Merkur, Nr. 579, Juni 1997

Ernste Kommunikation
Die Schwierigkeit, es ernst zu meinen 

von Dirk Baecker

 

Sollte man sich dereinst fragen, worin die unverwechselbaren Kennzeichen der Epoche der europäischen Moderne bestanden haben (aber wer wird das fragen?, und wann?), dann darf ein Kennzeichen nicht fehlen: Die europäische Moderne pflegt ein äußerst eigentümliches Verhältnis zum Ernst. In gewisser Weise ist er ihr abhanden gekommen. Es gibt ihn nur noch als Ernst der Verhältnisse, und in diesen Verhältnissen tendiert er mal zum Katastrophalen, mal zum Absurden, mal zum Hilf- und Ratlosen. Aber es gibt ihn nicht mehr als Ernst eines Gespräches. Wer ernst miteinander spricht, macht sich auf eine eigentümliche Weise entweder verdächtig oder lächerlich. Es ist nicht einmal so, daß der Ernst nicht geglaubt würde. Man glaubt, daß es jemand ernst meint. Aber man kommt nicht umhin, jemandem, der etwas ernst meint, zu unterstellen, bestimmte wesentliche Dinge nicht begriffen zu haben. Wer es ernst meint, dem fehlt etwas. Darum muß, wer es ernst meint, dies mit einem augenzwinkernden Verweis auf die Verhältnisse kommunizieren. Er muß zeigen, daß er es auch nicht ernst meinen könnte. Sonst wird er nicht ernst genommen.

Die Verhältnisse jedoch sind so ernst wie selten. Politik und Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur verhandeln unlösbare Probleme. Die Geschichte erinnert sich des Unvergeßbaren. Die Kunst ahnt das Schlimmste. In den Städten und Dörfern herrscht die Bedrückung. In unseren Träumen gibt es schon lange nichts mehr zu lachen. Aber kaum treffen wir aufeinander, suchen wir den Witz, die Heiterkeit, die Ironie, den Spaß und das Alberne. Die Berliner Love Parade ist das Großereignis einer Kommunikation, die die Freude sucht und die Freude kommuniziert. »It’s fun« ist bei unserem amerikanischen Bruder und Vorbild die stereotype Begründung für jedes Ereignis, zu dem man zusammenkommt, sei es das Kino, der Sport oder die Party. Die Einheit der Nation hierzulande findet »Samstag Nacht« statt, in einer Apotheose des Albernen, die an diagnostischer Schärfe sowohl des Ernstes der Verhältnisse wie unserer Unmöglichkeit, mit diesem Ernst ernst umzugehen, ihresgleichen sucht. Und eines der wenigen originären Ereignisse in der Kunst der achtziger und neunziger Jahre ist das Auftreten von Helge Schneider, der wie kein zweiter den Ernst des Albernen auf den Punkt und den Begriff bringt.

Es wird nach wie vor ernst kommuniziert. Aber wo immer möglich überläßt man diesen Ernst den Verhältnissen und der Einsicht in die Verhältnisse. Das Geld und die Macht, die Liebe und die Wahrheit, das Schöne oder Häßliche und der Glaube müssen herhalten, wenn Ernstes ernst kommuniziert werden soll. Aber der Ernst trägt nur, solange allenfalls auf ihn verwiesen wird. Es ist ein Ernst, auf den man anspielt. Es ist ein Ernst, an den man glaubt und nicht mehr glaubt zugleich. Man testet ihn an den Einstellungen des anderen, am Verhalten des anderen. Spricht man ihn jedoch aus, zerfällt er. Fordert man ihn ein, löst er sich auf. Beruft man sich auf ihn, weicht er aus. Fragt man nach ihm, ist es niemand gewesen. Der Ernst ist das Gespenst der Moderne: Du fühlst, daß dich jemand anschaut, aber du weißt nicht, wer oder was das ist.

Man muß gesellschaftliche Institutionen aufbieten, will man ernste Kommunikation möglichmachen. Niemand wird bezweifeln, daß vor Gericht, in der Arztpraxis, in einem wissenschaftlichen Seminar, in der Seelsorge, im Klassenzimmer und in der geschäftlichen Verhandlung ernst kommuniziert wird. Jeder meint dort, was er sagt, und sagt, was er meint. Schaut man jedoch genauer hin, sieht man, daß das Sagen und das Meinen und vor allem die Übereinstimmung von Sagen und Meinen in diesen Zusammenhängen vorreguliert ist. Es ist diese Vorregulierung, die ernst genommen wird. Und umgekehrt funktioniert der Ernst nur, weil er vorreguliert ist. Nichts wird in diesen Zusammenhängen schneller geoutet als der Witz, die Ironie, die Albernheit. Sie gehören nicht dazu, sie machen keinen Eindruck, sie ändern nichts. Sie bleiben einem im Halse stecken. In diesen Situationen übernimmt man Rollen. Und den Ernst der Rollen verletzt man nur um den Preis der Mißachtung der Situation. Man ist Angeklagter oder Richter, Arzt oder Patient, Professor oder Student, Lehrer oder Schüler, Käufer oder Verkäufer. Daran ist nichts zu deuteln. Darüber macht man keine Witze. Darüber gibt es nichts zu lachen. Das ist ernst zu nehmen.

Aber kaum verläßt man die Situation, wird man ihren Ernst nur vermitteln können, wenn man ihn nicht ganz ernst nimmt. Man verläßt die Situation und die Rolle, die man darin spielt. Man kann versuchen, den Ernst der Situation mit hinauszunehmen und sich in diesem Ernst des Ernstes der eigenen Rolle zu vergewissern. Man kann demonstrieren, daß man über die Rolle hinaus auch als Person ernst genommen werden will. Aber das reicht immer nur so weit, wie es reicht. Irgendwann stößt man auf jemanden, und seien es Kind und Ehefrau, die freundlich abwinken und den Ernst Ernst sein lassen. Was dann? Wo steht man dann? Worauf wird man zurückgeworfen? Worauf soll man sich verlassen, wenn nicht auf den Ernst der Situation, der über die Situation herausreicht? Man stößt auf sich selbst und darauf, daß man sich ernst nehmen will, aber nicht ganz, nicht nur, nicht immer ernst nehmen kann. Nimmt man sich ernst, verfehlt man den Witz.

Es ist für die europäische Moderne typisch, daß sie auch jenseits der gesellschaftlich regulierten Situationen Ernst zu schaffen und zu sichern versucht. Und es ist für sie ebenso typisch, daß ihr dies systematisch nicht gelingt. Aufklärung, Romantik, Psychoanalyse und zuletzt die analytische Philosophie sind Großprojekte, sagen zu können, was man meint, und meinen zu können, was man sagt. Jedes dieser Projekte baut die Ironie des Scheiterns des vorherigen Projektes in sich ein.

Schon die Aufklärung hatte schlechte Karten in den Augen all derer, die nicht nur zu reden, sondern sich auch umzuschauen wußten. Wie kann man die Philosophie ernst nehmen, wenn es allerorten drunter und drüber geht? Wie kann die Aufklärung verhindern, daß sie irgendwann selbst nicht mehr ernst genommen wird, wenn sie so respektlos Kirche, Ehe und Adel verspottet? Die Romantik führt die Ironie ein und versucht, zumindest diese ernst zu nehmen. Man braucht nicht mehr zu sagen, was man meint, aber man muß zumindest deutlich machen, daß man zu meinen versteht, was man nicht sagt. Aber das war und das bleibt bis heute zu spät. Die Ironie markiert nur noch den, der zumindest sich selbst ernst nehmen möchte − und das kann man nur ernst nehmen, wenn man Leidensgenosse ist.

Die Psychoanalyse geht noch geschickter vor und entdeckt den tiefen Ernst all derer, die glauben, sich belustigen zu können. Sie läßt jede Hoffnung auf eine Übereinstimmung von Sagen und Meinen fahren und sucht den übereinstimmenden Ernst der Verhältnisse und Ernst der Person darin, daß beide unter dem Gesetz der Verkennung stehen. Der Ernst ist der Ernst des Todes. Wer wollte das bestreiten? Aber dieser Ernst war ein zutiefst bürgerlicher Ernst. Die Aristokraten hätten ihn nicht geteilt; und den Bürgern wurde er in den Weltkriegen verleidet. Der Ernst des Todes verlor sich im Zufall des Absurden und im Schrecken des Unverständlichen. Wer sich jetzt noch psychoanalysieren läßt, landet nicht mehr in der Aufklärung seiner selbst, sondern in einer kompletten Dekonstruktion, der es nur noch um den Verlust allen Ernstes ernst sein kann.

Die Rückzugsposition angesichts des grassierenden Unernstes hält die analytische Philosophie. Weniger eine Sprachphilosophie als vielmehr eine Philosophie des einzelnen Wortes eruiert sie Möglichkeiten, dieses noch ernst zu nehmen und auf diesen Ernst sich noch verlassen zu können. Ein Wort, das Wort. Man erkennt den ganz alten, den geradezu biblischen Traum. Aber unglücklicherweise weiß diese Philosophie, daß der Ernst eines Wortes nicht in diesem selbst, nicht in dem, was es benennt, liegt, sondern darin, daß es benennt und daß es akzeptiert wird als Stellvertreter dessen, was es benennt. Der Ernst liegt darin, daß es ernst genommen wird. Darum entwickelt sich die analytische Philosophie zu einer Sprach- und Diskursphilosophie, ja sogar zu einer Kulturphilosophie, die nach Situationen, Verfahren und Bedingungen Ausschau hält, in denen gemeint werden kann, was gesagt wird; in denen herrschaftsfrei diskutiert werden kann; in denen die Suche nach dem Wort ernst genommen werden kann. Auch das ist biblisch. Im Kommentar wird der Ernst eines Wortes gesichert, von dem man weiß, daß es die gemeinte Sache verfehlt, verfehlen muß.

Man kann sich auf den Ernst verständigen. Man kann den Ernst kommunizieren. Aber es ist ein Ernst, der in sich gebrochen ist. Woher kommt dieser Bruch? Worüber informiert er? Was sagt er uns über die Bedingungen der Kommunikation und über die Verhältnisse der Gesellschaft? Ich werde das Gefühl nicht los, daß der Alberne einen Schritt weiter ist als der Ironiker, so wie der Ironiker einen Schritt weiter ist als der Ernste. Aber Schritte wohin? Handelt es sich um Schritte aus der Aufklärung in die Aufklärung? Können wir die Formen der Einsicht, denn genau darum handelt es sich ja, nicht anders denken als unter dem Gesichtspunkt von Formen der Aufklärung? Und reden wir dann über etwas anderes als über den Ernst des Ernsten, den Ernst des Ironikers und den Ernst des Albernen?

Werden wir dieses Gespenst des Ernstes nie los? Ist der Ernst, wie Karl-Otto Apel und Jürgen Habermas vielleicht sagen würden, die unabdingbare Bedingung aller Kommunikation? Muß man, wenn man schon nicht ernst meint, was man sagt, zumindest ernst meinen, daß man kommuniziert? Oder anders: Kann die Kommunikation überhaupt anders, als sich ernst zu nehmen? Muß sie ernst nehmen, daß kommuniziert wird? Ist dieser Ernst etwas anderes als der Ernst der Fortsetzung der Kommunikation? Man nimmt sich nicht ernst, und man wird nicht ernst genommen. Aber man kommuniziert. Und das ist der Ernstfall. Aber das ist doch albern!

 

Der Ernst des anderen

Wir brauchen eine Unterscheidung zwischen Ernst erster Ordnung und Ernst zweiter Ordnung. Und ich lasse offen, wie ernst, ironisch oder albern diese Unterscheidung gemeint ist. Sie wird getroffen. Sie findet statt. Sie wird kommuniziert. Der Ernst erster Ordnung meint, was er sagt, und sucht die Bedingung dieses Meinens in der Sache, um die es geht. Sein Ernst ist der Ernst der Verhältnisse, der Ernst der Welt. Der Ernst zweiter Ordnung läßt offen, ob er meint, was er sagt, und verweist nur darauf, daß er etwas sagt und sicherlich auch etwas meint. Er lädt ein zur Kommunikation. Der andere kann es ebenfalls ernst meinen, muß aber nicht. Der andere muß etwas meinen und muß etwas sagen. Auch hier kann offen bleiben, ob dies übereinstimmt oder nicht. Und auch hier ist dies eine Entscheidung wiederum eines Dritten, der der Erste sein kann. Der Ernst zweiter Ordnung ist immer nur der Ernst eines anderen, der mich ernst nimmt beziehungsweise die Situation, die Kommunikation, die Verhältnisse. Dieser Ernst ist auch ein Ernst der Verhältnisse, aber nicht ein Ernst der Welt, sondern nur der Kommunikation in und über die Welt. Die Welt selbst bleibt draußen. Sie ist weder ernst noch nicht ernst, weder ironisch noch albern; sie ist, was sie ist.

Der interessante Punkt ist, daß in gewisser Weise auch ich selbst draußen bleibe. Aller Ernst hängt ja am anderen, der ich selbst sein kann, wenn ich mich mit anderen auf Kommunikation einlasse. Aber ob ich es ernst meine oder nicht, ist gleichgültig. Der andere macht etwas daraus. Die Kommunikation macht etwas daraus. Auch ob ich mich dazu in ein ironisches Verhältnis setze oder darüber herumalbere, ist gleichgültig. Meine Ironie kann ebenso ernst genommen werden wie meine Albernheiten. Davon lebt jede Ironie, lebt jede Albernheit. Der Ernst ist nicht mein Ernst, der Ernst ist der Ernst der Kommunikation. Mir bleibt nur die Ironie, bleibt nur die Albernheit − aber auch das nur, wenn es mir gelingt, sie zu kommunizieren, also ernst werden zu lassen.

Der Ernst zweiter Ordnung ist der Ernst der Kommunikation. Er ist gleichgültig gegenüber dem Ernst der Inhalte der Kommunikation. Nichts kann ernster gemeint sein als ein Stammtisch, an dem man sich rundum Witze erzählt. Wehe, man macht dabei nicht mit, weil man keine Witze parat hat. Der springende Punkt ist, daß man die Witze natürlich nicht ernst meinen darf. Nichts darf man restlos ernst meinen, wenn man ernst genommen werden will. Aber umgekehrt muß man signalisieren, daß man ernst genommen werden will und muß Gründe bereitstellen, die dies ermöglichen. Und man muß signalisieren, daß man anerkennt, daß die Entscheidung über den Ernst beim anderen liegt. Deswegen muß man Distanzen einbauen gegenüber dem, was man wie meint; muß man je nach Gusto augenzwinkernde bis verzweifelte Ironie, raffinierte oder schenkelklopfende Albernheit mitkommunizieren. Dann erst, weil er sich entscheiden kann, läßt sich der andere auf die Kommunikation und das, was sie sagt und meint, ein.

 

Die Kommunikation kann für sich selber sorgen

Die Kommunikation steigert ihre Unwahrscheinlichkeit, wenn sie ihre eigene Festlegung auf das, was gemeint ist, mitkommuniziert. Je ernster etwas gemeint ist, desto mehr Gründe haben andere, davon abzusehen. Denn wer sich auf diesen Ernst einläßt, läßt sich nicht nur auf eine bestimmte Kommunikation, sondern auch auf deren Motive, Absichten, Kontextsituierungen und Sanktionstechniken ein. Die Kommunikation sichert ihren Erfolg daher auf anderen Wegen als denen der Mitkommunikation des Umstands, daß es ihr ernst ist. Weder das Verstehen noch die Verbreitung, noch die Annahme der Kommunikation profitieren davon, daß es ihr ernst ist. Die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation, um einen Aufsatztitel von Niklas Luhmann zu zitieren, wird auf anderen Wegen bewältigt.

Die Unwahrscheinlichkeit des Verstehens reduziert sich bereits hinreichend dadurch, daß Sprache bereitsteht. Denn Sprache ermöglicht es, zwischen Information und Mitteilung (Luhmann), zwischen report und command (McCulloch, Bateson), zwischen konstatierenden und performativen Aspekten der Äußerung (Austin) zu unterscheiden. Wer immer etwas sagt, sagt damit nicht etwas nur über etwas, sondern er sagt auch darüber etwas, daß gerade er gerade jetzt und ausgerechnet zum Angesprochenen sagt, was er sagt. Verstehen heißt, diesen Unterschied nachzuvollziehen. Wer je einen Ehestreit hatte, weiß wie subtil dieser Unterschied bis zur Weißglut der Beteiligten gehandhabt werden kann. Die Mitteilung zerreibt die Information, der Bericht ruiniert die Aufforderung und der performative Widerspruch, mit dem Streit die Kommunikation zu suchen und mit der Kommunikation den Streit, läßt sich jede Sachfrage in Luft auflösen. Aber was der Ehestreit in Perfektion vorführen kann, findet sich auch im Betrieb, in der Politik, in der Religion und in der Wissenschaft. Es handelt sich um diejenige Konstante der Kommunikation, die jedes Verstehen möglich macht, indem sie einen durch nichts zu vermeidenden Ambivalenzspielraum bietet.

Nur ausnahmsweise, nämlich dann, wenn es auf Verstehen explizit nicht ankommt, wird die Konstante dieses Unterschieds durch die Kommunikation gestrichen. Im Militär muß ein Befehl mit der Möglichkeit seiner Ausführung selbstverständlich identisch sein. In der Politik ist es so, wie sie auftritt, ausgeschlossen, daß Problemlösungsansprüche erhoben werden, denen die dafür benötigten Ressourcen fehlen. Manche Wissenschaft benimmt sich, als sei ihre Wahrheit himmelweit entfernt vom symmetrischen Fall der Möglichkeit der Unwahrheit. Aber in diesen und anderen Fällen handelt es sich um kommunikative Pathologien, zuweilen strukturell funktionale, denen jedoch, das zeigen die Beispiele, kaum noch jemand traut. Auch hier versteht man inzwischen besser, als es einem zuweilen lieb sein kann. Man hat oft den Eindruck, daß die Leute, die es ernst meinen, diese sprachliche Bifurkation in Information und Mitteilung zu verhindern oder zumindest in die eine oder andere Richtung zu entscheiden versuchen. Ihr Ernst verdoppelt die Information zur Information und die Mitteilung zur Mitteilung, als ginge es nur um das eine oder das andere. Aber natürlich lenkt genau dies den Blick auf den anderen, den vom Ernst ausgeschlossenen Aspekt.

Was für das Verstehen gilt, gilt auch für die Verbreitung der Kommunikation. Auch die Verbreitung kann nicht dadurch gewinnen, daß mitkommuniziert wird, daß es ihr ernst ist. Schrift und Buchdruck, akustische, optische und elektronische Medien stellen ausreichende Verbreitungstechniken über die Grenze der in einer Interaktion Anwesenden hinaus bereit. Die Medienwissenschaften in der Nachfolge Marshall McLuhans glauben zuweilen, in den Medien sei der Ernst der Kommunikation bereits vorwegentschieden. Für sie ist jeder Benutzer ein Befehlsempfänger, dem auch das Herumalbern problemlos konzediert werden kann, weil dies die Betriebssysteme nicht tangiert. Aber dieses Bild der Verhältnisse sagt mehr über die Medienbeobachter aus, die nicht verstehen, was hier geschieht, als über die Benutzer, die längst ihren Weg gefunden haben, auch die Verbreitungsmedien der Kommunikation, das Buch, die Zeitung, den Rundfunk und das Internet, in die Falle der Bifurkation von Information und Mitteilung laufen zu lassen. Dann bleibt nur noch die Hoffnung, daß wenigstens der Annahme der Kommunikation ein Dienst erwiesen werden kann, wenn sie ernst daherkommt. Aber, man ahnt es, auch damit ist es nicht weit her. Die Annahme der Kommunikation wird durch sogenannte Kommunikationsmedien aussichtsreicher betreut als durch eine Mitkommunikation, daß es ihr ernst ist.

 

 

Kommunikationsmedien reduzieren die Unwahrscheinlichkeit des Erfolgs einer Kommunikation dadurch, daß die Kommunikation eine bestimmte Struktur voraussetzt und nur innerhalb dieser Struktur zum Zuge kommt. Die Macht zum Beispiel, das Kommunikationsmedium der Politik, erlaubt festzulegen, daß das Handeln des einen zu einem bestimmten Handeln des anderen führt. Dabei ist es gleichgültig, was sich beide dabei denken. Wie sie die Situation erleben, bleibt ihnen überlassen. Es kommt darauf nicht an, auch wenn man sich in Europa angewöhnt hat, Gründe nachzuliefern, die auch das Erleben binden, dementsprechend jedoch die Bindung des Handelns korrodieren.

Die Wahrheit, das Kommunikationsmedium der Wissenschaft, koppelt im Unterschied zur Macht nicht das Handeln, sondern das Erleben des einen an das Erleben des anderen. Was als wahr erlebt wird und was fast immer mit dem Index der Abweichung vom gewohnten Wissen, der Überraschung und des Neuen versehen ist, kann gerade dann als wahr erlebt werden, wenn der andere es nur erleben muß, daraus aber noch keine Konsequenzen für die Auswahl von Handlungen gezogen werden müssen. Was jemand tut, wenn er etwas als wahr eingesehen hat, bleibt ihm überlassen. Der Ernst der Wahrheit schlägt nicht durch auf die Auswahl der Handlungen. Diese gehorchen einem anderen Ernst.

Das Kommunikationsmedium Geld stellt den Erfolg von Zugriffen auf knappe Güter nicht dadurch sicher, daß derjenige, der zugreift, signalisiert, daß er ernsthaft Hunger hat, sondern dadurch, daß er seine Knappheit an Geld im gleichen Moment steigert, in dem er seine Knappheit an Gütern reduziert. Dann ist derjenige, der ihm zusieht und der auch Hunger hat, geneigt, stillzuhalten. Nicht der Ernst des Bedürfnisses, sondern die Unterwerfung unter eine kommunikative Regelung, nämlich die der Bezahlung für Zugriffe auf das Eigentum anderer, macht Wirtschaft möglich. Und auch die Liebe, letztes Beispiel, überzeugt nicht dadurch, daß sie behauptet, es sei ihr ernst; sondern sie führt vor, daß beide Beteiligten alles, was sie tun, so tun, daß deutlich ist, sie bedenken mit, daß ihr Tun in der Welt des anderen stattfindet. Wer es nur ernst meint, meint hier gar nichts. Er riskiert die Liebe der Geliebten und irgendwann auch die eigene.

Keine Kommunikation ist für ihr Verstehen und ihren Erfolg darauf angewiesen, daß es ihr ernst ist. Kommunikation unter Anwesenden, also Interaktion, steuert sich über wechselseitige Wahrnehmung, nicht über Ernst. Die Kommunikation von Entscheidungen unter den Mitgliedern einer Organisation steuert sich über die Auswahl Kontingenzen reduzierender und wieder schaffender Entscheidungen, aber nicht über den Ernst, mit dem das geschieht. Und auch die gesellschaftliche Kommunikation insgesamt steuert den Anschluß weiterer Kommunikation nicht dadurch, daß es ihr ernst ist, sondern dadurch, daß sie sicherstellt, daß zu aller Kommunikation sowohl ja als auch nein gesagt werden kann. Diese Dopplung der Ja-Welt durch eine Nein-Welt ist der Ruin allen Ernstes erster Ordnung und die Bedingung der Möglichkeit eines anderen, eines Ernstes zweiter Ordnung.

 

Der Ernst des Lebens

Wozu also überhaupt ernste Kommunikation? Wenn die Kommunikation selbst, also die Synthese der Selektionen von Mitteilung, Information und Verstehen, auf den Ernst nicht angewiesen ist, wer oder was ist dann auf ihn angewiesen? Bisher war von den an Kommunikation »beteiligten« Bewußtseinssystemen noch nicht die Rede. Macht Ernst Sinn in Bezug auf ein an Kommunikation beteiligtes Bewußtsein? Welchen Gewinn zieht ein Bewußtsein aus einer ernsten Kommunikation?

Analog zur Ironie, die ein Bewußtsein seine Differenz erleben läßt, ermöglicht es der Ernst, die Einheit von Kommunikation und Bewußtsein zu inszenieren. Der Ernst ist die Behauptung der Möglichkeit enger Kopplungen zwischen Bewußtsein und Kommunikation. Bewußtsein und Kommunikation lesen sich wechselweise mit Blick auf Konsequenzen und binden sich mit Blick auf diese Konsequenzen. Der ernste Mensch, so hält Sartre in seinen Tagebüchern am 11. März 1940 fest, ist »nur eine Konsequenz, eine unerträgliche Konsequenz, niemals ein Prinzip. Endlos steckt er in einer Reihe von Konsequenzen und sieht weit und breit nur Konsequenzen.« Wir können diesen Ernst nur noch in der Konnotation seiner Abwertung begreifen, denn die Ironie löste genau diese enge Kopplung auf und setzte Kontingenzchancen an deren Stelle.

Bevor die Romantiker die Ironie in diesem Sinne ins Spiel brachten, also die Kommunikation »depräzisierten«, wie Peter Fuchs sagt, setzte die Aufklärung auf die Vernunft im Sinne eines Versuches, die Kommunikation »rauschfrei« zu halten und Denken und Reden gemeinsam und gleichsinnig zur Sache kommen zu lassen. Der Ernst hält diesen Versuch auch dann noch fest, wenn auf die Vernunft kein Verlaß mehr ist. Der Ernst behauptet die enge Kopplung zwischen Kommunikation und Bewußtsein auch dann noch, wenn dafür außerhalb der Kommunikation und des Bewußtseins, also in irgendeiner Art Vernunft des Geistes, keine Grundlage mehr vorhanden ist. Der Ernst vertraut für die enge Kopplung nur noch auf die enge Kopplung selber.

Das aber drängt den Ernst ab in jene Bereiche von Kommunikation, in denen es um die Bereitstellung solcher Kopplungen geht, genauer gesagt: in jene Bereiche von Kommunikation, in denen Eingriffe ins Bewußtsein Sinn der Kommunikation sind. Angesichts der Differenz von Kommunikation und Bewußtsein bleiben solche Eingriffe operational unmöglich, aber das bedeutet nicht, daß die Kommunikation im Wissen um die Beteiligung des Bewußtseins an Kommunikation, im Wissen um die Selbstfaszination von Bewußtsein durch Sprache, es nicht trotzdem versuchen kann. Im Gegenteil. Erst die operative Unmöglichkeit macht diese Versuche sinnvoll. Der Ernst der Kommunikation beheimatet sich daher vornehmlich in all jenen Kommunikationen, in denen es um absichtliche Sozialisation, sprich: um Erziehung, geht. Der Ernst des Lebens wird für die Schule behauptet. Ernste Kommunikation ist Erziehungs- und Bildungskommunikation.

Dieser Ernst der pädagogischen Kommunikation ist es, der nicht mehr ernst genommen werden kann. Es handelt sich um eine Sozialisierungstechnik, die auch pädagogisch nur noch dann erfolgreich ist, wenn sie auf den »Ernst des Lebens« verweist und sich für die Kopplungen von Kommunikation und Bewußtsein in der Schulklasseninteraktion nicht auf den Ernst der kommunizierten Erziehungsabsichten, sondern auf die Steigerung der Chancen der Kontingenzwahrnehmung durch die Schüler verläßt. Der Ernst wird aufgerüstet zum »Problembewußtsein« und bleibt nur so kommunizierbar − prekär kommunizierbar allerdings, denn das Problembewußtsein riskiert, als Vehikel der Erziehungsabsichten durchschaut zu werden. Und es muß dieses Risiko sogar bis zu einem gewissen Grade suchen, weil anders der Erziehungserfolg begrenzt wäre. Auch die ernste Pädagogik muß immer auch dafür Sorge tragen, daß der Schüler zwischen Schule und Rest der Welt unterscheiden kann.

Es gibt also eine Systemreferenz für die ernste Kommunikation. Diese ist das Erziehungssystem. Nur dort macht der Ernst als Kopplungstechnik zwischen konsequenzenreichem Bewußtsein und konsequenzenreicher Kommunikation Sinn. Alle ernste Kommunikation außerhalb dieses Systems, so wäre die Hypothese, verwechselt etwas. Sie versucht, an den Erfolgsabsichten und -bedingungen des Erziehungssystems zu partizipieren und sieht nicht, daß dazu Kontexte gesellschaftlicher Vorgaben − zum Beispiel Klassenverbände, Konkurrenz unter Gleichaltrigen und Beobachtung der Erziehung anderer − erforderlich sind, die Robert Dreeben als »hidden curriculum« beschreibt. Nicht zuletzt wird durch die Universalisierung ernster Kommunikationzum Beispiel in die Wissenschaft hinein, in die Politik, in die Religion und in Organisationen der Erfolg der ernsten Kommunikation auch in der Erziehung gefährdet. Was in den vergangenen Jahren unter dem Stichwort der Dekonstruktion von Autorität betrieben und diskutiert wird, erscheint nicht zuletzt als eine Korrekturbewegung zu dieser Universalisierung, die selber der Erinnerung an die Aufklärung geschuldet ist.

 

Das Spiel mit dem Ernst

Aus all dem kann man nur den Schluß ziehen, daß es die Kommunikation selbst ist, die den Ernst unmöglich macht. Kaum jemand wußte dies besser als die Romantiker, die ausgiebig Gelegenheit hatten, die Aufklärer bei ihrem vergeblichen Bemühen um den Ernst zu beobachten und − zu ironisieren. Die Romantiker brachten den alten sokratischen Titel der Ironie wieder zu Ehren und lasen Sokrates nicht mehr nur als Weisen des Wissens, sondern mehr noch als Weisen einer viel zu lange abgewerteten Kunst der Rhetorik. Ihre Ironie wendet sich rhetorisch gegen die Rhetorik des kommunizierten Ernstes. Nichts an dieser Rhetorik ist beliebig. Nichts an ihr ist nur Effekt. Diese Rhetorik ist die Wiederentdeckung eines Wissens um Kommunikation, mit dem die Kultur des Ernstes allzulange hinter dem Berg gehalten hatte. Die Ironie spielt mit dem Ernst, zunächst, in der romantischen Ironie, um ihn im Wissen um ein Nicht-Wissen lächerlich zumachen, dann, in der wahren, der bescheidenen Ironie (so Kenneth Burke), um das Wissen des Nicht- Wissens selber zu explizieren.

Hier allerdings, so hat Nietzsche dann beobachtet, entsteht ein »neuer« Ernst. Dieser »neue« Ernst ist ein Ergebnis der Möglichkeit, mit dem Ernst zu spielen. Als entdecke man jetzt erst das Eigenverhalten der Kommunikation, ist der neue Ernst der Ernst der Kommunikation selbst. Dieser Ernst ist auf radikale Weise paradox. Man kann ihn nicht in Anspruch nehmen und ist ihm unvermeidbar ausgeliefert. Man kann sich nicht auf ihn berufen, darf sich jedoch immer auf ihn verlassen − vorausgesetzt, man widersteht der Neigung, ihn selbst zu kommunizieren. Das ist der neue performative Widerspruch, der noch jene ereilt, Apel und Habermas, die sich auf den alten performativen Widerspruch gestützt haben, daß selbst diejenigen, die von der Kommunikation keine Verständigung erwarten, nicht davon ablassen zu kommunizieren.

Der neue performative Widerspruch führt auf die alte, nicht ungefährliche Einsicht, daß die Sprache uns spricht. Oder anders: Es kommuniziert. Aber anders als bei Heidegger bedeutet diese Einsicht weder einen Aufruf zur Entschlossenheit (vor dem Krieg) noch einen Aufruf zur Gelassenheit (nach dem Krieg), sondern ein Plädoyer zur Untersuchung dessen, was da kommuniziert. Der neue Ernst ist das Ergebnis eines Spiels mit dem Ernst. Mit dem Ernst spielen zu können, heißt, ihn einerseits als andere Seite des Spiels, andererseits jedoch auch als Bedingung der Möglichkeit des Wechsels von der einen auf die andere Seite begreifen zu können. Der neue Ernst, so würde man mit G. Spencer Brown formulieren, ist die Einheit der Differenz von Ernst und Spiel und damit die Erfahrung der Ununterscheidbarkeit von Ernst und Spiel. Wenn die Ironie das Spiel mit dem Ernst ist, dann ist der neue Ernst die Erfahrung des Ernstes allen Spiels. Worin dieser neue Ernst liegt, hat Johan Huizinga in seinem Buch über den Homo ludens auf den Punkt gebracht, daß man den Ernst leugnen könne, das Spiel jedoch nicht.

Der Ernst des Spiels liegt darin, daß das Spiel etwas über die Unterscheidungen sagt, aus denen wir uns unsere Welt konstruieren. Das Spiel spielt mit dritten Werten. Es stellt die Unterscheidungen zwischen falsch und richtig, zwischen gut und böse, zwischen Mann und Frau, zwischen schön und häßlich, zwischen ja und nein für einen Moment zur Disposition. Darum ist das Spiel auf einen Anfang, auf ein Ende und auf Regeln angewiesen. Denn das Spiel mit Unterscheidungen ist riskant. Im Spiel zeigt sich nicht nur, was die Unterscheidungen taugen. Sondern es zeigt sich auch, daß die Unterscheidungen wählbare Unterscheidungen sind. Man kann zwar nicht nicht, aber man kann jeweils auch anders unterscheiden. Das ist es, was man sich merkt. Aber darum muß das Spiel auch aufhören. Sonst würde man Situationen, in denen Unterscheidungen zur Disposition stehen, mit solchen verwechseln, in denen das nicht der Fall ist: Man würde das Spiel mit dem Ernst verwechseln.

Daß sich bei jedem Spiel, auch beim Spiel mit der Ironisierbarkeit jeden Ernstes, die Unterscheidung zwischen Spiel und Ernst wieder neu einstellt, ist der neue Ernst. Der neue Ernst ist die Beobachtung einer Differenz zwischen Spiel und Ernst, die sich ihrerseits nicht dekonstruieren läßt. Diese Differenz ist dekonstruktionsrobust, weil sie der Konstruktion von Realität durch Kommunikation selbst zugrunde liegt. Eine Ironie, die sich auch hieran noch bewähren würde, müßte an die Konstruktion von Realität selber rühren. Das wäre die Ironie, die Paul de Man in seinem Aufsatz Rhetoric of Temporality als »Schwindel an der Grenze der Verrücktheit « beschreibt. Auch das könnte jedoch nur als Irritationstechnik überzeugen. Als »neuer Ernst« behauptet sich die Erfahrung, daß jede Irritation nicht auf die Außenseite der Welt führt, sondern in der Welt vorkommt und in der Welt bleibt. Es schwindelt einen, aber auch dieser Schwindel hat Grenzen.

 


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