Personale Demokratie
West, Plessner, Tschechow von Carlotta VoßWest, Plessner, Tschechow
The lost art of soulcraft
2019: Der US-amerikanische Philosoph und Theologe Cornel West hält eine Vorlesung an der Notre Dame University (»Vorlesung« jedenfalls der offizielle Veranstaltungstitel; faktisch sprengen Wests flamboyant-prophetische Auftritte universitäre Kategorien). Trump ist in seiner ersten Amtszeit, der reaktionäre vibe-shift beginnt sich abzuzeichnen und mit ihm die große Verunsicherung unter den Liberalen der transatlantischen Welt, wie liberal-demokratische Wehrhaftigkeit möglich sei. »We have a lot of discussion of public policy in regard to statecraft. There’s not enough talk about soulcraft!«, ruft West seinem Publikum zu.
Dass die Mittel der »Staatskunst« im engeren Sinn nicht ausreichen, um die »Krise« der liberalen Demokratie zu überwinden, ist eine These, die derzeit auch auf unzähligen progressiven Strategiekonferenzen zu hören ist. Gewöhnlich mündet sie in das Diktum von der »Demokratie als Lebensform«, das dann besagt: Wir Liberalen müssen wieder (mehr) über Praktiken der demokratischen Subjektivierung nachdenken – und über ihr Verhältnis zu einem guten Leben. Ist es das, was West meint, wenn er nach einer Besinnung auf soulcraft ruft? Seelenkunst, Seelenhandwerk – das klingt altmodisch-metaphysisch im Kontext des progressiven Diskurses. In dieser Irritation liegt freilich eine Chance. Denn es wirft sich im Spiegel von Wests Rede von der Seele die grundlegende Frage auf: Welches Verständnis vom Mensch-Sein setzt der liberal-progressive Diskurs beziehungsweise das ihm zentrale »Subjekt« eigentlich voraus? Der Progressive ist es gewohnt, seine Antwort darauf ex negativo zu geben: Die Abwehr definitorischer Aussagen über den Menschen gehört seit Langem zum progressiven Selbstverständnis – und bestimmt gegenwärtig die Auseinandersetzung mit den antiliberalen Herausforderern, die wiederum offensiv anthropologisch argumentieren: mal im Rückgriff auf die »alten« Anthropologien eines traditionalistischen Kanons, der Aussagen über den Menschen noch metaphysisch begründen will, mal im Rückgriff auf die »neue« Anthropologie der naturwissenschaftlichen Vermessung des Homo sapiens oder vielmehr auf dessen vitalistisch-rassentheoretische Abfallprodukte.
Cornel Wests Begriff der Seelenkunst lädt dazu ein, sich der Frage positiv zu nähern, denn er verweist unmittelbar auf die lange Wurzel des liberalen Subjekts: die antike Tugendlehre und den jüdisch-christlichen Personalismus. In Überblicksdarstellungen zur Geschichte der westlichen politischen Philosophie finden sich oft gleich zu Beginn jene Passagen aus Platons Politeia, in denen Sokrates unterschiedliche politische Ordnungen von der timokratia und oligarchia bis zur demokratia und tyrannis mit den Seelenregimen der Bürger erklärt. Keine dieser politischen Ordnungsmodelle gelten Platon als gute Ordnungen. Sie sind für ihn vielmehr Degenerationen der guten, gerechten Ordnung, die auf Dysbalancen in den Seelen der Bürger verweisen, sie zugleich verschlimmern und damit ein glückliches Leben verunmöglichen. Platons Ausführungen stellen also den dialektischen Zusammenhang von Selbstverhältnissen und politischer Ordnung, von Glück, Selbstbeherrschung und guter Herrschaft her – und rücken damit den Bürger als selbstverantwortliches Subjekt ins Zentrum von Politik und der theoretischen Reflexion darüber. Freilich ist dieses Subjekt bei Platon und in der antiken Tugendlehre insgesamt auf Zwecke ausgerichtet, die es sich nicht selbst setzt. Das für jeden Menschen Gute und Wünschenswerte ist absolut definiert; bei Platon als Vernunftherrschaft. Auch für die Person im jüdisch-christlichen Denken gilt, dass ihr Subjektstatus metaphysisch begründet ist – nämlich theologisch durch die Gottesebenbildlichkeit. Sie hat dem antiken Bürger eine unbedingte Würde voraus und ist darin in die Freiheit gestellt, sich für oder gegen Gott entscheiden zu können (und sich dafür verantworten zu müssen). Sie ist außerdem Teil einer guten Schöpfung, auch gerade in ihrer Leiblichkeit – und darum kein reines Vernunftwesen.
Der politische Liberalismus als emanzipatorisches Projekt knüpft an die Idee der personalen Würde und an den Bürgerbegriff antiker politischer Philosophie an. Er bindet die Legitimität einer politischen Ordnung an ihre Menschenwürdigkeit, und Menschenwürde an die Selbstgesetzlichkeit eines personalen Lebens. Anders formuliert: Er stellt die Person ins Zentrum der Frage nach der guten Ordnung. Noch während das Emanzipationsprojekt erste politische Gestalt annimmt – absolutistische Herrscher gestürzt, Menschenrechte erklärt, Wahlrechte ausgeweitet, Sklaven befreit werden –, verliert das Konzept der beseelten Person allerdings schon an Überzeugungskraft. Denn einerseits wird mit Beginn des 18. Jahrhunderts erst die Welt um den Menschen herum, dann der Mensch selbst zum Objekt der Naturwissenschaft. Die Entteleologisierung der Natur nimmt den naturrechtlichen Begründungen menschlicher Würde Plausibilität und befördert biologistische Perspektiven. Die Anthropologie als Wissenschaft vom Menschen entsteht; für Sprache, Moral, Kunst finden sich evolutionäre Erklärungen; plötzlich ist »Hominitas nicht mehr gleich Humanitas«. Andererseits entwickelt sich ein historisches Bewusstsein. Ihm wird der Bezug auf überhistorische Begriffe – wie es der Begriff der beseelten Person ist – insgesamt problematisch. Es neigt überdies dazu, den Menschen mit seiner Geschichtlichkeit gleichzusetzen – mit dem doppelten Resultat, dass die Bedingungen menschlicher Existenz nahezu grenzenlos diskursiv formbar erscheinen, der einzelne Mensch aber in seinem Wollen und seinen Wünschen zum Produkt der historischen Umstände wird: ein bloßes »Flackern im geschlossenen Stromkreis des geschichtlichen Lebens«, wie Gadamer es nennt.
Die »beseelte Person« – dieses Körper-Geist-Wesen mit unveräußerlicher Würde, Glücksanspruch und der Fähigkeit, sich selbst Zwecke zu setzen und sein Leben demgemäß zu führen – wird also von zwei Seiten unterminiert. Trotzdem gedeihen seine Setzlinge. Es festigen sich politische Strukturen, die mit Bezug auf die Person gerechtfertigt worden sind – Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Sozialstaatlichkeit. Denn die ökonomischen Dynamiken der Moderne setzen in wachsendem Maße den Menschen als Rechtssubjekt und als autonomes Individuum voraus: Arbeitsteilung, Mobilität, Marktintegration bedingen ein funktionales Interesse an rechtlich garantierter Freiheit und Gleichheit. Die ideologische Rechtfertigung der sich in der transatlantischen Welt etablierenden liberalen Demokratie vollzieht diese funktionale Perspektive nach. Die liberale politische Philosophie wird vertragstheoretisch oder utilitaristisch und scheidet so die ethische Frage nach dem guten Leben von der Frage nach der gerechten oder guten Ordnung. Aus dem Blick gerät damit die Person, die sich wesentlich in ihrer Lebensführung als ethisches Selbst enthüllt. Vermisst wird ihre Begründungs- und Orientierungskraft lange nicht. Im Zeichen von stetiger Wohlstandsmehrung einerseits und Kaltem Krieg andererseits ist die Lust an ideologischer Selbstbefragung in Deutschland und in großen Teilen der transatlantischen Welt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gering. Nur: Inzwischen scheinen die ökonomisch fetten Jahre vorbei. Der »Sieg« von 1991 hat seine Identifikationskraft verloren. Der demokratische Liberalismus sieht sich neuen ideologischen Herausforderern gegenüber, die gerade mit ihrem existenziell-ästhetischen Angebot Erfolg haben: Der antiliberale vibe-shift ist im Gange.
Apokalyptische Sensibilität zurückgewinnen: Wests prophetischer Pragmatismus
Wenn Cornel West nach Besinnung auf »soulcraft« ruft, weiß er um das Wegbrechen der metaphysischen Fundamente, die es einmal möglich gemacht haben, die Seinswirklichkeit der beseelten Person vorauszusetzen. Er versucht weder, diese Fundamente zurückzugewinnen, noch »Athen und Jerusalem« zu verwerfen. Er bekräftigt den im Person-Begriff artikulierten unbedingten moralischen und emanzipatorischen Anspruch von der Würde, Vernunftbegabung und Freiheit des einzelnen Menschen im Modus prophetischer Kritik: indem er, erstens, wortgewaltig konkrete Leidenserfahrungen in der Gegenwart benennt, wie sie nur würdebewehrte, nach Glück strebende, sterbliche Personen machen können – Erfahrungen von Herabwürdigungen, von Demütigungen –, und jene Machtverhältnisse anprangert, die diesen Leidenserfahrungen Vorschub leisten; indem er, zweitens, in Anknüpfung an die historische Emanzipationsleistung unterschiedlicher Traditionen (vor allem afroamerikanischer, religiöser, proletarischer) die fortdauernde Kraft menschlicher Welt- und Selbstveränderung beschwört – und zwar einer Weltveränderung, die auf moralische Erneuerung und auf eine Selbstveränderung zielt, auf ein Mehr an Responsivität gegenüber dem Anderen und auf die Fähigkeit zur Solidarität. »Demokratie« – das ist bei West in erster Instanz nicht Begriff für eine Herrschaftsform, sondern für diese prophetische Praxis, in der Leidenssensibilität, der Wille zu politischer Hoffnung und zum konkreten Widerstand gegen Unrecht ineinandergreifen.
Nun ist »Demokratie als Bewegungspraxis« inzwischen zum Topos eines blühenden Demokratiekitsch-Genres geworden, das »Demokratie« als Signifikant für das ganz Andere einer totalen Gerechtigkeit besetzt – und damit zur manichäischen Abwertung der Gegenwart einlädt. West ist immun gegen derlei Manichäismus, weil er in seinem Fokus auf die Leiblichkeit, Sterblichkeit und Fehlbarkeit der Person die Begrenztheit, Situiertheit und tragische Verstricktheit menschlichen Daseins von Beginn an mitbedenkt. Demokratie als prophetische Praxis in Wests Sinn ist darum auch umfassend kritische Praxis – sie umfasst insofern auch den Wahrheitsanspruch der Leidenden –; sie ist außerdem immer auf die Tradition bezogen: Die gerechtere Gesellschaft, auf deren Möglichkeit »Demokratie« bei West verweist, speist sich aus den sittlichen Potenzialen, die in den traditionalen Wurzelgründen der Gegenwart schon angelegt sind. Wests prophetischer Pragmatismus hat insofern einen bewahrenden Charakter, der aber – anders als in der konservativen Tradition – nicht als Veto für die Dringlichkeit des Handelns funktioniert, sondern diese Dringlichkeit vielmehr fundiert.
West argumentiert, predigt, erinnert, rezitiert gleichzeitig, kurz: Er erarbeitet eine appellative Sprache, in der Erfahrungen von Verletzlichkeit und Demütigung zum Ausdruck gebracht werden können. So lässt sich wieder von der Person und sinnhaft von liberaler Demokratie als Lebensform sprechen: durch »apokalyptische Sensibilität«, wie West es nennt: indem wir die Gegenwart als Entscheidungssituationen erzählen, in der wir uns – jeder und jede für sich – als kritische, empathische, hoffnungsfähige Personen jetzt bewähren müssen gegenüber den uneingelösten Gerechtigkeitspotenzialen der Gegenwart und gegenüber der Zerstörungskraft, die darin liegt, die Verwirklichung dieser Potenziale zu verschieben. Wests prophetischer Pragmatismus steht dem antiliberalen Populismus nämlich in nichts nach an Dringlichkeitsenergie und affektiver Intensität, die liberale Demokraten mit wachsendem Defätismus als uneinholbaren Wettbewerbsvorteil der antiliberalen Populisten zu erkennen meinen. Prophetischer Pragmatismus fordert Verzweiflung, auch Wut; Hoffnung, auch Euphorie ein – transformiert sie aber nicht in politische Polarisierung, in der sich die Person als Handlungszentrum auflöst, sondern in eine Ethik der Solidarität, die die Person orientiert und verpflichtet.