Mein jüdisches Paradox
von Erol M. BoranKreuzung
Kreuze eine protestantische Bajuwarin mit einem muselmanischen Einwanderer – und was kommt dabei raus? Ein Jude! Das ist natürlich ein Witz. Aber irgendwie auch die Geschichte meines Lebens. Versteh mich nicht falsch. Als Jude geboren wurde ich nicht. Ich wuchs zwischen den Religionen meiner Eltern auf, ohne selbst eine zu haben.
Deutschland ist ein Land ohne Juden. Oder fast ohne. In meinem kleinen Kaff in Mittelfranken gab es jedenfalls keine mehr. Dabei hatten dort seit dem späten Mittelalter Juden gelebt. Doch wie ein örtliches Geschichtsbuch trocken vermerkt, »verließen sie 1938 den Ort«. Mehr steht da nicht. Bis heute spricht Bayern weniger offen über seine Rolle im Holocaust als etwa Berlin. Der Süden bleibt in vieler Hinsicht eine Grauzone. So vergeht meine Kindheit, ohne dass ich je bewusst einem Juden begegne.
Erst in Würzburg ändert sich das.
Erste Begegnung
Würzburg. Studentenstadt, barock, katholisch bis in die Knochen. Und ausgerechnet hier kommt es zu meiner ersten bewussten Begegnung mit einem Juden. Er heißt Jochen. Schon der erste Eindruck ist ungewöhnlich: orangegefärbte Rastalocken, rosa Lederjacke, John-Lennon-Brille. Schwul, offen und ohne jedes Bedürfnis, sich zu erklären. Jude, wie er irgendwann nebenbei erwähnt, als ginge es um seine Schuhgröße.
Wie gesagt, ich hatte bis dahin nie einen Juden getroffen. Zumindest keinen, von dem ich wusste, dass er einer war. Nun weiß ich also endlich, wie Juden aussehen. Wir verstehen uns auf Anhieb.
Falls du jetzt eine welthistorische Begegnung erwartest: nein. Es ist vor allem eine Freundschaft. Jochen studiert Psychologie und Sozialpädagogik, und er hat die Gabe, Menschen so anzuschauen, als wüsste er etwas über sie, das sie selbst noch nicht verstanden haben.
»Du bist eigentlich auch ein Jude«, sagt er einmal aus dem Blauen heraus. Ich lache. »Wie kommst du darauf?« Er zuckt mit den Schultern. »Weiß nicht. Irgendwas stimmt bei dir nicht mit den Deutschen.«
Unpräzise. Aber nicht falsch. So richtig deutsch habe ich mich nie gefühlt. In meinem Dorf wurde ich zwar nie als Fremder behandelt, dafür war meine Mutter genetisch zu dominant. Doch einige Freunde, die weniger deutsch aussahen, hatten weniger Glück. Zugehörig fühlte ich mich trotzdem nie. Vielleicht verließ ich mein Kaff auch deshalb bei der ersten Gelegenheit und verbrachte mit achtzehn ein Jahr in einem Vorort von Detroit. Als in der Highschool jemand »Look at the German guy!« rief und auf mich zeigte, brauchte ich eine Weile, um zu begreifen, dass ich gemeint war…
Eines späten Abends schleppt Jochen mich in eine Kneipe, von der ich bis dahin gar nicht wusste, dass es sie gab. Eine dieser halb versteckten Schwulenbars ohne Schild, mit Klopfcode, wie es sie wohl in jeder deutschen Universitätsstadt gibt und von denen du nur erfährst, wenn dich ein Eingeweihter hineinführt.
Hinter dem Tresen steht ein kleiner, dürrer Mann im rosa Kleid und Schlüpfer. Mit Kippa. Jochen stellt ihn mir als Rotkäppchen vor. Deutschland ohne Juden? Offenbar habe ich nur an der falschen Tür geklopft.
Imaginäres Israel
Im Studium entdecke ich das englische Theater für mich. Ich gründe eine Gruppe. Mehrere Stücke im Jahr. In einem Sommer verschlägt es mich zu einem englischsprachigen Theaterworkshop im Ruhrgebiet.
Ich habe mich für Szenenschreiben entschieden. Eine kleine Gruppe von fünf Leuten, geleitet von einem irischen Dramatiker, dessen Name uns beeindruckt, obwohl keiner von uns je ein Stück von ihm gesehen hat. Seine einzige Regel lautet: Eine Szene muss sich wahr anfühlen. Also sitzen wir jeden Tag in einem kahlen Proberaum, lesen Texte vor, die wir in der Nacht zuvor verfasst haben, und warten darauf, dass der Ire sie mit seinem milden Akzent zerpflückt.
Eine der Teilnehmerinnen heißt Mara. Deutsche Studentin, einige Jahre jünger als ich, gerade aus einem Semester in Tel Aviv zurück. Sie ist ruhig, fast unscheinbar, mit einer beiläufigen Sinnlichkeit, die man erst bemerkt, wenn sie spricht. Ihre bisherigen Texte waren genauso lebensarm wie unsere. Doch am letzten Tag bringt sie etwas mit, das sich deutlich abhebt.
Maras Szene spielt auf einem Dach in Tel Aviv. Es ist Sommer. Die Hitze liegt schwer über der Stadt. Unten flimmern die Lichter, darüber ein Himmel, der auch nachts nie ganz dunkel wird. Und dahinter das schwarze Mittelmeer. Während Mara liest, wird es still. Zwei Menschen, die sich kaum kennen, stehen auf einem Flachdach und kommen sich langsam näher. Keine große Romantik, nur die Hitze und dieses eigentümliche Gefühl, das entsteht, wenn man weit weg ist von allem, was man kennt.
Der irische Dramatiker nickt zufrieden. »That feels true«, sagt er schließlich. Ich sehe einen Ort, real und imaginär zugleich, einen Sehnsuchtsort, an dem Himmel und Meer ineinander übergehen und die Stille grenzenlos wirkt. Meine erste Begegnung mit Israel. Von Bomben und Raketen wusste ich damals noch nichts.
Nach dem Workshop stehe ich mit ausgestrecktem Daumen an der Autobahn. Mara stoppt ihren BMW, winkt mir zu und nimmt mich mit zu sich – es ist schon spät. Wir sitzen noch mit ihrem Boyfriend bei einem Bier. Mara rollt sich eine Zigarette. »Du hast ziemlich genau zugehört«, sagt sie irgendwann, als er weg ist. »Das war nicht ganz erfunden …« Sie lächelt ein wenig und legt ihre Hand auf meinen Arm.
Ich erinnere mich nicht mehr genau, was sie sonst noch sagte. Aber ich spüre in diesem Moment einen Hauch von Tel Aviv, den ich nie vergessen werde. Eine Stadt, in der Dinge passieren. Dinge, von denen Würzburg nicht einmal träumt.
Jüdisch im Pass
Mitte der 1990er arbeite ich neben meinem Studium als Sprachlehrer. Es ist die Zeit der großen Zuwanderung. Nach dem Zerfall der Sowjetunion öffnet das eben wiedervereinigte Deutschland Programme für zwei Gruppen: Spätaussiedler – sogenannte ethnische Deutsche – und jüdische Kontingentflüchtlinge. Beide erhalten staatliche Unterstützung: Sprachkurse, meist ein halbes Jahr, dazu Integrationshilfen und Zugang zum Arbeitsmarkt. Bis 2005 kommen über zwei Millionen Spätaussiedler und rund zweihunderttausend Juden.
Mit der Aufnahme osteuropäischer Juden soll jüdisches Leben wieder sichtbar und zugleich historische Verantwortung eingelöst werden. Doch weil dieses Leben in der Sowjetunion marginalisiert und oft unterdrückt war, fehlt vielen Neuankömmlingen die religiöse oder kulturelle Praxis. Sie sind, wie es heißt, jüdisch im Pass, aber nicht im Alltag: Juden ohne gelebtes Judentum.
Ich gebe Sprach- und Integrationskurse. Ein Ehepaar lerne ich dabei näher kennen. Für ihre vierzehnjährige Tochter Julia haben sie alles aufgegeben. Neben Studium, Arbeit und Theater gebe ich ihr Privatunterricht, erst in Deutsch, dann in Englisch. Sie besteht die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium – und promoviert später in Physik.
Später begegne ich ihrem Großvater, einem drahtigen Mann, der mich in fließendem Jiddisch anspricht. Schließlich begleite ich die Familie auf einen Roadtrip zurück in die Ukraine. Sie wollen mir zeigen, woher sie kommen, warum sie gehen mussten und was sie zurückgelassen haben. »Sonst wirst du uns nie wirklich verstehen.«
Es ist eine zugleich wunderbare und verstörende Erfahrung. Der wilde Osten: ein Land im Griff des Frühkapitalismus, die Jahre der aufsteigenden Oligarchen. »Wenn ein schwarzer Mercedes angerast kommt, spring – die fahren einfach über dich drüber.« Daneben nackte Armut und eine Gastfreundschaft, die allem standhält.
Jeden Abend sind wir woanders eingeladen. Kaum jemand hat genug – und doch wird immer etwas aufgetragen. Dazu selbstgebrannter Wodka in Strömen. »Man muss nur wissen, woher er kommt. Sonst kannst du erblinden. Oder schlimmer.« Es wird nachgeschenkt, bevor das Glas leer ist. Stimmen werden lauter und herzlicher. Und dass Wodka emotional macht, ist kein Mythos. Einmal stehen wir zu dritt auf einem schmalen Balkon und heulen den Mond an.
Auf dieser Reise bleibt das Judentum unsichtbar. Das Jiddisch des Großvaters wirkt wie ein Echo aus einer Welt, die längst verstummt ist. Das Judentum meiner Freunde liegt im Bruch ihrer Geschichte.
Bühnenwahrheit
Nach dem Studium folgt ein PhD in Texas. Dort gelingt es mir erstmals, meine beiden Pole zu verbinden: meinen bikulturellen Hintergrund und meine Leidenschaft fürs Theater. Ich erforsche die Geschichte türkisch-deutscher Theaterproduktionen und streife dabei ganz nebenbei auch das jüdisch-deutsche Theater.