Heft 869, Oktober 2021

Die Philosophie in der Pandemie – ein Totalausfall

von Benjamin Bratton

Erneut rollt eine Infektionswelle durch die Welt und bringt Unerfreuliches wie die Einführung von Impfpässen mit sich, während die Gesellschaft von einem leider nur allzu bekannten Zusammenschluss aus Uninformierten, Falschinformierten, Fehlgeleiteten und Misanthropen in Schach gehalten wird. Sie sind es, die die Impfpässe, die eigentlich niemand will, zu einer Zwangsmaßnahme machen, um die wir wohl kaum noch herumkommen werden. Ohne ihren Lärm und ihren Narzissmus wären die Impfraten so hoch, dass es die Pässe vielleicht gar nicht bräuchte.

Doch es ist nicht einfach der »Pöbel«, der uns in diesen traurigen Schlamassel hineingeritten hat, auch einige Stimmen aus den oberen Rängen der akademischen Welt haben ihren Anteil daran. In dieser Pandemie, in der die Gesellschaft so verzweifelt nach Positionen verlangt hat, die das große Ganze im Blick haben, hat die Philosophie versagt – in Teilen durch Unwissenheit oder Inkohärenz, in Teilen durch kaum verhohlene intellektuelle Unredlichkeit. Am Beispiel des italienischen Philosophen Giorgio Agamben wird deutlich, wie das passieren konnte.

Agamben, bekannt für seine Kritik der »Biopolitik«, verbrachte die Pandemie damit, mehr als ein Dutzend Leitartikel zu veröffentlichen, in denen er sich in einer Weise über die Situation äußerte, die deutliche Parallelen zu rechten (und linken) Verschwörungstheorien aufweist.

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