Merkur, Nr. 12, Februar 1949

Vorbemerkung des Herausgebers: Nach zwölf Jahren des Schweigens tritt der Dichter Gottfried Benn dieser Tage mit neuen Werken an die Öffentlichkeit. Der Limes-Verlag, Wiesbaden, legte soeben einen Band Gespräche unter dem Titel „Drei alte Männer“ vor. In Kürze werden eine Berliner Novelle „Der Ptolemäer“ — mit den von uns in Auswahl gebrachten Fragmenten „Roman des Phänotyp“ vereinigt —, ferner der Band „Statische Gedichte“ und die Essaysammlung „Ausdruckswelt“ erscheinen. Als wir uns im legten Sommer an den Dichter wandten, dankte er uns mit einem Brief, den zu veröffentlichen er uns ermächtigte, und der aus Anlaß seines Beitrags in diesem Heft, nur unwesentlich gekürzt, vorgelegt sei. 

Ein Berliner Brief

von Gottfried Benn

Berlin, Sommer 1948 … Zu Ihrem Anheimstellen eines Beitrages von mir für den Merkur erlaube ich mir Folgendes zu bemerken: Ich bin in der besonderen Lage, seit 1936 verboten und aus der Literatur ausgeschlossen zu sein und auch heute weiter unverändert auf der Liste der unerwünschten Autoren zu stehen. Ich kann mich daher nicht entschließen, mit einem beliebigen Beitrag nach so langer Zeit wieder in der Öffentlichkeit zu erscheinen, der vielleicht in den Rahmen einer festgefügten Zeitschrift und in den Geschmack eines innerhalb bestimmter geistiger Grenzen lizenzierten Herausgebers passen könnte. Ich selber müßte den Beitrag nach Art und Umfang genau bestimmen können und darauf sehen, daß er meine neuen Ideen vertritt …

Denn ich habe in den zurückliegenden Jahren einige neue Bücher geschrieben, die mich selbst zu erweiterten Erfahrungen gebracht haben, die aber im deutschen Literatur- und Kulturbetrieb nicht gefällig wirken würden … Damit Sie nicht auf falsche Gedanken kommen, füge ich hinzu, daß mein Fragebogen in Ordnung ist, wie zahllose Recherchen und Nachprüfungen innerhalb meiner ärztlichen Sparte ergeben haben, ich gehörte weder der Partei an noch einer ihrer Gliederungen, ich falle nicht unter das Gesetz −, um so schwerwiegender wird dadurch die Argumentation der Kreise, die mich nicht wieder in der Literatur zulassen wollen.

Ich weiß nicht, wer zu diesen Kreisen gehört und ich habe keinen Schritt unternommen, um mit ihnen in Berührung zu kommen. Der Ruhm hat keine weißen Flügel, sagt Balzac; aber wenn man wie ich die letzten 15 Jahre lang von den Nazis als Schwein, von den Kommunisten als Trottel, von den Demokraten als geistig Prostituierter, von den Emigranten als Renegat, von den Religiösen als pathologischer Nihilist öffentlich bezeichnet wird, ist man nicht so scharf darauf, wieder in diese Öffentlichkeit einzudringen. Dies um so weniger, wenn man sich dieser Öffentlichkeit innerlich nicht verbunden fühlt. Ich meinerseits habe es nämlich nicht unterlassen, die literarische Produktion der vergangenen drei Jahre auf mich wirken zu lassen und mein Eindruck ist folgender: Innerhalb des Abendlandes diskutiert seit vier Jahrzehnten dieselbe Gruppe von Köpfen über dieselbe Gruppe von Problemen mit derselben Gruppe von Argumenten unter Zuhilfenahme von derselben  Gruppe von Kausal- und Konditionalsätzen und kommt zu derselben Gruppe von sei es Ergebnissen, die sie Synthese, sei es von Nicht-Ergebnissen, die sie dann Krise nennt − das Ganze wirkt schon etwas abgespielt, wie ein bewährtes Libretto, es wirkt erstarrt und scholastisch, es wirkt wie eine Typik aus Kulisse und Staub. Ein Volk oder das Abendland, das sich erneuern möchte, und manches läßt darauf schließen, daß es sich auch noch erneuern könnte, ist mit dieser Methode nicht zu regenerieren.

Ein Volk regeneriert sich durch Emanation von spontanen Elementen, nicht durch Pflege und Hochbinden von historisierenden und descriptiven. Diese letzteren aber füllen bei uns den öffentlichen Raum. Und als Hintergrund dieses Vorgangs sehe ich etwas, das, wenn ich es ausspreche, Sie als katastrophal empfinden werden. Das Abendland geht nämlich meiner Meinung nach gar nicht zugrunde an den totalitären Systemen oder den SS-Verbrechen, auch nicht an seiner materiellen Verarmung oder an den Gottwalds und Molotows, sondern an dem hündischen Kriechen seiner Intelligenz vor den politischen Begriffen. Das Zoon politikon, dieser griechische Mißgriff, diese Balkanidee − das ist der Keim des Untergangs, der sich jetzt vollzieht. Daß diese politischen Begriffe die primären seien, wird von dieser Art Intelligenz der Clubs und Tagungen schon lange nicht mehr bezweifelt, sie bemüht sich vielmehr nur noch, um sie herumzuwedeln und sich von ihnen als tragbar empfinden zu lassen. Dies gilt nicht nur für Deutschland, das sogar in dieser Hinsicht in einer besonders schwierigen, fast entschuldbaren Lage ist, sondern ebenso für alle anderen europäischen Intelligenzen, allein aus England hört man gelegentlich eine andere Apostrophierung.

Werfen wir nun einen kurzen Blick auf diese politischen Begriffe und ihren Gehalt an degenerierender und regenerativer Substanz −, z.B. Demokratie, als Staatsprinzip das beste, aber zum Produktiven gewendet absurd! Ausdruck entsteht nicht durch Plenarbeschlüsse, sondern im Gegenteil durch Sichabsetzen von Abstimmungsergebnissen, er entsteht durch Gewaltakt in Isolation. Oder das Humanitäre, ein Begriff, den die Öffentlichkeit geradezu mit numinosem Charakter umkleidet, − natürlich soll man human sein, − aber es gab hohe Kulturen, darunter solche, die uns sehr nahe stehen, die diesen Begriff überhaupt nicht realisierten, die Ägypter, Hellenen, Yukatan −, sein Sekundärcharakter im Rahmen des Produktiven, sein antiregenerativer Zug ist evident. Alles Primäre entsteht explosiv, später erfolgt die Finessierung und Applanierung − eines der wenigen unanfechtbaren Ergebnisse der modernen Genetik. Diskontinuierlich, nicht historisch mutiert die Entelechie. Das ist ein allgemeines Gesetz. Wo aber immer bei uns sich im Geistigen etwas Primäres andeutet, ein vulkanisches Element, greift die Öffentlichkeit ein mit Abtreibung und Keimzerstörung; erscheint die oben genannte Gruppe mit ihren Clubdebatteuren, Round-table-Vor- und Beisitzern, Versammlungsmatadoren, ruft auf, sammelt Unterschriften im Namen von Vergangenheit und Zukunft, von Geschichte, von Enkelversorgung, von Mutter und Kind; − die Kulturphilosophen, Kulturdeuter, Krisenphänomenologen strömen zusammen, denunzieren, eliminieren, rotten aus − und natürlich auch die Herren Chefredakteure in ihren großen Presse-Limusinen als die beruflichen Dammrißflicker, leider heute, wie meistens, vor der Geburt − und alles dies zum Schutz von Demokratie und Humanität, − was soll also eigentlich das ganze Gerede vom Abendland und seiner Erneuerung und seiner Krise, wenn man sich doch nur das erneuern lassen will, was schon längst da ist, in seinem Rahmen nützlich, aber als Regenerationsprinzip in Ausgangs- und Umschlagsstunden nur Atrophie und Formentspannung in seinem Schoße bergen kann.

Die Lage ist bedauerlich, denn neue Elemente sind vorhanden, das Abendland möchte einen neuen Absprung wagen. Es ist für mich kein Zweifel, daß eine cerebrale Mutation im Anzug ist, niedergehalten von allem, was Öffentlichkeit heißt, unter Führung der staatlich geregelten Ausrottung alles Wesens. Und hier beginnt die Tragödie. Die Öffentlichkeit hat Recht, sie hat geschichtlich Recht. Denn die Elemente deuten auf ein Wesen, das zerstörerische Züge trägt, neue, und das sind immer neue erschreckende Züge des depigmentierten Quartärs −, der Mensch ist etwas anderes, als die vergangenen Jahrhunderte dachten, als sie voraussetzten, und in seinen neuen Gedankenkonstruktionen wird er der abendländischen Idee von Geschichte keinen andern Ort zuweisen als dem Wodukult oder dem Schadenzauber der Schamanen.

Gegen diese Öffentlichkeit meine eigenen tragischen Gedanken halten, ist nicht mein Beruf. Ich trage meine Gedanken alleine; zu ihrem Gesetz gehört, daß einer, der seine eigene innere Grenze überschreitet und ins Allgemeine möchte, unberufen, unexistentiell und peripher vor dieser Stunde erscheint. Ich trage auch die Einwände gegen sie alleine. Aesthetizismus, Isolationismus, Esoterismus − »der Kranichzug der Geistigen über dem Volk«, − in der Tat, für diesen Vogelzug bin ich spezialisierter Ornithologe, für diesen Zug, der niemanden verletzt, zu dem jeder aufblicken kann, nachblicken kann und ihm seine Träume übergeben. Sie richten sich also gegen den tierischen Monismus, daß alles zusammenpassen muß, alles für jeden da sein ohne inneres Erarbeiten, ohne Rückschläge, ohne das Erleben von Versagen, ohne haltungsbestimmende Resignation. Und dann zielen sie auf einen Vorgang, der sich mir zu nähern scheint: das kommende Jahrhundert wird die Männerwelt in einen Zwang nehmen, vor eine Entscheidung stellen, vor der es kein Ausweichen und keine Emigration gibt, es wird nur noch zwei Typen, zwei Konstitutionen, zwei Reaktionsformen zulassen: diejenigen, die handeln und hochwollen und diejenigen, die schweigend die Verwandlung erwarten, die Geschichtlichen und die Tiefen, Verbrecher und Mönche − und ich plädiere für die Schwarzen Kutten.

Und damit endet mein Brief, für dessen Länge und Art ich um Entschuldigung bitte. Sie winkten mir freundlich mit einem Handschuh und ich erwidere mit Etwas wie einer Nilpferdpeitsche. Aber ich wiederhole nochmals, ich verallgemeinere nichts, ich erweitere meine Existenz nicht über meine Konstitution. Sie sollten nur aus meinen Zeilen entnehmen, daß meine Besorgnis, nicht wieder gedruckt zu erscheinen, keine große sein kann, − mein Nihilismus ist universal, er trägt −, er weiß die unausdenkbare Verwandlung.

Und damit leben Sie wohl und nehmen Sie Grüße aus dem blockierten, stromlosen Berlin, und zwar aus dem seiner Stadtteile, der in Konsequenz jenes griechischen Mißgriffs und der sich aus ihm herleitenden geschichtlichen Welt nahe am Verhungern ist. Geschrieben in einem schattenreichen Zimmer, in dem von 24 Stunden zwei beleuchtet sind, denn ein dunkler, regnerischer Sommer nimmt zusätzlich der Stadt die letzte Chance eines kurzen Glücks und legt seit dem Frühjahr einen Herbst über ihre Trümmer. Aber es ist die Stadt, deren Glanz ich liebte, deren Elend ich jetzt heimatlich ertrage, in der ich das zweite, das dritte und nun das vierte Reich erlebe und aus der mich nichts zur Emigration bewegen wird. Ja, jetzt könnte man ihr sogar eine Zukunft voraussagen: in ihre Nüchternheit treten Spannungen, in ihre Klarheit Gangunterschiede und Interferenzen, etwas Doppeldeutiges setzt ein, eine Ambivalenz, aus der Centauren oder Amphibien geboren werden.

Mit Wünschen für Ihr persönliches Wohlergehen

Ihr sehr ergebener Gottfried Benn

 

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