Merkur, Nr. 283, November 1971

Bücher: Aspekte einer Strukturkrise

von Dieter E. Zimmer

 

Hinter dem feierlichen Vibrato, mit dem man (anders als bei gewöhnlichen Gebrauchsgegenständen: bei Tischen, Schallplatten, Radioapparaten) von »dem Buch« redet, von der »Krise des Buches«, der »Zukunft des Buches«, verbergen sich ein alter Respekt und eine alte Scheu. Es ist eben jener Respekt und jene Scheu, die die Leute davon abhalten, eine Buchhandlung zu betreten wie eine Drogerie; die die notorische Schwellenangst erzeugen, über die der Buchhandel seit langem klagt; die potentiellen Käufern das Gefühl der Unterlegenheit soufflieren. Dieser Nimbus trägt sein Teil dazu bei, daß das Buch heute solche Mühe hat, seinen Platz neben anderen Gebrauchsgegenständen, anderen Medien zu behaupten. Die Krise des Buches, wenn davon denn die Rede sein kann, ist unter anderem eine Anpassungskrise: Das Buch als wichtigstes Kommunikationsmedium dieser Kultur hat Mühe, sich einer Massengesellschaft einzupassen, in der sich die Elite der Gebildeten aufgespalten hat in eine Vielzahl von Spezialistengruppen, die voneinander kaum etwas wissen und ihre jeweiligen Sondersprachen gegenseitig gar nicht oder nur mit Mühe verstehen.

Man erinnere sich nur der kulturpessimistischen Stimmen, die das Aufkommen des Taschenbuchs begleiteten, des Buches ohne derartigen Nimbus also, nur noch zum Lesen und Wegwerfen bestimmt und von keinerlei Feierlichkeiten mehr umgeben. Das Buch ohne Würde schien kulturellen Niedergang anzuzeigen. Komplementär dazu erlebte sozusagen die Würde ohne Buch ihren Aufstieg — in Gestalt jener Buchgemeinschaftsausgaben, bei denen die Ausstattung mit ihrer konfektionierten Reminiszenz an die Privatbibliothek früherer Zeiten allemal wichtiger war als der Inhalt.

Nun kann der verzögerte Anpassungsprozeß nicht der einzige Grund für eine Krise des Buches sein, und schon gar nicht ihr Kern. Wäre er es, so würde sie mit jeder Buchhandlung, die sich modernisiert, abnehmen. Der Modernisierungsprozeß ist sichtbar im Gange, auch die Taschenbuchproduktion nimmt zu, dennoch schwindet die Krise nicht.

 

Zahlen und Gerüchte

Aber kann von ihr denn überhaupt die Rede sein? Jedes Jahr schließlich übertrumpft die Frankfurter Buchmesse an Größe die vorangegangene: Es steigt die Zahl der Aussteller, es steigt die Titelproduktion. 1951 wurden in der Bundesrepublik rund 14 000 Bücher veröffentlicht, in jedem Jahr wurden es etwa 2000 mehr, in diesem Jahr dürften es über 36 000 sein; das Verhältnis von Erstausgaben zu Neuauflagen hat sich dabei zugunsten der Erstauflagen verschoben — etwa 85 Prozent sind heute Erstauflagen. Dieser Statistik sind Anzeichen einer Krise nicht abzulesen.

Nun könnte es durchaus sein, daß diese Gesamtzahlen die akute Krise einer bestimmten Art von Büchern verbergen. Und tatsächlich hört man es immer wieder: Die sogenannten Sachbücher gewönnen an Terrain, und das auf Kosten der sogenannten Schönen Literatur — wenn es eine Krise des Buches gäbe, dann sei es ihre. Daß es sich so verhalte, ist einer der Gemeinplätze, die unter den Literaten in Deutschland kursieren. Sobald Ursachen zur Sprache kommen, treffen sich im wesentlichen drei heterogene Begründungen zu einem gemeinsamen Todesurteil. Erstens: die literarischen Gattungen hätten sich aus sich heraus erschöpft, nach Joyce gäbe es keinen Roman, nach Beckett kein Drama,  nach Celan (und nicht nach Auschwitz) kein Gedicht mehr — und wenn, dann nur noch eklektische Travestien, die die Unmöglichkeit weiteren Schreibens reflektierten. Zweitens: neben den exakten Wissenschaften und den öffentlichen, Diensten der Nachrichtenübermittlung hätte die Belletristik keinen Erkenntniswert mehr und sei damit von der Wurzel her irrelevant geworden. Drittens,  und diesen Refrain stimmen seit Jahren Teile der Neuen Linken an: die Literatur, im engeren Sinn, sei das parasitäre Vergnügen einer privilegierten Klasse und damit so tot wie die Bourgeoisie, die ihre Luxussorgen in ihr gefeiert habe.

Wie dem auch sei (hier soll es nicht erörtert werden, hier geht es um Profaneres): der angebliche Niedergang der Belletristik hat in der Statistik keinerlei Spur hinterlassen. Die Anteile der einzelnen Sachgruppen an der Titelproduktion haben sich vielmehr erstaunlich konstant gehalten. Der Anteil der Belletristik lag 1913 bei 16,4 %, 1969 bei 19,5 %. Er schwankte in diesem  Zeitraum zwischen 15 % (1959) und 22,9 % (1961), um ein Mittel von 19,4 %. Die Belletristik stellt nach wie vor die mit Abstand größte einzelne Sachgruppe; ihre Produktionsziffern lassen auf keinerlei Krise schließen.

Des weiteren ein Zitat: »Seit vielen Jahren wird an der alten Institution herumkuriert, denn ihre ökonomische Lage ist schwach, und das Warenhaus, das sich der Organisation des Buchhandels angeschlossen hat, macht dem regulären Sortimentsbuchhandel erhebliche Konkurrenz. Die Rabatte der Verleger sind zwar bedeutend höher als die üblichen Rabatte im Warenhandel, aber der Sortimentsbuchhandel glaubt selbst bei diesen Rabattsätzen auf die Dauer nicht bestehen zu können . . . Wir leiden an einer chronischen Überproduktion. Denn ein großer Teil der erschienenen Bücher findet nicht den Weg zum Leser. Die Auflagen vieler Bücher werden ›verramscht‹ und eingestampft.«

So aktuell sie klingen, diese Sätze wurden nicht in diesem Jahr geschrieben. Sie stammen aus einem Brief des Jahres 1911. Ihr Autor ist der Verleger Samuel Fischer.

Das Gerücht von der Krise scheint also der ständige Kompagnon des Buchhandels. Es könnte naheliegen, ihn für eine hysterische Branche zu halten, die  ihre normalen Rentabilitätssorgen, wie sie jeder Kaufmann kennt, ständig zu einer großen Kulturkrise emporstilisiert. Seit zwölf Jahren höre ich die Verleger in furchtsamer Stimme von einer Schallmauer sprechen, die niemals überschritten werden dürfe, und wenn man eines Tages doch dazu gezwungen sei, würde das ganze Geschäft zusammenbrechen — die Schallmauer des Buchpreises. Erst lag sie bei 15 Mark, dann bei 20 Mark, und wenn man heute Bestsellerlisten ansieht, findet man kaum noch ein Buch unter 20 Mark, alle kosten sie zwischen 24 und 28 Mark; keine Minoritätenproduktionen — Bestseller sogar, wohlgemerkt.

Es gibt also Zahlen, mit denen man beweisen könnte, daß die Krise des Buches nichts ist als ein unausrottbares bängliches Gerücht. Es gibt jedoch auch andere Zahlen und andere Evidenz. Wenn sie zeigen sollten, daß die Krise nicht nur ein Gerücht ist, wäre nach den Gründen zu fragen, die den gegenwärtigen Zustand von der Tradition gewordenen rhetorischen Krise unterscheiden. Genausogut könnte man umgekehrt vorgehen: Man könnte fragen, ob es neue gesellschaftliche, technische Faktoren gibt, die die Rolle des Buches beeinflussen müßten; und wenn sie sich finden, einen Wandlungsvorgang konstatieren, der sich unter dem Gesichtspunkt allein um das Buch zentrierter Interessen nur als Krise darstellen kann.

 

Ein Blick auf den Sortimentsbuchhandel

Es gibt zur Zeit in Deutschland noch etwa 4000 Firmen, die ausschließlich oder hauptsächlich Bücher verkaufen. In den Jahren 1964 bis 1968 ging die Zahl der Buchhandlungen um etwa 2 % zurück. Von einem großen Buchhandlungssterben, vergleichbar dem Kinosterben, das in wenigen Jahren etwa die Hälfte aller Filmvorführstätten beseitigte, kann also keine Rede sein. Auch konnte der Buchhandel, verglichen mit dem restlichen Einzelhandel, seinen Umsatz überdurchschnittlich steigern. Die Gewinnrate jedoch ging von 3,4 % im Jahre 1960 auf 0,5 % im Jahre 1969 zurück. Der Buchhandelsexperte Herbert Grundmann, der es wissen muß, hat vor wenigen Wochen errechnet, daß in den letzten Jahren die gutgeführten Buchhandlungen noch profitabler, die schlechteren noch schlechter geworden sind; und daß insgesamt ein Drittel der westdeutschen Buchhandlungen heute mit Verlust arbeitet.

Das nun bedeutet: wenn keine große Sanierungsaktion stattfindet und verfängt, werden in den nächsten Jahren viele Buchhandlungen verschwinden. Man kann nicht sagen, daß es die kleinen Buchhandlungen sein werden oder die Buchhandlungen in den Kleinstädten, denn viele von ihnen schaffen es nach wie vor, rentabel zu arbeiten. Es wird sich um jene Buchhandlungen handeln, die es nicht verstanden haben, die steigenden Personalkosten durch Rationalisierungsmaßnahmen aufzufangen. Die Zahl der Buchhandlungen, diezum Aussterben verurteilt sind, wird auf tausend bis zweitausend geschätzt. Vom Standpunkt des Lesers aus scheint es auf den ersten Blick ziemlich gleichgültig, ob eine Reihe unrationell arbeitender Buchhandlungen schließen muß. Aber auch nur auf den ersten Blick.

Denn es wird zwar manche subsidiäre Rationalisierungsmaßnahme ins Auge gefaßt, zum Beispiel ein zentrales, computergesteuertes Bestellwesen, eine Aktivierung lockerer Kooperationen wie die der AdB (Arbeitsgemeinschaft deutscher Buchhandlungen), zu der inzwischen über 600 selbständige Firmen gehören; die Bildung von Buchhandlungsketten ähnlich den Kettenläden im Lebensmittelhandel (Spar, Edeka usw.), ISBN und V1B, helfen. Es gibt aber nur zwei Sanierungsmaßnahmen, die ganz bestimmt Abhilfe schaffen: erstens die Beschränkung des Lagers und damit die Erhöhung seiner Umschlagsgeschwindigkeit, zweitens die Beschränkung der Service-Leistungen. Der gesunde Buchhandlungstyp, dem wahrscheinlich die Zukunft gehört, hat also mit dem hergebrachten und als Idealbild immer noch umherspukenden Typ nur noch wenig gemein. Wie er aussieht, aussehen könnte, zeigen die Filialläden des Frankfurter Bahnhofsbuchhändlers Hermann Montanus, von denen es bis 1974 zwischen 80 und 100 geben soll. Uniform ausgestattet, Selbstbedienung; angeboten werden neben Büchern Zeitungen und Zeitschriften, Poster, Schallplatten; das Buchangebot besteht aus einem recht kompletten Taschenbuch-Sortiment, aber höchstens 200 gebundenen Büchern aus nur 15 bis 20 Verlagen, also lediglich einem winzigen Bruchteil der 170000 insgesamt lieferbaren Bücher. Bestellungen werden nicht angenommen. Eine zunehmende Beschränkung des Angebots auf die gängigen Bestseller — und auf nichts anderes läuft eine Rationalisierung à la Montanus hinaus — nimmt aber einem großen Teil der Literatur von vornherein jede Chance und bleibt selbstverständlich nicht ohne Auswirkungen auf das, was publiziert und also gelesen werden kann.

Wer eine solche Montanus-Buchhandlung betritt, begreift, in welchem Maße der herkömmliche Buchhandel zu einem Anachronismus geworden ist. Ringsherum entstehen Kaufhäuser und Supermärkte, in denen Kundenmassen an zentral eingekauften Waren vorbeigeschleust und durch raffinierte Ausstellungs- und Verpackungstechniken, unterstützt von aufwendigen Werbekampagnen in Presse, Funk und Fernsehen, zum Kauf bestimmter Artikel stimuliert werden; Schlangen sieht man nur vor den Kassen, den einzigen Stellen, an denen der Kunde noch in Kontakt mit dem Verkaufspersonal kommt. Vor etwa einem Jahr veröffentlichte Horst Krüger in der »ZEIT« eine emphatische Buchhändlerbeschimpfung. Von seinen eigenen Erfahrungen ausgehend, war sein Hauptargument: all diese so intellektuell aussehenden jungen Damen und Herren in den Buchhandlungen hätten von Literatur keine Ahnung, sie verwechselten Canetti mit dem Rennfahrer Caracciola, sie hätten auch keine Beziehung zur Literatur, weniger als jeder Obsthändler zu seinen Erdbeeren, der Kunde könne von ihnen keinerlei Beratung oder Hilfe mehr erwarten, der Buchhandel sei auf den Hund gekommen.

Kundenklagen wie die von Krüger sind nur zu richtig. Und sie sind nur zu ungerecht. Sie verlangen vom Buchhandel einfach zu viel. Die in den Läden bedienen, sind keine Literaturwissenschaftler, sondern Verkäufer, relativ schlecht bezahlte sogar. Keine andere Branche des Einzelhandels hat 170 000 verschiedene, teilweise Jahrzehnte alte Artikel entweder auf Lager zu halten oder kurzfristig heranzuschaffen (auch die immer wieder zu Analogiezwecken bemühten Apotheken nicht). In keiner anderen Branche des Einzelhandels ist es im gleichen Maße wie im Buchhandel üblich, Einzelartikel zur Ansicht wegzugeben und eventuell wieder zurückzunehmen. In keiner Branche sind auch nur annähernd so umständliche Bibliographier- und Registraturarbeiten nötig. Und von keinen anderen Verkäufern erwartet man, was man vom Buchhändler selbstverständlich erwartet, da über die Hälfte aller Leute, die eine Buchhandlung betreten, gar nicht oder jedenfalls nicht genau wissen, was sie wollen: solide Ratschläge auf den disparatesten Gebieten, in struktureller Grammatik und Gartenbau, Barocklyrik und Hochfrequenztechnik, Archäologie und Handelskorrespondenz. Wo sich solche Buchhändler in Zukunft behaupten werden, wird der Kunde dafür auch zu bezahlen haben.

 

Einkreisung der Verlage

Es ist üblich, daß Autoren, Verleger, Buchhändler und Leser sich den Schwarzen Peter gegenseitig zuschieben, wenn heute von der Misere des Buches die Rede ist; das gibt fidele Polemiken hin und her. Auch auf die Gefahr hin, weniger unterhaltsam zu sein, möchte ich darauf verzichten. Als sich rund dreitausend deutsche Autoren vor zwei Jahren endlich eine bundeseinheitliche Organisation schufen, den Verband deutscher Schriftsteller (VS), der von Anfang an gewerkschaftlich konzipiert war und gegenwärtig zu prüfen hat, ob er sich ganz einer großen Arbeitergewerkschaft, zum Beispiel der Industriegewerkschaft Druck und Papier, anschließen soll, gab ihm bei der Gründungsversammlung Heinrich Boll die Parole vom »Ende der Bescheidenheit« mit auf den Weg: Die Autoren, sagte Boll, und er belegte es mit zahlreichen Beispielen, würden von den Verlegern regelrecht ausgebeutet, und sie dürften es sich nicht länger gefallen lassen; sie müßten sich zusammenschließen, um den Verlegern nicht mehr als schwache Einzelne, sondern als eine wirksame Macht gegenübertreten zu können. Die Einzelgänger wurden zur Einigkeit ermahnt.

Man könnte aus der Literaturgeschichte wie aus der eigenen Erfahrung leicht Beispiele für das Mißtrauen und die Ohnmacht des Autors dem Verleger gegenüber zitieren. Viele der Autorenklagen sind nicht nur subjektiv verständlich, sie sind objektiv berechtigt — es gibt die Fälle, in denen Autoren an den Einnahmen aus den Lizenzausgaben ihrer Werke nicht oder nur zu einem lächerlich geringen Teil beteiligt sind oder in denen mit einem Autor um einen so kleinen Betrag gefeilscht wird, daß der Sekt, den der Verleger während des Feilschens kommen läßt, schon mehr kostet. Aber die Schuld für die Misere derart einseitig bei den Verlegern zu suchen, scheint mir dennoch sehr einfältig. Man sollte sich selbst von dem Rolls Royce des Verlegers Willy Droemer, von einem kalten Büffet, das der Luchterhand-Verlag während der Buchmesse serviert, von der Schweizer Residenz des Verlegers Goldmann nicht blenden lassen. Daß es manchen Verlegern gelungen ist, auf bestimmten Gebieten der Verlegerei Geld zu verdienen, heißt nämlich noch nicht, daß das Verlagswesen an sich gesund ist.

Ein seit langem sichtbares und immer wieder händeringend kommentiertes Alarmzeichen ist die Konzentrationsbewegung. Daß es noch 1875 Verlage gibt, täuscht das Idyll einer abwechslungsreichen Verlagslandschaft vor. Die Zahl aber besagt wenig, wenn man bedenkt, daß 58 % der Bücher, die jährlich erscheinen, aus nur 6,5 % der Verlage stammen, die Gruppe der signifikanten Verlage also sehr klein ist.

Ferner ist zu bedenken, daß auch in dieser Gruppe zahlreiche Firmen vertreten sind, die nur statistisch als Einzelverlage existieren, in Wirklichkeit aber zu größeren Verlagsgruppen gehören. Gerade die Gruppe der mittleren, nicht spezialisierten, eigentlich literarischen Verlage ist in den letzten Jahren stark geschrumpft. Da ist die inzwischen straff organisierte Verlagsgruppe des Bertelsmann-Konzerns, dessen Aktivitäten von Buchgemeinschaften über Filmstudios zu Geflügelfarmen reichen. Da ist der vorerst noch weniger straff geführte Buchgemeinschafts- und Pressekonzern Holtzbrinck mit dem Buchverlag S. Fischer, dem Fischer Taschenbuch Verlag und den unlängst zugeordneten Verlagen Goverts, Steingrüben, Krüger; durch Beteiligungen und Kooperationsverträge gehört auch der Verlag Droemer Knaur und seit wenigen Monaten nunmehr auch der Bowohlt Verlag zu dieser Gruppe. Der Econ Verlag, dessen Hauptgebiet eigentlich populäre Bücher für Führungskräfte der Industrie sind, hat sich die Belletristik-Verlage Ciaassen und Marion von Schröder einverleibt. Scherz und Rütten & Loening sind eins. Der Insel-Verlag ist zu einem Appendix des Suhrkamp Verlags geworden. Langen Müller und Herbig gehören zusammen, Winkler und Artemis . . . von Gemeinschaftsunternehmen wie dem Deutschen Taschenbuch Verlag nicht zu reden.

Von einer drohenden Monopolsituation zu sprechen, wie es oft geschieht, ist dennoch lächerlich. Die nach dem medizinischen Fachverlag Julius Springer zweitgrößte deutsche Verlagsgruppe, die des Bertelsmann-Konzerns, hat mit einem Jahresumsatz von rund 50 Millionen Mark einen Marktanteil von etwa zwei Prozent. Dennoch ist unbestreitbar, daß der Autor, der heute ein Manuskript veröffentlicht sehen möchte, merklich weniger Wahlmöglichkeiten hat als noch vor zehn Jahren, und daß mit der Substitution des literarischen Handwerksbetriebes, den der mittlere literarische Verlag darstellte (der Verleger sein wichtigster Lektor und nächtlicher Trink- und Gesprächskumpan seiner Autoren), durch die quasi anonym geführten Großkonzerne mit dem dominanten Typ des cleveren Managers, der zu Literatur nur eine zufällige Geschäftsbeziehung unterhält, ein grundlegender Wandel eingetreten ist.

Sieht man sich nun die relativ kleine Gruppe der eigentlichen literarischen Verlage an, derjenigen also, in denen die Weltliteratur der Gegenwart erscheint, so fällt etwas anderes auf. Übereinstimmend sagen fast alle, die für Programm oder wirtschaftliche Gesundheit dieser Verlage verantwortlich sind, daß ihre literarischen Abteilungen alleine kaum lebensfähig wären; und wenn sie ohne Verlust arbeiten, dann doch mit einem so geringfügigen Gewinn, daß jede Saison, die dank irgendwelcher Zufälle nicht den nötigen Erfolg bringt, für jedes größere verlegerische Unternehmen, das die Aufwendungen nicht wieder einbringt, den Ruin bedeuten müßte — wenn die Verluste nicht mit den Gewinnen aus anderen Abteilungen ausgeglichen werden könnten.

Tatsächlich gibt es in dieser Gruppe nur noch wenige Verlage, die ganz auf sich selber gestellt sind, zum Beispiel Piper oder Kiepenheuer & Witsch oder Diogenes. Die Bertelsmann-Buchverlage und die der Holtzbrinck-Gruppe haben riesige Buchgemeinschaften im Rücken. Der Ullstein-Verlag und der Propyläen-Verlag sind winzige Anhängsel des Zeitungskonzerns Axel Springer. Zum Hanser Verlag gehört eine einträgliche Abteilung vor allem mit medizinischen Fachzeitschriften, zum Luchterhand Verlag eine Abteilung, die mit juristischen und behördlichen Publikationen Geld hereinbringt. Rowohlt besitzt eine Druckerei und einen gutgehenden Taschenbuch-Verlag. Der neuerdings sehr erfolgreiche Verlag Hoffmann und Campe hängt mit einem Verlag von Publikumszeitschriften zusammen. Der Suhrkamp Verlag, der immer als das Paradebeispiel für den Erfolg kompromißloser Selbständigkeit angeführt wird, hat dank seiner Autoren Brecht, Max Frisch, Peter Weiss einen lukrativen Theaterverlag (und im übrigen eine ganze Zeitströmung hinter sich). Unter den führenden deutschen Verlagen sind nur noch wenige, die sich ausschließlich auf ihr literarisches Programm verlassen könnten oder wollten.

Eine weitverbreitete Praxis in dieser Gruppe von Verlagen läuft auf eine Art Selbstsubvention hinaus. Ich meine die Veröffentlichung von Büchern, an deren Qualität niemand im Verlag glaubt, die also nur mit einer Portion Zynismus angefaßt werden, bei denen man aber einigermaßen sicher ist, daß sie Publikumserfolge werden. Der Rowohlt Verlag, zum Beispiel, kann nur darum Musil-Ausgaben publizieren, nur darum Sartre übersetzen lassen, nur darum Oscar Wildes Briefe oder das Gesamtwerk von Jouhandeau oder Vladimir Nabokov verlegen, weil er in jeder Saison mindestens ein sogenanntes »farm book«, einen populären Familienroman, wie sie seltsamerweise auf den Spuren von Margaret Mitchell vorzugsweise von Damen aus den Südstaaten der USA verfaßt werden, in seinem Programm hat. In diesem Kompensationsgeschäft finanzieren Harper Lee oder Eric Malpass dann John Barth oder Oswald Wiener. Der Versuch, profilierte linkspolitische Programme durch Pornographie zu finanzieren, unternommen von Melzer und März, scheiterte an wachsender Konkurrenz und nachlassender Verruchtheit.

 

Drei Verleger antworten

Zur Illustration Auszüge aus drei Interviews mit Verlegern:

  1. Verlagsleiter in einem Großverlag: Rudolf Wendorff (Bertelsmann)

Arbeiten die Buchverlage in der Bertelsmann-Gruppe mit Profit?
Wendorff: Ja, selbstverständlich.
Wie verteilt sich der Gewinn über die einzelnen Programmsparten?
W.: Am schwierigsten ist es wirtschaftlich bei uns wie auch sonst im schöngeistigen
Bereich. Die Aufwendungen für Werbung, Honorare, Vertrieb, Auslieferung und so weiter sind prozentual so hoch, daß es nicht möglich ist, sie über den Preis wieder einzuspielen.
Heißt das, daß in diesem Bereich die Bücher unterkalkuliert sind?
W.: Ich habe den Eindruck, daß man sich auf diesem Gebiet heute ziemlich allgemein nicht traut, die angemessenen, das heißt von den Unkosten her sich eigentlich ergebenden Preise zu nehmen. Es müßte gelegentlich eine Korrektur erfolgen.
Würden Sie es für einen Verlust halten, wenn zwanzig oder dreißig mittlere belletristische Verlage zumachen müßten?
W.: Nein. Ich glaube, daß die Autoren dieser Verlage dann andere Verlage finden werden und den Lesern nichts vorenthalten wird. Bei der großen Zahl der Verlage in Deutschland sollte man in bezug auf die Zahl der selbständigen Wirtschaftseinheiten nicht so kritisch sein.

 

  1. Mitinhaber eines großen literarischen Verlags: M. Ledig-Rowohlt (Rowohlt)

Sie gehören zu einem Verlegertyp, der immer seltener wird. Wie stellen Sie sich den Verlag der Zukunft vor?
Ledig-Rowohlt: Grauslich — man darf so etwas eigentlich gar nicht sagen. Die Freude am Verlegerischen schwindet. Man merkt so deutlich, daß das Interesse sich dem Sachbuch zuwendet, und da gibt es ja auch unerhört interessante Dinge, die interessieren den Menschen von heute viel mehr als das Erfundene. Wenn man das sieht, dann ist ein Verleger meines Typs gar nicht mehr gefragt. Wenn wir zum Beispiel ein Lexikon der Technik machen — das ist eine enorme Investierung, aber ich bin dabei total überfragt; ich war nämlich literarisch interessiert. Hier Entdeckungen zu machen, wird immer schwieriger werden. Zum Beispiel, als mein Vater den ersten Hemingway brachte, da war Hemingway noch gar nicht entwickelt, auch in Amerika noch nicht… Es wird sehr schwer werden, weiter avantgardistische Literatur zu verlegen, das kann der Verleger eigentlich nur, wenn er Profite hat, aber wenn er Verluste hat, dann kann er es vor sich nicht verantworten und nicht vor seiner Belegschaft. Er kann ja nicht seine literarischen Hobbies reiten und den Angestellten dann mitteilen: Leider gibt es keine Gehälter mehr. Auch die mittlere Literatur: Muriel Spark, Edna O’Brien — die fällt jetzt immer mehr unter den Tisch. Wenn man früher immer noch mit Mühe und Not vier-, fünf-, sechstausend Exemplare verkauft hat, dann werden es jetzt vielleicht noch zweitausend, zweitausendfünfhundert. Und damit muß man’s eigentlich einstellen. Wenn man sich fragt: Müssen diese Bücher wirklich alle erscheinen? — dann ist die Antwort doch sehr dubios. Welche Bücher müssen überhaupt erscheinen? Mein Bruder hat mir einmal gesagt, nicht der Roman ist tot, sondern die Literatur; das kennen wir ja auch aus der Beilage des »Kursbuchs«. Es ist inzwischen alles widerrufen — und jetzt tritt es wirklich ein, nachdem es widerrufen ist …

 

  1. Kleinverlag-Kollektiv: Klaus Wagenbach

Wieviel Mitarbeiter haben Sie?
Wagenbach: »Mitarbeiter« kann man schlecht sagen. Wir sind jetzt zehn. Sekretärinnen gibt’s nicht. Jeder schreibt seine Post selber. Das gehört zum Modell.
Wie sieht dieses Modell aus?
W.: Es wird ein Verein gegründet, in dem alle, die mitarbeiten, Mitglied sind. Dieser Verein hat ein Vermögen. Auf die Vereinskonstruktion sind wir gekommen, weil ein Vereinsvermögen das einzige ist, das kein persönliches Vermögen ist. Das heißt, jeder kann mit einer Stimme über das Kapital verfügen, aber keiner besitzt es.
Die Autoren sind also nicht Mitinhaber, sondern Vertragspartner dieses Vereins?
W.: Ja. Die Autoren sind nicht mit drin, weil sie an sich, wenigstens bei uns, eine sehr starke Stellung haben.
Welche Entscheidungen werden kollektiv getroffen?
W.: Alle mit Ausnahme der literarischen, also der Manuskript-Entscheidung — da muß man differenzieren. Wenn es Widersprüche gibt, muß eben diskutiert werden.
Setzen Sie auch Gehälter kollektiv fest?
W.: Ja.
Wie hoch ist Ihrs?
W.: Wir haben keine großen Differenzen gemacht: 1100 oder 1200 Mark. 1200 kriegt, wer Kinder hat.
Wie beurteilen Sie die Chancen von kooperativen Verlagen, die nicht nur — wie der
Verlag der Autoren — Theateragenturen sind?
W.: Es ist nicht wahr, daß sie keine Effektivität haben, es ist nicht wahr, daß sie keinen Zuwachs haben, es ist nicht wahr, daß sie zu teure Bücher machen. Die Bücher sind billiger, die Honorare höher, die Effektivität ist da. Wenn der Verlag in eine Krise kommt, dann gehen wir eben etwas mit den Gehältern herunter. Man hat ja das Instrument unmittelbar in der Hand.
Aber aufwendige Verlagsprojekte könnten solche Verlage nicht finanzieren?
W.: Es gibt Projekte, die die Finanzkraft übersteigen. Das zu leugnen wäre ganz falsch. Aber ich könnte mir durchaus Kooperationen zwischen mehreren Verlagen vorstellen, die ähnlich organisiert sind — demokratisierten Verlagen.
Ihr Verlag und der Verlag der Autoren, das scheinen die beiden einzigen funktionierenden Beispiele. Alles andere bisher war eher abschreckend. Läßt sich das erklären?
W.: Das kann man erklären. Wir waren glücklicherweise Experten.

 

Was ein überdurchschnittlicher Schriftsteller im Durchschnitt verdient

Das Dilemma läßt sich auch von einer anderen Seite her beleuchten und verifizieren. Nehmen wir einen jüngeren Schriftsteller — Keinen Unbekannten, er hat zum Beispiel bereits einen Roman und einen Erzählungsband veröffentlicht, die Kritik war beiden Veröffentlichungen herablassend, aber vorsichtig freundlich zugetan, er hat ein Publikum und braucht nicht mehr danach zu suchen. Er hat ein oder zwei Literaturpreise erhalten, vielleicht bekommt er nächstes Jahr ein Stipendium für einen Jahresaufenthalt in der Villa Massimo in Rom, das er annehmen würde, obwohl er keine Ahnung hat, was er ausgerechnet in Rom soll. Hin und wieder fordern ihn Zeitungen zu einem Beitrag auf, hin und wieder wird er zu Podiumsdiskussionen in konfessionelle Akademien eingeladen. Seinen Lebensunterhalt verdient er teilweise durch Feature-Beiträge für Rundfunk oder Fernsehen, teilweise läßt er sich von seiner Frau miternähren, die Lehrerin oder Fotografin oder Schauspielerin ist. In aktuellen Lexika der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ist sein Name verzeichnet; irgendwo an einer Pädagogischen Hochschule bastelt eine Studentin an einer Examensarbeit über die Collagetechnik in seinen Erzählungen. Zu den Lesungen, zu denen er sich widerwillig ab und zu in Buchhandlungen einladen läßt, kommen immer um hundert Leute, von denen ihn einige stumm anschwärmen, andere hinterher aufgebracht fragen, wie er sich traue, ihnen gesellschaftlich derart irrelevante Scheiße zu bieten. Wenn eine Resolution zu unterschreiben ist, ist auch sein Name gefragt. Es gibt zwei Verleger, die nur darauf warten, daß er sich mit seinem bisherigen Verleger zerstreitet, um ihm anzubieten, unter ihre Fittiche zu kriechen.

Kurz, es soll sich um einen anerkannten, talentierten Mann handeln, bei dem die schwierige Frage, die auch dem VS bei der Zuteilung etwaiger Gelder noch viel zu schaffen machen wird, nämlich ob er ein Schriftsteller tatsächlich ist oder nur gern wäre, gar nicht mehr auftaucht. Ich könnte Namen nennen, ich lasse es nur, um das ungeheuer Typische dieses Falles nicht zu verwischen.

Dieser Mann nun versucht, an einem neuen Roman zu arbeiten und darum sein journalistisches Pensum zu verringern. Er ist ein einigermaßen gründlicher Arbeiter und braucht zwei Jahre. In dieser Zeit sitzt er natürlich nicht ununterbrochen am Schreibtisch; er ist darauf angewiesen, auch im sogenannten wirklichen Leben Erfahrungen zu sammeln, Reisen zu machen, Bücher zu kaufen. Nach einigem Drängen, zu dem er sich mühsam aufgerafft hatte, weil es ihm eigentlich als demütigend erschien, war es ihm gelungen, seinen Verleger zu einer Vorschußzahlung auf dieses zunächst nur als Idee existierende Buch zu bewegen. Er bekommt die zwei Jahre lang 1000 Mark im Monat, also etwa das deutsche Durchschnittseinkommen; allerdings fehlen ihm alle für die sonstige Arbeitnehmerschaft selbstverständlichen Vergünstigungen (bezahlter Urlaub, Alters-, Krankheits-, Arbeitslosenversicherung), und obwohl sein Gewinn dem reinen Lebensunterhalt dient und er keine Investitionen abschreiben kann, unterliegt er wie jeder Unternehmer der Umsatzbesteuerung.

Wenn er pünktlich nach zwei Jahren sein Manuskript abliefert, und was garantiert bei dieser Arbeit eigentlich Pünktlichkeit, hat sich bei seinem Verleger eine Schuld von 24 000 Mark akkumuliert. Das Buch hat 300 Seiten, und da es nicht prohibitiv teuer sein soll, wird es zu einem Ladenpreis von 20 Mark verkauft. In diesem Preis sind reichlich 45 % Händlerrabatte, rund 20 % Herstellungskosten (also Satz, Druck, Papier, Binden, Umschlag) und rund 25 % Verlagskosten enthalten. Für den Autor sind in dieser üblichen Kalkulation 10 % vom Ladenpreis vorgesehen, pro Exemplar 2 Mark. Die Durchschnittsauflage, mit der Verleger und Autor rechnen können, liegt zwischen 500 und 3000 Exemplaren. Aber es soll sich ja um einen bekannten Autor handeln, es werden also 5000 Exemplare verkauft. Damit sind von der Schuld 10 000 Mark getilgt. Außerdem gelingt es dem Verlag, das Buch an eine etwas anspruchsvollere Unterabteilung der beiden mächtigen deutschen Buchgemeinschaftsgruppen zu verkaufen; nach anderthalb Jahren erscheint dort eine Lizenzausgabe mit einer Auflage von 10 000 Exemplaren (für einen »Hauptvorschlagsband« in einem der großen Leseringe taugt sein Buch nämlich nicht); für jedes Exemplar wird dem Originalverleger eine Lizenzgebühr von etwa 40 Pfennig gezahlt, von denen der Autor, der einen günstigen Vertrag abgeschlossen hat, 60 % oder rund 25 Pfennig erhält. Damit wäre seine Schuld nunmehr gut zur Hälfte getilgt. Ein paar Vorabdrucke und Nachdrucke in Zeitungen und Zeitschriften bringen ihm noch einmal 1500 Mark. Und immer noch beträgt seine Schuld 10 000 Mark.

Aber es steht ihm auch noch eine freudige Überraschung bevor: zwei Jahre nach Erscheinen der Originalausgabe will ein Taschenbuchverlag das Buch nachdrucken. Nun ist die Konkurrenz auf dem Taschenbuchmarkt größer geworden, immer öfter werden von den Taschenbuchverlagen Originalwerke (vor allem spezialisierte Lexika) produziert, und die kalkulatorischen Mindestauflagen (und mit ihr die möglichen Garantieauflagen) sind von anfänglich 50 000 auf 12 500 Exemplare gesunken. Aber unser Autor hat Glück, es werden sogar 20 000 Exemplare verkauft, und für jedes erhält er nicht, wie die meisten seiner weniger renommierten oder geschickten Kollegen, nur 5 oder 6, sondern 7 Pfennig — 1400 Mark insgesamt. Was noch? Aus einer geplanten Übersetzung ins Französische wird nichts; dafür bringt ein kleiner Verlag in Caracas, Venezuela, eine spanische Übersetzung heraus, die dem Autor nach etlichen Mahnungen noch einmal 600 Mark einträgt. So hat er nunmehr seine Schuld zu zwei Dritteln getilgt, zwei Jahre nach der Veröffentlichung. Und der Rest? Den muß ihm sein Verleger wohl oder übel erlassen.

Nun könnte eingewendet werden: Ein traditionelles Rollenverständnis will, daß Schriftsteller sein kein richtiger Beruf, sondern eine Berufung sei. Vom Schreiben gelebt haben die wenigsten, und daß manche heute statt bürgerlicher Berufe wie Hauslehrer oder Hautarzt immerhin als Redakteure, Lektoren oder Zulieferer der diversen Zweige der Kulturindustrie in literaturnahen Berufen arbeiten können und ihre Bücher auch nicht mehr auf eigene Kosten oder eigenes Risiko drucken lassen müssen, sei schließlich ein Fortschritt. Auch habe der Schriftsteller seine kreativen Bedürfnisse befriedigt und damit seinen Anspruch auf dauernden Ruhm eingelegt. Es ist ein ehrwürdiges, aber dubioses Rollenverständnis: Ein in der Regel gesichertes Publikum erlegt seinen Schriftstellern Not auf, eventuell mit der Begründung, sie täte dem Werk gut.

Daß Poe, der als einer der ersten das Leben eines freien Schriftstellers versuchte, einen potentiellen Mäzen nicht aufsuchen mochte, weil seine Kleidung zu zerschlissen war, und bis zum Ende in äußerster Armut lebte; daß Joyces Hauptproblem zeitlebens das Geldborgen war; daß Benn in fünfzehn Jahren schriftstellerischer Tätigkeit 975 Mark vereinnahmte, 4,50 Mark im Monat (»nein, ich will weiter meine Tripper spritzen«) — das heißt dieses Rollenverständnis ausdrücklich gut. Mit seiner Emanzipation vom reichen Gönner — vom Fürstenhof und von der Partei, denen die Protektion mit Lobliedern zu vergelten war —, auch von dem bürgerlichen Berufsleben hat der Schriftsteller zwar Unabhängigkeit gewonnen, aber auch die völlige Unsicherheit: bei der Irrationalität der Bucherfolge haben seine (Ehrengabe, »Honorar« genannten) Einkünfte den Charakter von Lotteriegewinnen, mit der einzigen Regel, daß sie umso unwahrscheinlicher werden, je anspruchsvoller sein Werk ist. Aber selbst, wenn man dieses zynische Rollenverständnis akzeptiert, das den Schriftsteller zu einem notwendig und mit Nutzen für sein Werk darbenden Außenseiter degradiert und sich auf seine Eitelkeit verläßt, um ihm verweigern zu können, was die Gesellschaft natürlich jedem Volksschullehrer an Sicherheit zubilligt — was ist dann mit den Lohnarbeitern des literarischen Metiers, den Herausgebern, Übersetzern, den Auftragsautoren, deren Eitelkeit nicht so verläßlich ausbeutbar ist, sondern die von ihrer Arbeit auch zu leben beanspruchen?

Für den Verleger bleiben die kalkulatorischen Faktoren die gleichen, nur daß er statt der monatlichen Vorschüsse an den Autor beispielsweise an die amerikanische Agentin eine Garantiesumme gleicher Höhe zahlen mußte, um der Konkurrenz die Übersetzungsrechte abzujagen. Aber jede Seite ist nun noch mit einem Übersetzorhonorar von 8 bis 15 Mark belastet. Handelt es sich um einen schwierigeren literarischen oder wissenschaftlichen Text, so hat der Übersetzer für jede Seite zwei bis drei Stunden aufzuwenden. Das bringt ihm einen Stundenlohn von brutto 3 bis 5 Mark ein, und dafür bekäme er kaum eine Putzfrau.

Da sich all dies nun in einer sichtlich prosperierenden Umwelt abspielt, versteht man vielleicht die im Buchgeschäft allseits herrschende Verbitterung. Der Buchhändler sieht sich immer mehr außerstande, die Mieten in den Hauptgeschäftsstraßen zu zahlen, den Service-Erwartungen seiner Kunden nachzukommen und bei Gehältern, die unter denen von Sekretärinnen liegen, kompetentes Personal zu bekommen; viele arbeiten bereits mit Verlust. Der Verleger fühlt sich gegebenenfalls als aufopfernder Förderer anspruchsvoller Literatur, der nichts an ihr verdient, sondern noch draufzahlt, und der sich dennoch von seinen Autoren oder der Kritik dafür beschimpfen lassen muß, daß er mit (wie er selber nur zu genau weiß) schäbigen Konfektionswaren Geld verdient; er sieht sich genötigt, an dem würdelosen und finanziell riskanten Run auf den Bestseller der Saison teilzunehmen; und dennoch schrumpfen seine Gewinne: der letzte Kölner Betriebsvergleich, bei dem sich 53 Verlagshäuser durchleuchten ließen, ergab einen Durchschnittsgewinn von 0 Prozent (bei Verlusten in der Gruppe jener 19 Verlage, deren Jahresumsatz unter einer Million Mark liegt). Und die Autoren und Lohnarbeiter des Gewerbes fühlen sich machtlos einer Kulturindustrie ausgeliefert, die sie zwar durch ihre Arbeit erst ermöglichen, die sie dafür aber — im Gegensatz etwa zu den Lieferanten des Papiers — nicht leben und nicht sterben läßt.

Was der Bestseller kostet

Das ist die Lage, und wenn man nur auf die Tessiner Schwimmbäder mancher dennoch erfolgreicher Verleger, Buchhändler oder auch Autoren deutet, verkennt man sie völlig. Daß sich ein einzelner Schuldiger nicht isolieren läßt, dem durch Zureden oder Zwang beizukommen wäre, macht sie nicht einfacher, sondern schwieriger. Um eine zur Zeit erfolgreiche Vokabel zu gebrauchen: es ist »das System«. Es erzeugt den Wunsch nach Änderungen an der Wurzel oder dem, was man dafür hält; wer sich besonders für Produktionsbedingungen interessiert, kann über die eigenen nicht hinwegsehen. Oder es wächst der Wunsch, in dem allgemeinen Dilemma wenigstens einmal selber Glück zu haben. Es ist dies der Wunsch nach dem Bestseller, und wenn ich zynisch sein wollte, würde ich sagen: was so manchem erwünscht scheint, ist der sozialistische Bestseller, so radikal, daß er für die Kulturindustrie unverdaulich ist — und gerade deshalb über die Distributionsmechanismen eben dieser Industrie zu einem Bestseller zu machen.

Das Phänomen Bestseller verdiente eine mit seiner Bedeutung zunehmende Beachtung. Was ein Bestseller ist, weiß jeder. Definieren dagegen läßt er sich kaum. Sagen wir: ein Bestseller ist ein Buch, welches die normalen Auflagen (von fünfhundert bis fünftausend Exemplaren) in kurzer Zeit, meistens einer Saison, selten mehr als einem Jahr, um ein Vielfaches übertrifft, nämlich um das Zehn- bis Hundertfache.

Wie Bestseller entstehen und ob sie »gemacht« werden können, ist eine beliebte Preisfrage, die eine konklusive Antwort bisher nicht gefunden hat und auch nicht finden wird. Sicher ist folgendes: Zu einem Bestseller gehört eine potentielle Bestsellerqualität; es gibt genügend Vergleichszahlen, mit denen nachzuweisen ist, daß der gleiche Werbeeinsatz — also die gleiche »Manipulation« — durchaus nicht immer die gleichen Wirkungen hat, daß sich manche Bücher durch keine Maßnahme und keinen Trick je zu einem Bestseller machen ließen. Zu einem Bestseller gehört ferner eine Art Markenzeichen: ein etablierter Autoren- oder Verlagsname, wenigstens ein bekannter Bart. Ein Bestseller braucht ferner subsidiäre Publizität, »Verbundwerbung«: der Autor oder sein Gegenstand oder seine Figuren müssen in anderen Medien genannt werden — wie sich ein Roman und der nach ihm gedrehte Film gegenseitig im Erfolg aufschaukeln können, zeigen Eric Malpass‘ »Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung« und zur Zeit in noch stärkerem Maße Erich Segals »Love Story«.

Das Bestreben, Bestseller zu produzieren, wenigstens einen pro Saison, hat oft krampfartige Züge angenommen. Zunächst überboten sich die Verlage gegenseitig bei den Vorschußangeboten für erprobte ausländische Bestseller namentlich amerikanischer Herkunft. Diese Optionszahlungen erreichten derartige Höhen (160 000 Dollar zum Beispiel für den neuen Herman Wouk) — und das für Bücher, die den mitsteigernden Verlagen teilweise überhaupt noch nicht bekannt waren —, daß nur noch ganz wenige kapitalstarke Verlage mithalten konnten. Fast ausnahmslos kommen heute alle Bestseller aus immer den gleichen etwa zwölf Verlagen.

Seit einem Jahr versuchen diese Bestseller-Verlage nun auch immer mehr, sich in den Verkaufsmethoden zu überbieten. Die Werbekampagnen, die sie veranstalten, hören auf den flotten Namen Promotion. Natürlich ist Buchwerbung nichts Neues. Aber die fünf bis zehn Prozent des Verlagsumsatzes, die normalerweise für Werbung reserviert sind, verteilten sich einigermaßen gleichmäßig über das gesamte Verlagsprogramm; und von den Autoren wurde nicht mehr erwartet, als daß sie sich gelegentlich zu einer verkaufsfördernden Lese- und Signierreise durch die Buchhandlungen deutscher Mittelstädte herbeiließen. Die von den Produktmanagern der Verlage erdachte Sales-Promotion neuen Stils unterscheidet sich von diesen gemächlichen Werbemethoden dadurch, daß sich der größte Teil des Werbeetats auf eine kleine Gruppe von »Schwerpunkttiteln« oder gar einen einzigen »Titel« konzentriert; und daß neben dem potentiellen Käuferpublikum vor allem das Relais-Personal in den Buchhandlungen und Redaktionen bearbeitet wird. Der Wiener Molden Verlag ließ sich 1970 die verkaufsfördernden Kapriolen für die Memoiren der Hildegard Knef 250000 Mark kosten und schaffte es, fast 400000 Exemplare zu verkaufen. Im Vergleich, zu den Werbeetats der Konsumgüterindustrie und zu den Anzeigenpreisen in Fernsehen und überregionaler Presse ist das zwar noch lächerlich wenig (eine Seite im »Spiegel« kostet fast 20 000 Mark, 15 Sekunden Werbung im ARD-Programm fast 23 000 Mark), aber in dieser zurückhaltenden Branche war es eine unerhörte Tat. Sie machte Schule; prompt versuchten sich mehrere Verlage in derartiger Höhenluft. Da sich ihre Anstrengungen gegenseitig neutralisieren und die immer höheren Einsätze so auch wirtschaftlich immer fragwürdiger werden, ruft der Haupt-Promoter Olaf Paeschke (früher bei Molden, jetzt bei Bertelsmann) inzwischen erschreckt zu einem Promotions-Stop auf.

Den Autor verpflichtet die Promotion zu geradezu zirzensischen Darbietungen. Er muß sich auf der Buchmesse präsentieren, er darf sich keine Gelegenheit entgehen lassen, im Fernsehen ein paar markante Sätze von sich zu geben, er muß sich sein Image — also das, was von seiner Persönlichkeit öffentlich übrigbleibt — von Werbeleuten zurechtstutzen lassen. Der erfolgreiche Sachbuchautor Jürgen Thorwald sagte vor Jahren die Zeit voraus, in der Autoren für ihre Verleger durch brennende Reifen springen müßten; inzwischen hat ihm sein eigener Verleger — wohl der makaberste Fall von Promotion bisher — zur Verkaufsförderung seines »Patienten«-Buchs neben Starmedizinern auch einige der sensationell Kranken, deren Fälle Thorwald beschreibt, nach Deutschland geholt.

Es erscheint die Zeit nicht mehr fern, in der — ich übertreibe — die Marktforschung ergiebige Themen ermittelt, Lohnschreiber-Teams sie literarisch zurichten, ein Mann von einprägsamem und telegenem Äußeren der Öffentlichkeit gegenüber die Rolle des Autors übernimmt, Werbeleute ihn in wohldosierte Skandale verwickeln, um seinen Namen präsent zu halten, auf die Entlassung aus dem Gefängnis (vorexerziert im Fall Däniken) die Lesetournee folgt — bis die Figur schließlich an Attraktivität oder »Charisma«, wie das heute heißt, eingebüßt hat und der nächsten Attrappe Platz machen muß. Und das im Namen der Kultur und vom Staat um der Kultur willen mit einem halbierten Umsatzsteuersatz begünstigt.

Das Bestseller-Phänomen hat eine sozusagen exogene und eine endogene Ursache. Die endogene Ursache sehe ich in der Rentabilitätssituation des Buchhandels, die dazu drängt, mit möglichst wenigen Büchern möglichst hohe Umsätze zu erzielen. Die exogene Ursache sehe ich in der Informationshalde, die diese Zivilisation sich aufschüttet: Sie produziert nicht nur immer mehr potentiellen Lesestoff, sie tendiert auch dazu, alles überhaupt Lesbare aus den entlegensten Gegenden und Zeiten disponibel zu machen und zu halten. Angesichts dieser Akkumulation, der gegenüber die Kapazität des einzelnen Gehirns unverändert bleibt, entstehen Orientierungsprobleme, wie sie kein überschaubarer Kulturkreis je gekannt hat. Gleichzeitig bewirken die Apparate der modernen Nachrichtentechnik, daß alles, was irgendwie aus dieser amorphen Masse hervorsticht, rascher, gründlicher, breiter bekannt wird als je — daß also die Rate der Erfolgspotenzierung durch den Erfolg stetig zunimmt. Nur so konnte der mit inhaltlichen Gründen schlechterdings nicht mehr erklärbare, der in der Tat irrsinnig anmutende Abstand zwischen der Klasse der Bestseller und jener der Nichtbestseller entstehen.

In den etwa zehn Jahren, die ich Monat für Monat aus den Angaben von fünfzehn Großstadtbuchhandlungen für »DIE ZEIT« die Bestseller-Liste errechne, glaube ich die Beobachtung gemacht zu haben, daß die Konzentration auf immer wenigere, aber dafür immer erfolgreichere Bestseller zugenommen hat. Andererseits sind die »normalen« Auflagen von 4000 bis 6000 auf 2000 bis 3000 abgesunken. Das aber besagt nichts anderes, als daß es immer deutlicher zwei Klassen von Büchern gibt — wenige, die (hohen) Gewinn, und viele, die keinen Gewinn oder sogar Verluste bringen und damit in Gefahr kommen, gar nicht mehr verlegt zu werden. Die vormals vorhandene gesunde Mittelzone (kein großer Gewinn, kein großer Verlust, alle einigermaßen zufrieden) ist im Schwinden begriffen. Der durchdeklinierte Autorenfall ist immer unwahrscheinlicher geworden: entweder wären von seinem Buch 20000 Exemplare verkauft worden oder nur noch 2000. Da die einzige Wahrscheinlichkeit bei dem Bestseller- Roulette die ist, daß kompliziertere, ausgefallenere Bücher Bestseller-Plätze nicht erklimmen, liegt es auf der Hand, auf welche Titel die Verleger bei sich weiter anspannender Lage zuerst verzichten werden.

 

Im Kampf mit den neuen Medien

Ich möchte nunmehr den Grund für diese Situation zu benennen versuchen, und des weiteren den Grund für den Grund. Jede hochfliegende Theorie sei dabei vermieden — ob ein Medium heiß oder kalt ist, interessiert mich dabei genauso wenig wie der Umstand, ob ein Text Bewußtsein II oder Bewußtsein III repräsentiert oder ob geistiges Eigentum eine lästige bürgerliche Krankheit ist, die dringend der Kur bedarf.

Meine sehr profane Meinung ist also die, daß es die seriöse, die eigentlich literarische Literatur (einschließlich der an ein allgemeines Publikum sich wendenden Diskussions- und Dokumentationsliteratur, obwohl die in geringerem Maß) darum zur Zeit besonders schwer hat, weil das Bedürfnis nach ihr nicht mit dem Anstieg des allgemeinen Bildungsniveaus Schritt gehalten hat. Und das Bedürfnis ist darum zurückgeblieben, weil die potentiellen Leser ihr Bedürfnis nach vermittelter Kommunikation heute zunehmend mit Hilfe anderer, außerliterarischer, nicht »linearer« Medien befriedigen und der gestiegene Lebensstandard auch luxuriösere Freizeitbeschäftigungen wie den Massentourismus ermöglicht und ermutigt. Um es noch trockener und härter zu sagen, weil man es gar nicht trocken und hart genug sagen kann: Das potentielle Publikum ist nicht bereit, zu zahlen, was diese Literatur eigentlich kosten müßte, wenn alle an ihr Beteiligten von ihr leben wollten wie von jedem ordentlichen Beruf, weil es lieber fernsieht. Mit dem Aufkommen neuer Medien, hauptsächlich der elektronischen Medien, und hier wiederum hauptsächlich des Fernsehens, haben sich die Kommunikationsgewohnheiten tiefgreifend zu ändern begonnen. Im Rahmen dieser Veränderungen verschiebt sich auch der Status des Buches, das sich damit in einer echten Strukturkrise befindet — nicht unähnlich, wenn der prosaische Vergleich gestattet ist, der Strukturkrise des Bergbaus, als das Heizöl in die Domäne der Kohle eindrang.

Wenn jener vorhin beschriebene Schriftsteller ebensoviel verdienen sollte wie ein festangestellter Journalist mittleren Ranges, müßte er im Monat nicht 1000, sondern 2500 Mark erhalten, wäre also jedes der 5000 Exemplare seines Buches mit 12 Mark Honorar belastet, müßte es nach dem gegenwärtigen Verteilerschlüssel im Laden das Zehnfache, also 120 Mark kosten — und wäre völlig unverkäuflich.

Selbst die heutigen Preise für solche Bücher sind häufig unecht: Der Verleger hat sich von vornherein mit einem Verlust abgefunden und kalkuliert, als ob er 5000 oder 10 000 Exemplare auflegen könnte, läßt aber von vornherein nur die verkäuflichen 2000 drucken — die Preisgünstigkeit beruht auf einer rein fiktiven Auflagenhöhe. Um dem Kostendruck zu entgehen, dem kein entsprechendes Kaufpotential gegenübersteht, sind viele große literarische Verlage dazu übergegangen, einen immer größeren Teil ihrer Neuerscheinungen in billigen broschierten Reihen zu publizieren — der Reihe Hanser, der Edition Suhrkamp, der Sammlung Luchterhand, demnächst auch einer entsprechenden Reihe bei Rowohlt. Bis sich auch bei diesen Reihen Überproduktion und Übersättigung bemerkbar machen.

Wohl in der Überzeugung, daß von den Verlegern im Prinzip nichts zu erwarten ist, weil sich jede Mehrforderung sofort auf den Buchpreis auswirken würde, bemüht sich der Verband deutscher Schriftsteller unter anderem um zweierlei: um fairere Vertragsbedingungen für Autoren mit Verlagen, mit Sendeanstalten; und zum anderen um eine Bibliotheksabgabe nach skandinavischem Vorbild. Für jede Buchausleihe soll ein bestimmter geringer Betrag an einen Schriftstellerfonds abgeführt werden, der das Geld zu einem kleineren Teil an die Schriftsteller entsprechend ihrem Ausleiherfolg weiterleitet, zu einem größeren Teil für ein großes Sozialwerk der Schriftsteller verwendet.

Wegen des skandinavischen Vorbilds und der langwierigen Propaganda für das Modell mag diese zusätzliche Einkunftsquelle nur in Form einer so titulierten Bibliothekstantieme politisch durchzusetzen sein. Da aber nicht etwa die Bibliotheksbenutzer die Abgabe leisten sollen (sie könnten dadurch von den Bibliotheken ferngehalten werden, die sich doch gerade attraktiv zu machen versuchen), auch nicht die Bibliotheken (die damit ihren Anschaffungsetat drastisch kürzen müßten und auch verwaltungstechnisch einer solchen Abgabe nicht gewachsen wären), handelt es sich darum, daß der Staat für dieses Sozialwerk der Schriftsteller zusätzliche Mittel bereitzustellen hätte, die mit den Bibliotheken nur noch soviel zu tun haben, daß sich ihre Höhe an Statistiken der Bibliotheksausleihe orientiert. Es handelt sich also um nichts anderes als echte staatliche Subventionen für die Literatur.

Und so kann ich mir in dieser Konkurrenzgesellschaft ihr Überleben noch am ehesten vorstellen: in marktgeschützten, subventionierten, steuerbegünstigten Winkeln, ökologischen Nischen sozusagen, bei riesigen Verlagskonzernen, die es für ihr Prestige bekömmlich halten, wenn eine Art kleiner literarischer Boutique in ihrem Haus ohne Rücksicht auf Rentabilitätsdenken operieren darf.

Den von George Steiner in diesem Heft so überzeugend vorgetragenen Thesen über die Ablösung der traditionellen, literaturbestimmten, elitären Kultur durch eine audiovisuell bestimmte Post-Kultur (das Schwinden einer gemeinsamen Belesenheit als Bezugsebene; das Schwinden der zur solipsistischen Lektüre erforderlichen Einsamkeit und Muße; das Schwinden des Vertrauens in die Tragkraft der Sprache; das Schwinden der Überzeugung, ein Werk könne und solle losgelöst von seinem Schöpfer Dauer haben) möchte ich nur einen einzigen, weit trivialeren Faktor hinzufügen. Die elektronischen Medien, insbesondere das Fernsehen, sind die bequemeren Medien. Das heißt, sie gestatten eine passivere Teilnahme als das Buch. Die Übersetzung einer Erfahrung in Sprache, die Rückübersetzung aus der Schrift in Sprache und aus der Sprache in Vorstellung und Denken ist ein Vorgang, der ein Abstraktionsvermögen voraussetzt, welches sich bei den unmittelbar anschaulichen AV-Medien erübrigt. Die Fähigkeit der Verbalisierung galt als die Kultureigenschaft par excellence; das in den ersten Lebensjahren erworbene Sprachvermögen stellte und stellt teilweise immer noch die denkbar wirkungsvollste Bildungsbarriere dar, die eine kultivierte Elite vom Volke trennt. Heute vollzieht sich eine Verschiebung zu nichtverbalen Mitteilungsformen, zum Beispiel ganz praktisch in Berufstrainingsprogrammen der Industrie, deren Hersteller sich fragen, ob es wirklich nötig ist, einem Arbeiter die Funktion einer kostspieligen Maschine in Worten zu erklären, oder ob ein paar Schaubilder den gleichen Zweck nicht besser erfüllen würden. Ich bin davon überzeugt, daß das zur Zeit ganz niedrige Leserinteresse für Lyrik — ein Lyrikband kann nur in Ausnahmefällen mit mehr als 1000 Käufern rechnen, oft sind es weniger als 100 — auch damit zusammenhängt, daß für soviel Jüngere, die früher Gedichte lasen, heute das wichtigste Möbelstück nach dem Bett die HiFi-Anlage ist und daß viele der emotional-kommunikativen Bedürfnisse, die früher von Gedichten befriedigt wurden, von Beat-Musik befriedigt werden, also multimedial, nicht-linear.

 

Die Siege des Fernsehens

Ist es aber überhaupt nachweisbar, daß das Fernsehen dem Buch Konkurrenz macht? Es gibt schließlich immer noch Experten, die dies rundheraus abstreiten und darauf verweisen, daß das Fernsehen ganz andere Schichten erreiche als Bücher, ja daß es ganz allgemein den Wissensdurst stimuliere und mit ihm auch das Interesse am Buch. Diesem Argument gegenüber genügt es nicht, sich auf die eigene Erfahrung zu berufen, sich zu fragen, wieviel Zeit man vor dem Fernsehapparat und mit Diskussionen über Fernsehsendungen verbringt und ob diese Zeit sonst auf Lektüre verwendet worden wäre — die Antwort mag noch so eindeutig ausfallen, sie könnte grob untypisch sein.

Einige Zahlen liefert eine vor gut drei Jahren im Auftrag des Börsenvereins des deutschen Buchhandels durchgeführte demoskopische Untersuchung über die »Lesekultur in Deutschland«. Sie ergab, unter anderem, daß 32 % der erwachsenen Bevölkerung Deutschlands gar keine Bücher lesen, weitere 7 % nicht mehr als ein Buch pro Jahr. Und zu unserer speziellen Frage: daß pro Woche im Durchschnitt knapp 25 Stunden auf die verschiedenen Medien verwendet werden, davon 60 % auf die elektronischen Medien (39 % Fernsehen, 21 % Rundfunk), 13 % auf Bücher, das sind 3 1/4 Stunden Lektüre gegen 9 3/4 Stunden Fernsehen.

Diese Zahlen spiegeln einen Zustand, der einen gewissen Verdacht nahelegt, sie spiegeln noch keine Entwicklung. Eine andere Untersuchung, die einige westdeutsche Sendeanstalten durchführen ließen, kam zu dem Ergebnis, daß nach der Anschaffung eines Fernsehgeräts die Lektüre von Unterhaltungsliteratur im Laufe eines Jahres deutlich zurückging, und zwar um eine halbe Stunde wöchentlich, von 3 1/4 auf 2 3/4 Stunden. Dagegen wurde die Lektürezeit bei Büchern zur Weiterbildung durch die Anschaffung des Fernsehgeräts fast gar nicht reduziert.

Langfristige Verhaltensbeobachtungen fehlen. Während eines Symposions des Westdeutschen Rundfunks wies im vorigen Jahr der Vizepräsident des Elektronikwerks Sony auf eine offizielle japanische Erhebung hin, aus der klar hervorgehe, daß sich über einen längeren Zeitraum hin das Medieninteresse auf Kosten der gedruckten Medien eindeutig zum Fernsehen verlagert habe. Es ist mir gelungen, diese Zahlen, die auf Untersuchungen des japanischen Wirtschaftsministeriums beruhen, zu beschaffen; nicht gelungen ist es mir, herauszubekommen, wie sie ermittelt wurden, als wie zuverlässig sie damit betrachtet werden können oder auch nur, wie sich die ihnen zugrunde gelegte Informationseinheit (ein »oto«, zu deutsch »Ton«) definiert. Ich kann sie hier also nur mit allen Vorbehalten wiedergeben.

Danach hat sich in Japan von 1960 bis 1968 die Informationsaufnahme, der Medienkonsum sozusagen, um das 2,2fache vergrößert, von 167 653 Einheiten pro Person und Tag 1960 auf 367 982 Einheiten 1968. Die Medienfreudigkeit also hat stark zugenommen und mit ihr die sogenannte sekundäre, die nur vermittelt erfahrene Wirklichkeit. Diese mittlere Zuwachsrate wird weit überschritten von den Medien Fernsehen und Telefon (Fernsehen 1960: 57,28 %, 1965: 80,11 %, 1968: 76,17 % — also ein gewisser Rückgang nach anfänglicher Begeisterung; Telefon 1960: 0,13 %, 1965: 0,16 % 1968: 0,24 %). Anteile verloren haben vor allem das Radio (Rückgang von 21,13 % auf 2,59 %), aber auch Zeitschriften (6,42 auf 3,75 %) und Briefe (0,05 auf 0,03 %). Leicht unter dem Durchschnitt mitgewachsen ist der Anteil der Zeitungen (17,14 auf 15,07 %), etwas über dem Durchschnitt der Anteil der Bücher (0,79 auf 0,95 %).

Die große Diskrepanz zwischen schriftlichen und elektronischen Medien erklärt sich übrigens daraus, daß die letzteren als die komplexeren höher bewertet wurden: 1 Einheit für ein bestimmtes Radioangebot, 1,5 Einheiten für Druckschrift, 4 Einheiten bei visueller Information. Bei gleicher Bewertung der Medien verringerten sich Diskrepanzen und Zuwachsraten, der Trend aber blieb unverändert.

Ich halte aufgrund dieser Zahlen den Schluß für unausweichlich und alles andere für befangene Augenwischerei, daß das Fernsehen das Buch als Leitmedium dieser Zivilisation ersetzt hat.

Ich halte ferner die Prognose für vertretbar, daß die audiovisuellen Medien sich noch stärker als bisher entfalten werden — dann nämlich, wenn sich der Zuschauer zu Hause seine Bild-Ton-Programme für den Bildschirm selber zusammenstellen kann und nicht mehr auf die zentralen Ausstrahlungen der Sendeanstalten angewiesen ist. Alle Vorhersagen stimmen darin überein, daß die entsprechenden AV-Geräte zunächst auf speziellen Sektoren der Ausbildung eingesetzt, ab 1975 aber in den hochindustrialisierten Ländern einen Massenmarkt mit einem entsprechenden Angebot von Programmen finden und um 1980 so selbstverständlich sein werden wie heute Schallplatten und Tonbandgeräte.

Dazu wird eine Vervielfältigung des gesendeten Fernsehangebots durch das Satellitenfernsehen kommen, das auch den Ländern, in denen das Fernsehen bisher das Monopol staatlicher oder öffentlich-rechtlicher Anstalten ist, kommerzielle Fernsehprogramme bringen wird — ob sie wollen oder nicht.

Und ganz am Horizont zeichnet sich bereits das totale Informationssystem ab: große zentrale Videotheken, Datenbanken, Mediotheken, die jedes Medium archivieren und die jedermann über ein Kabelsystem von einer Empfangskonsole in seinem Haushalt aus anwählen kann — so könnte er in Sekundenschnelle jede Art von Information, Filme, wissenschaftliche Daten, Musiken, aktuelle Nachrichten, bildnerische Darstellungen und selbstverständlich auch schriftliche Dokumente in seine Reichweite holen, betrachten, anhören, auch mit Trockenkopiergeräten oder Faksimileschreibern ausdrucken lassen.

 

Von der Unbesiegbarkeit des Buches

Die relative Schwierigkeit der schriftlichen im Vergleich zu den audiovisuellen Medien, die sie in den letzten Jahren potentielle Leser gekostet hat und weiter kosten wird, wird sich in dieser Neustrukturierung jedoch gerade als ihr stärkstes Resistenzmoment erweisen. Es gibt »Information«, die nicht anders als verbal zu fixieren und nicht besser als schriftlich zu übermitteln ist. Möglich, daß bis 1985, wie die französische Studie »Réflections pour 1985« des Haut-Commissaire du Plan prophezeit, die schriftlichen Medien wiederum nur von einer intellektuellen Minorität genutzt werden, indes die Massen völlig AV-bestimmt sind — daß die Menschheit je auf ihr subtilstes Werkzeug, die schriftliche Sprache, verzichten könnte, ist undenkbar.

Manfred von Ardenne, vor vierzig Jahren Erfinder des Fernsehens und Nationalpreisträger der DDR, der den Prozeß des Übergangs vom »ruhigen Lesen« zur »heutigen Freizeitgestaltung mit abendlichen Fernsehsendungen« für einen gesetzmäßigen und irreversiblen Vorgang hält, antwortete auf die Frage, was unter diesen Umständen aus der Literatur werden könnte: sie sollte durch »hochtalentierte Regisseure und Schauspieler« an die Menschen »innerlich herangebracht werden . . . Die Hauptsache ist ja, daß der erzieherische Inhalt, der geistige und bildende Wert wirklich in den Menschen zur Auswirkung kommt.« Soviel sozialistische Naivität verkennt natürlich, daß Literatur in Intention und Tat selten, jedenfalls selten primär, in der Verabreichung »bildender Werte« besteht, sondern in der Inbesitznahme von eigenen Erfahrungen durch das Sprachvermögen, in dessen hypertropher Ausbildung und Sensibilisierung; der rezeptive Nachvollzug in der Lektüre beansprucht selbstverständlich einen ganz anderen Gehirnmuskel als das Medium Film. Der Film in seiner Veräußerlichung, die durchaus als opake Tiefe erfahren werden kann, wirkt als eine Aufforderung zur Bewußtmachung, die die Literatur weitgehend von Natur aus leistet (alle ihre Irrtümer eingeschlossen). Viscontis »Tod in Venedig« ist in diesem Sinne sowohl »leichter« als auch »schwieriger« als Thomas Manns Novelle: leichter, weil wortlos zu begreifen, schwieriger, weil jedes Indiz in dem optischen Amalgam einen Appell darstellt, es durch Worte in Besitz zu nehmen, also das zu tun, was die literarische Vorlage einst geleistet hat.

Ein noch simpleres Beispiel: Die Vermittlung des Materials etwa über die Armut in Deutschland, das ein zehnseitiger Zeitungsartikel enthält, würde im Fernsehen beim einfachen Vorlesen 25 Minuten, bei filmischer Umsetzung mindestens eine Stunde dauern; ein nur 150seitiges Taschenbuch über das gleiche Thema brauchte fünf bis zehn Fernsehstunden. Ein kurzes Fernseh-Feature zum gleichen Thema könnte den Vorzug der nur noch partiell verbalisierten Überzeugungskraft haben, die dem konkreten, anschaulichen Detail eigen ist; an Materialmenge und an rationaler Durchdringung wird es von jedem diskursiven Medium übertroffen. Die AV-Zivilisation wäre eine intuitive; aber da ihre Prämisse das Wort, Wissenschaft nämlich eine Sache des Diskurses ist, wird sie niemals rein herrschen können; denn sie wäre ein Widerspruch in sich. Im AV-Kraal verlöschen die Bildröhren.

Unter den schriftlichen Medien ist und bleibt das Buch dabei ein Informationsträger, der mit zahlreichen praktischen Vorzügen ausgestattet ist: Es überläßt seinem Leser die Rezeptionsgeschwindigkeit, gestattet beliebige individuelle Selektion und Wiederholung, ist überaus handlich und unabhängig von jeder technischen Apparatur, die alle hochkomplizierten Informationssysteme nicht nur immobil, sondern auch hochgradig störanfällig macht. Das Buch wird also mit Sicherheit nicht verschwinden.

Ohne Prognosen über ihre Natur zu wagen, möchte ich auch behaupten, daß sogar die Belletristik nicht aussterben wird. Wie groß, exakt, rasch und disponibel auch der allgemeine Informationsfluß werden sollte; wie sehr sich kollektive Lebens- und Erfahrungsformen durchsetzen; wie wenig Individualität übrigbleibt, wenn die soziale Determination subtrahiert ist — all dieser erdrückende gesellschaftliche Überfluß ringsherum passiert am Ende in winzigen Teilen immer nur Einzelne, und eine Literatur, die artikuliert, wie sich dieser Einzelne ihm gegenüber orientiert, kann schwerlich anachronistisch werden.

Freilich: Autoren werden in Zukunft in immer stärkerem Maße multimedial denken müssen und wollen. Im gesamten Unterrichtswesen wird neben das schriftliche Lehrmaterial unter dem Stichwort »Medienverbund« eine auf den speziellen Stoff und die spezielle Adressatengruppe zugeschnittene Kombination weiterer Medien treten: Filme, Sendungen, Tonbänder, Dias, Arbeitstransparente, Videokassetten und Bildplatten. In den Wissenschaften wird das schwerfällige Buch am ehesten verschwinden und anderen, effizienteren Methoden Platz machen, um der mit Recht so genannten »Informations-Verschmutzung« Herr zu werden: Loseblattwerken, Digests, Mikrofilmen, Mikrofiches, Datenbanken. Buchhändler werden nicht mehr ausschließlich Buchhändler sein können, sondern Medienhändler, Informationshändler; daneben halten sich möglicherweise einige hochspezialisierte Sortimentsbuchhandlungen, die sich ihren besonderen Service dann allerdings bezahlen lassen müssen. Die Verlage werden neben Büchern auch anderen Medien Aufmerksamkeit schenken — bereits heute haben sich in der Bundesrepublik drei große Verlagsbündnisse zur Entwicklung von multimedialen Lehrsystemen gebildet, und Pressekonzerne wie Springer, Burda, Gruner + Jahr mit Bertelsmann produzieren bereits erste audiovisuelle Instruktions-, Hobby- und Unterhaltungsprogramme. Eine bestimmte Literatur, die so esoterisch und exklusiv ist, daß sie sich trotz protektionistischer Maßnahmen nicht auf dem Markt behaupten kann, wird aus dem allgemeinen Angebot verschwinden und vielleicht fotokopiert oder in anderen Samisdat-Verfahren vervielfältigt bei ihrem Publikum kursieren.

Und wie weiter? Sollten die großen Medienindustrien bei einer etwaigen Änderung der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse allgemein wichtige Informationen abdrängen oder unterdrücken, so wird dieser sozusagen urliterarische »Untergrund« im gleichen Maße an Bedeutung gewinnen.

Und da die Bevölkerung wächst und gleichzeitig das allgemeine Bildungsniveau, werden auch immer mehr Bücher geschrieben, verlegt, gekauft, gelesen, verschenkt, verliehen werden; die Buchproduktion wird also in absoluten Zahlen immer weiter steigen, in relativen Zahlen jedoch — die sie zu dem allgemeinen Bildungsniveau, der potentiellen Nachfragebasis, sowie zu anderen Medien, die diese wachsende Nachfrage befriedigen, in Beziehung setzen — gleichbleiben oder abnehmen.

Und da das Buchwesen sich außerdem durch eine Menge Irrationalität auszeichnet, wird es auch weiterhin geben, was es aufgrund ökonomischer oder anderer Logik eigentlich gar nicht geben dürfte.

 

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