Geschichte als Linie. Die Zeit des Geschichtsbewusstseins
von Anna Sophia NüblingDie Geschichte als Zeitleiste
Die Geschichte ist eine Linie. Das weiß jedes Kind. Das lernt es nämlich in der Schule. Eine Methodensammlung schlägt etwa das Erstellen von Zeitleisten vor, weil sich so »Zeiträume erschließen« und »historische Zusammenhänge erkennen« ließen. In einem Praxishandbuch für den Geschichtsunterricht werden Zeitleisten als Hilfsmittel dafür empfohlen, sich Zeit vorzustellen, indem »Ereignisse, Epochen, Begriffe oder Personen in einen chronologischen Zusammenhang« gebracht werden.
Die Zeitleiste sowie das zugrundeliegende Prinzip des chronologischen Geschichtsunterrichts, in dem Ereignisse wie auf einer Kette aneinandergereiht werden, werden allerdings aus geschichtsdidaktischer Perspektive bereits seit Jahrzehnten auch durchaus kritisch reflektiert. Das wird etwa deutlich, wenn eine Anleitung zum Erstellen digitaler Zeitleisten aus dem Jahr 2017 unter Bezugnahme auf den Stand der geschichtsdidaktischen Diskussion um die Hinweise ergänzt wird, Zeitleisten seien immer kritisch zu reflektieren, weil sie historische Prozesse auf bloße »Daten und Fakten« reduzierten und das Anordnen von Ereignissen auf einer Linie »gelegentlich fragwürdige Kausalzusammenhänge und eine Zielgerichtetheit der Geschichte« suggerieren könnte. Die Problematiken, auf die diese Argumente für einen kritischen Umgang mit der Visualisierung von Geschichte als Linie hinweisen, veranschaulicht etwa der Zeitstrahl, der in einer der erwähnten Methodensammlungen für den Geschichtsunterricht als Beispiel abgedruckt ist. Auf einem mit »Der Weg zur deutschen Einheit« überschriebenen Zeitstrahl führt der Lauf der Geschichte schnurstracks von den Massendemonstrationen im September 1989 über die Öffnung der Grenze zum Einigungsvertrag von 1990. Hier entsteht durch die Auswahl der Ereignisse und ihre Anordnung auf einer Linie (die zudem als Pfeil explizit nach vorne weist) der Eindruck einer Zwangsläufigkeit und Zielgerichtetheit von historischen Prozessen, die eine nachträgliche Konstruktion darstellt und die Offenheit der historischen Situation nicht berücksichtigt.
Kritische Hinweise auf den Konstruktionscharakter von Chronologie und ihrer Visualisierung in der Zeitleiste korrespondieren mit den Erkenntnissen des sogenannten temporal turn, der die Geschichtswissenschaft nun schon seit mindestens einem Jahrzehnt beschäftigt. Dessen zentraler Beitrag bestand darin, Zeit als eine kontextuell bedingte und damit wandelbare Kategorie zu perspektivieren. Zeit trat als »kollektiv gestaltetes, symbolisch geprägtes Orientierungs– und Ordnungssystem« bzw. »Deutungsphänomen« in den Blick. Aus einer solchen Perspektive stellen sich Fragen danach, wie Individuen und Kollektive je nach kultureller Einbindung oder historischer Situation Zeit wahrnahmen, deuteten und konzipierten. Damit wurde auch deutlich, dass stets von einer Pluralität von Zeiten auszugehen ist, die im Neben- und Miteinander erfahren, gedeutet und gelebt werden können.
Dass auch das Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschieden modelliert sein kann, wird etwa mit den Konzepten Zeitregime oder Historizitätsregime verhandelt. Das moderne Geschichtsdenken, wie es sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts herausbildete und das mit der Vorstellung einer linearen Zeit einherging, in der sich die Geschichte als Fortschritt bzw. gerichteter Prozess vollzog, ist dann nur eine Variante, Geschichte zu denken. So »führt die Beschäftigung mit Fragen der historischen Zeit zwangsläufig auf die konstruktive Wirklichkeit der Historie«, wie es Ulrich Raulff formuliert.
Zeit und Geschichtsbewusstsein
Das Geschichtsbewusstsein gilt seit Karl-Ernst Jeismann, der das Konzept seit den 1970er Jahren maßgeblich entwickelte, als die zentrale Kategorie der Geschichtsdidaktik. Jeismann bezeichnet damit das Verhältnis zwischen Mensch und Geschichte, das zu bestärken oder zu stiften Aufgabe der Disziplin sei. Insgesamt wurde das Konzept wesentlich im deutschen Diskurs geprägt, fand aber auch Eingang in die internationale Fachdebatte. Zwar wurde es auch immer wieder in Ansätzen kontrovers diskutiert, allerdings zeigt nicht zuletzt die Tatsache, dass Geschichtsbewusstsein als Synonym zu historischem Denken schlechthin gilt und in diesem Sinn sowohl in der geschichtsdidaktischen Theoriebildung als auch als Bildungsziel in den Lehrplänen verschiedener deutscher Bundesländer fest verankert ist, seine zentrale Bedeutung auf.