der Mechanismus, um den es mir geht, fast lehrbuchhaft beobachten.
Das erste Buch, der Roman Will & Power, verspricht Weltschöpfung durch sprachliche beziehungsweise literarische Imagination. Der Untertitel lautet Inside the Living Library, und laut Klappentext soll das Buch der Leserin helfen, »your own power to create reality!« zu entdecken, »with every page you turn«. Der Roman spielt in einer »crystal sky city«, und in seiner Rahmenhandlung bittet die Ich-Erzählerin den Vater darum, ihr seine Lebensgeschichte zu erzählen. Er stimmt nur unter der Bedingung zu, dass er sie ihr »in a special way« erzählt, so dass sie in die Geschichte hineingezogen wird und die Ereignisse »through my eyes« erlebt. Was folgt, ist die Schilderung der Initiation in eine esoterische Praxis, die es dem Ich-Erzähler der Binnengeschichte ermöglicht, eine neue Realität zu gestalten: »Through chi, we can channel the creative powers within our spirit to manifest the most magical and miraculous events imaginable.« Die Realität, die durch die Kraft der Imagination geschaffen wird, setzt sich dabei aus Schriftsymbolen zusammen – konsequent, wenn man bedenkt, dass das Ganze in der Metapher einer »living library« verankert ist. So wird etwa die Erschaffung eines Feuers als Übersprung von flammenartigen Schriftzeichen in sichtbare Flammen geschildert.
Die Erwartung liegt nahe, dass der Glaube an diese weltverändernde Kraft der Imagination am Ende auf eine Sozialutopie hinauslaufen wird – zumal das Ganze ja offenbar in einer neuen Welt, der »crystal sky city«, spielt, und das Buch auf drei Ebenen zugleich den Übersprung sprachlicher Imagination in Realität inszeniert: In der Binnengeschichte transformiert sich Schrift in ihren Referenten, in der Rahmenerzählung erlebt die Zuhörerin die erzählte Geschichte als real, und das Buch selbst will von seinen Leserinnen nicht als Fiktion, sondern als faktuale Erzählung verstanden werden, die Weltschöpfung durch Imagination lehrt. Aber diese Erwartung löst sich nicht ein. Die Utopie bleibt aus. Die bessere Welt bleibt leer; über die Crystal Sky City erfährt man nichts. Stattdessen richtet sich die neugewonnene Imaginationskraft darauf, das Wirken einer bösen Macht hinter der Realität zu entlarven. Seien es hochverarbeitete Lebensmittel, Luftverschmutzung, Körperscanner am Flughafen oder vor allem Mobiltelefone: Hinter ihnen allen verbirgt sich der »Dark Lord«, der die Menschen an der Entfaltung ihrer weltschöpferischen Kräfte hindern will. Es sind die »wireless frequency spells emitted by the cell phone towers«, die das »negative chi of the dark lord’s spells« in die Städte schicken.
One Mind At A Time macht hier direkt weiter. Die fiktionale Erzählung ist der faktualen gewichen, aber der Ich-Erzähler bleibt derselbe: Wieder gelangt er durch psychedelische Erfahrungen zu höheren Einsichten über die Realität. Sein Buch sei, so der Klappentext, »designed to end the Deep State forever and usher in a new era of peace, evolution, prosperity, abundance & love«. Die utopische Geste ist also ebenso vorhanden. Aber auch hier wird stattdessen eine ausufernde Verschwörungstheorie geliefert. Der »Dark Lord« ist jetzt der »Deep State«; zur 5G-Verschwörungstheorie kommen nahezu alle anderen Verschwörungstheorien hinzu, die in den letzten Jahren Konjunktur hatten: JFK, 9/11, Pizzagate, geheime Nazi-Technologien, UFOs, Mind Control. Es handelt sich, mit Michael Butter gesprochen, um eine Mega-Verschwörungstheorie, in der alles mit allem zusammenhängt und die alles, was die Leserin über die Realität zu wissen meinte, als vom »Deep State« betriebene Täuschung erklärt.14
Der Entwurf der »new era«, die das Buch einläuten will, enttäuscht demgegenüber nicht nur durch seine Kürze – er beschränkt sich auf die letzten sieben Seiten –, sondern vor allem durch seine Einfallslosigkeit: Er reproduziert bekannte Leerformen des American Way of Life: den Imperativ zur unbedingten Selbstverwirklichung (»we must live our dreams«) und einen radikalen Individualismus, nach dem jeder seiner eigenen Realität Schmied ist. An die Stelle kollektiver politischer Aktion tritt die biologische Evolution des Einzelnen zum »super human«. Und wieder greift Angeli zu einer literarischen Metapher: Jeder solle sich selbst die gleichen unendlichen Möglichkeiten zutrauen, die er einem Buchcharakter zutraut, und sich dadurch zum Superhelden transformieren: »Many people enjoy getting lost in the fantasy of a book character or a movie hero, but rarely do people realize they are a living book character on a worldly stage.«
Das ist, in nuce, was ich mit der Verschwörungstheorie als Wiedergänger der Utopie meine. Die utopische Geste – Weltschöpfung durch Imagination, der Entwurf einer besseren Welt – ist vorhanden, aber sie bleibt leer oder erschöpft sich in der Reproduktion bestehender Ideologie. An ihre Stelle tritt die Verschwörungstheorie, die keine bessere Zukunft, sondern eine dystopische Gegenwart ausmalt. Sie liefert Negation weder im Sinn des utopischen Gegenentwurfs noch im Sinn einer immanenten Kritik, die die Gesellschaft an ihren eigenen Idealen messen würde, sondern Negation im Sinne der Zerstörung: Alles wird für lügenhaften Schein erklärt; die imaginierte Zukunft erschöpft sich in einer Rachefantasie – bei Angeli in Form eines »last war of our age«, den er in einer Vision vorhersieht und auf den eine »love and peace«-Ära folgen werde. Wunscherfüllung leistet die Verschwörungstheorie gleichwohl auch, indem sie den zurecht beklagten Autonomieverlust durch imaginäre Handlungsmacht ausgleicht. Für die ultimative Selbstermächtigung steht dabei der Superheld.
Wie es dieser politischen Imagination an Vorstellungskraft mangelt, so mangelt es ihr auch an einem Begriff des Politischen. Denn das Politische gerät bei solchen Fantasien gerade nicht in den Blick. Eine Änderung der Gesellschaft durch Superhelden zu erwarten, bedeutet, die strukturelle Komplexität sozialer Prozesse zu übersehen. Man könnte ein solches Denken auch als einen Rückfall ins Mythische beschreiben: Statt kollektiver Solidarität wird das Unheil ebenso wie das Heil von mächtigen Einzelfiguren erwartet – eine Personalisierung gesellschaftlicher Kräfte, die eigentlich sozial verteilt sind. Eine Gesellschaft, die auf Superhelden setzt, verliert ihren Glauben an sich selbst beziehungsweise an Gesellschaft als solche.
Veränderte Wirklichkeit
Damit könnte man die Analyse der Verschwörungstheorie als Wiedergänger der Utopie eigentlich abschließen. Aber das Beispiel Angeli legt noch einen weiteren Gedanken nahe, der nicht mehr nur die Schwäche, sondern gewissermaßen die dunkle Stärke der verschwörungstheoretischen Imagination betrifft. Der Utopie spricht man nicht nur die Fähigkeit zu, eine bessere Welt zu entwerfen. Man spricht ihr auch die Fähigkeit zu, Wirklichkeit zu verändern, also neue soziale Formen hervorzubringen, kollektive Energien zu bündeln, das Bestehende tatsächlich zu transformieren. Genau diese wirklichkeitsgestaltende Kraft schien der politischen Imagination im Zeitalter des neoliberalen Realismus abhandengekommen zu sein. Das Beispiel Angeli zeigt, dass die Verschwörungstheorie auf perverse Weise genau diese Kraft entfaltet, nicht durch den Entwurf einer besseren Welt, sondern durch die kollektive Fabulation einer falschen Wahrheit, die sich, einmal von Macht beglaubigt, in neue Wirklichkeit verwandelt.
Entscheidend ist dabei der Schritt vom Einzelnen zum Kollektiv. Solange Angelis Überzeugung von der wirklichkeitsverändernden Kraft der Imagination – die Idee, dass sich der Einzelne kraft Imagination zum Super Human formt, der die allgegenwärtige Täuschung durchschaut und zusammen mit anderen Erleuchteten zum Endkampf gegen diabolische Eliten antritt – eine Idiosynkrasie bleibt, ist sie folgenlos. Was sich verändert, als Angeli ab 2020 an QAnon-Demonstrationen teilnimmt und sich in diese Bewegung einfügt, ist nicht der Inhalt seiner Überzeugungen, sondern ihre soziale Form. Henri Bergson hat die »Fabulation« als Schlüsselkategorie sowohl für die Öffnung wie die Schließung von Kollektiven beschrieben: Sie ist, wie Heike Delitz pointiert zusammenfasst, die Fähigkeit, um neue soziale Ideen herum Kollektive zu eröffnen, und zugleich der Mechanismus ihrer Schließung, der Imagination kollektiver Identität.15 Bei QAnon greift beides ineinander: Die Idee vom Staat als Verschwörung, vom Deep State, stiftet ein Kollektiv, und das Kollektiv identifiziert sich über den geteilten Glauben an die Produkte seiner eigenen Fabulation. Was diesem Glauben dann den Status einer real erfahrenen Offenbarung verleiht, beschreibt Émile Durkheim mit dem Mechanismus der »Autodivination«. So wie die Macht des Heiligen in der Religion real erfahren wird, es sich dabei aber eigentlich um die Macht der Gruppe handelt, wird bei QAnon die Macht der geheimen Wahrheit real erfahren. In den Online-Foren und bei Treffen und Demonstrationen entsteht eine kollektive Erregung, die ein Gemeinschaftsgefühl stiftet und den Glauben an Q als Meisterpropheten und Trump als Erlöser allererst produziert.
Angelis Überzeugung von der wirklichkeitsverändernden Kraft der Imagination findet in der QAnon-Bewegung also eine soziale Entsprechung in der Realität. Das steigert sich noch am 6. Januar 2021, als Jacob Angeli zusammen mit zahlreichen anderen QAnons das Kapitol stürmt. Die Fantasie vom Endkampf gegen eine korrupte Elite wird von der Bewegung in die Tat umgesetzt. Eine kollektiv imaginierte Lüge treibt eine Menge in das Kapitol, tötet Menschen, erschüttert eine Demokratie. Was danach geschah, muss nicht im Einzelnen nacherzählt werden. Aber Stand heute hat sich in weiten Teilen der republikanischen Wählerschaft und in den den Republikanern nahestehenden Medien eine Umdeutung der Ereignisse vom 6. Januar durchgesetzt, manifestiert in Trumps Begnadigung von 1500 Personen, die an der Erstürmung des Capitols beteiligt und als inländische Terroristen verurteilt worden waren, darunter auch Angeli. Was die Bewegung nur fantasiert hatte, wird nun staatlich beglaubigt, die »Verkehrung ins Gegenteil«16 ist vollständig: Aus Wahlintegrität wird organisierter Wahlbetrug und aus einem illegalen Terrorakt wird eine Verteidigung der Demokratie, die einer höheren Legalität folgt. Geht es nach Trump, werden die Kapitolstürmer bald Entschädigung für ihre vermeintlich ungerechtfertigte Verurteilung beantragen können.
Das ist die beunruhigende Pointe, die über die Wiedergänger-These hinausgeht. Die Verschwörungstheorie ist nicht nur ein gescheiterter Ersatz der Utopie, sondern sie ist auch ein pervertierter Beweis von deren zentraler These. Dass Imagination Wirklichkeit verändern kann, dass kollektive Vorstellungskraft politische Kraft entfaltet: Das motiviert den »imaginative turn«. Aber das wissen auch Verschwörungstheoretiker und andere Spin-Doktoren. Der Unterschied liegt nicht in der Wirksamkeit der Imagination, sondern in dem, was sie hervorbringt. Die utopische Imagination öffnet einen Möglichkeitsraum, der über das Bestehende hinausweist. Die verschwörungstheoretische Imagination schließt ihn. Sie verwandelt eine kollektiv fabrizierte Unwahrheit in eine neue, gewaltsam behauptete Wirklichkeit, die keinen Ausweg kennt, nur Feinde.
Das Phänomen QAnon wirkt heute, mehr als fünf Jahre nach dem Sturm auf das Kapitol, bereits wie ein abgeschlossenes Kapitel. Aber wie nicht zuletzt Trumps jüngster Versuch eines Entschädigungsfonds für die Kapitolstürmer zeigt, täuscht das. Was bei QAnon noch als Randphänomen erschien, ist inzwischen in die Mitte der politischen Kultur eingewandert und hat sich dabei transformiert. In der MAGA-Bewegung greifen kollektive Fabulation und kollektive Autodivination auf eine Weise ineinander, die institutionell abgesichert und staatlich beglaubigt ist. Verschwörungsnarrative sind keine Sprache der Ohnmächtigen mehr; sie sind Regierungssprache. Das sollte uns allen zu denken geben, wenn wir eine Erneuerung der politischen Imagination fordern, so sympathisch und verlockend eine solche Forderung aus der Perspektive der Künste und der Geisteswissenschaften auch sein mag. Die Forderung ist nicht falsch, aber sie unterschätzt, wie leicht die Sehnsucht nach neuen politischen Utopien auch von deren Wiedergängern befriedigt werden kann. Und sie droht zugleich der Realität des Politischen auszuweichen: dass eine andere Welt nicht nur erträumt, sondern gegen widerstrebende Interessen erkämpft werden muss.17
Vgl. Oliver Marchart, Imagination und Entscheidung. Zur Kritik am aktuellen Boom an politischen Theorien der Einbildungskraft. In: Paragrana, Nr. 32/2, 2023.
Angeregt, über dieses Paradox nachzudenken, hat mich das Symposium »Stranger than Fiction«, das Christine Lötscher, Katharina Mowarek und Sylvia Sasse im Herbst 2025 in Zürich veranstaltet haben.
Etwas fehlt … Über die Widersprüche der utopischen Sehnsucht. Ein Gespräch mit Theodor W. Adorno. Gesprächsleiter: Horst Krüger [1964]. In: Rainer Traub /Harald Wieser (Hg.), Gespräche mit Ernst Bloch. Frankfurt: Suhrkamp 1975.
Fredric Jameson, Cognitive Mapping. In: Cary Nelson /Lawrence Grossberg (Hg.), Marxism and the Interpretation of Culture. Urbana /Chicago: University of Illinois Press 1988.
Luc Boltanski, Rätsel und Komplotte. Kriminalliteratur, Paranoia, moderne Gesellschaft. Aus dem Französischen von Christine Pries. Berlin: Suhrkamp 2015.
In diesem Absatz greife ich auf Gedanken und Formulierungen zurück, die ich mit Carolin Amlinger niedergelegt habe in: reality check. Wie die Corona-Krise kritische und weniger kritische Theorien auf den Prüfstand stellt. In: Geschichte der Gegenwart, Juli 2020 (geschichtedergegenwart.ch/reality-check-wie-die-corona-krise-kritische-und-weniger-kritische-theorien-auf-den-pruefstand-stellt).
Timothy Melley, Empire of Conspiracy. The Culture of Paranoia in Postwar America. Ithaka: Cornell University Press 2000.
Rahel Jaeggi, Fortschritt und Regression. Berlin: Suhrkamp 2025.
Im folgenden Absatz übernehme ich Gedanken und Passagen, die ich unter anderem ausgeführt habe in Nicola Gess /Carolin Amlinger, Die Tücken der Wahrscheinlichkeit. Halbwahrheiten, Verschwörungstheorien und Ilja Trojanows ›Doppelte Spur‹. In: Carina Breidenbach u.a. (Hg.), Fakten und Verunsicherung. Ordnungen von Wahrheit, Fiktion und Wirklichkeit. Hamburg: Meiner 2022.
Paul Blumenthal / JM Rieger, This Stunningly Racist French Novel Is How Steve Bannon Explains The World. In: Huffpost vom 4. März 2017 (huffpost.com/entry/steve-bannon-camp-of-the-saints-immigration_n_58b75206e4b0284854b3dc03?qpvemcl3e4iwxc4n29=).
Bruce Hoffmann / Jacob Ware, God, Guns, and Sedition. Far-Right Terrorism in America. New York: Columbia University Press 2024.
Philip Manow, Unter Beobachtung: Die Bestimmung der liberalen Demokratie und ihrer Freunde. Berlin: Suhrkamp 2024.
Loan Wolf, Will & Power. Inside the Living Library. Copyright 2018, Yellowstone Wolf; Jacob Angeli, One Mind At A Time: A Deep State of Illusion. Copyright 2020, Jacob Angeli.
Michael Butter, »Nichts ist, wie es scheint«. Über Verschwörungstheorien. Berlin: Suhrkamp 2018.
Heike Delitz, Theorien des gesellschaftlichen Imaginären. In: Österreichische Zeitschrift für Soziologie, Nr. 44/2, 2019.
Sylvia Sasse, Verkehrungen ins Gegenteil. Über Subversion als Machttechnik, Berlin: Matthes & Seitz 2023.
Vgl. dazu auch Marcharts Kritik am »imaginative turn«; allerdings ausgehend von einem antagonistischen Politikbegriff, dem ich hier nicht verpflichtet bin.