Vervielfältigung der Äcker
Eine andere Geschichte der Ökonomie von Birger P. PriddatProlog: Die ontologische Unruhe der Ökonomie
Die Geschichte der Ökonomie wird gemeinhin als eine Geschichte der Effizienzsteigerung, der technologischen Innovation oder der Befreiung der Märkte erzählt. Doch unterhalb dieser Fortschrittsnarrative rumort eine dunklere, fundamentalere Dynamik: der Zwang zur räumlichen Entgrenzung. Ökonomie, verstanden als der Stoffwechselprozess der Zivilisation mit ihrer Umwelt, ist in ihrem Kern der Versuch, die Endlichkeit der gegebenen Ressourcen durch eine Vervielfältigung der Zugriffsmöglichkeiten zu überwinden.
Wir können diese Geschichte als eine Abfolge von »Feld-Regimen« lesen. Der »Acker« ist hierbei nicht nur agrarisch zu verstehen, sondern als Chiffre für jenen Ort, an dem Wert generiert, extrahiert und akkumuliert wird. War der Acker ursprünglich der physische Topos der metabolischen Interaktion zwischen Mensch und Erde, so hat sich dieser Begriff im Lauf der Zivilisationsgeschichte in verschiedene Dimensionen aufgespalten und vervielfältigt: vom horizontalen Feld in die vertikale Tiefe des Bergbaus, über die geometrische Expansion des Welthandels bis hin zur zeitlichen Dimension des Finanzkapitals und schließlich in die virtuellen Räume der Cloud.
Der tellurische Pakt: Der Acker und die vertikale Gewalt
Das grundlegende Produktivitätsorgan der antiken und vormodernen Ökonomie ist der Acker. Er repräsentiert – nicht erst seit Hesiods Werke und Tage – die fruchtbringende Erde. Seine Produktivität folgt einer strikt solaren und zyklischen Logik: Der Boden gibt seine Früchte, sofern er kultiviert wird. Es handelt sich hierbei um eine initiierte Gabe. Der Mensch muss sich an die Riten und Zyklen der Natur halten, um an der don de la nature (wie es später die Physiokraten nennen) teilzuhaben. Ökonomie ist hier noch oikonomia im aristotelischen Sinn: Hausverwaltung, die das Notwendige aus der Natur gewinnt, ohne deren Substanz zu verzehren. Der Handel vermittelt Überschüsse (im griechischen und phönizischen Mittelmeer).
Parallel zur solaren Agrikultur existiert seit der Bronzezeit ein Schattenregime: der Bergbau. Er repräsentiert den ersten Bruch mit der zyklischen Zeit der Natur. Während der Bauer den Boden hegt, verletzt ihn der Bergmann. Der Bergbau generiert »vertikal in die Tiefe vervielfältigte Äcker« – eine geomantische Expansion. Hier zeigt sich – im Mittelalter – eine frühe Produktivitätskonzeption, die zwar noch nicht vollends kapitalistisch ist, aber bereits dessen Intentionen vorwegnimmt: Akkumulation, technische Aufrüstung und Risikokapital (Kuxe).
Dennoch hielt sich lange – bis ins 18. Jahrhundert – die alchemistische Vorstellung, dass Erze im Berginneren wie Pflanzen nachwachsen (»verdeckter fructus«). Man projizierte die organische Fruchtbarkeit des Ackers in die anorganische Tiefe, um den Raubbau als Ernte legitimieren zu können. Erst mit der geologischen Aufklärung weicht diese Illusion der Erkenntnis der Endlichkeit: Was der Berg gibt, gibt er nur einmal. Der Bergbau markiert den Übergang von der Reproduktion zur Extraktion.
Die geometrische Expansion: Das Meer und die »Leere« der Welt
Mit der Neuzeit verschiebt sich die »Vervielfältigung der Äcker« in die Horizontale. Das Medium dieser Expansion ist nicht mehr die Erde, sondern das Meer. Die Handelsökonomie betreibt eine geometrische Expansion: die räumliche Appropriation der Früchte fremder Erdteile.
Der entscheidende Raumwechsel ist der vom festen Land auf das flüssige Meer. Carl Schmitt hat 1942 in Land und Meer eindrücklich beschrieben, wie dieser Elementewechsel das Bewusstsein verändert. Das Meer ist raumlos, grenzenlos, weglos. Es ermöglicht eine neue Art der Souveränität. Der Handel, der über das Meer operiert, löst sich von den lokalen Bindungen des Oikos.
Die Handelsökonomie der Neuzeit betreibt die Vervielfältigung der Äcker nicht durch Intensivierung der heimischen Produktion, sondern durch Aneignung. Die Schiffe sind die Vektoren, die die Früchte fremder Äcker – Gewürze, Zucker, Baumwolle, Silber – nach Europa transportieren. Es entsteht ein System, das man als »ghost acreage« (Geisterflächen) bezeichnet hat: Europa nutzt für seinen Konsum Landflächen in Amerika und Asien, die in den heimischen Bilanzen nicht auftauchen.
Hier wird John Lockes Eigentumstheorie zur zentralen Software des Kolonialismus. Locke argumentiert, dass Gott die Welt den »industrious and rational« (den Fleißigen und Vernünftigen) gegeben habe. Land, das nicht nach europäischen Standards bearbeitet, eingezäunt und kultiviert wird, gilt als res nullius – als Niemandsland oder »Verschwendung«. Die Kolonialisierung wird so zum moralischen Imperativ: Die – meist militärisch erzwungene – Besetzung fremden Bodens (occupatio) wird gerechtfertigt, indem man den indigenen Völkern die Fähigkeit zur »eigentlichen« Arbeit (appropriatio) abspricht. Da sie das Land nur »bewohnen« und nicht »verbessern«, haben sie kein Eigentumsrecht. Der globale Handel fungiert dabei als Transformationsriemen: Er verwandelt die geraubte Fruchtbarkeit der Peripherie in den Reichtum des Zentrums. Es ist eine »Umverteilungswirtschaft«, die Wachstum simuliert, indem sie die Früchte immer neuer, ferner Äcker akkumuliert.