Merkur, Nr. 88, Juni 1955

Brief an einen Vermissten

von Geno Hartlaub

 

Es ist tief in der Nacht, ich kann Dir die Stunde nicht sagen, denn ich habe die kleine Weckuhr zwischen den Kissen versteckt. Der aufdringliche Ton ihres Tickens hat mich eben aus einem Traum geweckt, er drängte sich ein in die atemlose Stille, durch die Du auf mich zukamst, über den unbegehbaren Weg einer Landschaft, die wie unter einem Glassturz in künstlichem Sphärenlicht lag. Erst war es nur eine leise Unruhe, mahnendes Klopfen an der unsichtbaren Glaswand: trau nicht dem, was Du vor Dir siehst, es ist Täuschung und Schein. Ich, die Uhr, bin wirklich. Mein Maß ist auch das Deine. Komm zurück aus den unausmeßbaren Räumen in meine Schule, meine Zucht. Eine Weile lag ich im Dunkeln und hörte dem Ticken zu. Dann streckte ich meine Hand nach dem Lichtschalter aus, und der eben noch uferlose Raum gerann in seine Grenzen: eine Zwergenstube, mit geblümtem Papier beklebt. Spiegel, Kommode, Stuhl und Tisch, die Getreuen, halten Schildwache um mein Bett. Alles hell und freundlich und still. Nur der Vorhang am Fenster bewegt sich ein wenig. Das kommt vom Wind, der draußen sein lustloses Spiel mit den Blättern der großen Eiche treibt. Ab und zu rüttelt er am Fenster der Zwergenstube, schüttelt Töne ab, die er auf seiner Fahrt durch den gewaltigen Luftraum gesammelt hat: verirrte Glockenschläge, den Pfiff einer Bahn überm Widerhall ihres Räderrollens, einen greisenhaften, unendlich vergrämten Hahnenschrei.

 

Die Uhr im Kissenversteck tickt nicht mehr, auch der Wind erstirbt, ich lösche das Licht. Doch nun finde ich den Einstieg zu den Stollengängen des Traumes nicht mehr. Eben noch war ich unten und habe meine Erinnerungen, die dort wie Hyazinthen im Dunkeln keimen, betrachtet. Seit meinem letzten Besuch sind sie gewachsen, haben Wurzeln bekommen und Blüten, nachtblau, violett, mit einem betörenden Duft, und noch vor ein paar Wochen schienen sie nichts zu sein als tote holzige Knollen. Hab ich dort unten im Bergwerk nicht auch Dein Bild beschworen, mühelos, mit den ersten Wellen des Schlafes, ohne das strenge Zeremoniell der Gedanken? Doch der Traum, der mich eben noch mit dem Atem Deiner Nähe, dem Vorgefühl Deiner Gegenwart bedrängte, ist schon verwelkt, zusammengeschrumpft, eine leere Hülse, eine taube Nuß. Du bist nicht da, wirst nicht kommen, hast uns alle im Stich gelassen. Bist verloren, verschollen, vermißt.

Ein Vermißter, siehst Du, ist etwas anderes als ein Toter. Man hat ihn nicht begraben, man geht nicht am Sonntag zu ihm auf den Friedhof hinaus mit Blumen und einem Schäufelchen, um die graue Erde aufzulockern. Er stört den Hausfrieden. Jeden Tag bringt er neue Unruhe von draußen herein. Läutet der Briefträger an der Wohnungstür, meldet sich ein fremder Besuch, sogleich fährt man aus seinen gewohnten Beschäftigungen auf: eine Nachricht, eine Botschaft, ein Zeichen? Oder gar der Verlorene selbst in veränderter Kleidung und Gestalt, so daß man ihn erst an seinem Lächeln und an seiner Stimme erkennen wird? Wartet er am Gartentor, steht er schon auf dem dunklen Flur, ist er unhörbar ins Zimmer eingetreten? Tote, siehst Du, sind bescheiden und still. Sie wissen, wo ihr Platz ist. Eine Fotografie an der Zimmerwand genügt, um die leise Unruhe, an der sie immer noch manchmal leiden, zu beschwichtigen. Es fällt nicht schwer, den rechten Umgangston mit ihnen zu finden. Spricht man dagegen von einem Vermißten, so kommt leicht ein Unterton von Ungeduld in die Stimme, eine Spur von Vorwurf, als habe er eine geheime Schuld an dem, was er uns antut. Er hat den unverzeihlichen Formfehler begangen, uns nicht in der gewohnten Weise zu unterrichten von seinem Untergang.

Ich habe es miterlebt, wie man Dich zu Hause, bei Deiner Familie, erwartete: erst voller Ungeduld, mit dem Hochmut der Besitzenden: was uns gehört, kann uns so leicht niemand nehmen. Jedes Familienmitglied besitzt eine Art von häuslicher Unsterblichkeit. Noch lange Zeit nach seinem Verlust spürt man es wie einen abgeschnittenen Arm, ein Zucken und Jucken in den nicht mehr vorhandenen Fingerspitzen. ,Dies gehört Thomas‘, sagt Deine Mutter in wunderlicher Zerstreutheit, ,hier riecht es nach Rauch. Genau wie bei Thomas. Er vergißt immer, die Aschenbecher herauszustellen.‘ Aus ihrer Stimme klingt der Ärger der Hausfrau, die ihren großen Kummer über den Alltagssorgen für ein paar Minuten vergißt.

Zu Hause wird man nie richtig erwachsen, auch sterben lassen sie einen nicht. Sie können es nicht begreifen, daß einer, der immer dabei war, nicht wiederkehrt. Stündest Du heute plötzlich an der Tür, verwahrlost, verwildert, mit hohlwangigem Gesicht, sie würden Dich aufnehmen wie den verlorenen Sohn, ohne zu fragen, was Du inzwischen erlebt hast: Laßt ihn in Ruhe, er wird zwanzig Stunden lang in dem alten knarrenden Mahagonibett schlafen, wird das Tödliche, das er von draußen mitbrachte, ausschwitzen und am Morgen zum Frühstück kommen, im Schlafrock, mit einem Brummschädel wie nach durchfeierter Studentennacht, wird wie früher das Brötchen überm Tischtuch zerkrümeln und vier Stücke Zucker in die Teetasse tun.

Ich war dabei, wenn Deine Angehörigen jeden Besucher, der nichts davon wissen wollte, mit einem Sturm von Fragen und Klagen bedrängten: Warum uns dies, er war ja noch nicht einmal richtig Soldat. Sie wissen doch, er ist Archäologe, er hatte einen Forschungsauftrag, Ausgrabungen im afghanischen Grenzgebiet. Zu Beginn des Krieges wurde er gefangen, interniert, korrekt und nach Völkerrecht, später kam er in ein anderes Lager, weiter östlich, war krank, sehr krank. Plötzlich verschwindet sein Name aus den Listen, aber ein Freund, der mit ihm zusammen war, hat ihn auf einem Schiffstransport unter den Gefangenen gesehen, der Dampfer, so heißt es, wurde torpediert, doch es gab Überlebende. Das Ganze, hören Sie auch zu, ist ein Sonderfall, gar nicht hoffnungslos, man kann die Hilfe von Konsulaten in Anspruch nehmen. Wie oft habe ich ihn mit angehört, diesen Bericht mit dem offenen Ende, der sich allmählich in eine Legende verwandelt. Von einem bestimmten Tag an war das Thema wie auf stille Vereinbarung plötzlich verboten. Man fragte und forschte nicht mehr. Besucher, die ins Haus kamen, vermieden es, Deinen Namen auszusprechen. Etwas von schlechtem Gewissen liegt in diesem Verstummen. Auch Deine Mutter wahrt das Schweigen wie ein ungeschriebenes Gebot. Nur neulich erzählte sie mir einmal, sie habe geträumt, Du seist irgendwo auf einer Hochebene in roter Erde begraben. Dabei starrte sie mich an, als sei es ein besonders schrecklicher Gedanke, in der fremden roten Erde zu ruhen statt in der staubig grauen auf dem Friedhof der Heimatstadt.

In letzter Zeit sind meine Besuche bei Deiner Familie selten geworden. Es ist wahr, sie achten mich immer noch als Deine Verlobte, aber mir ist, als hätte ich nichts mehr mit ihnen zu tun. Seitdem Du mich verlassen hast, fühle ich mich nirgends zu Hause. Die Beschäftigungen des Tages fallen mir schwer. Manchmal betaste ich heimlich die Möbel meines Zimmers, als wollte ich sie fragen: seid ihr auch wirklich das, wofür man euch hält, könnt ihr die Dinge tragen und vorm Absturz ins Nichts bewahren? Gern sitze ich am Fenster und blicke hinaus auf das Himmelsdreieck, das die Dächer der Nachbarhäuser aussparen. Für die anderen bin ich so etwas wie die ewige Braut. Sie kann nicht vergessen, der Schmerz läßt sie verwildern. Sie sagen, in meinem Gesicht sei etwas vom einfältigen Ernst der Jungfrauen an Kathedralenpforten, die ihr Leben lang vergeblich auf die Ankunft des Bräutigams warten. Doch diese Erwartung ist nicht der Grund, weshalb ich erschrecke beim Eintritt in fremde Räume, beim Aufschließen der Wohnungstür. Manchmal zweifle ich sogar daran, ob Du es noch bist, auf den ich warte. Vielleicht hat sich unmerklich ein anderes Gesicht an die Stelle meiner Erinnerung geschoben, die Du besetzt hältst, und Du bist nur der Stellvertreter eines Unsichtbaren, der sich niemals zeigen wird.

Noch seh ich Dich vor mir, in der Minute des Abschieds, wie Du an der Reling des Frachters lehnst mit aufgestützten Armen und hochgezogenen Schultern, die Stirn zerfurcht von der Mühe, die auseinanderflatternden Schwärme der Gedanken zusammenzuzwingen und auf mich zu richten, die ich zurückbleibe, fröstelnd und bedrückt vom schweren Schatten des vor mir aufragenden Schiffsrumpfes. Da ist Deine winkende Hand, bloßgelegt bis in jedes Gelenk, da ist das Geflecht des Haltetaus, das Gestänge um den Hebebaum, da ist der Geruch nach Qualm, Fisch und Teer, das Labyrinth ineinander verschlungener Geräusche. Wie eine Lupe holt die Erinnerung alle Einzelheiten jener fernen Stunde herbei. Doch es gibt Tage, an denen gleichst Du nur noch einem Punkt am Horizont, Schnittpunkt der Fluchtlinien vieler Gedanken – möglich, daß es ihn gar nicht gibt, man konstruiert ihn nur, er ist eine mathematische Größe. Dann wieder kommst Du mir nah und begleitest mich unsichtbar auf allen Wegen. Kein Ereignis des Tages, zu dem Du nicht ungefragt Deine Meinung kundgibst, spöttisch, gelassen oder zerstreut. Es kommt vor, daß mir Deine Überwachung lästig wird, denn sie vergällt mir jeden Genuß. Dann verbitte ich mir Deine Einmischung und fordere Dich auf, zu schweigen. Um endlich Ruhe zu haben, scheue ich nicht vor dem Letzten zurück: Ich lasse Dich sterben.

Keine Todesart, die ich Dir nicht schon zugedacht hätte in solchen Stunden: Seuchen auf den unsauberen Betten südöstlicher Hospitale mit Hitze und Fliegenwolken, Karbolgestank und stöhnenden Nachbarn, die Dir das Sterben in allen Stationen vormachen. Du aber schließt die Augen und versuchst, Dich an einen anderen Ort der Welt zu versetzen, in ein Paradies ohne Schmerz und Lust. Manchmal verhilft jene kleine Tablette dazu, die Dir die dunkelhäutige Schwester am Abend bringt als stumme Botin des Glücks. Nach den ersten Atemzügen lockert sich die Fessel des Schmerzes, Du schlüpfst heraus wie der Artist aus einer kunstvollen Verschlingung und begibst Dich auf die Wanderschaft, erst laufend und hüpfend, ein Vogel, der seinen Flügeln nicht traut. Ein Windstoß trägt Dich davon, Du steigst empor, nur noch vibrierender flügelschlagender Leib mit dem Getriller einer Lerche in der Kehle. Aber die Lerche ist nicht frei, ein dünner, sich endlos abspulender Seidenfaden verbindet sie mit dem ans Bettgestell gefesselten Häftling, der weiß, das Glück der Freiheit ist nichts als ein wenig Chemie, ist Betrug, hat Anfang und Ende. Fünf Stunden Frist und die Tür zum Paradies fällt ins Schloß. Vorm Fenster des Hospitals zieht das Frühlicht auf, graugrün, unausgeruht, mit einem rötlichen Ausschlag auf der Himmelshaut, der das Nahen einer fiebernden Sonne verkündet.

Manchmal bekomme ich Mitleid, dann erlöse ich Dich vom Bett des Hospitals und vom schleichenden Sterben. Lasse Dich wegreißen durch einen Schuß, einen Schlag, eine Explosion wie ein Stück toten Stoffes, einen Baumstamm, einen Felsbrocken. Im Sturz bekommst Du noch den Zipfel eines Gedankens zu fassen: so also ist der Tod, ich hatte ihn mir anders vorgestellt. Der Ausdruck einer leeren Verwunderung liegt auf Deinem Gesicht, das in einer Pfütze badet, in den halb geöffneten Mund dringt die Erde ein. Dein Leib schleift im Staub wie der Leichnam der Sagenhelden hinterm Wagen des Siegers. Aber auch diesen Anblick ertrage ich nicht lange. Ich hebe Dich wieder auf aus dem Straßenstaub und überlasse Dich den Wasserfluten. Schenke Dir den Tod auf hoher See, an Deck eines alten Frachters. Er ist überfüllt mit Gefangenen, die teilnahmslos in den Gängen, auf den Treppen herumliegen. Der Luftdruck der Detonation läßt sie durcheinanderwirbeln. Du klammerst Dich an die Wand der Kommandobrücke. Klirren von Glas, Knirschen von Metall, Schreien von Verwundeten betäubt Deine Sinne, doch bleibt Dir Zeit genug zu einem Aufblick in die chaotische Leuchtschrift des Nachthimmels und zu ein paar hellen und heiteren Tagesgedanken jenseits der Sturm- und Schreckensszenerie, an ein Schachspiel. Du hast es kürzlich verloren, doch jetzt, in der Spanne zwischen der Detonation der Mine und dem gurgelnden Eindringen der Wassermassen, fällt Dir der Zug ein, der die Partie zu Deinen Gunsten entschieden hätte.

Genug des Grauens. Aus welchem Grund muß ich Dich denn sterben lassen? Ich will den Tod verscheuchen und umherwandern wie das Märchenkind, das die Knöchelchen des Ermordeten einsammelt, kein einziges darf verlorengehen. In der Krone des Baumes überm Grab sitzt der Vogel Kiwitt und schreit, wenn ich zu früh aufhören will mit dem Sammeln. Endlich ist er still, noch ein einziges Zauberwort und Du stehst wieder vor mir, heil und ganz. Du lebst, Du wartest nur auf eine bestimmte Stunde, um Dich zu zeigen. Vielleicht hast Du einen Grund, Dich so lange verborgen zu halten, das wird sich schon aufklären. Eines Tages werden meine Sinne den schweren Vorhang durchdringen, der mich von Dir trennt.

Ich will Dir berichten, will alle Dinge, die sich inzwischen ereignet haben, für Dich sammeln und festhalten, nichts darf verlorengehen. Doch in welcher Sprache soll ich erzählen? Bist Du nicht lange schon taub geworden für das Gerede aus unserer kleinen Haus- und Küchenwelt? Wirst Du Dich nicht gelangweilt abwenden, wenn ich Dir in der treuherzigen Art alter Familienromane vom Ergehen Deiner Angehörigen berichte: Deine Mutter leidet an hohem Blutdruck, Deine Schwester ist von ihrer Reise mit einem Koffer voll fremdländischer Kleider und einer Lungenentzündung zurückgekommen, der kleine Peter, Dein Neffe, wird von einem Studenten in Latein unterrichtet, Dein Bruder macht im Exporthandel gute Geschäfte, am vorigen Mittwoch haben wir meinen Geburtstag gefeiert, vor vierzehn Tagen starb ein großer Mann der Politik, alle Fahnen wehten auf Halbmast . . . Das geht so fort, läppert sich weiter, zieht sich entlang am Faden der Zeit. So kramt die Großmutter an Winterabenden bei Bratäpfeln und Kaminfeuerprasseln den Sack ihrer Erinnerungen aus. Erst gestern geschehen, doch schon gebucht, abgeschlossen, versiegelt. Wie die Sprache lügt! Die Wahrheit, die für Dich gilt, richtet sich nicht nach grammatischen Regeln, sie kennt weder Perfekt noch Imperfekt, für sie sind alle Dinge gleich nah und gleich fern. Manchmal mache ich einen Versuch, eine neue Art des Erzählens für Dich zu finden. Doch nach ein paar kühnen Luftsprüngen stürze ich ab, falle zurück, werde unsicher, wandle in vorgezeichneten Spuren. Mache mich gemein mit den alten Genossen: Perfekt und Imperfekt, da seid ihr ja wieder, laßt uns zusammen anstoßen und trinken. Ich habe inzwischen einen Ausflug in fremde Bereiche gemacht. Reden wir nicht mehr davon, es war gefährlich, Prost! Was gibt’s Neues bei euch? Anekdoten, Tragödien, Stammtischwitze?

Ich kann mich nicht anpassen an Deinen Zustand der Schwebe zwischen Sein und Nichtsein. Immer wieder berichte ich Dinge, die Dir nicht einmal ein Schulterzucken abnötigen, und andere, die Deine Anteilnahme erregen könnten, lasse ich aus. Dabei weiß ich, auch die Stille schafft Dir Leiden. Du brauchst meinen Beistand, meine Stimme. Ab und zu befällt Dich ein Hunger, gegen den unsere ärgsten Qualen nicht mehr schmerzen als ein Mückenstich. Es ist der Hunger der Leere nach der Fülle, eine Kraft, gewaltig genug, um das Innere der Welt nach außen zu stülpen. Ich aber kann Dir nicht helfen. Keines meiner Worte reicht bis in jene Wüsten und Wälder, in denen Du Dich verirrt hast. Es wird alles so bleiben wie jetzt. Ich werde mich fügen und leben wie jedermann, will tun, was man von mir verlangt.

Nur einmal im Jahr wird Unruhe über mich kommen, eine Sehnsucht nach unverstelltem Himmel und Horizont. Dann werde ich ausbrechen und ein paar tolle Nächte in gleichgültiger Gesellschaft verbringen, denen ein paar bittere, einsame folgen. Ich werde warten auf ein Telegramm, einen Brief, werde den Wind an den Läden des Hotelzimmers zerren hören, im Regen umherlaufen, in Lokalen sitzen und fremden Menschen in die Gesichter blicken. Und dann, eines Morgens, wenn der Wind umspringt und vom Süden weht, warm und schwindeltreibend und erfüllt mit Gerüchen, kehre ich zurück, kitte mit eigener Hand das eingerissene Mauerwerk meines Gefängnisses. Und nichts geht über den Abend der Heimkehr mit Kerzengeruch und Kindheitsenge auf dem Hocker, der Fußbank, nahe den Teppichranken. Lust, Kastanien zu braten, Erwartung wie in der Weihnachtszeit, wenn Knecht Rupprecht kommt, vom Walde draußen, von dort, wo man selber noch eben war, aus der Wirrnis, mit nassem Bart, Flechten im Haar, die Augenbrauen starrend von Eiskristallen.

Doch schon am Morgen darauf, während ich mit dem blinden Eifer der Hausfrau die Stühle auf die Tische stelle und den Staub vom Boden kehre, kommt der erste Rückfall. Die Luft in der weihnachtlichen Stube ist schal und muffig geworden. Ich öffne das Fenster, lehne mich hinaus und starre ins Leere. Rühre mich nicht von der Stelle und warte, bis sich ein winziges Wesen, kahlgeschoren, armselig, nackt, von der Figur im Fensterrahmen ablöst und nach dem Horizont hin zu wandern beginnt, um sich irgendwo, hinter zahllosen Wald- und Gebirgskulissen, an jener Grenze, da Himmel und Erde sich durch die Brücken der Wolken berühren, mit Dir zu vereinen.

 

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