Wissendes Schweigen
Über Schuldfragen und andere Bedenken von Yfaat WeissÜber Schuldfragen und andere Bedenken
Karl Jaspers’ Text Die Schuldfrage, hervorgegangen aus der von ihm im Wintersemester 1945/46 in Heidelberg gehaltenen Vorlesung »Die geistige Situation in Deutschland«, beschäftigt mich seit seiner Veröffentlichung auf Hebräisch im Jahr 2006. Jaspers hielt die Vorlesung kurz nachdem es ihm erstmals seit 1937 wieder erlaubt war, zu lehren – in jenem Jahr war er aufgrund der Rassengesetze von Universität und Lehre ausgeschlossen worden, da seine Frau jüdischer Herkunft war. Der Text als solcher war mir schon viel früher vertraut, doch seine Veröffentlichung in meiner Sprache erschloss ihn mir noch einmal neu. Häufig habe ich Passagen daraus als historische Quelle in Seminaren über Deutschland nach 1945 verwendet. Ich nutzte und nutze ihn aber auch in anderen Kontexten, etwa bei meiner Beschäftigung mit Geschichte und Recht, den Nürnberger Prozessen, Transitional Justice und vielen anderen Themen. Etwas am Text selbst sowie dem Kontext, in dem er vorgetragen worden war, zog mich in seinen Bann. Namentlich die schlichte Tatsache, dass sich 1945/46 im Hörsaal viele entlassene Wehrmachtssoldaten befunden haben müssen. Für sie hatten die von dem Philosophen angebotenen Unterscheidungen zwischen krimineller, politischer, moralischer und metaphysischer Schuld sicherlich eine besondere, unmittelbar persönliche Bedeutung.
An die Diskussionen in den verschiedenen Seminaren, in denen wir den Text lasen, erinnere ich mich nicht mehr genau – außer an eine allgemeine Zurückhaltung gegenüber der vierten Kategorie, der der metaphysischen Schuld. Diese abstrakte Kategorie wurde von Jaspers’ Schülerin Hannah Arendt und ihrem Partner Heinrich Blücher in ihrer Korrespondenz breit und kritisch diskutiert; die Herausgeber der hebräischen Ausgabe fügten Jaspers’ Text diese Briefe bei. Mit den Jahren vergaß ich viel von seinem Inhalt, doch eine kurze – im Deutschen sechs und in der prägnanteren hebräischen Syntax nur drei Wörter umfassende – Formel prägte sich mir ein: »Ein Volk haftet für seine Staatlichkeit.« Ich vermute, dass dieser kurze Satz unterbewusst die Quelle des Banns war, in den der Text mich und wohl auch meine Studierenden gezogen hatte. Er erlaubte nicht nur eine explizite Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus und der Schoa, sondern auch, auf einer tieferen, unbewussten Ebene, ein Nachdenken über unser eigenes Leben, unseren Ort und unsere Zeit.
Seit dem 7. Oktober – genauer gesagt im Zuge seiner unmittelbaren Folge, des Krieges in Gaza – entwickelte sich Jaspers’ knapper Satz für mich zu einer Art magischen Formel. Als Israelin, die in Israel lehrt und zugleich ein Forschungsinstitut in Deutschland leitet, bot mir dieser Satz eine scheinbare Ordnung. Wenn ich ihn öffentlich am Institut in Leipzig zitierte, sollte er meine politische Verantwortung – im Geiste Jaspers’: jene Mithaftung, die »jede[r] Staatsangehörige […] für die Handlungen [trägt,] die der Staat begeht, dem er angehört« – abgrenzen von den Empfindungen einiger meiner Kolleginnen und Kollegen, die als Deutsche im politischen Sinn die Taten ihrer Väter mittragen und folglich, in Jaspers’ Begriffen, in der Kategorie der politischen Schuld stehen. Empfindungen, die ich im Übrigen schätze und respektiere.
Der Umfang dieser Schuld leitet sich vom Ausmaß des Verbrechens ihrer Vorfahren und der Zugehörigkeit zu einem Kollektiv ab, in dem sich in den letzten Jahren und Monaten beunruhigende Tendenzen verstärken, und zwingt sie zu noch größerer Vorsicht. Sie führt dazu, dass sie sich jeglicher Urteile über Israels Handeln enthalten. Und in ihr begründen sich auch verständliche Vorbehalte und Skepsis gegenüber der Motivation und Leidenschaft, mit der Teile der deutschen Öffentlichkeit Kritik an Israel und seinem Vorgehen äußern. Diese magische Formel sollte meinen Kolleginnen und Kollegen begreiflich machen, warum es als israelische Staatsbürgerin meine Pflicht war und ist, auf bestimmte Themen einzugehen, zu denen sie als deutsche Staatsbürger – vielleicht zu Recht – glauben schweigen zu müssen.
In den letzten Monaten beschlich mich jedoch die Erkenntnis, dass das Diktum von der Mithaftung seine Kraft eingebüßt hat. Es hatte seine operative Funktion – im Rahmen einer rationalen Arbeitsteilung, recht eigentlich auch territorialen Aufteilung der Verantwortungsbereiche zwischen mir und meinen Kollegen, wobei der israelisch-palästinensische Konflikt in meinen Bereich fiel. Aber letztlich war es für mich auch ein bisschen zu bequem. Vor allem wegen der Diskrepanz zwischen den historischen Ereignissen, für deren historische Schuld ich und sie Verantwortung tragen müssen. Während ihre Schuld aus dem größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte herrührt – dem Zivilisationsbruch, wie ihn Dan Diner beschrieb, der Gründungsvater des Dubnow-Instituts –, sah ich meine Schuld, und damit auch meine Verantwortung, in den Ereignissen von 1948 begründet, in der Nakba und ihren langfristigen Folgen für die palästinensische Bevölkerung, über Generationen hinweg.
Diese politische Schuld, die einige israelische Juden – eine relativ kleine Gruppe innerhalb des israelischen Demos – empfanden, bezog sich im Lauf der Jahre auf einen chronischen Zustand, auf jene gegenwärtige Vergangenheit, »past present«, die einen Schatten auf das Leben der Palästinenser warf. Diese Vergangenheit beschäftigt mich täglich, sie begleitet mich seit Jahrzehnten als Schatten, und ich habe sie in meinen Texten behandelt: insbesondere in den Monografien über Haifa und Jerusalem, die sich Fragen der Staatsbürgerschaft beziehungsweise Souveränität zuwenden. Doch mit dem Ausbruch des Krieges in Gaza – und vor allem seit dieser in die Phase der Vertreibung und des Aushungerns als Methode überging, während sich im Westjordanland Entwicklungen vollziehen, die nicht mehr zu übersehende Züge einer ethnischen Säuberung tragen – hat sich meine Schuld, und ich erlaube mir hier zu sagen: unsere Schuld, die Schuld, die nur wenige von uns anerkennen, ausgeweitet und vertieft. Sie ist aktuell, akut und schwerwiegender als in der langen Phase, in der ich Zuflucht fand in Jaspers’ Formel.
Lea Goldberg
Auf der ständigen Suche nach einem Kompass stieß ich vor rund zwanzig Jahren, als ich mich mit Lea Goldbergs Lehrjahren in Deutschland beschäftigte, auf ihren Text Der Mut zum Profanen. In diesem Essay, den sie 1938 in Tel Aviv in der ersten Ausgabe der Zeitschrift Turim veröffentlichte, beschreibt Goldberg die »kollektive Müdigkeit gegenüber der profanen Arbeit des Geistes« und kehrt damit zurück zu ihren Studienerfahrungen in Bonn im Jahr 1932 und in die ersten Monate nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Unter dem Eindruck ihrer Lehrjahre am Seminar für Orientalistik und insbesondere ihres Doktorvaters, Paul Ernst Kahle, eines deutschen protestantischen Professors, der in keiner Weise von seinem wissenschaftlichen Interesse am Orient abließ und weiterhin seine vielen jüdischen Promovenden unterstützte, versuchte Goldberg, einen moralischen Kodex für wissenschaftliches Arbeiten in düsteren Zeiten zu formulieren.