Heft 927, August 2026

Mein jüdisches Paradox

von Erol M. Boran

Kreuzung

Kreuze eine protestantische Bajuwarin mit einem muselmanischen Einwanderer – und was kommt dabei raus? Ein Jude! Das ist natürlich ein Witz. Aber irgendwie auch die Geschichte meines Lebens. Versteh mich nicht falsch. Als Jude geboren wurde ich nicht. Ich wuchs zwischen den Religionen meiner Eltern auf, ohne selbst eine zu haben.

Deutschland ist ein Land ohne Juden. Oder fast ohne. In meinem kleinen Kaff in Mittelfranken gab es jedenfalls keine mehr. Dabei hatten dort seit dem späten Mittelalter Juden gelebt. Doch wie ein örtliches Geschichtsbuch trocken vermerkt, »verließen sie 1938 den Ort«. Mehr steht da nicht. Bis heute spricht Bayern weniger offen über seine Rolle im Holocaust als etwa Berlin. Der Süden bleibt in vieler Hinsicht eine Grauzone. So vergeht meine Kindheit, ohne dass ich je bewusst einem Juden begegne.

Erst in Würzburg ändert sich das.

Erste Begegnung

Würzburg. Studentenstadt, barock, katholisch bis in die Knochen. Und ausgerechnet hier kommt es zu meiner ersten bewussten Begegnung mit einem Juden. Er heißt Jochen. Schon der erste Eindruck ist ungewöhnlich: orangegefärbte Rastalocken, rosa Lederjacke, John-Lennon-Brille. Schwul, offen und ohne jedes Bedürfnis, sich zu erklären. Jude, wie er irgendwann nebenbei erwähnt, als ginge es um seine Schuhgröße.

Wie gesagt, ich hatte bis dahin nie einen Juden getroffen. Zumindest keinen, von dem ich wusste, dass er einer war. Nun weiß ich also endlich, wie Juden aussehen. Wir verstehen uns auf Anhieb.

Falls du jetzt eine welthistorische Begegnung erwartest: nein. Es ist vor allem eine Freundschaft. Jochen studiert Psychologie und Sozialpädagogik, und er hat die Gabe, Menschen so anzuschauen, als wüsste er etwas über sie, das sie selbst noch nicht verstanden haben.

»Du bist eigentlich auch ein Jude«, sagt er einmal aus dem Blauen heraus. Ich lache. »Wie kommst du darauf?« Er zuckt mit den Schultern. »Weiß nicht. Irgendwas stimmt bei dir nicht mit den Deutschen.«

Unpräzise. Aber nicht falsch. So richtig deutsch habe ich mich nie gefühlt. In meinem Dorf wurde ich zwar nie als Fremder behandelt, dafür war meine Mutter genetisch zu dominant. Doch einige Freunde, die weniger deutsch aussahen, hatten weniger Glück. Zugehörig fühlte ich mich trotzdem nie. Vielleicht verließ ich mein Kaff auch deshalb bei der ersten Gelegenheit und verbrachte mit achtzehn ein Jahr in einem Vorort von Detroit. Als in der Highschool jemand »Look at the German guy!« rief und auf mich zeigte, brauchte ich eine Weile, um zu begreifen, dass ich gemeint war…

Eines späten Abends schleppt Jochen mich in eine Kneipe, von der ich bis dahin gar nicht wusste, dass es sie gab. Eine dieser halb versteckten Schwulenbars ohne Schild, mit Klopfcode, wie es sie wohl in jeder deutschen Universitätsstadt gibt und von denen du nur erfährst, wenn dich ein Eingeweihter hineinführt.

Hinter dem Tresen steht ein kleiner, dürrer Mann im rosa Kleid und Schlüpfer. Mit Kippa. Jochen stellt ihn mir als Rotkäppchen vor. Deutschland ohne Juden? Offenbar habe ich nur an der falschen Tür geklopft.

Imaginäres Israel

Im Studium entdecke ich das englische Theater für mich. Ich gründe eine Gruppe. Mehrere Stücke im Jahr. In einem Sommer verschlägt es mich zu einem englischsprachigen Theaterworkshop im Ruhrgebiet.

Ich habe mich für Szenenschreiben entschieden. Eine kleine Gruppe von fünf Leuten, geleitet von einem irischen Dramatiker, dessen Name uns beeindruckt, obwohl keiner von uns je ein Stück von ihm gesehen hat. Seine einzige Regel lautet: Eine Szene muss sich wahr anfühlen. Also sitzen wir jeden Tag in einem kahlen Proberaum, lesen Texte vor, die wir in der Nacht zuvor verfasst haben, und warten darauf, dass der Ire sie mit seinem milden Akzent zerpflückt.

Eine der Teilnehmerinnen heißt Mara. Deutsche Studentin, einige Jahre jünger als ich, gerade aus einem Semester in Tel Aviv zurück. Sie ist ruhig, fast unscheinbar, mit einer beiläufigen Sinnlichkeit, die man erst bemerkt, wenn sie spricht. Ihre bisherigen Texte waren genauso lebensarm wie unsere. Doch am letzten Tag bringt sie etwas mit, das sich deutlich abhebt.

Maras Szene spielt auf einem Dach in Tel Aviv. Es ist Sommer. Die Hitze liegt schwer über der Stadt. Unten flimmern die Lichter, darüber ein Himmel, der auch nachts nie ganz dunkel wird. Und dahinter das schwarze Mittelmeer. Während Mara liest, wird es still. Zwei Menschen, die sich kaum kennen, stehen auf einem Flachdach und kommen sich langsam näher. Keine große Romantik, nur die Hitze und dieses eigentümliche Gefühl, das entsteht, wenn man weit weg ist von allem, was man kennt.

Der irische Dramatiker nickt zufrieden. »That feels true«, sagt er schließlich. Ich sehe einen Ort, real und imaginär zugleich, einen Sehnsuchtsort, an dem Himmel und Meer ineinander übergehen und die Stille grenzenlos wirkt. Meine erste Begegnung mit Israel. Von Bomben und Raketen wusste ich damals noch nichts.

Nach dem Workshop stehe ich mit ausgestrecktem Daumen an der Autobahn. Mara stoppt ihren BMW, winkt mir zu und nimmt mich mit zu sich – es ist schon spät. Wir sitzen noch mit ihrem Boyfriend bei einem Bier. Mara rollt sich eine Zigarette. »Du hast ziemlich genau zugehört«, sagt sie irgendwann, als er weg ist. »Das war nicht ganz erfunden …« Sie lächelt ein wenig und legt ihre Hand auf meinen Arm.

Ich erinnere mich nicht mehr genau, was sie sonst noch sagte. Aber ich spüre in diesem Moment einen Hauch von Tel Aviv, den ich nie vergessen werde. Eine Stadt, in der Dinge passieren. Dinge, von denen Würzburg nicht einmal träumt.

Jüdisch im Pass

Mitte der 1990er arbeite ich neben meinem Studium als Sprachlehrer. Es ist die Zeit der großen Zuwanderung. Nach dem Zerfall der Sowjetunion öffnet das eben wiedervereinigte Deutschland Programme für zwei Gruppen: Spätaussiedler – sogenannte ethnische Deutsche – und jüdische Kontingentflüchtlinge. Beide erhalten staatliche Unterstützung: Sprachkurse, meist ein halbes Jahr, dazu Integrationshilfen und Zugang zum Arbeitsmarkt. Bis 2005 kommen über zwei Millionen Spätaussiedler und rund zweihunderttausend Juden.

Mit der Aufnahme osteuropäischer Juden soll jüdisches Leben wieder sichtbar und zugleich historische Verantwortung eingelöst werden. Doch weil dieses Leben in der Sowjetunion marginalisiert und oft unterdrückt war, fehlt vielen Neuankömmlingen die religiöse oder kulturelle Praxis. Sie sind, wie es heißt, jüdisch im Pass, aber nicht im Alltag: Juden ohne gelebtes Judentum.

Ich gebe Sprach- und Integrationskurse. Ein Ehepaar lerne ich dabei näher kennen. Für ihre vierzehnjährige Tochter Julia haben sie alles aufgegeben. Neben Studium, Arbeit und Theater gebe ich ihr Privatunterricht, erst in Deutsch, dann in Englisch. Sie besteht die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium – und promoviert später in Physik.

Später begegne ich ihrem Großvater, einem drahtigen Mann, der mich in fließendem Jiddisch anspricht. Schließlich begleite ich die Familie auf einen Roadtrip zurück in die Ukraine. Sie wollen mir zeigen, woher sie kommen, warum sie gehen mussten und was sie zurückgelassen haben. »Sonst wirst du uns nie wirklich verstehen.«

Es ist eine zugleich wunderbare und verstörende Erfahrung. Der wilde Osten: ein Land im Griff des Frühkapitalismus, die Jahre der aufsteigenden Oligarchen. »Wenn ein schwarzer Mercedes angerast kommt, spring – die fahren einfach über dich drüber.« Daneben nackte Armut und eine Gastfreundschaft, die allem standhält.

Jeden Abend sind wir woanders eingeladen. Kaum jemand hat genug – und doch wird immer etwas aufgetragen. Dazu selbstgebrannter Wodka in Strömen. »Man muss nur wissen, woher er kommt. Sonst kannst du erblinden. Oder schlimmer.« Es wird nachgeschenkt, bevor das Glas leer ist. Stimmen werden lauter und herzlicher. Und dass Wodka emotional macht, ist kein Mythos. Einmal stehen wir zu dritt auf einem schmalen Balkon und heulen den Mond an.

Auf dieser Reise bleibt das Judentum unsichtbar. Das Jiddisch des Großvaters wirkt wie ein Echo aus einer Welt, die längst verstummt ist. Das Judentum meiner Freunde liegt im Bruch ihrer Geschichte.

Bühnenwahrheit

Nach dem Studium folgt ein PhD in Texas. Dort gelingt es mir erstmals, meine beiden Pole zu verbinden: meinen bikulturellen Hintergrund und meine Leidenschaft fürs Theater. Ich erforsche die Geschichte türkisch-deutscher Theaterproduktionen und streife dabei ganz nebenbei auch das jüdisch-deutsche Theater.

Doch danach folge ich, nicht zum letzten Mal im Leben, der Liebe. Jahrhundertelang war Thessaloniki eines der wichtigsten jüdischen Zentren der Welt. Die Nazis zerstörten diese Kultur jedoch fast über Nacht. Geblieben ist eine kleine Gemeinde – und gerade noch eine einzige jüdische Grundschule. Und eben dort unterrichtet meine Freundin, obwohl sie selbst keine Jüdin ist.

Manchmal begleite ich sie morgens zur Arbeit. Dann bleibe ich noch einen Moment vor dem Stacheldrahtverhau stehen und plaudere mit einem der beiden Wachleute. Über meine Freundin komme ich mit der Zeit in Kontakt mit der jüdischen Gemeinde der Stadt. Schließlich lande ich sogar in einer Theaterproduktion, die ein junger Regisseur auf die Beine stellt: Szenen aus Bertolt Brechts Furcht und Elend des Dritten Reichs. Ich bin überrascht von der Wahl. Das Stück zeigt in kurzen, lose verbundenen Szenen den alltäglichen Terror im nationalsozialistischen Deutschland. Entsprechend skurril gestalten sich die Proben, gerade auch für mich als Deutschen.

Dann ist es so weit. Zur Premiere marschiere ich neben einer Handvoll anderer Schauspieler in Kampfstiefeln und mit Hakenkreuz in die Synagoge ein, die als Veranstaltungsraum dient. Ich höre einige Zuschauer keuchen. Doch wir sind im Flow. Neben mir trampelt, ebenfalls in Nazi-Tracht, Mordechai, der noch recht neue orthodoxe Rabbiner der Gemeinde, und schwingt sein Styroporgewehr. Was soll da schon schiefgehen? Eine ganze Menge. Bald darauf wurde Mordechai von Mitgliedern der Gemeinde so heftig angefeindet, dass er mit seiner scheiteltragenden Gattin und den sechs Kindern bei Nacht und Nebel nach Israel auswanderte.

Wenig später begegne ich an der Schule zum ersten Mal israelischen Soldaten. Sie sind auf einem kurzen Griechenlandtrip und tragen Kampfanzüge und Gewehre mit einer Lässigkeit, die ich von deutschen Soldaten nicht kenne. Alles ist so unwirklich, dass ich mich setzen muss. Versuch mal, dir die Szene vorzustellen: einen Deutschen mit Hakenkreuzarmbinde in einer Synagoge, während draußen jüdische Kinder hinter Stacheldraht zur Schule gehen.

Dabei war ich doch eigentlich nur wegen einer Frau hier gewesen.

Fremde Deutsche

Griechenland bleibt Episode. Einige Jahre später führt mich mein Weg weiter nach Toronto, wo ich eine Stelle am Deutschen Institut der Universität antrete.

Ich habe das Judentum nicht gesucht. Aber mit der Zeit kommt es mir immer näher. Es ist nicht so, dass ich mich in meiner Lehre nun auf jüdische Kultur konzentriere. Doch unterschwellig schwingt sie mit. Schon im zweiten Jahr konzipiere ich unter dem Titel Of Turks and Jews and Other Germans einen Kurs darüber, wie Deutschland seit Jahrhunderten mit allem umgeht, was als nicht ganz deutsch gilt.

Am Ende kreisen die Diskussionen um einen einfachen Gedanken: Was sagt das Bild des Fremden über diejenigen aus, die es entwerfen? Mit der Zeit fällt mir etwas auf: In Deutschland erfüllen Türken und Juden oft eine ähnliche Funktion. An ihnen wird verhandelt, wo die Grenze zwischen »wir« und »die anderen« verläuft. Je länger wir uns mit diesen Geschichten beschäftigen, desto deutlicher wird: Juden und Türken waren in der deutschen Geschichte oft weniger Gegensätze als zwei Varianten desselben Fremden – zwei Spiegel desselben Problems.

Und noch etwas beginne ich zu begreifen: Mein Kurs erklärt unbewusst eine Geschichte, die ich selbst längst zu leben begonnen habe. Manchmal verstehst du erst im Rückblick, worüber du die ganze Zeit gesprochen hast.

Heimatkunde

Also gehe ich zurück. Beim nächsten Heimatbesuch lasse ich mir von meiner Tante den Namen eines pensionierten Briefträgers geben. Er hat im Kaff meiner Kindheit ein kleines Heimatmuseum eingerichtet. Die allgemeine Geschichte interessiert mich auch – das Kaff ist schließlich seit fast achthundert Jahren ein Kaff und hat im Mittelalter sogar das Stadtrecht erhalten. Doch mich beschäftigt vor allem dieser eine Satz aus dem Ortsbuch: Die Juden hätten den Ort 1938 verlassen. Derselbe Satz, den ich eingangs zitierte. Jetzt will ich wissen, was sich dahinter verbirgt.

Als ich das Thema schließlich anspreche, beleben sich die Züge des Ex-Briefträgers. Natürlich habe es hier einst eine blühende jüdische Gemeinde gegeben, erzählt er – konservativ, recht orthodox, aber fester Bestandteil der Stadt. Die heutige Hintere Gasse habe damals sogar Judengasse geheißen. Mittlerweile hat er sich in Rage geredet. Jahrzehntelang habe er versucht, eine Genehmigung zu bekommen, eine kleine Plakette an der ehemaligen Synagoge anzubringen. Man habe ihn ausgebremst. Irgendwann habe er sogar anonyme Drohungen erhalten: Wolle er etwa mit dem Finger auf Täter zeigen? Dabei sei es ihm nur um Erinnerung gegangen. Schließlich habe er es doch durchgesetzt.

Inzwischen stehen wir hinter dem Oberen Tor. Halb stolz, halb erzürnt deutet er auf ein Gebäude, das ich aus meiner Kindheit nur zu gut kenne. Dort hat also die Synagoge gestanden; für mich war es immer nur die Praxis meines Zahnarztes gewesen.

Wahre Begegnung

Zurück in Toronto geschieht etwas, womit ich nicht gerechnet habe. Der irische Dramatiker aus meinem Theaterworkshop hatte eine einfache Regel: Eine Szene muss sich wahr anfühlen. Am Institut, an dem ich lehre, tritt eine junge Postdoktorandin ihre Stelle an. Rachel. Die Begegnung beginnt harmlos. Unsere Büros liegen einander gegenüber, und mein Hündchen bändelt sofort mit ihr an. (Zur Klarstellung: Ich habe es nicht als Kuppler abgerichtet.) Wir kommen ins Gespräch.

Zu unserem ersten Date hole ich Rachel direkt nach ihrem Seminar über jiddische Literatur ab. Sie ist in Begleitung eines elegant gekleideten, sehr vornehm wirkenden Paares. Rachels Eltern, auf der Durchreise von Vancouver nach Tel Aviv, mustern den jungen Mann, der ihre Tochter ausführt, erst einmal genau – und, wie mir scheint, nicht ganz ohne Misstrauen.

Einige Zeit später übernachtet Rachel zum ersten Mal bei mir. Noch vor Morgengrauen stehe ich auf, weil Dreharbeiten anstehen. Während sie weiterschläft, finde ich mich irgendwo auf einer abgelegenen Farm wieder, wo man mir Kostüm und Schminke verpasst. Wenig später bin ich ein Nazi in der klaren, beinahe unwirklichen Kälte des kanadischen Morgens.

Ich sehe, wie sich deine Augen weiten – also lass mich erklären. Eigentlich hatte ich für die Rolle eines jüdischen Arztes vorgesprochen. Doch der Regisseur war so angetan von meinem deutschen Akzent, dass er mir stattdessen die Hauptrolle in seinem Kurzfilm gab: die des Nazi-Arztes, der das eugenische Programm beaufsichtigt.

Während ich dort vor der Kamera stehe, kann ich nur den Kopf schütteln. Von der Synagoge in Thessaloniki zu einer Farm im Hinterland von Oshawa scheint es plötzlich nur ein Katzensprung.

Rachels Eltern wissen bis heute nichts von diesem Film.

Im Feuer Tel Avivs

Noch im Sommer hatte ich Istanbul ausgekundschaftet. Dort wollte ich mein Forschungsjahr verbringen. Ich dachte, es sei Zeit, mich meiner türkischen Seite zuzuwenden. Stattdessen begleite ich Rachel zu ihrer nächsten Forschungsstelle nach Tel Aviv.

Tel Aviv – eine liberale Insel in einem zunehmend konservativen Israel: größte Pride-Parade des Nahen Ostens, säkularer Alltag, Cafés und Bars, die auch am Schabbat geöffnet sind, ein kosmopolitisches Nachtleben zwischen Strand und Start-ups.

Tatsächlich: flimmernde Lichter, ein endloser Himmel, das Mittelmeer. Fast genau so hatte ich es mir einmal vorgestellt. Auch wenn ich die Flachdächer der Stadt meist nur zum Grillen betrete, das mediterrane Flair sagt mir zu. Ich fühle mich hier wohl. Die Sprache bleibt mir ein Rätsel.

Bald übernehme ich Rachels Rhythmus und verbringe fortan die Sommer in Tel Aviv. Einer davon wird mir besonders in Erinnerung bleiben. Der Sommer 2014: die schwerste militärische Auseinandersetzung zwischen Israel und der Hamas seit Jahren. Bomben und Raketen regnen vom Himmel. Die meisten fängt der Iron Dome ab. Doch manchmal prasseln danach Metallteile herab.

Ich jogge am Strand, als der Raketenalarm ertönt. Wenn du noch nie einen Raketenalarm in Israel gehört hast: Er ist erstaunlich sanft. Ein leises Anheben, ein leichtes Anschwellen – dann fällt der Ton wieder ab. Es klingt wie ein Motorrad in weiter Ferne. Beim ersten Mal reagiere ich kaum. Doch man lernt, darauf zu achten. Und hat man es einmal gelernt, lässt einen kein Motorrad mehr kalt.

Ich bleibe stehen und blicke um mich. Kein Schutzraum weit und breit, keine Mauer, nicht einmal ein Baum – in dieser Reihenfolge. Meine Augen tasten den Himmel ab. Nichts. Schließlich laufe ich weiter. Mein Handy vibriert. Rachel: »Don’t try to outrun the rockets!« Auf dem Rückweg ist der Strand abgesperrt. Feuerwehr und Polizei stehen um ein mehrere Meter langes Stück einer Rakete. Ich laufe leichtfüßig daran vorbei.

Trotz allem löst so ein Alarm selten Panik aus. Man vertraut der Luftabwehr.

Dieser Sommer ist auch der Sommer der zwanzigsten Weltmeisterschaft in Brasilien. Im Halbfinale spielt Deutschland gegen den Gastgeber. Ich sitze mit vielen anderen vor einem Café in der Baselstraße. Fünfzehn Minuten vor Anpfiff heulen plötzlich die Sirenen. Alle gehen in eine Tiefgarage, den nächstgelegenen Schutzraum. Wir warten, dann kehren wir an unsere Plätze zurück. Fünf Minuten vor Anpfiff ertönt das Signal erneut. Diesmal nehmen wir unsere Weingläser mit. Bald ist auch dieser Alarm vorüber. Dann beginnt das Spiel – und die Sirenen schweigen. Uns ist klar, warum: Auch die Hamas schaut jetzt Fußball.

Ein historisches Spiel. Deutschland zerlegt Brasilien mit 7:1.

Kindheitsbad

Irgendwann ist es so weit: Ich zeige Rachel mein Kaff.

Protestantische Nüchternheit. Die Reste einer mittelalterlichen Stadtmauer. Niedrige Häuser, enge Gassen, Fachwerk und Kopfsteinpflaster entlang einer sanft gewundenen Hauptstraße. Dazu eine Kirche, benannt nach der Märtyrerin Margareta.

Ich zeige Rachel die Plakette am Zahnarztgebäude. Dann ziehen wir weiter ins nahegelegene Waldstrandbad, den Schauplatz meiner glücklichsten Kindheitserinnerungen: hölzerne Umkleidekabinen, Liegewiesen zwischen Birken und Kiefern und dazwischen, flankiert von zwei Sandstreifen, ein gewaltiges, in Beton gefasstes Becken.

Es ist ein heißer Sommertag. Wir gleiten durchs kühle, dunkle Wasser dem Sprungturm entgegen. Dort lehnt ein alter Bademeister am Geländer, den Bierbauch in die Sonne gestreckt. »Wann wurde das eigentlich erbaut?«, fragt Rachel zwischen zwei Brustzügen. »Keine Ahnung«, sage ich. »Fragen wir ihn.«

Der Bademeister hat uns längst im Blick. Als wir näherkommen, hat er seine Antwort schon parat. »Ja mei«, sagt er. »Das war in den dreißiger Jahren. Und wie’s halt damals so war…« Er lässt den Blick über das Becken gleiten. »Das hat man Kampfschwimmbahn genannt. Drum alles so schön grad und ohne Schnörkel. Für die Leibesübung gedacht, ned für die Erholung.«

Während er spricht, sinkt meine jüdische Freundin Satz für Satz tiefer ins Wasser. Am Ende ragen nur noch ihre Augenbrauen heraus.

Wir bleiben trotzdem aneinander hängen.

Sexy Berlin

Seit den früheren 2000ern verbringe ich den Sommer regelmäßig in Berlin und unterrichte hier. Mein Kurs A Tale of More than Two Cities verfolgt die Linien von jüdischer Absenz und Wiederkehr ebenso wie die türkische Präsenz. Nebenbei beobachte ich die sich rapide wandelnde Stadt, bald gemeinsam mit Rachel.

Das wiedervereinigte Berlin entwickelt sich im Zeitraffer. Mit der Einwanderung der 1990er Jahre kehrt jüdisches Leben zurück. In den 2000ern folgen Israelis, zunächst eine kleine, liberale Avantgarde aus Künstlern und Akademikern, die Abstand vom politischen Alltag sucht. In den 2010ern wird daraus ein sichtbares Phänomen.

Auch in israelischen Medien taucht es plötzlich als Lebensort auf, nicht ohne Widerstand: Wegzugehen, noch dazu ins Land der Täter, gilt manchen als Verrat. 2014/15 entlädt sich das in den »Milky-Protesten« – ein Schokoladenpudding als Maßstab für Israels absurd hohe Lebenshaltungskosten.

Während noch gestritten wird, entstehen eigene Räume: Cafés mit Hebräisch am Nebentisch, Restaurants, Bars, Veranstaltungen. Am Ende des Jahrzehnts leben rund 20 000 Israelis in der Stadt. Berlin, einstiges Zentrum des NS-Regimes, ist tatsächlich sexy geworden. Für Israelis. Sexy – das meint Freiheit und Reibung zugleich. Leben im Schatten der Geschichte, ein Hauch von Weimar, oft reflektiert, manchmal demonstrativ.

Das Kanaan in Prenzlauer Berg, gegründet von einem Israeli und einem Palästinenser, setzt auf gemeinsame Küche als politisches Statement. Andere Projekte wie Masel Topf verzichteten auf feste Orte und verlegten ihre Dinner in wechselnde Off-Spaces. Jüdisches Leben erscheint hier als Ereignis: flüchtig, urban, jederzeit wieder verschwunden.

Über Rachel lerne ich Mati Shemoelof kennen, einen Israeli irakisch-jüdischer Herkunft, der 2013 nach Berlin kam und blieb. In seinen Texten verschränken sich Hebräisch, Deutsch und Arabisch; Schreiben wird selbst zum Ort der Migration. Als Misrachi verschiebt er die vertrauten Linien zwischen Israel und der arabischen Welt und unterläuft die Dominanz aschkenasischer Narrative. »Die Hauptstadt des Fragments«, wie der türkisch-deutsche Autor Zafer Şenocak es nennt, bietet Freiräume für verschiedenste Lebensentwürfe – und hält ihre Widersprüche fest.

Am Ende kommen beide in meinen Kurs, lesen und diskutieren. Geschichte wird Gegenwart. Für mich verschieben sich die Linien weiter.

Jüdischer als die Juden

Mein erster jüdischer Höhepunkt lässt nicht lang auf sich warten. Natürlich in Tel Aviv. Es ist Purim, das hohe Fest der Maskerade, also der denkbar geeignete Moment, jede Form von Zurückhaltung feierlich abzulegen. Rachel und ich beginnen den Abend auf einer Tango-Party. Wir gehen als Beauty (ich) and the Geek (sie). Die Verwandlung gelingt mühelos. Mehrfach werde ich von schwitzenden Männern zum Tanz aufgefordert; einer flirtet sogar ernsthaft, bis ich mich mit demonstrativ tiefer Stimme für den Tanz bedanke.

Direkt im Anschluss: Theater. Rachels Eltern haben uns zu Der Dybbuk eingeladen, einem Stück über Besessenheit, über fremde Stimmen im eigenen Körper. Für einen Kleiderwechsel bleibt keine Zeit. »Kein Problem«, sagt Julie. »Es ist Purim. Viele werden kostümiert sein.«

Niemand ist kostümiert. Nur wir. Im Foyer: Hemden, gedeckte Farben. Und dazwischen ich – flamboyant, mit glitzernden Wimpern und blondem, wehendem Haar.

Vor der Vorstellung gehe ich in die Herrentoilette. Beim Eintreten verstummt das Murmeln. Blicke bleiben an mir hängen, während ich möglichst unbeteiligt mein Geschäft verrichte. Einige Tage später erzählt Julie von einem Gespräch. Ein distinguierter Freund habe ihr von einer irritierenden Begegnung berichtet. In der Toilette des Theaters, sagte er, sei ihm ein aufgetakelter Transvestit begegnet. Er habe sich etwas erschrocken.

»Ja«, sagt Julie, »das ist mein Schwiegersohn.« Pause. »Er nimmt Purim sehr ernst.«

Aufnahme

Schwiegersohn? Ganz so weit sind wir noch nicht. Aber auf dem Weg dorthin. Du erinnerst dich: Beim ersten Treffen nahmen Rachels Eltern mich genau in Augenschein. Als ich sie zum Date abholte, fragten sie sich wohl, was dieser Goi von ihrer Tochter wollte. Mit der Zeit legt sich das.

Mit Julie verstehe ich mich schnell – Scotch hilft. Mit Michael bleibt es zunächst etwas formeller, doch spätestens seit Rafis Geburt sind wir ein Team. Und bei Leos Hausgeburt während COVID sitzen wir ohnehin alle im selben Boot: Sie kommen mit dem letzten Flug aus Israel und stecken dann monatelang bei uns fest. Das schweißt zusammen.

Elegant und kultiviert. Stadtplaner beide, Michael Professor an der UBC, Julie in der Stadtverwaltung von Vancouver tätig. Über Jahrzehnte tief in der jüdischen Gemeinde Vancouvers verankert. Im JCC gibt es sogar eine Sauna, benannt nach ihren Sponsoren: The Seelig Schwitz. Anfang der 1980er eröffneten sie mit Partnern das Restaurant Bridges auf Granville Island – etwa zur Zeit von Rachels Geburt. Jahrzehnte später, kurz vor dem Verkauf an ihren Neffen, feiern wir dort unsere Hochzeit.

Bei meinem ersten Besuch in Israel ist ihr Haus in Haifa voller Leute. Sie bieten mir Salami an – so kennen sie es von Michaels Eltern, assimilierten Juden, die nach der Emigration nach Palästina ihre deutschen Gewohnheiten mitgebracht hatten: Schlafstunde, Kaffee und Kuchen, Salamibrote. »Musst du nicht essen«, sagt Rachel leise.

Später, als Tel Aviv immer mehr zu unserem zweiten Zuhause wird, verkaufen ihre Eltern das Haus in Haifa und ziehen dorthin. Wir besuchen sie regelmäßig. Einmal, noch vor der Geburt unserer Kinder, ist Rachel mit Michael unterwegs – und Julie nimmt mich kurzerhand als ihr Date zu einer feinen Gesellschaft mit. Richter, Politiker, Kulturschaffende. Gute Gespräche – bis einer aufhört, mit mir zu reden, als er hört, dass ich ein halber Türke bin.

Seit Jahren pendeln sie nun wie Zugvögel zwischen Tel Aviv und Vancouver. Und wir haben uns ihrem Rhythmus angeschlossen.

Ketubba

Irgendwann ist es so weit: Nach fünfjähriger Probezeit beschließen Rachel und ich zu heiraten. Die Ketubba wird zum Ausgangspunkt unserer Überlegungen. Ein Ehevertrag mit klaren Regeln, bei der Trauung verlesen; traditionell hält er fest, was der Mann der Frau schuldet. Inzwischen ist sie oft mehr: ein gemeinsamer Lebensentwurf, kunstvoll gestaltet und an die Wand gehängt.

Wir wollen innerhalb der jüdischen Tradition heiraten, aber auf unsere Weise. Die Form steht, beim Text nehmen wir uns Freiheiten. Es wird ein generationenübergreifendes Projekt, getragen von vielen – it takes a village. Saba Heinz, der jedem Enkelkind eine eigens gestaltete Ketubba hinterlassen hat. Jonathan Livni, enger Familienfreund, der uns bei der Ausarbeitung des Textes hilft. Der über neunzigjährige Dichter Tuvia Rübner, der im Kibbuz Merchavia lebt und unseren Text ins Hebräische übersetzt. Und natürlich Michael, der alles kunstvoll auf die Ketubba überträgt.

Koscher ist diese Ketubba nicht. Aber sie ist unsere. Sie erzählt unsere Geschichte. Als wir unserer Rabbinerin davon erzählen, meint sie nur, sie könne uns nach meiner Konversion eine richtige Ketubba besorgen. Rachel und ich schauen uns kurz an. Sie hebt eine Augenbraue.

Die Hochzeit ist ein Spektakel in mehreren Gängen. Schon in Tel Aviv gibt es eine genussreiche Vorfeier. Die Hochzeit selbst findet dann in Vancouver statt, im Bridges, eingerahmt von einer Folge kulinarischer Stationen: Schabbat-Mahl bei Tante Tamara, Brunch bei Cousin Daniel, eine Taco-Fiesta bei Carol und Richard, zwei Freunden der Familie. Rachels Jugendfreundin Lauren macht die Bilder. Jonathan Livni fungiert als Rabbiner. Und unser Freund Barak, ein DJ aus Tel Aviv, kümmert sich um die Musik. Und um die Joints.

Es ist auch das einzige Mal, dass sich unsere Eltern begegnen. Michael, der alte Yekke, und mein Vater, der alte Türke, sprechen in ihrem jeweils schiefen Deutsch – und verstehen sich prächtig.

Die Ketubba hängt heute bei uns zu Hause. Nicht im Wohnzimmer, sondern vor unserem Schlafzimmer.

Untertauchen

Das Schabbat-Mahl ist längst zu meiner (nicht ganz so) heimlichen Leidenschaft geworden. Überhaupt liegen mir jüdische Feiertage – nicht zuletzt, weil es dort zuverlässig guten Wein gibt.

Konversion liegt also in der Luft. Allerdings bewusst light: Reformjudentum, schon aus der nüchternen Einsicht heraus, dass die Orthodoxie mich ohnehin nie akzeptieren würde. Wobei Konversion eigentlich zu viel gesagt ist. Ich war – du erinnerst dich – zwischen Religionen aufgewachsen, ohne selbst eine zu besitzen. Wie nennt man es also, wenn jemand von Nichts zu Etwas wird?

Vielleicht passt ein anderer Begriff besser: Alija. Alija bedeutet »Aufstieg«. Ursprünglich die Einwanderung nach Israel, verstanden als ein Hinaufgehen. Im weiteren Sinn: eine Annäherung ans Judentum, eine Bewegung hin zu mehr Verbindlichkeit. Konversion wäre dann weniger ein Wechsel als ein Hineinwachsen. Und, im besten Fall, ein Emporsteigen.

Zu dieser Zeit ist unser erster Sohn Rafi ein Baby, und Rachel hat eine temporäre Stelle an der Columbia University angenommen. Ein Forschungssemester erlaubt es mir, sie zu begleiten. Mein Leben spielt sich zwischen Kinderwagen und Tora-Studium ab: Spaziergänge durch den verschneiten Central Park, abends Online-Privatunterricht mit dem Gatten unserer Rabbinerin in Toronto, ehemals Mitglied eines Curling-Teams namens The Frozen Chosen. Kanadischer geht nicht.

Eine meiner Aufgaben ist der Besuch möglichst unterschiedlicher Synagogen. New York erweist sich als religiöses Labor: orthodox, konservativ, reformiert – jede Gemeinde mit eigener Haltung, eigener Selbstverständlichkeit. Ich gehe hinein und setze mich dazu. Mal verstehe ich mehr, mal weniger. Freundlich sind sie fast immer. Vertraut wird es selten.

Am Ende steht keine Erleuchtung, sondern etwas Nüchterneres: ein Termin, ein Gespräch, die Aufnahme. Dann: die Mikwe. Ein unscheinbarer Raum. Lauwarmes Wasser. Eine Stimme aus der Wand. Nichts Spektakuläres. Ich tauche unter und verliere den Kontakt zum Boden. Für einen Moment scheint die Schwerkraft auszusetzen. Dann stehe ich wieder. Etwas bleibt.

Die blutigeren Elemente bleiben mir erspart: Zum Glück bin ich als Türke bereits beschnitten.

Randnotizen

Ich lese.

Erst Säkulares im Rahmen eines Kurses, den Rachel unterrichtet, dann Religiöses während meines Konversionsprozesses. Anfangs aus Interesse, dann mit wachsender Faszination. Der Tanach erscheint mir nicht als abgeschlossene Wahrheit, sondern als offenes Gefüge: ein Gewebe aus Kommentaren, von Rashi bis zum Midrasch, durchzogen von Widersprüchen, die nicht aufgelöst, sondern weitergeführt werden.

Mich fasziniert weniger der Inhalt als der Umgang damit. Dass ein Text nicht eine Bedeutung hat, sondern mehrere, die nebeneinander stehen dürfen. Und dass man sich zu ihnen positionieren muss. Das kommt mir vertraut vor. Ich habe Literatur studiert. Auch dort ging es selten um richtige Antworten, sondern darum, genau zu lesen, zu deuten und umzudeuten, mit Widersprüchen zu arbeiten.

Nur, dass es hier nicht bei Interpretation bleibt. Im Judentum wird gestritten und ergänzt. Jeder Einwand wird selbst zum Text. Es gibt keinen Abschluss, keinen letzten Satz – nur ein Gespräch, das weiterläuft.

Es reicht, ernsthaft zu lesen. Vielleicht war das mein Einstieg: kein Bekenntnis, sondern eine Praxis. Und irgendwann kippt etwas. Man liest nicht mehr nur über diese Tradition. Man liest in ihr – und wird Teil des Textes.

Kein Paradox?

Jahre später hat sich unser Leben eingespielt. Wir haben zwei jüdische Söhne und eine Hündin namens Chai. Ist auch sie Jüdin? Trägt sie ihren Namen wegen ihrer Farbe oder als leise Hommage an den geschassten Rabbi Mordechai?

Überhaupt Namen: Wir wollten für unsere Kinder solche, die knapp und prägnant sind – jüdisch anschlussfähig, aber nicht klischeehaft – und über kulturelle Grenzen hinweg funktionieren. Dass wir schließlich bei Rafael und Leo landeten, hat nichts mit den Ninja Turtles zu tun. Und eine Heilige Dreifaltigkeit war auch nie geplant – zwei reichen uns völlig.

Jede der beiden Geburten war auf ihre eigene Weise spektakulär. Rafi kam zwei Monate zu früh und wurde beinahe auf dem Ledersitz des BMWs unseres Arztes geboren. Und bei Leo – eine Hausgeburt während COVID – kam die Hebamme zu spät und ich musste selbst entbinden. Ich brauche es kaum zu erwähnen: Rachel ist schnell. Danach waren wir bedient.

Rafi und Leo denken nicht darüber nach: Sie haben einen israelischen Saba und einen türkischen Dede, eine amerikanische Savta und eine deutsche Oma. Das ist für sie kein Paradox, sondern Alltag. Es ist einfach ihr Leben. Am deutlichsten wird das jeden Freitagabend: Kerzen auf dem Tisch, Challa neben deutschem Vollkornbrot, zwei Kinder, die sich schon auf den nächsten Morgen freuen, wenn der Rest zu French Toast wird, und ein Wein, der zuverlässig gut ist. Kein perfekter Schabbat, aber ein sehr persönlicher – und die Tür steht offen.

Meine Kinder wachsen in einer Stadt auf, in der das alles erstaunlich unspektakulär ist. Ich komme aus einer Welt, in der es das nicht gab. Hierher zu gelangen, hat mehr als ein halbes Leben gedauert.