Merkur, Nr. 415, Januar 1983

Arbeit am Ich
Zu Rahel Varnhagens Schreibprojekt

von Christa Bürger

 

»Also klagen wir nur, Golda, klagen wir, wenn wir nichts tun können und leiden, rein leiden […] klagen Sie mir, sagen Sie mir alles; ich verstehe das meiste, und vom Leiden und allem Menschlichen sehr viel, werde es, sobald es dies wirklich ist, nie überdrüssig, nie zu gut dazu. Ach! Und einen Zeugen unseres Lebens, des Fadens, der innen gesponnen, ununterbrochen, wenn auch nicht immer mit Bewußtsein beleuchtet, bedürfen wir so sehr! Ich will Ihr Zeuge sein. Ich glaube Ihnen.« (An Ernestine Goldstücker, 22. Mai 1816)1

Die fast manische Beschwörung des Leidens, der Grundgehalt der Briefe Rahel Varnhagens, kann gedeutet werden als Ausdruck einer epochalen Erfahrung: die einer bürgerlichen Intelligenz im Übergang von der traditionalen zur modernen Gesellschaft. In ihr treten zusammen die Trauer über die verlorene Bindung an die Tradition, die Angst, ohne gesicherte Wertorientierungen leben zu müssen, der Zweifel an der Festigkeit der eigenen Ich-Identität. Das Problem dieser Generation ist das Verhältnis von neuer, noch nicht gesicherter Subjektivität und veränderter Welt.

»Danieder liegen die Menschen aus allen Ecken Europas, aus allen Ecken habe ich sie abgehört, und höre sie sich beklagen, sehe sie sich unbehaglich fühlen […] Meiner Natur Spinnen ist nun, das, was mich quält, bis zu seinem Ursprunge hin zu verfolgen; das heißt, bis an die Grenze seines Verständnisses. Ich verstehe nun der Welt Gewirre und ihren jetzigen Zustand so: […] Alte gebildete Völker hatten Säulen zu Grenzen der Welt, Höhlen zur Hölle, schöne Inseln und Berge zum Olymp; nannten andere Völker Barbaren, wollten dies, und nahmen sie zu Sklaven. Jetzt aber, wo die ganze Erde bereiset, gekannt, Kompaß, Teleskop, Drukkerei, Menschenrechte, und wer weiß alles was, erfunden ist, in vierzehn Tagen allenthalben gewußt ist, was allenthalben geschehen ist, und doch die Urbedürfnisse, Nahrung, Vermehrung, das höhere Wollen, fortexistieren: wie sollen die alten Sittenerfindungen noch vorhalten (nicht das Bedürfnis nach Sitte, für welches erfunden oder entdeckt werden muß)?« (An Ludwig Robert, 5. Februar 1816)

Die Krankheit der Epoche hat ihren Grund in der Zerrissenheit der Individuen, für die die Tradition keinen Geltungsanspruch mehr hat, weil das Geheimnis ihrer Legitimation aufgedeckt ist, »weil die heiligen Haine hinter denen sie [die Führer und Verwalter der Gesetze] thronten, durchschritten und gekannt sind«, obwohl sie in den gesellschaftlichen Institutionen, die von der Religion »borgen«, noch fortlebt; neue gültige Normen, »Gesetze für den Lebensverkehr« sind noch nicht entwickelt. Wenn Rahel ihre Zeit emphatisch als neu bezeichnet und im gleichen Augenblick als »Grau in Grau«, so meint sie das Leiden an diesem Widerspruch zwischen alter und neuer Zeit, einem Widerspruch, den Hegel ganz ähnlich beschreibt als den von altem Gesetz und neuer Lebendigkeit. Mit diesem Widerspruch will Rahel leben, die Gegenwart als eine Phase des Mangels erkennen, wissen, daß »jeder Einzelne sich seinen Himmel selbst ausdenken« muß »in seinem Gewissen: und daß er das muß, wird er wissen müssen«. Im großen Defizit der Gegenwart gibt es für sie zwei Antworten: »Da muß man hungern, oder lügen«. (An Oelsner, 28. November 1822)

Verschärft wird dieser Widerspruch durch die gesellschaftliche Perspektivelosigkeit einer Generation, welche die Restauration zur Wirkungslosigkeit verurteilt: »Der Stand des Menschen, den die Zeit in eine innere Welt vertrieben hat, kann entweder, wenn er sich in dieser erhalten will, nur ein immerwährender Tod oder, wenn die Natur ihn zum Leben treibt, nur ein Bestreben sein, das Negative der bestehenden Welt aufzuheben, um sich in ihr finden und genießen, um leben zu können. Sein Leiden ist mit Bewußtsein der Schranken verbunden, wegen derer er das Leben, so wie es ihm erlaubt wäre, verschmäht, er will sein Leiden.« (Hegel, Die Verfassung Deutschlands)

In der Tat ist Rahels Leiden verbunden mit dem Bewußtsein der ganz konkreten Schranken, die sie sich gesetzt sieht, nicht Produkt eines abstrakten Widerspruchs von Theorie und Praxis, von bürgerlichen Idealen und Lebensrealität. »Niedlicher als alles aber ist, daß ich ein Mädchen bin, und in meiner Situation, ein Judenmädchen.« (An David Veit, 31. Oktober 1794) »Was mir ist! […] daß ich mich aus dem immer sich fort und neu entwickelnden Unglück meiner falschen Geburt nicht hervorzuwälzen vermag […] Ich sehe also der Welt zu. […] Mit dem schärfsten Bewußtsein über mich selbst. Mit der Meinung, daß ich eine Königin (keine regierende) oder eine Mutter sein müßte: erlebe ich, daß ich grade nichts bin. Keine Tochter, keine Schwester, keine Geliebte, keine Frau, keine Bürgerin einmal.« (An Fouqué, 26. Juli 1809)

»Auf solcher Fläche umgetrieben«, lernt sie, »daß ich nichts haben sollte. Nur mich selbst« (an Gentz, 23. November 1831); auf die Sinnkrise ihrer Generation, auf »das große, allgemein herrschende Defizit« (an Oelsner, 28. November 1822) antwortet Rahel mit der Arbeit am Ich. Sie entdeckt, wie sie tätig, wirkend sein kann innerhalb der Schranken, in die die Gesellschaft sie drückt; indem sie das Zusehen systematisch entwickelt, schreibend.

 

 

Welche Erfahrungen macht sie dabei? Wie erlebt sie die Wirkung jener Schranken in ihrer konkreten Alltagspraxis? Leben ist für Rahel identisch mit Kommunikation — sie sagt dazu Geselligkeit oder Lebensgeselligkeit. Kommunikation will sie authentisch, d. h. als auf Reziprozität beruhende, auf »Gegenseitigkeit der Ansprüche« (an Fouqué, 26. Juli 1809). Authentische Kommunikation kann aber in der modernen Gesellschaft nicht gelingen. »Ich hielt das Band: allein halt ich’s nicht mehr.« Monadenhaft schließlich sich darin die Individuen gegeneinander ab, jeder in seiner »Klause«. Es gibt daher auch kein gutes Leben in dieser Gesellschaft, wenn Leben als sinnhaft vermitteltes, auf dem freien Austausch von Subjekten beruhendes verstanden werden soll, denen Zutrauen, Geselligkeit Bedürfnis und Bürge ihrer Freiheit ist: »wir verschmachten, vergehen, leben nicht […] Einsam steht jeder; auch liebt jeder allein; und helfen kann niemand dem Anderen.« Da dies so ist, bleibt ihr die Klage um einen Sinn, der nicht einmal verloren ist und daher auch nicht wiedergewonnen werden kann, sondern schlimmer: der mit der Verfassung der Gesellschaft unvereinbar ist. Hier liegt die Erklärung für die Wirkung der präsentischen Form der Briefe: »Ich kann nicht allein leben, und bin es; nicht ohne Beziehung, und habe keine« (an Marwitz, 16. Mai 1811). Für diese Beziehungslosigkeit gebraucht Rahel, der das »Beieinanderleben« über alles geht, den Begriff der Verzweiflung.

Authentische Kommunikation meint Vertrauen, Rahel weist ihr als wesentliche Bestimmung Wahrheit zu: »Produkt zweier vereinigt vernünftiger Wesen, die, sie mögen weichen und wandeln, sich unbezweifelt bei der Wahrheit wiedertreffen« (an Veit, 28. August 1795). Mit zunehmendem Alter erfährt sie, daß »die jugendliche Zeit des Vertrauens ohne Rückhalt« (an Lindner, 29. April 1818) eine Illusion ist. Die Gesellschaft verhängt über die Subjekte Inauthentizität, Lüge. Allein sehend, und mit dem Bewußtsein der Einsamkeit, entdeckt Rahel das Gefühl der Heimat- und Ortlosigkeit in der gewöhnlichen Umgebung, provisorisch nennt sie ihr Dasein, »ohne Beziehung und doch in keinem fremden Ort, nichts Neues sehend, nur verhäßlichtes […] Lauter traurige Revenants«, die in der Unwahrheit sich eingerichtet haben, allein unter vielen, der Sprache mächtig, aber an Verständigung verzweifelnd, erfährt sie ihr Leben zunehmend als eine Weise des Sterbens, »verstummend«. (An Pauline Wiesel, 9. Dezember 1819)

Resignation scheint mir jedoch nur ein Moment in der Antwort Rahels auf das Sinndefizit ihrer Zeit. Heute gelesen, lassen ihre Briefe eine Tendenz zur Aufhebung der Trennung von Kunst und Leben erkennen, die, als sie schreibt, noch keineswegs institutionalisiert ist. Die Briefe der Rahel Varnhagen sind so Teil einer Tradition, die von den herrschenden Kunstvorstellungen stets verdrängt worden ist, uns aber eine Alternative zur Kunstautonomie zu denken erlaubt; nicht als willkürliche Setzung von uns aus, sondern aufzuspüren in der Geschichte der bürgerlichen Kunst als Wiedergewinnung einer sperrigen Tradition. Rahels Antwort ist widersprüchlich wie alles, was seinen konkreten Ort in der Geschichte hat: problematisch erscheint sie in der von Rahel wesentlich mit ausgebildeten Gestalt des Goethekults. Wahrheit kommt ihr zu, insofern Rahel gegen die Trennung von Kunst und Leben auf der totalisierenden Kraft des Ichs beharrt, das die Vereinzelung und Entfremdung zu überwinden vermag, indem es sich zwingt zu sehen, sie ins Bewußtsein zu bringen und als reflektierte Erfahrung mitteilbar zu machen.

»So denk‘ ich mir das ganze Dasein progressiv, im intensiven Anschauungsgewinn, zu dessen sensiblem Wissen […] Wenn man sich menschlich seine Gedanken, der ganz guten Aufnahme gewiß, mitteilt.« (An Ludwig Robert, 5. Februar 1816) Daß es sich nicht um zufällige Formulierungen handelt, sondern um ein Schreibprojekt, geht aus einem Brief an Gentz vom 27. Dezember 1827 hervor, der fast als ein Manifest gelesen werden kann. Rahel bemüht sich darin um eine Haupt-Antwort auf das Leiden als Grund ihrer Erfahrungsmöglichkeiten: »Komplett abgeschnitten find‘ ich uns; nicht nur getrennt: wie eine Frucht entzweigeschnitten, und so uns unbegreiflich. Aber hier stellt mein Trost sich auch wieder ein: dies nur zu merken, nach anderm sich zu sehnen, ist eine Bürgschaft; jetzt denk‘ ich, es muß ein Zusammenhängenderes existieren; und erführe ich es nie. Kurz, ein undeutliches Meer von tragenden Wellen hält mich empor. Meines Geistes Bestreben und Bedürfnis; und meine Sympathie mit allen empfindenden Kreaturen […] Mein Leben ist so tiefsinnig zusammengezimmert, daß es gleich wieder zu Leben zusammengerinnt. […] Und wie ein großes, richtig empfundenes und erfundenes Musikstück soll dieser Brief mit seinem Thema und Anfangsgrund schließen. Ich liebe Sie. Liebe Sie wie sonst. Weil Sie ein Kind sind; und der Mensch, gegen den ich wahrhaft in allen Stücken sein kann. Größtes Kriterium.«

In Rahels Schreibprojekt ist das Ich gedacht als Teil einer auf Reziprozität und das heißt Wahrheit gegründeten Kommunikation, welche einzig die Möglichkeit von Totalitätserfahrung garantiert: der Begriff der Bürgschaft kehrt in den Briefen mehrfach wieder, immer mit Bezug auf das reflektierende Ich. Das Besondere, mit allen Zufälligkeiten seiner physischen, psychischen und intellektuellen Konstitution, wird zur Bedingung von totaler Erfahrung, Subjektivität zum Ort der Wahrheit, einer auf Universalität ausgerichteten Erkenntnis. Die Mitteilung dieser Erfahrung aber ist für Rahel gleichbedeutend mit Kunst.

In Rahels Schreibprojekt sind das Ich und die mitgeteilte Subjektivität zur Einheit gebracht, der sie, weil diese Einheit Produkt menschlicher Arbeit mit dem Zweck der Geselligkeit ist, die Würde des Werkhaften zuerkennt. »Ich bin so einzig, als die größte Erscheinung dieser Erde. Der größte Künstler, Philosoph oder Dichter ist nicht über mir. Wir sind vom selben Element. Im selben Rang, und gehören zusammen. Und der den andern ausschließen wollte, schließt nur sich aus. Mir aber war das Leben angewiesen.« (An Veit, 16. Februar 1805)

Was Rahel hier zu denken versucht, findet sich auch, und bezeichnenderweise auch dort als Schreibprojekt im Brief ans Alter ego, bei Bettina von Arnim und Caroline von Günderode: die Einheit von Kunst und Leben, das erfahrene und mitgeteilte Leben selber als Werk erfahren. Diese Erfahrung muß notwendig gegen jede begriffliche Einordnung sich sperren, daher gebrauchen die Briefschreiberinnen eine Hilfskonstruktion, sie sprechen von ihrer neuen Religion. Die Wahl des Begriffs ist natürlich nicht zufällig, er zeigt eine Bemühung an, aus der Bewußtseinskrise der Epoche sich herauszufinden, das durch den Verlust der religiösen Weltbilder entstandene Sinndefizit auszugleichen. Ein weiteres Motiv scheint mir jedoch ebenso wichtig: die epochale Erfahrung gesellschaftlicher Wirkungslosigkeit. Die Restauration erlaubt keine auf gesellschaftliche Veränderungen orientierte Praxis, sondern Reflexion und die geduldige Arbeit an der qualitativen Veränderung der zwischenmenschlichen Kommunikation.

»Sie können der Zeit nicht entfliehen […] Die ganze Welt können jetzt nur die Schlachten umschaffen. Menschengebäude lassen sich nicht aufführen, wehren kann man sich nicht, entfliehen auch nicht. Hütten aber und stille Anstalten sind zu treffen […] Die Kolonie ist gleich da; nur ohne Projekt, nur das Allernächste immer gut gemacht; so sehr hindert keine Regierung, und hindern sie wirklich, die Regierungen, so ist es ja gut Zusammensein, sich helfen, besprechen, sich da wissen, sehen […] jede Kleinigkeit recht und lebendig machen, dies ist immer gelebt, und dies wehrt niemand. Und von einer großen, immer größern Vereinigung dieses wollender Menschen sollte nichts, gar nichts entstehen? Ein Wachstum solcher Vereinigung müßte alle solchen Anstalten sprengen, in sich aufnehmen.« (An Marwitz, 16. Mai 1811)

Was Rahel sieht, ist eine Vereinigung der Menschen, als kleine Revolution von unten, gelebt von einer wachsenden Anzahl von Individuen, stark genug, um den Anblick der zerstückelten Wirklichkeit aushalten zu können, bewußt genug, um über den Trümmern der zerbrochenen Sinneinheit eine neue menschliche Welt denken zu können. Nicht die »Großen« freilich werden die Schöpfer dieser Menschen-Welt sein, Alexander und Moses, auch nicht Christus, sondern die vielen wollenden Einzelnen. In dieser neuen Religion wäre in der Tat die Trennung von Leben und Kunst aufgehoben. Die Wirklichkeit selber wäre das kollektiv gemachte Kunst-Werk: die Verschränkung vieler kleiner menschlicher Leben.

 

 

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Zitiert nach: Rahel Varnhagen, Briefwechsel, hrsg. v. Friedhelm Kemp, 4 Bde., München 1979.

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