Heft 920, Januar 2026

Paradoxien der Einsamkeit

von Lothar Müller

I

Als die damalige britische Premierministerin Theresa May zu Beginn des Jahres 2018 die Einrichtung eines »Ministry for Loneliness« verkündete, war damit ein großes nationales Präventionsprojekt verbunden. Eine parteiübergreifende Kommission hatte zuvor einen Bericht vorgelegt, demzufolge neun Millionen Briten unter dem Gefühl der Einsamkeit litten. Es gab ironische Kommentare zum Titel des Ministeriums, doch zugleich stellte sich in der öffentlichen Debatte rasch die Formel »global epidemy« ein. Sie hatte einen langen Vorlauf. Bereits zur Jahrtausendwende war Bowling Alone – The Collapse and Revival of American Community des amerikanischen Autors Robert Putnam erschienen. Das Buch trug seine These im paradoxen Titel, in dem das traditionell gemeinschaftlich als Freizeitsport betriebene Bowling zur Einzelaktion schrumpfte.

Putnam diagnostizierte eine Krise der politischen, zivilen und religiösen Partizipation, die bis in die informellen Sozialbeziehungen hineinreichte. Lange war die Einsamkeit als subjektives, schmerzhaftes Gefühl des Alleinseins im Horizont individueller Erfahrung erschienen. Im frühen 21. Jahrhundert wurde sie zu einem Symptom der Bedrohung sozialer Kohäsion und als solche empirisch erforscht. Damit trat die Soziologie, in deren Lexika sie bis dahin keinen Eintrag gehabt hatte, auf den Plan und an die Seite der Sozialmedizin. David Riesmans The lonely crowd (1950) war eine Charakterologie der Mittelklasse gewesen, nun wurden Statistiken der Einsamkeit nach Alter, Geschlecht, sozialem Status, Minderheitenzugehörigkeit etc. aufgefächert. Zum Horizont wurde die Sorge um die Gesellschaft als Ganze.

Die Horizontverschiebung war nicht zuletzt ein Effekt der gesteigerten Beobachtungsintensität. Viele Figuren der Einsamkeit, die nun von den Punktstrahlern der Umfragen erfasst wurden, gehörten lange schon zum Personal der modernen Gesellschaften. Die Künste hatten ihre Innenwelten erkundet. »Wer sich der Einsamkeit ergibt || Ach, der ist bald allein …«, sang Goethes Harfner, »I’m so lonesome I could cry« Hank Williams. In den Balladen der Pop- und Rockmusik waren die Einsamen allgegenwärtig. Stets sprachen sie als Einzelne. Die Punktstrahler fassten sie zu Gruppen zusammen.

Die soziologischen Studien unterschieden, wenn sie methodisch vorgingen, im Blick auf die Ursachen und Effekte der Einsamkeit zwischen Korrelationen und Kausalitäten und begriffen sie nicht umstandslos als Krankheit, wohl aber als Krankheitsrisiko. Zugleich wurden in der diskursiven Karriere der Einsamkeit solche Kautelen rasch abgestreift.

Als in England das Ministry for Loneliness eingerichtet wurde, erschien in Deutschland Manfred Spitzers Buch Einsamkeit – die unerkannte Krankheit. Darin begnügt sich die Einsamkeit nicht mit der Erhöhung des Risikos, von Krebs, Herzinfarkt, Schlaganfall, Depressionen und Demenz betroffen zu werden. »Einsamkeit ist zudem ansteckend und breitet sich wie eine Epidemie aus – nicht nur Singles und Alleinstehende sind davon betroffen, sondern auch Verheiratete! Einsamkeit ist die Todesursache Nummer eins in den westlichen Ländern.« Ein tragfähiger empirischer Beleg für dieses Todesursachen-Ranking dürfte schwer zu erbringen sein.

Das Buch Zeiten der Einsamkeit – Erkundungen eines universellen Gefühls (2025) des deutschen Soziologen Janosch Schobin sticht auch deshalb aus der aktuellen Fülle von Publikationen zum Thema hervor, weil es die Kasuistik als methodisches Instrument zur Kontrolle der Interpretation statistischer Daten einsetzt. Schobin hat 71 ausführliche Interviewgespräche in Deutschland, den Vereinigten Staaten und Chile geführt und erzählt auf dieser Basis detailgesättigte Fallgeschichten. Ein weißer US-Bürger in Brooklyn zeichnet im Blick auf die von der Verrazano-Narrows-Bridge beförderte Veränderung der Sozialstruktur seines Viertels nach, wie er zur Figur des »bowling alone« wurde. Er steht für die »Einsamkeit als Lebensform«, von der die Gesamtperson bis ins Körperbewusstsein und ihren physischen Auftritt geprägt ist. In der Lebenserzählung der Chilenin Martha zeigt sich das Zusammenspiel von Klassen- und Geschlechterverhältnis bei der Modellierung von Einsamkeitserfahrungen. In den Gesprächen mit einer deutschen und einer chilenischen Hinterbliebenen werden unterschiedliche Strategien sichtbar, die Toten als Bündnispartner gegen die Einsamkeit zu gewinnen.

»Nobody came« sangen die Beatles vor Jahrzehnten, als in ihrem Song Eleanor Rigby die Titelheldin zu Grabe getragen wurde. In Schobins Kapitel »Die Einsamkeit der Sterbenden« tritt Egon auf, ein männliches Pendant zu Eleanor Rigby. Er ist in seiner Zweizimmerwohnung unbemerkt gestorben und wird in einer Reihe anonymer Urnengräber beigesetzt. »Ein Pfarrer spricht einige Worte ins Leere, sonst ist niemand gekommen.« Es hat Egon nie gegeben. Er ist eine synthetische Figur, aus den statistischen Daten über die Zunahme der Amtsbestattungen in Deutschland zusammengesetzt. Fiktiv ist er nicht. Dass er männlich ist, entspricht den Datensätzen, ebenso die Rolle des Geldes in seinem Leben wie bei seiner Bestattung, seine Rolle als geschiedener Bruder von Geschwistern mit intakten Familien, seine Frauensuche auf den Partnermärkten.

Schobin hütet sich, von Figuren wie Egon auf eine generelle Zunahme der Einsamkeit in den westlichen Gesellschaften der Gegenwart zu schließen. Er kennt sowohl die Einsamkeit als dunklen Schatten der Individualisierung in der Moderne wie die Verringerung von Einsamkeitsbelastungen durch Prozesse der Emanzipation und Inklusion oder Autonomiegewinne, die aus wachsendem materiellen Wohlstand resultieren. Damit steht er an der Seite des britischen Sozialhistorikers David Vincent, der in seiner History of Solitude (2020) die beliebte Koppelung der statistischen Zunahme von Single-Haushalten und zunehmender Einsamkeit infrage stellt und den Einzug in eine Einzelwohnung als Autonomiegewinn – etwa nach einer Trennung – diskutiert, der von finanziellen Ressourcen begünstigt wird.

Theresa May hatte die Einsamkeitsprävention ausdrücklich zur Parallelaktion der Public-Health-Kampagnen gegen Übergewicht und das Rauchen erklärt. Körpergewicht lässt sich messen, Zigaretten lassen sich zählen. Das Messinstrument für Einsamkeitsbelastungen ist die Selbstaussage in Interviews und Umfragen. In Begriffen wie »Einsamkeitsbarometer« stehen die soziologischen an der Seite der meteorologischen Daten. Selbstverständlich ist das nicht.

Weitere Artikel des Autors