Heft 920, Januar 2026

Sammeln, bauen

Weitersammeln, weiterbauen? von Matthias Noell

Weitersammeln, weiterbauen?

No limits to growth?

Lange Zeit haben wir gebaut, als gäbe es kein Morgen. Lange Zeit sind wir davon ausgegangen, dass ewiges Wachstum auch für die Museen und Ausstellungen gelten würde. Dabei gab es genügend Hinweise auf die Grenzen des Wachstums, genügend Konzepte für einen anderen Umgang mit den wunderbaren Dingen der Welt, den naturalia, den mirabilia, den artificialia, scientifica oder exotica. Wir haben gebaut und angebaut, abgerissen und neu gebaut, das alte Neue verworfen, das neue Alte zurückgeholt, dem Geschmack der Zeit folgend vernichtende Kritiken über historistischen Schwulst, modernistische Kargheit, unmenschliche und unmaßstäbliche Betonbauten ausgegossen. Vielleicht manchmal zu Recht, aber ungnädig und wenig großzügig, immer in der unbedingten Gewissheit, es nun endgültig besser zu wissen.

Die Geschichte des Museumsbaus ist nicht nur eine Geschichte bautypologischer Konzepte, dreht sie sich doch nur scheinbar primär um Fragen der Funktion und Form, der Grundrisse und der Belichtung, der Konservierung, der Zugänglichkeit und der Vermittlung. Die Geschichte des Museumsbaus ist vor allem eine Geschichte der Vergrößerung und Ausdehnung durch das ständige Wachsen und Wuchern der Sammlungen. Und es ist eine Geschichte der forcierten Selbstdarstellung der Bauauftraggeber, der Stifter, der Museumsdirektorinnen und Museumsvereine mit deren Vorständen.

Ich möchte mich über die Sammelwut als solche an dieser Stelle gar nicht unbedingt beschweren. Auch ich besuche gerne diese skurrilen Orte – allen voran den seltsam eingefrorenen und gleichermaßen lebendigen Sammlungsort eines John Soane in London und die darin komprimiert auftretende Vorstellung einer idealen Lebens- und Arbeitswelt. Oder das hinreißende Wohnhaus von Marta Pan und André Wogenscky, westlich vor Paris gelegen, mit seinen Büchern, Möbeln und dem Bildhauerwerkzeug, aber auch den sehr speziellen Badezimmern, in denen ortskundige Paris-Besucherinnen sich sofort in die RER-Station Auber versetzt fühlen. Oder auch die so unfassbar systematisch angelegten und gleichermaßen ästhetisch wie auch vielleicht nicht mehr »zeitgemäß« präsentierten Wissenschaftssammlungen, wie sie in der Pariser Galerie de Paléontologie et d’Anatomie comparée oder auch in den Meckelschen Sammlungen in Halle an der Saale zu bestaunen sind.

Dennoch dürfte klar sein, dass in nicht wenigen Fällen eine Reduktion auf das Kerngebiet, eine minimale, aber hervorragend auf die Möglichkeiten abgestimmte Gestaltung im bestehenden Rahmen, kurz: eine kluge Orientierung am Bestand besser wären als ungehemmtes Wachstum ohne Sammlungskonzepte. Und mal ehrlich: Welches unserer großen Museen hat denn überhaupt ein Sammlungskonzept? Konzipiert, abgestimmt, verschriftlicht, öffentlich diskutiert, problematisiert, durchgehalten, angepasst? Viele wissen zwar so ungefähr, was ihr jeweiliger Museumstyp und das eigene Haus sammelt und beinhaltet, Übernahmen in Form von (wenigen) Ankäufen und (zahlreichen) Schenkungen aber erfolgen nicht selten intuitiv und nach sehr individuellen Vorlieben, Interessen und den jeweiligen Spezialgebieten oder schlicht und ergreifend nach Angeboten. In Zeiten fehlender Ankaufetats sind die Museen auf die großzügigen Gaben von (privaten) Sammlern angewiesen, wobei häufig genug das »Alles-oder-nichts-Prinzip« gilt, das eine zusätzliche Herausforderung darstellt. Wenn als Bedingung für die Überlassung einer Sammlung neben der fast schon obligatorischen oder gar regelmäßigen Sonderausstellung im Museum gleich noch ein ganzer Neubau gefordert wird, stellen sich die Abwägungsprozesse noch komplexer dar.

Und so kommt es nicht selten zu der Schieflage, dass Wechselausstellungen schärfer konzipiert, besser präsentiert und dadurch auch leichter vermittelbar sind, ständige Sammlungen dagegen eher langweilig und verstaubt wirken, im schlimmsten Fall sogar abschreckend und hermetisch auftreten.

Sieht man sich die Bauphasenpläne großer Museen an, so erinnern die Resultate nicht selten an das Grimm’sche Märchen vom süßen Brei. Nur drei Beispiele: Die National Gallery in London weist zwölf Wachstumsschübe nach dem Ursprungsbau von 1837/38 auf, die Londoner Tate Gallery sieben Anbauphasen seit 1897 plus drei Ausgründungen an neuen Standorten (Liverpool, St Ives, Tate Modern) samt einem erneuten Anbau an die Power Station durch dasselbe Architekturbüro, das nun endlich die Chance hatte, einen spektakulären Solitär zu planen und dabei die eigene Leistung des Umbaus ad absurdum führte. Das Frankfurter Städel, um ein Beispiel aus Deutschland zu nennen, verfügt über fünf Erweiterungen. Man könnte die Liste unendlich verlängern. Das wahre Labyrinth des Daidalos sind unsere Museen.

Grundriss der National Gallery in London mit nummerierten Bereichen, die verschiedenen Bauphasen und Architekten zugeordnet sind, von 1837 bis 2023.

National Gallery London, Bauphasenplan

Planzeichnung: Anton Krude, 2025