Heft 924, Mai 2026

Historische Orientierung in Zeiten der Unordnung

Überlegungen zu einem neuen Meta-Narrativ der Zeitgeschichte von Lukas Held

Überlegungen zu einem neuen Meta-Narrativ der Zeitgeschichte

Wir leben in geschichtsträchtigen Zeiten: Die Rede ist von einer »Zeitenwende« angesichts des russischen Angriffs auf die Ukraine, vom Ende internationaler Ordnungen infolge der neuen Außenpolitik der USA und von der Wiederkehr des Faschismus angesichts der weltweit zunehmenden Resonanz illiberaler politischer Kräfte. »Unordnung« beziehungsweise »Chaos« lauten die Schlagworte, mit denen dieser Zustand häufig gefasst wird – Begriffe, die das Ende des Vertrauten mit dem Gefühl der Orientierungslosigkeit verbinden und zugleich die Hoffnung implizieren, dass bald wieder alles in Ordnung kommen möge.

Von Historikerinnen und Historikern wird erwartet, dass sie es nicht bei einer ratlosen Disorder-Diagnose belassen, sondern mit ihrer historischen Expertise Perspektiven eröffnen, die es erlauben, zumindest die wesentlichen Gründe für das Chaos in den Blick zu bekommen. Und das völlig zu Recht: Historische Bildung hat für die Gesellschaft eine Orientierungsfunktion zu erfüllen, in dieser Zweckbestimmung liegt nicht weniger als ihre Daseinsberechtigung. Die Intention, in Zeiten der Unordnung Orientierung zu stiften, hat allerdings einen leicht paradoxen Zug. Indem die Zeitgeschichte beschreibt, wie und warum auf dem Weg zu unserer Gegenwart Ordnungen zerfallen, erschüttert sie die Sicherheit, auf der Orientierung beruht, erzeugt sie also selbst Orientierungslosigkeit. Die Frage ist darum: In welchem Verhältnis stehen Ordnung und Orientierung sowie Unordnung und Orientierungslosigkeit zueinander? Wie stiftet ein Wissen um das Zustandekommen von Unordnung Orientierung? Relativ klar scheint zu sein, was das nicht meint: Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Dass aus der Geschichte für die Gegenwart nichts direkt gelernt werden kann, ist zumindest unter professionellen Historikerinnen und Historikern weitgehend Konsens. Immer dort, wo solche vermeintlichen Lehren als Parallelen zwischen Vergangenheit und Gegenwart hergestellt werden, sind gerade sie es, die widersprechen.

Eine untheoretische Bestimmung historischer Orientierung könnte lauten: Orientiert ist, wer den Weg kennt, der zur Gegenwart geführt hat und zugleich weiß, dass dieser Weg narrativ gezogen ist und auch anders erzählt werden könnte. Die Erzählungen, mit denen wir uns in der Gegenwart orientieren, die uns sagen, woher wir kommen und wer wir sind (und nicht sind), sind genauso gemacht wie die Karten des Kartografen. Sinn erzeugen sie aber nur dann, wenn sie uns wirklich erscheinen, also nicht nur plausibel, wie der Plot eines Romans, sondern auch real, wie unsere eigene Erinnerung. In »unordentlichen« Zeiten gewinnt die narrative Konstruiertheit von Geschichte eine besondere Bedeutung. Denn die Möglichkeit unterschiedlicher Erzählungen eröffnet auch die Frage, welche dieser Erzählungen Orientierungslosigkeit eher verstärkt und welche sie eher mindert. Welche Beschreibung des Weges zur Gegenwart lässt diese als ausweglos erscheinen und welche eröffnet trotz Unübersichtlichkeit Handlungsoptionen? Wie im Räumlichen bedeutet Orientierung auch im Zeitlichen nicht primär das Vorhandensein einer Ordnung, sondern das Vermögen, sich selbst in der Zeit zu bewegen. Orientierung heißt in diesem Sinne: Bezugspunkte sehen, von denen her weitergegangen werden kann. Orientierungslosigkeit wäre demgegenüber das Unvermögen zu handeln, also eine Art Erstarrung. Nicht, dass Geschichte überhaupt eine Orientierungsfunktion hat, steht darum in Frage, es geht vielmehr darum, wie gut oder weniger gut bestimmte Narrative diese Aufgabe eigentlich erfüllen.

Ich werde im Folgenden argumentieren, dass die Zeitgeschichtsschreibung für die Zeit seit den 1970er Jahren in einem Narrativ feststeckt – ich werde es das Fragmentierungsnarrativ nennen –, das in diesem Sinne Orientierungslosigkeit eher verstärkt, weil es den Eindruck der Ausweglosigkeit produziert und in eine lähmende Handlungsunfähigkeit mündet. Im Zentrum dieser Erzählung steht die Verknüpfung zweier Großdiagnosen: die eines umfassenden Ordnungszerfalls und die einer sich zuspitzenden Krise der Demokratie, beide durchzogen von dem illusorischen Wunsch nach Rückkehr zu einem verlorenen Früher.

Ordnungszerfall und Krise der Demokratie

Der amerikanische Ideenhistoriker Daniel Rodgers hat 2011 in seinem Buch Age of Fracture am Beispiel der USA gezeigt, wie seit den 1980er Jahren vormals geteilte Vorstellungen von Identität, Gesellschaft, Markt, Nation und Zeit zum Gegenstand intellektueller Kämpfe wurden, im Zuge derer nicht weniger als die Vorstellung von einer gemeinsamen Realität verloren gegangen sei. Rodgers verortete die Triebkräfte dieser Entwicklung in der Verbreitung marktzentrierter Denkweisen und Metaphern, insbesondere der Idee individueller Wahl in Politik, Sozialwissenschaften, Kultur und Gesellschaft – eine Entwicklung, die mit der Pluralisierung der Medienlandschaft und dem Aufstieg von Identitätspolitik zusammenfiel. Er schrieb: »Strong metaphors of society were supplanted by weaker ones. Imagined collectivities shrank; notions of structure and power thinned out. Viewed by its acts of mind, the last quarter of the century was an era of disaggregation, a great age of fracture.«

Bemerkenswert an dieser Passage ist aus heutiger Sicht, dass Rodgers diese Entwicklung vor fünfzehn Jahren nicht als Krise verstand, schon gar nicht als eine Krise der Demokratie. Im Gegenteil: Er vermochte ihr viel Positives abzugewinnen. Identitäten seien seither fließender geworden, ein breiteres Spektrum menschlichen Seins habe sich eröffnet; Rassismus sei zwar keineswegs verschwunden, doch sei »race« als Kategorie nicht länger das einengende Gefängnis wie noch drei Jahrzehnte zuvor. Mehr Ideenwelten seien möglich geworden, auch vielfältigere Lebensentwürfe, und die Geschichte damit weniger determinierend, weniger feindlich gegenüber menschlicher Handlungsfähigkeit.

Wenn ich mich nicht täusche, ist das nicht mehr das Bild, das wir heute vor Augen haben. Diese optimistische, fast heitere Lesart ist im Schatten eines Diskurses verblasst, der gesellschaftliche Fragmentierung als eine Art von Sozialpathologie deutet. Sie bedroht die repräsentative Demokratie, weil sie für den Eindruck sorgt, es gebe kein Gemeinsames mehr, das repräsentiert werden könnte, keine Sprache, die von allen gesprochen (Migration, sexuelle Minderheiten), kein nationales Narrativ, das von allen geteilt (Nationalgeschichte), keine gemeinsame Bühne, auf der gemeinsam gestritten werden könnte (Massenmedien).