Heft 924, Mai 2026

Zwischen Ordnung und Zerfall

Der Neue Physiologus von Hartmut Dietz von Denis Gonska

Der Neue Physiologus von Hartmut Dietz

Als Arno Schmidt 1970 nach jahrelanger Schwerstarbeit Zettels Traum veröffentlichte, schrieb Dieter E. Zimmer in der Zeit: »Es könnte schon sein, daß in ›Zettels Traum‹ das literarische Meisterwerk des Jahrhunderts steckt; es könnte sein, daß es sich um eine Art Streichholz-Eiffelturm in Originalgröße handelt, von einem Hobby-Berserker um den Preis seines Lebens erstellt. Vielleicht ist es auch beides.«

Man könnte dasselbe ohne große Übertreibung über den Neuen Physiologus sagen. Es ist das herrlich größenwahnsinnige Werk eines Autors, der darin nichts weniger versucht, als mithilfe von Zitaten auf Tausenden von Seiten eine angemessene und möglichst vollständige Abbildung der Welt zu erschaffen – eine bis ins absurdeste Detail genaue Klassifikation dessen, was ist, was war und was sein könnte. Es ist der Versuch, die Unordnung des Kosmos in ein Ordnungssystem zu bringen, das aber durch den Exzess dieser übergenauen Kategorisierung immer wieder in sich zusammenzubrechen droht. Wer mehr über dieses monumentale Werk herausfinden will, das bisher praktisch keine Öffentlichkeit erfahren hat, muss sich einen Weg durch uralte Internetseiten bahnen, muss sich mit unvollständig archivierten und schlecht programmierten Privatseiten herumschlagen und akzeptieren, dass man überall an Grenzen stößt.

Sicher ist, dass es sich bei dem Neuen Physiologus um das Lebenswerk von Hartmut Dietz handelt. Viel findet man nicht über ihn heraus: 1948 geboren, studierte er Germanistik in Saarbrücken, schloss sein Studium mit einer Magisterarbeit über Arno Schmidt ab. Es folgten einige kurze Biografien für das Killy Literaturlexikon und mindestens eine literaturwissenschaftliche Veröffentlichung im Bargfelder Boten (Der Trickster bei den Großen Müttern – Über Arno Schmidts Erzählmuster, 1993). Zuletzt wohnte er in Berlin.

Schon in den frühen Neunzigern fängt Dietz mit Arbeiten zum Neuen Physiologus an, der sich allerdings erst ab den frühen 2000ern auf verschiedenen Internetseiten nachweisen lässt. Nachweisen lässt sich auch, dass Dietz bis Anfang 2023, vielleicht sogar bis Ende 2023, an seinem Werk arbeitete: Er fügte neue Artikel hinzu und nahm kleinere Änderungen an der Struktur des Werkes vor. Was mit Dietz nach 2023 geschah und warum die Webseite aufgegeben wurde, ist unbekannt. Kontaktversuche sind gescheitert – wahrscheinlich existiert die alte Mailadresse nicht mehr.

Mich erschreckte es, zu sehen, was mit einem Werk geschieht, für das sich offenbar nie jemand richtig interessiert hatte, das von seinem Autor aufgegeben worden war und das nun digitalen Zersetzungsprozessen ausgeliefert ist. Mein erster Gedanke war, dass ich eine Kopie des Neuen Physiologus erstellen sollte. Ich wusste noch nicht, was ich damit anfangen würde, doch zunächst einmal musste das Werk gesichert werden. Planlos begann ich, den Text mitsamt den Verweisen in Word-Dateien zu kopieren, angefangen mit den ersten Lemmata der Kategorie Mensch.

In ein paar Stunden hatte ich 250 Seiten gefüllt und war gerade mal mit den ersten beiden Unterkategorien fertig. Dieses Vorgehen war sinnlos, zumal es auch die Hypertextstruktur unberücksichtigt ließ. Also lud ich die HTML-Seiten direkt als Dateien herunter und speicherte sie in einer Ordnerstruktur, die der Struktur des Neuen Physiologus entsprach. Auch damit verbrachte ich einen ganzen Tag, bevor ich mich entschloss, einmal zu Übersichtszwecken das ganze Inhaltsverzeichnis der ersten Kategorie Mensch in eine Word-Datei zu kopieren. Dabei stellte ich erschreckt fest, dass allein das Inhaltsverzeichnis dieser ersten von drei großen Kategorien 159 Textseiten umfasste. Ich beschloss, erst einmal aufzugeben. 600 Dateien hatte ich gerettet, ein Tropfen auf den heißen Stein.

Es ist schwierig, zu beschreiben, um was für ein Werk es sich hier handelt. Ist es eine Enzyklopädie, ein Kollektaneenbuch zur Sammlung und Sortierung von Lesefrüchten, ein modernes Collagenwerk, ein postmodernes Spiel? Wie ernst muss man den Bezug zum ursprünglichen Physiologus nehmen, einem antiken griechischen Werk, dessen Titel sich als Naturforscher übersetzen lässt und das Tiere, Pflanzen und Steine zu beschreiben und in einen heilsgeschichtlichen Zusammenhang zu bringen versucht? Im Mittelalter griff man diesen Physiologus wieder auf – er diente als Vorbild für Bestiarien, in denen Bären und Wildschweine gleichberechtigt neben Einhörnern und Drachen ihr prächtig illustriertes Unwesen trieben.

Lassen wir Hartmut Dietz selbst zu Wort kommen, der in der Gebrauchsanweisung für sein Werk folgendes schreibt: »Diese Literaturgattung hat nicht nur eine ehrwürdige Tradition … Die Inhalte dieses Physiologus erklären sich von selbst aus seinem sprechenden Titel – mit vielleicht etwas anderen Gewichtungen als in der Tradition […] Das Problem ist die (An-)Ordnung der Inhalte der Welt […] Dieses Projekt ist zu vergleichen der zoologischen Systematik des Linnaeus (Systema naturae, 1735) oder dem sprachwissenschaftlichen des ›Wehrle /Eggers‹ (1888–1968); literarisch ist nochmals auf die alte erbauliche Tradition der ›Physiologi‹ hinzuweisen, die hiermit weitergeführt wird.«