Heft 861, Februar 2021

Große Illusionen

von Pankaj Mishra

In seinem Buch Radikale Hoffnung beschreibt Jonathan Lear das intellektuelle Trauma der Crow-Indianer.1 Mitte des 19. Jahrhunderts wurden sie gezwungen, von einer nomadischen zu einer sesshaften Lebensweise überzugehen, und verloren auf dramatische Weise nicht nur ihre uralte Welt, sondern auch »die konzeptuellen Ressourcen«, um ihre Vergangenheit und Gegenwart zu begreifen. Das Problem für einen Crow-Indianer, schreibt Lear, war nicht nur, dass »meine Art zu leben zu Ende gegangen ist«. Sondern dass »ich nicht mehr über die begrifflichen Mittel verfüge, mittels derer ich mich selbst oder die Welt verstehe … Ich habe keinen blassen Schimmer mehr, was vor sich geht.«

Es ist keineswegs eine Übertreibung, wenn man feststellt, dass ein Großteil der angloamerikanischen Intelligenz heute den Crow-Indianern ähnelt. Sie hat sich überrumpeln lassen von den Insurrektionen der Rechten, einer unkontrollierbaren Pandemie und dem politischen Aufbegehren entrechteter Minderheiten. Seit dem Ende des Kalten Kriegs haben etablierte Politiker, Journalisten und Geschäftsleute in Großbritannien und den USA die Überzeugung verbreitet, die Welt wachse dank der von ihnen für Kapitalismus, Demokratie und Technologie formulierten Spielregeln immer weiter friedlich zusammen. Die Vereinigten Staaten selbst schienen mit der Wahl von Barack Obama in ein »postrassistisches Zeitalter« eingetreten zu sein. Einen Monat, bevor Donald Trump gewählt wurde, schrieb Präsident Obama in Wired, die Amerikaner seien bereit, »zu neuen Grenzen aufzubrechen« und »eine Quelle der Inspiration für die Welt zu sein«.

Dieses Narrativ einer von den USA angeführten globalen Reise ins gelobte Land war immer schon unplausibel. Vier Jahre Trump haben endgültig deutlich gemacht, dass die Welt zwischen 2001 und 2020 – und durch Ereignisse wie die Terroranschläge vom 11. September, die verstärkte Globalisierung, den Aufstieg Chinas und den gescheiterten Krieg gegen den Terror sowie die Finanzkrise – in eine völlig neue historische Ära eingetreten ist. In dieser Phase des Umbruchs wurden viele Ideen und Annahmen, die jahrzehntelang gegolten hatten, eine nach der anderen obsolet.

Möchten Sie weiterlesen?

Mit dem Digital-Abo erhalten Sie freien Zugang zum gesamten MERKUR, mit allen Texten von 1947 bis heute. Testen Sie 3 Monate Digital-Abo zum Sonderpreis von nur 9,90 Euro.

Jetzt Probelesen