Heft 852, Mai 2020

Leben in der Zeit der Serialität

von Maren Lickhardt

Nicht nur Soaps, sondern Serien aller Genres haben eine zeitliche Struktur, die auf reales Geschehen bezogen werden kann: Ich spreche von Endlosigkeit, von ewigem Suspense, von Spannungsbogen zu Spannungsbogen entfaltet von Staffel zu Staffel, nach der jeweils alles ganz anders und doch irgendwie gleich ist. Natürlich kann man sagen: So ist das Leben. Aber eine derartige Aussage resultiert aus einer distanziert-nihilistischen Perspektive: Aus der unmittelbaren Innenansicht stellt sich das meist anders dar, hier machen Unterschiede durchaus Unterschiede, und nicht jeder Moment lässt sich als gleich-gültiger in einem ewigen Auf und Ab betrachten. Bezogen auf Zeitempfinden und Handlungsbewegung handelt es sich also nicht nur um einen allgemeingültigen Topos, sondern es ist spezifisch bezeichnend, wenn aktuelle politische Vorgänge dem einen oder der anderen vorkommen wie Serien.

»In der nächsten Staffel von #Trump sehen Sie: Die Berater des Präsidenten überreden ihn zum Aufheben des #Shutdown«. (@sixtus, 20. Januar 2019)

»Sind wir bei #Trump immer noch in der 1. Staffel?« (@JochenArntz, 31. Juli 2017)

»Ehrlich? Eine neue Staffel #Brexit? Die laufende ist doch vom Plot her schon eine Wiederholung der letzten. Den Autoren fällt doch offensichtlich überhaupt nichts Neues mehr ein.« (@sixtus, 19. Oktober 2019)

»Trotz sinkendem Zuschauerinteresse und sich ständig wiederholender Handlung wird scheinbar eine neue Staffel von #Brexit bestellt.« (@Ghost_7, 19. Oktober 2019)

»#Brexit ist so ein bisschen wie #TheWalkingDead. Man denkt, das Ende sei erreicht und dann kommt der immerselbe Twist und eine ganze Staffel wird noch drangehängt.« (@MXPichl, 19. Oktober 2019)

Die Staffelstruktur von Serien scheint nicht nur ein geeignetes Deutungsmuster zu sein, um aktuelle politische Vorgänge zu beschreiben, sondern sie scheint, folgt man diesen Tweets, geradezu ins Leben übergesprungen zu sein. Die selbstverständliche Gleichsetzung von Politik und Serien bedarf noch nicht einmal des Vergleichspartikels »wie«. Es wird keine strukturelle Analogie hergeleitet und erläutert, sondern die Beobachtungen zum politischen Geschehen leiten sich aus selbstverständlich vorausgesetzten Analogien ab: Impeachment und ein vernünftiger Europa-Ausstieg Englands, wenn es schon überhaupt ein Ausstieg sein muss, lassen allzu lange auf sich warten, nämlich ebenso lange wie man sich in The Walking Dead in einer Endlosschleife gefangen wähnt. Keine der zitierten Stimmen verlangt nach einer übereilten oder radikalen Lösung oder nach einer Lösung um ihrer selbst willen, aber es tut sich in den Tweets die Unerträglichkeit des ewigen Prozessierens und damit die Unerträglichkeit der Normalisierung der Ausnahme kund.

Man fragt sich, wie viele Krisen, die im etymologischen Sinne ja schließlich Wende- und Entscheidungspunkte bedeuten, im laufenden Vollzug noch ernsthaft als solche erlebt werden können, wenn sich regelmäßig nachträglich herausstellt, dass sie dann doch keine gewesen sind. Ein Reset- und Repeat-Modus versetzt die Krise in einen Dauerzustand. Es mag sich das Gefühl einstellen, es könne ohnehin nichts mehr geschehen, wenn ständig etwas scheinbar ohne Konsequenzen geschieht. Führt das zu einem permanenten Alarmismus oder zu Langeweile?