• Knieschuss rechts

    Ein Krieg weist eine derart hohe Ereignisdichte auf, dass es praktisch unmöglich ist, ihn nachträglich zu entwirren und zu einem roten Faden auszuspinnen. Erklären lässt sich daran nur, was so niemand erlebt hat. Vom ersten Krieg, dem der Titel Weltkrieg verliehen wurde, trennen uns einhundert Jahre. Das ist länger als ein durchschnittliches Leben. Die letzten Kriegsteilnehmer und Zeitzeugen sind tot. Der Krieg besteht nun nicht mehr aus konkreten Erinnerungen, sondern aus einer Vielzahl abstrakter Erzählungen. Spätestens dann, wenn niemand mehr da ist, für den das Geschehene noch eine biografische Wirklichkeit war, schnürt sich die Vergangenheit von der Lebenswirklichkeit ab und wird Geschichte. Um aus einer Unzahl von Geschichten eine einzige zu machen, muss man absehen können vom Schicksal des Einzelnen – und damit auch von all den Zufällen, die ein einzelnes Leben zu etwas Unwiederholbarem machen. Zufallsbereinigte Geschichte ist zwar erkenntnisreich, kann aber durch die Betrachtung eines Einzelfalls jederzeit wieder verkompliziert werden. Ein von einer Verwundung Genesender sitzt aufrecht im Bett und hält eine brennende Zigarette in der Hand. Er scheint das Schlimmste überstanden zu haben und wirkt wie neu geboren. Das bartlose und leicht feminin wirkende Jungengesicht ist so gar nicht von wilhelminischem Zuschnitt, die Körperhaltung lässt sowohl an Buddha denken wie an einen japanischen Samurai kurz vor dem Seppuku. Sollte die Gelassenheit gespielt sein, wäre sie eine schauspielerische Glanzleistung. Die am Bett befestigte Krankentafel verzeichnet für einen Soldaten namens "Mothes", Angehöriger eines Grenadierregiments, unter "Krankheit" einen "Knieschuss rechts", als Datum der Verwundung den 3. Juli 1916. Auf der am linken Handgelenk befestigten Armbanduhr ist es sechs nach eins, beide Zeiger stehen exakt übereinander. Der Siegeszug der Armbanduhr hat nicht zufällig im Ersten Weltkrieg begonnen. Ein moderner Krieg setzt exaktes Timing voraus. Im Gegensatz zu einer Taschenuhr kann eine Armbanduhr auch dann abgelesen werden, wenn beide Hände beschäftigt sind. Kein Herumfummeln in Hosen- oder Jackentaschen: Ein Blick aufs Handgelenk genügt, um im Bild zu sein. Hat sich der Pulverdampf verzogen, zeigt einem die Uhr, dass man noch lebt. Das durch die beiden hohen Fenster einfallende Licht hat sich wie eine gleißende Spange um Schläfen und Wangen des Verwundeten gelegt, als handle es sich um die Vorstufe eines Erleuchtungsprozesses, der erst dann abgeschlossen wäre, wenn das gesamte Bild zu einer einzigen hellen Fläche geworden wäre. (...)

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  • International

    Im Netz zirkulieren unzählige Bilder, deren einziger Zweck es ist, uns zum Lachen zu bringen. Das kann eine Katze mit Hitlerbärtchen sein, ein wegen Umsturzgefahr an die Decke gehängter Weihnachtsbaum oder ein an einem Krematorium hängendes Schild mit der Aufschrift »Tag der offenen Tür«. Möglich, dass es schon bald eine Kamerasoftware gibt, die automatisch erkennt, wenn sich etwas Lustiges im Bildraum befindet, irgendetwas, das an andere, bereits als erfolgreich erwiesene Bildwitze erinnert. Nicht auszuschließen, dass sich dieses System als extrem lernfähig erweisen würde und bereits blinkt, wenn ein Grund hierfür noch gar nicht ersichtlich wäre, denn die Selbstverständlichkeiten von heute könnten die Witze von morgen sein. Es gibt Bilder, deren Witz sich, wenn überhaupt, erst auf den zweiten Blick erschließt. Eine junge Leserin dieser Kolumne schickte mir vor kurzem »einfach so« ein Foto, das sie bei einem Spaziergang durch Köln-Nippes mit ihrem Smartphone aufgenommen hatte und das sie irgendwie »lustig« fand. Es zeigt ein Stück Hausfassade mit einer geöffneten Tür, einem direkt daneben befindlichen Doppelfenster sowie einem in pastellener Abstraktion gehaltenen Sockel, der allerdings – wie die übrige Fassade – schon ziemlich verranzt ist. (...)

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  • Schnappschuss mit Ruine

    Eineinhalb Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schaut ein junges Ehepaar vom Kinderzimmer ihrer Nachbarn aus auf eine Ruinenlandschaft. Was da vor ihnen liegt, besteht aus Grundmauern, einigen Fassadenteilen und einer Menge Schutt, der bis in die eingestürzten Kellergeschosse hinunterreicht und an seinen erdhaltigsten Stellen mit Buschwerk und Bäumchen besiedelt ist. Zwischen den vormaligen Häuserblöcken haben sich Trampelpfade gebildet, die teilweise bis in die steinernen Grundrisse der Gebäude hineinführen und dort in irgendwelchen Kellerlöchern enden. Von alldem ist auf dem Foto, wenn überhaupt, nur ein winziger Ausschnitt zu sehen. Doch hat sich in meiner Erinnerung das Bild dieser Ruine so festgesetzt, dass ich es auch ohne fotografische Unterstützung als immer noch gegenwärtig empfinde. Fast die gesamte Kindheit über hatte ich, wann immer ich aus dem Fenster unseres Kinderzimmers schaute, diese in Parzellen unterteilte Backsteinwüste vor Augen; und nichts hätte mich und meine Freunde davon abbringen können, in dieser verbotenen Zone nach Abenteuern zu suchen, also etwas zu tun, das Mama und Papa nicht zu wissen brauchten, wofür Schlupfwinkel aller Art vonnö- ten sind, und eine Ruine ist naturgemäß voll davon. Obwohl der Begriff »Abenteuerspielplatz« noch gar nicht geboren war, darf man in diesem aus unerfindlichen Gründen stehengebliebenen Ruinenviertel einen seiner natürlichen Vorläufer erkennen. (...)

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  • Ein Sternenset

    Ein Sternenset

    Von Harry Walter

    Was sind Sterne? An den Himmel gesteckte Lichter; oder Löcher, die uns durch eine Kugelschale hindurch in das Inferno blicken lassen? Augen, die sorgenvoll über uns wachen; oder die erstarrten Seelen der Toten? Blanke Taler, die einem guten Mädchen zur Belohnung in den Schoß fallen, wie im Sterntaler-Märchen; oder doch bloß kleine aufgespießte goldene Mücken, wie es in Büchners Woyzeck heißt? Oder sind die Sterne einfach nur da? Nachts, wenn alle Katzen grau sind, kann ein Blick nach oben dennoch etwas ziemlich Buntes offenbaren: Zahllose rötliche, gelbliche und bläuliche Punkte sind um ein y-förmiges, von dunklen Schwaden durchsetztes Lichtband – die Milchstraße – verstreut und leuchten in verschiedenen Intensitäten. Je länger man hinschaut und je klarer und mondloser der Nachthimmel ist, desto mehr davon tauchen auf – bis das Auflösungsvermögen der Netzhaut und die sich einstellende Genickstarre dem schließlich eine natürliche Grenze setzen und der Himmel gesättigt erscheint, ohne überladen zu wirken. Doch selbst wenn wir uns eigens auf den Rücken legen, erleben wir diese Sternenversammlung nicht als ein Gegenüber, nicht als ein Bild, sondern als eine über uns aufgespannte Kuppel, als Zelt oder Schale, die uns umschließt und trotz der vielen Fixpunkte, zwischen denen das Auge hin und her springt, die sich dazwischen auftuende Leere nicht vergessen machen kann. Die Diskretion, mit der die stellare Farbenpracht vor dem schwarzen Nichts in Szene gesetzt ist, hat sich vermutlich tief auf unser Geschmacksempfinden ausgewirkt. Was funkelt und glitzert, löst ein Staunen aus, das seine kindlichen Wurzeln nie ganz verbergen kann und sich, mit dem Gedanken der Unendlichkeit gekreuzt, bis zum Gefühl des Erhabenen steigern lässt. Eine meiner Tanten erzählte immer wieder, wie sie als Vierjährige von ihrem im Ersten Weltkrieg nach Verdun abkommandierten Vater beim Abschied am Rastatter Bahnhof in die Arme genommen und dabei magisch angezogen wurde von einem goldenen Uniformknopf, so dass ihr der Vater versprechen musste, ihr beim nächsten Heimaturlaub einen solchen mitzubringen. Die ganze Kriegszeit war in ihrer Erinnerung auf diese eine Episode zusammengeschrumpft, und durch ihr langes Leben zog sich eine Spur kitschiger, jedenfalls auffällig an Weihnachtsschmuck erinnernder Objekte: Engel mit goldenen Locken, Rehe mit Glitzerstaub auf dem Rücken, von Goldfäden durchwirkte oder mit bunten Blättchen aus Metallfolie beklebte Deckchen, was keinen Zweifel daran aufkommen ließ, dass der goldene Knopf sie in tausendfacher Form erreicht hatte.  

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  • Ein Volkswagen

  • Stereoskopische Hände

  • Doppelporträt

  • Babybauchfotos

  • Tortenspitzen

  • Eine Vase