KI-gemanagte Arbeit – vier Dimensionen aus philosophischer Sicht
von Lisa HerzogIm Herbst 2025 stellte das Kursbuch einer Reihe von Intellektuellen und Künstlerinnen die Frage: »Kann ich durch künstliche Intelligenz ersetzt werden?« Die kürzeste Antwort gab die Filmemacherin und Künstlerin Hito Steyerl: »Ja, aber warum?« Steyerl, die sich in ihrem Werk immer wieder mit KI auseinandersetzt und gerade auch einen Band zum Thema veröffentlicht hat, hat in der Tat wenig Grund zur Sorge: Ihre Arbeit ist interessant und vielfältig, mit der Möglichkeit, ihre Kreativität in immer wieder neue Bahnen zu lenken. In vielen anderen Berufen jedoch ist zu erwarten, dass KI Menschen vielleicht nicht komplett ersetzen, aber doch ihre Arbeit massiv verändern wird.
Aus ökonomischer Perspektive ist mit dem Einsatz von KI in der Arbeitswelt vor allem die Hoffnung auf höhere Produktivität verbunden, insbesondere durch die Einsparung von Arbeitszeit. Wenn beispielsweise die Erstellung von Drehbüchern, Protokollen oder Übersetzungen automatisiert erfolgt und die anschließende Überprüfung weniger Zeit kostet als die händische Erstellung, kann das für Arbeitende und Arbeitsorganisation gewinnbringend sein, wenn die Arbeitszeit stattdessen in andere, potenziell interessantere Aktivitäten gesteckt werden kann.
Aus gesellschaftlicher Sicht jedoch hat Arbeit neben wirtschaftlicher Produktivität auch noch weitere Dimensionen. Ich lege meinen Fokus bewusst auf Fälle, in denen zu erwarten ist, dass der Einsatz von KI die Qualität und das Erleben von Arbeit verschlechtert – denn hier, und nicht bei den positiven Beispielen, liegt gesellschaftlicher Diskussions- und politischer Handlungsbedarf. Ist zum Beispiel der Verlust an menschlichen Fähigkeiten, wenn KI übernimmt, zu verschmerzen – oder sollten manche, gerade in geopolitisch unsicheren Zeiten, erhalten bleiben? Ist es, aus Gründen der gesteigerten Effizienz, rechtfertigbar, wenn Arbeit »schlechter« wird, etwa weil algorithmisch gemanagte Arbeitende weniger soziale Kontakte haben?
Ohne Anspruch auf Vollständigkeit konzentriere ich mich hier auf die didaktischen, gemeinschaftsfördernden, sinnstiftenden und politischen Dimensionen von Arbeit. Aus ökonomischer Sicht könnte man Effekte in diesen Dimensionen als positive oder negative »Externalitäten« beschreiben: Sie erzeugen Nutzen oder Lasten für Dritte, ohne dass diese in der Bilanz der Arbeitsorganisation auftauchen würden. Nicht alle Effekte jedoch lassen sich leicht quantitativ erfassen und bepreisen. Manche spielen eine große Rolle auf der Ebene der arbeitenden Individuen und ihres sozialen Umfelds, andere auf der Ebene der Gesellschaft als Ganzer, manche auf beiden Ebenen.
Der didaktische Wert von Arbeit
Die erste Dimension von Arbeit, die durch den Einsatz von KI verändert werden könnte, lässt sich anhand des aristotelischen Begriffs der Tugend verstehen und auf einen breiteren Begriff von Fähigkeiten ausweiten. Tugenden, so Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik, sind lobenswerte Charaktereigenschaften, die man vor allem in der Ausübung der entsprechenden Tätigkeiten erwirbt. Dasselbe gilt für zahlreiche praktische Fähigkeiten in der Arbeitswelt: Um sie zu erhalten, muss man in Übung bleiben. Oft erhält man sich nur dadurch auch die praktische Urteilskraft, diese Fähigkeiten in ihrer Anwendung zu beurteilen.
Hier wirft der Einsatz von KI offensichtliche Fragen auf. Ein aus dem Alltag bekanntes Beispiel ist die Navigation in unbekannten Gegenden: Wer sich an Navigationsgeräte und -Apps gewöhnt, nimmt sich selbst die Gelegenheit, das Lesen von papierenen Karten, geschweige denn die Orientierung am Sonnenstand, regelmäßig selbst zu üben. Ähnliche Effekte müssen durch den Einsatz von KI in vielen Arbeitsbereichen erwartet werden. Durch die Medien ging im Herbst 2025 eine Studie, der zufolge die Fähigkeit von Endoskopistinnen, Polypen zu entdecken, nach einer Phase des Gebrauchs von bildanalysierenden KI-Werkzeugen zurückging. Durch den Einsatz von KI, so muss man schlussfolgern, könnte es sehr vielen Fähigkeiten wie dem Kopfrechnen gehen. Weil sie nicht mehr regelmäßig gebraucht werden, wird schon die Notwendigkeit ihres Erwerbs zweifelhaft.
Dieser Verlust muss nicht in allen Fällen problematisch sein – zumindest, solange eine hinreichend große Gruppe von Expertinnen erhalten bleibt, die das Funktionieren der KI-Programme mit unabhängigen eigenen Fähigkeiten kontrollieren kann. Anders sieht es aus, wenn der Besitz dieser Fähigkeiten auch außerhalb der jeweiligen Arbeitstätigkeit, und möglicherweise auch in Situationen, in denen keine KI zur Verfügung steht, wertvoll ist, er aber im Arbeitskontext überhaupt nicht mehr eingeübt wird. Und es stellen sich Fragen nach der Arbeitsmotivation, wenn es gerade die Ausübung bestimmter Fähigkeiten – und auch deren Weiterentwicklung – war, die jemand an einem bestimmten Beruf gereizt hat.
In seiner Übersicht über menschliche Arbeitsmotivation benennt Dan Pink »mastery«, also die meisterhafte Beherrschung bestimmter Tätigkeiten, neben Autonomie und sinnvollem sozialem Beitrag als eine der drei grundlegenden Triebfedern menschlicher Arbeit. Wenn sich der Job von der eigenen Ausübung dieser Fähigkeiten und ihrer immer weiteren Verfeinerung verschiebt zur bloßen Überwachung von KI-Ausführungen, was macht das mit den Arbeitenden? Was bedeutet es für ihre Möglichkeit, sich langfristig innerhalb eines Berufsfelds entwickeln zu können? Und was geht – neben diesen direkten Fähigkeiten – möglicherweise noch verloren, wenn niemand mehr es als Teil der eigenen beruflichen Identität betrachtet, diese auszuüben?