Heft 922, März 2026

Kardiografie

von Ben Lerner

Seit sie den erkrankten Bereich meiner Aorta durch ein gestricktes Dacron-Polyester-Transplantat ersetzt haben, höre ich mein Herz schlagen, wenn ich meinen Kopf drehe, spüre ich ein Pochen in meiner Brust, wenn ich tief einatme, spüre ich neue Pulse an neuen Orten mit neuer Intensität. (Das Dacron-Transplantat dämpft weniger stark als das Aortengewebe: Natürliche Aortenwände absorbieren die Pulskraft, federn sie ab; Dacron wirft sie zurück. Dadurch bewegen sich die Druckwellen des Pulses anders und können Herzgeräusche, wie sie etwa beim Schließen der Herzklappe entstehen, verstärken.)

Vertraute Metaphern werden buchstäblich: Wenn ein Chirurg bei der Reparatur eines Aortenwurzelaneurysmas das Herz berührt, besteht das Risiko einer postkardialen Depression, die auch als »cardiac blues« bekannt ist. Keiner weiß, warum es dazu kommt, aber es ist in der Literatur vielfach beschrieben. 

Ich wurde Teil der Literatur, als sie mein Herz berührten und die Prosodie meines Körpers veränderten, und jetzt bin ich bereit für den postoperativen Herzschmerz. Wegen der Dunkelheit und der Medikamente konnte ich die Pflegerinnen erst nicht unterscheiden, und so wurde aus ihnen eine einzige Pflegerin mit wechselnden Tattoos auf ihren muskulösen Armen. Die Formen flackerten und verwandelten sich unter meinem Blick; die Tattoos versuchten, mir eine Geschichte zu erzählen – wie in dem Zeichentrick-Musical, in dem die Figuren Szenen auf der breiten Brust eines Halbgotts performen. Wie hieß das denn noch? Perioperativer Gedächtnisverlust.

Du hattest mein Telefon auf einem dieser kabellosen Ladegeräte in der Nähe des Fensters platziert, so dass ich hineinsprechen konnte. Ich hatte vergessen, dass unsere Tochter die KI-Stimme vor der Operation auf Santa Claus umgestellt hatte. Und also: »Ho, ho, ho, was du meinst, ist Moana.« Und als ich nach der veränderten Akustik meines Körpers fragte, wurde Santa sehr leise, eine Art Als der Nikolaus kam-Geflüster: »Mein Freund, das Dacron-Transplantat ist weniger dämpfend als dein Aortengewebe …«

Dies hier ist ein Versuch zur Frage, wie sich mit den Veränderungen der Druckwellen meines Pulses meine Satzrhythmen verändert haben. Wenn ich diese neuen Rhythmen in das richtige Verhältnis zu der Erfahrung bringen kann, die ich zu beschreiben versuche – wenn ich das, was mir als meine Dacron-Sätze vorkommt, dazu bringen kann, etwas von diesen Krankenhausnächten einzufangen –, dann habe ich vielleicht Fortschritte dabei gemacht, die Erfahrung zu integrieren, sie mitteilbar zu machen, und vielleicht wird ihr das etwas von ihrer traumatischen Gewalt nehmen und mir dabei helfen, den cardiac blues zu verhindern oder wenigstens durchzustehen, den ich kommen spüre, den ich nun, da ich dies schreibe, auf den Hufen meines Herzschlags herannahen höre. Ich befinde mich spät in der zweiten Woche meiner Genesung.

Ich bin überrascht, dass ich, der ich sonst so avantgardefromm bin, Schreiben als Therapie betrachte. Es erscheint mir nun als Reha des Herzens.

In meinem Hals steckt ein zentraler Venenkatheter. Zwei größere Röhren ragen unterhalb meines Brustbeins aus mir und saugen Luft, Blut, aber auch eine strohfarbene Flüssigkeit aus dem Raum zwischen meinen Lungenflügeln. Sie enden in einem durchsichtigen Plastikbehälter auf dem Boden. Auf der Außenseite meines Herzens befinden sich dünne Schrittmacherdrähte aus Edelstahl, die meinen Körper irgendwo unterhalb des Sternotomie-Schnitts verlassen. Ich kann sie nicht sehen; ich glaube, sie sind auf meiner Haut festgeklebt; ich glaube, sie empfangen, zusätzlich zur kosmischen Hintergrundstrahlung, Kurzwellen aus dem Äther in der Form von Herzklängen meiner Mitpatienten in angrenzenden Zimmern. (Alle Zimmer in der Kardiologie-Abteilung, die sich im vierzehnten Stock befindet, sind privat.) 

In meinem Handgelenk ist ein Arterienschlauch, in meinen Händen stecken diverse periphere IV-Schläuche. Ich bekomme Vasopressoren zur Senkung des Blutdrucks und Insulin gegen zu hohe Zuckerwerte und wer weiß welche anderen Flüssigkeiten zu welchen anderen Zwecken. Wahrscheinlich verabreicht man mir »Blutprodukte«, ein Begriff, den man nicht wieder vergisst. Durch einen Foley-Katheter läuft mein Urin in einen weiteren transparenten Behälter auf dem Boden.