Heft 882, November 2022

Ende des Wachstums: Degrowth

von Geoff Mann

Es ist schwer, sich vorzustellen, wie man über moderne Volkswirtschaften sprechen sollte, ohne zugleich über Wachstum zu sprechen: über Rentabilität, unternehmerische Risikobereitschaft und den profitgetriebenen Zyklus von Expansion und Akkumulation. Wirtschaftliches Wachstum wird als natürlicher, automatisch ablaufender Prozess verstanden. Bleibt das Wachstum aus, gilt das als Beweis dafür, dass wir den dafür verantwortlichen Automatismen irgendwie im Weg gestanden haben müssen. Wirtschaftspolitik wird deshalb gern als eine Angelegenheit dargestellt, bei der es darum geht, das Wachstum hemmende »Fesseln« zu lockern, als wäre die Wirtschaft eine Wohlstand schaffende Bestie, immer bereit, loszulegen, wenn wir sie nur lassen.

Angesichts all dessen mag überraschen, dass die Analyse des Wirtschaftswachstums in dem Sinn, wie wir den Begriff heute verwenden, relativ jungen Datums ist. Zwar fehlt es nicht an Stimmen, die in Adam Smith den ersten Theoretiker des Wirtschaftswachstums sehen (auch wenn das Wort bei ihm nicht vorkommt), aber noch 1946 konnte Evsey Domar, einer der Begründer der modernen Wachstumstheorie, konstatieren, dass es sich bei »Wachstumsrate« um »einen Begriff« handele, »der in der Wirtschaftstheorie bislang wenig gebraucht worden ist«. Das sollte sich schnell ändern, schließlich hatten Ökonomen und Politiker mit dem Erbe der Großen Depression zu kämpfen, mit der Angst vor einer Nachkriegsstagnation und mit den geopolitischen Folgen der Entkolonialisierung und des Kalten Kriegs. Die Herausforderungen von Wachstum und Industrialisierung – die Hindernisse, die ihnen im Weg standen, aber auch die Umwälzungen und Ungleichheiten, die sie oft mit sich brachten – waren nicht nur eine Frage von Investition, Technologie und Produktivität. Es ging auch, mit den Worten Simon Kuznets’, um »die Zukunftsaussichten der unterentwickelten Länder im Gravitationsfeld der freien Welt«.

Walt Rostow, der neben Kuznets zu den einflussreichsten frühen Denkern auf diesem Gebiet gehörte, verstand Wachstum als Grundlage der Nachkriegsweltordnung. Sein 1960 veröffentlichtes Buch Stages of Economic Growth trug den wenig subtilen Untertitel A Non-Communist Manifesto. Gemäß dem, was heute als Rostow’sche Stadientheorie bezeichnet wird, stellte Wachstum nicht nur die Lösung für die innere Instabilität der fortgeschrittenen Industrieländer und das Heilmittel für die Rückständigkeit der »traditionellen« (nichtindustriellen) Gesellschaften dar; es galt zugleich als Antidot gegen den Sozialismus.

Es bedurfte keiner Revolution: Die nicht komplett liberalisierten Märkte des Nachkriegskapitalismus würden schließlich auf friedliche Weise die Früchte der Modernisierung liefern – eine gewaltfreie, sich selbst verstärkende Alternative zu Enteignung und Kollektivierung. Unklar blieb jedoch, wie die traditionellen Gesellschaften den Verwerfungen begegnen würden, die mit der Integration in die Weltwirtschaft unvermeidlich einhergingen. »Wie«, fragte Rostow, »sollte die traditionelle Gesellschaft auf das Eindringen einer fortschrittlicheren Macht reagieren: mit Zusammenhalt, Schnelligkeit und Tatkraft, wie die Japaner; indem sie aus Kraftlosigkeit eine Tugend macht, wie die unterdrückten Iren des 18. Jahrhunderts; durch langsames und widerwilliges Verändern der traditionellen Gesellschaft, wie die Chinesen?«