Merkur Nr. 577, April 1997

Stadt und Urbanität

von Hartmut Häußermann und Walter Siebel

 

Urbanität verbinden wir seit Georg Simmels Essay Die Großstädte und das Geistesleben mit Größe, Dichte und Vielfalt, aber auch mit einer bestimmten Gestalt der Stadt. Dieses Bild enthält drei formale Elemente: Zentralität, also ein bauliches und funktionales Gefälle vom Zentrum zur Peripherie; Gegensatz zum Land, also ein klar ausgeprägtes Gegenüber von Stadt und Land; funktionale und soziale Mischung, also ein Nebeneinander von Wohnungen, Geschäften, Betrieben, Cafés, Vergnügungsstätten, Armen und Reichen, Jungen und Alten auf engem Raum. Grundlage dafür ist das Bild der vorindustriellen Stadt, angereichert um Elemente der Industriegesellschaft: anonyme Massen, industrieller Rhythmus, aufkommender Massenkonsum.

Die anziehendsten Bilder von der »urbanen Stadt« entstammen einer Übergangsepoche, als die vorindustrielle Gestalt der Stadt und die Funktionen und Erregungen der aufkeimenden Moderne buchstäblich im Raum aufeinanderprallten. Die Gestalt der europäischen Stadt war noch nicht im Siedlungsbrei verschwunden, aber ihre soziale Enge, ihre politischen und ökonomischen Verkrustungen waren von der Dynamik der kapitalistisch organisierten Industriegesellschaft bereits aufgebrochen. Diese prekäre Spannung ist jedoch abgeklungen, und seitdem gibt es nur noch die traurigen Erzählungen der Kulturkritik vom Verlust der Urbanität und die aussichtslosen Bemühungen des Städtebaus, sie zu rekonstruieren.

Die Auflösung der Gestalt der urbanen Stadt beginnt bereits Ende des 19. Jahrhunderts. Die Industriegesellschaft benötigte die Stadt nur noch als Agglomeration von Arbeitskräften und Kunden. Sie schuf ihre Fabriken, Infrastrukturen Und Wohngebiete außerhalb der alten Bürger- und Residenzstädte. Wo vorindustrielle Stadtkerne nicht existierten − wie im nördlichen Ruhrgebiet oder in weiten Teilen Nordamerikas −, entstand eine gänzlich neue Siedlungsstruktur, eine »verstädterte Landschaft ohne eigentliche Stadt« (Lutz Niethammer), die den von Marx und von der Gartenstadtbewegung gehegten utopischen Hoffnungen einer Überwindung des Stadt-Land-Gegensatzes eher ähnelt als den Städtebildern, wie wir sie von Merianstichen her kennen.

Wo, wie fast überall in Europa, die Industrie sich an die alten Städte anlagerte, war Stadtentwicklung bis in die dreißiger Jahre vor allem Stadterweiterung: Die Industriegürtel und die Wohngebiete der Gründerzeit wurden an die alte Stadt angebaut, blieben direkt auf sie bezogen, die Entfernungen konnten noch nicht groß sein. Auch die Entwicklung der Stadtkerne folgte dem Muster einer allmählichen Erweiterung in konzentrischen Kreisen: Die typische Form der Innenstadtentwicklung seit der Jahrhundertwende war die »City-Erweiterung«. Die zentral gelegenen Funktionen brauchten mehr Platz, sie wanderten aber nicht ab, sondern dehnten sich in die Randgebiete der Innenstadt aus.

Im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts beschleunigt sich diese Entwicklung. Die Stadtplaner überhöhen mit ihren Leitbildern von der Überwindung des Stadt-Land-Gegensatzes (Gartenstadt) und von der Trennung der städtischen Funktionen Arbeiten, Wohnen, Erholung und Verkehr (Charta von Athen) die Tendenzen der Entdichtung und Entmischung der kompakten und komplexen Stadt. Der Bau geschlossener Siedlungen am Stadtrand in den zwanziger Jahren ist der erste absichtsvolle Schritt zu einer geplanten Suburbanisierung, die mit der Automobilisierung und dem Großsiedlungsbau in den fünfziger und sechziger Jahren dann zur massenhaften Bewegung in der Bundesrepublik wird. Noch aber bleiben dies »Vororte«, »Siedlungen«, funktional eindeutige Trabanten der Großstadt.

Seit den siebziger Jahren aber bricht diese Entwicklung um: Handel und sonstige Dienstleistungen ziehen der Bevölkerung hinterher, die Zuwanderung in die Städte stagniert, ihre Einwohnerzahlen gehen zurück. Zu dieser Suburbanisierung kommt die Krise der industriellen Stadt: Nun wandert auch die Produktion aus. Die zentrifugalen Tendenzen werden übermächtig, die »alte Stadt« scheint zu erodieren. Verschwindet damit die urbane Stadt? Löst sie sich auf, wird es nur noch undifferenzierten Siedlungsbrei geben? Und wird damit die Stadtkultur beschädigt?

 

Auflösung der Stadt

Betrachtet man die neuere Stadtentwicklung in den USA und Europa, dann dominieren die zentrifugalen Tendenzen. Ökonomische Rationalität und technische Möglichkeiten erlauben es heute, daß die städtischen Funktionen sich in alle Richtungen verstreuen. Was früher einen zentralen Standort beanspruchte, weil es für Arbeitskräfte und Kunden gut erreichbar sein mußte, unterliegt heute keinen eindeutigen Standortanforderungen mehr – und wenn, dann sind es nicht mehr die Innenstädte. Das gilt für die industriellen Arbeitsplätze, für die großen Handelseinrichtungen, für die neuen Dienstleistungsbetriebe und − allem Anschein von »Wiederbelebung« zum Trotz − auch für das Wohnen.

Historisch war der Handel Ursprung und zentrales Agens der Stadtbildung. Aus den Marktbuden wanderte er in die Häuser der Innenstadt, er war Träger der »City-Bildung« um die Jahrhundertwende, als die Kaufhäuser entstanden, die den Marktplatz in sich aufsogen. Diesen ersten Quantensprung zum Massenkonsum konnten die Innenstädte noch auffangen, aber der zweite seit den siebziger Jahren geht an ihre Existenz. Die Rationalisierung im Einzelhandel, nach deren unerbittlicher Logik die Verkaufsflächen beständig ausgeweitet und die Einzugsbereiche vergrößert werden, hat einen gigantischen Konzentrationsprozeß bewirkt. Auf der grünen Wiese spreizen sich die Einkaufszentren mit einem sorgfältig komponierten Angebotsmix, das auch die »Erlebnisqualität« der traditionellen Innenstadt bieten soll, Simulationen von Stadt. Beim modernsten Typ handelt es sich längst nicht mehr um bloße Einkaufszentren, sondern um Freizeit- und Erlebnisparks (mit Kino, Gastronomie, Schwimmbad usw.), in denen man auch einkaufen kann. Die Innenstädte können weder die Flächen noch den Verkehrsanschluß bieten, die solche Konsummonster brauchen. Deren Orte sind die Autobahnkreuze. Die Industrie hat die Städte weitgehend verlassen. Die Arbeitsplätze sind ins Umland oder noch weiter aufs Land gewandert, sind entweder wegrationalisiert oder ins Ausland verlagert worden. Wo Fabriken, Schlachthöfe oder Hafenanlagen aufgegeben werden, entstehen Löcher in den Städten. Diese Löcher liegen in den Stadterweiterungsgebieten der Gründerzeit, beziehungsweise in jenen Städten, die mit der Industrialisierung erst entstanden sind, mittendrin (zum Beispiel Oberhausen). Wann, wo und aus welchem Grund solche Löcher im Stadtkörper aufgerissen werden, erfährt die Stadtplanung meist erst, wenn es geschieht. Die Lücken entstehen unsystematisch, sind nicht vorhersehbar und daher auch nicht einplanbar.

Neue Dienstleistungskomplexe entstehen an den Ausfallstraßen, mit Vorliebe in der Nähe zum Flughafen, die Hotel- und Kongreß-City gleich nebenan. Nicht nur in den USA wachsen ganze neue Städte in der (metaphorischen oder tatsächlichen) Wüste, auch in Europa ist das der Fall: Im Zentrum von Amsterdam gibt es nur noch kleine Büros und Praxen, das neue Busineß siedelt in postmoderner Architektur außerhalb der Stadt. Diese Instant-Cities beinhalten alles, was eine Dienstleistungsstadt braucht: Büros, Catering, zuarbeitende Dienstleistungsunternehmen, Wohnungen, Hotels und den vom Portier diskret vermittelten Callgirlservice.

Die Telekommunikation hat das Potential, den Raum zu »vernichten«, räumliche Distanzen schrumpfen zu vernachlässigbaren Größen. Datenlieferungen (alles, was in den Büros passiert, ist im weitesten Sinne Datenverarbeitung), Bestellungen, Informationsaustausch, Zahlungsverkehr – im Prinzip kann alles über die Glasfaser abgewickelt werden. Der Einwahlknoten ins weltweite Netz ist auch telefonisch von überall her erreichbar. Damit einher geht eine Entlokalisierung und Individualisierung der Zeitstruktur. Am gleichen Ort werden verschiedene Zeiten gelebt, der Rhythmus der Stadt zerfasert. Alles hängt mit allem zu jeder Zeit zusammen. Die Propheten des digitalen Zeitalters haben die alteuropäische Vorstellung von Urbanität bereits verabschiedet und kommentieren derartige Erinnerungen nur noch höhnisch. Der virtuellen Stadt im Internet gehöre die Zukunft!

In den siebziger und achtziger Jahren verloren die westdeutschen Städte Einwohner, seitdem aber erlebten sie durch die unerwartete Zuwanderung aus den osteuropäischen und ostdeutschen Regionen ein neues Bevölkerungswachstum. Viele hielten daher das Thema der »schrumpfenden Stadt« für erledigt. Doch wo die Zahl der Stadtbewohner heute (noch) nicht wieder sinkt, ist dies ausschließlich auf die Zuwanderung von Armuts- und Kriegsflüchtlingen zurückzuführen. Unterdessen geht die Suburbanisierung der ökonomisch und sozial integrierten Bevölkerung weiter. Die auf mehr private Fläche gerichteten Wohnwünsche bilden eine stabile Grundlage für den anhaltenden Trend zu immer geringeren Bewohnerdichten in der Stadt. Dabei differenzieren sich die sozialen Welten zwischen Stadt und Umland weiter aus: In den Städten gibt es immer weniger Familienhaushalte, jedoch immer mehr individualisierte und ökonomisch prekäre Existenzen. Nur noch in 15 Prozent aller Haushalte Münchens leben Kinder − und von diesen 15 Prozent sind wiederum ein Viertel Alleinerziehende und unverheiratete Paare mit Kindern. Die »Normalfamilien« leben außerhalb der Städte.

Damit verschwindet die gewohnte Gestalt der europäischen Stadt. Ihre Zentralität wie ihre klare Grenze gegen das Land gehen verloren. Das dritte Element des räumlichen Bildes von der urbanen Stadt, die feinkörnige Mischung der Funktionen Wohnen, Arbeiten, Konsum und Freizeit, das Neben- und Miteinander von Jung und Alt, von Wohlhabend und Ärmlich im Stadtteil: Dieses Bild vom lebendigen Quartier wird von beinahe allen Planern und Politikern beschworen. Warum aber ist es dann so schwer, es in Praxis umzusetzen? Auch hier sind ökonomische Entwicklungen dafür in erster Linie verantwortlich: Moderne Produktionsbetriebe lassen sich nicht kleinteilig mit Wohnfunktionen mischen. Die großen Shopping-Malls und Freizeitparks, die modernen Logistikzentren und der damit verbundene Verkehr machen Wohnen in der Nähe solcher Anlagen immer unerträglicher. Die anhaltende Konzentration und Zentralisation in Produktion, Konsum, Verkehr und Freizeit lassen das lebendige, vielfältige Quartier als rückwärtsgewandte Illusion erscheinen.

Die zentrifugalen Tendenzen, die Entmischung der Funktionen und – damit verbunden − die Spezialisierung der Orte führen zu einer Multilokalität beziehungsweise Fragmentierung des Alltags, der keine strukturierende Mitte mehr kennt. In welcher Stadt sie eigentlich leben, wissen immer weniger Menschen, denn wo man wohnt, da arbeitet man nicht, und wo man arbeitet, verbringt man nicht seine Freizeit. Selbst das Wohnen spaltet sich weiter auf in eine Werktags- und eine Wochenendbehausung. Stadtbenutzer und Stadtbewohner sind immer weniger identisch, und in dieser Differenz verschwindet allmählich der Stadtbürger.

Angesichts wachsender Polarisierung und Konflikthaftigkeit entsteht bei denen auf der Sonnenseite des sozialen Grabens eine Sehnsucht nach sicheren und homogenen Nachbarschaften. Sie kann am besten in Neubaugebieten befriedigt werden, die von vornherein für eine abgegrenzte Zielgruppe gebaut werden. Suburbanisierung wird in den Großstadtregionen heute weniger von individuellen Häuslebauern als von Developern organisiert, die schon aus Absatzgründen die Abwesenheit von störenden Elementen garantieren müssen und die daher mit raffinierten Sicherheitstechniken arbeiten. Der öffentliche Raum verschwindet hinter den privaten Kontrollen. Die Stadt zerfällt in die scharf bewehrten Inseln der Wohlhabenden und Integrierten und in die Gettos der Armen, der Ausgegrenzten und der Fremden. Ist also die Erinnerung an die Gestalt der europäischen Stadt und ihre darin bewahrte Urbanität nur noch Nostalgie, wenn nicht Ideologie?

 

Revitalisierung der Stadt

Die Städte werden in den reichen und auf hohem technischem Niveau basierenden Gesellschaften nicht verschwinden, und in den »unterentwickelten« Regionen wachsen sie rasant. Ihre erstaunliche Stabilität und Vitalität hat viele Stützen, sowohl ökonomische Interessen wie romantische Hoffnungen. Zum einen sind da die gebauten Strukturen in ihrer Trägheit − entstanden in Jahrhunderten durch die Masse der Investitionen in Kanäle, Straßen und Gebäude, gebunden durch die Interessen der Eigentümer und Nutzer, und diese sozialen Beziehungen verleihen der gebauten Substanz Stabilität. Zum anderen wird, wenn die abwandernden Nutzungen »Löcher« in den Städten hinterlassen, der städtische Boden ökonomisch entwertet. Dadurch steigt das Flächenangebot, und die Bodenpreise sinken, was nun auch ökonomisch schwache Nutzungen auf zentral gelegenem Gelände ermöglicht. Ein alternatives Kulturzentrum fand, als die industrielle Produktion noch boomte, keinen Standort in der Stadt; heute sind die Stadtplaner froh, wenn ein leerstehendes altes Fabrikgebäude besetzt und mit neuem Leben gefüllt wird. So können Funktionen, die früher aus der Stadt verdrängt worden waren, wieder zurückkehren.

Der Zyklus von Entwertung und erneuter In-Wert-Setzung zeigt sich besonders deutlich bei der »Reurbanisierung« innerstädtischer Areale. Am Rande des Stadtzentrums gelegene alte Wohngebiete, vorindustrielle Viertel oder Gründerzeitquartiere, die die Angriffe britischer Bomber, moderner Planer und gewerblicher Investoren überlebt haben, erfahren einen neuen Verwertungszyklus als Wohngebiete, indem sie für eine neue Nachfrage aufbereitet werden, die sich aus dem demographischen und ökonomischen Wandel der letzten beiden Jahrzehnte ergeben hat, als die geburtenstarken Jahrgänge der sechziger Jahre begannen, eigene Haushalte zu gründen. Sie durchschwammen auf der »Bildungswelle« die höheren Bildungsanstalten und sammelten ein kulturelles Kapital an, das sich entweder beim Einstieg in die neuen Dienstleistungsberufe in reales Kapital umwandeln ließ oder das zumindest zur biographischen Opposition gegen die familien- und eigentumsorientierten Wohnkarrieren der Eltern reichte, die in den Fünfzigern und Sechzigern noch ins Eigenheim am Stadtrand abgewandert waren. In beiden Fällen zeigt sich bei den Jüngeren eine stärkere Stadtorientierung. Der Wandel der Berufsstrukturen, das gestiegene Bildungsniveau, die ökonomische Emanzipation der Frauen und − damit zusammenhängend – die neuen Haushaltstypen (Wohngemeinschaften, Alleinlebende, unverheiratete und kinderlose Paare) begünstigen innenstadtorientierte Lebensweisen. Für diese Nachfrage werden die Städte hergerichtet.

Mit der globalen Vernetzung der Arbeitsplätze wird der seit langem schon wirksame Prozeß der Entlokalisierung von Zeit noch weiter getrieben: Schon heute haben Nachbarn − das schulpflichtige Kind, die schichtarbeitende Mutter, der Arbeitslose, die Hausfrau − nur selten die gleichen Zeitstrukturen. Die durch den Normalarbeitstag garantierte Gleichförmigkeit individueller Zeitstrukturen erzeugte die regelmäßige Verstopfung der Zufahrtswege ebenso wie die gleichzeitige Anwesenheit im Wohngebiet. Mit der globalen Vernetzung wird die Zahl der Berufstätigen, deren Zeitstruktur sich gänzlich vom Ort gelöst hat, zunehmen. Man mag seinen Arbeitsplatz zu Hause haben, aber man findet mit seinen Nachbarn keinen Kontakt, weil der eine im Zeittakt Tokios, der andere in dem der Wallstreet arbeitet.

Aber eben das kann zur Aufwertung des Zentrums beitragen: Bei individualisierten Zeitstrukturen werden standardisierte Öffnungszeiten von Versorgungs- und Dienstleistungseinrichtungen immer obsoleter. Bei zunehmender Berufstätigkeit der Frau gibt es in immer weniger Haushalten eine Person, die ihre Arbeitsabläufe den Öffnungszeiten von Ämtern und Geschäften anpassen kann. Also werden die Öffnungszeiten dereguliert werden müssen hin zur Öffnung rund um die Uhr. Bei gleicher Kundenzahl aber wird sich eine Dienstleistung, die 24 Stunden am Tag bereitgehalten werden muß, außerordentlich verteuern. Also müssen mehr Kunden als früher kommen. Das kann nur durch eine Erweiterung des Einzugsbereichs erreicht werden, das heißt durch Zentralisierung. Geschäfte und Dienstleister werden sich deshalb stärker auf die Orte höchster Erreichbarkeit konzentrieren müssen, und das sind die Stadtzentren, die sich zu Orten entwickeln, wo jeder, egal zu welcher Zeit, alles findet, was er benötigt. Die Entlokalisierung und Individualisierung der Zeit können so zur Rezentralisierung der Städte beitragen.

Nach wie vor haben zentrale Standorte eine mythische Attraktivität für die Demonstration von Präsenz und Dominanz. Auch in alten Stadtkernen und hochverdichteten Zentren entstehen daher neue Dienstleistungskomplexe. In allen großen Städten finden sich Beispiele, und die leere Stadtmitte von Berlin wird gegenwärtig damit aufgefüllt. Gegenüber der Herrschaftssymbolik des zentralen Ortes oder eines noch höheren Hochhauses, eines noch sichtbareren Sterns obendrauf haben Bodenpreise und Verkehrsprobleme nachrangige Bedeutung. Nur in wenigen Städten, in »global cities«, die einen spezialisierten, international verflochtenen Komplex von Finanzdienstleistungen ausgebildet haben, wirken die altbekannten Agglomerationsvorteile zugunsten einer funktionalen und baulichen Verdichtung. In den meisten Fällen beruht die Besetzung des Zentrums jedoch lediglich auf dem Wunsch nach sichtbarer Präsenz in der Mitte der Stadt. Die Konkurrenz um zentrale Standorte war früher eine um die beste Erreichbarkeit, heute unterliegt ihr lediglich noch der Symbolwert des Zentrums.

Die historischen Zentren gewinnen außerdem an Bedeutung als Touristenattraktion, was wiederum zu ihrer ökonomischen Überlebensfähigkeit beiträgt. Allerdings gilt das nur für solche Städte, die ein entsprechendes kulturelles Kapital (historisches Stadtbild) und die notwendige Infrastruktur aufweisen können. Amsterdam ist ein Beispiel, Prag wird möglicherweise ähnlich werden: Die expansiven ökonomischen Nutzungen wandern aus, der Stadtkern wird Museum und Freizeitzentrum für den internationalen Tourismus, ein Disneyland für Teenies oder Kulisse für Kongresse mit Managern, die die »europäische Kultur« zu schätzen gelernt haben.

Historische Stadtbilder werden auch amtlich konserviert. Im Laufe der letzten Jahrzehnte ist das Instrumentarium des Denkmalschutzes erweitert worden. Ging es früher allein darum, einzelne und aufgrund ihres Baustils einzigartige Gebäude unter Bestandsschutz zu stellen, um Zeugnisse einer untergehenden Bau- oder Stadtkultur zu bewahren, so hat sich diese Absicht inzwischen räumlich und sachlich erweitert: räumlich auf Straßenzüge (»Ensembles«), ganze Städte (»Stadtdenkmal«) und sogar Grünanlagen (»Gartendenkmalschutz«). Für den Erhalt des Bundeshauses in Bonn ebenso wie für den Palast der Republik in Berlin wird der Denkmalschutz ins Feld geführt. Die Beseitigung von Mietskasernen, selbstverständliches Ziel der Stadterneuerung in den sechziger Jahren, gilt inzwischen als Stadtzerstörung, und häufig wird aus purer Not gegen die spekulativen Erneuerungsinvestoren unter Denkmalschutz gestellt, was einige Jahre zuvor noch als städtebaulicher Mißstand galt. Die »Musealisierung der Stadt« ist zu einem wichtigen Element der Stadtentwicklungspolitik geworden.

Schließlich kommt der Stadtrand zurück ins Zentrum, wenn die Voraussetzungen dafür geschaffen werden können. Einkaufszentren können ihren Einzugsbereich ausdehnen, wenn sie sowohl mit dem Auto wie mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar sind. Die Einrichtung von Fußgängerzonen war der Versuch, den Einzelhandel in den Innenstädten zu einem Einkaufszentrum zusammenzuschließen, aber er litt immer unter der schweren Erreichbarkeit per PKW. Aufgelassenes Fabrikgelände dagegen bietet schon bessere Voraussetzungen: unbebaute Flächen mit gutem Straßenanschluß, einer Straßenbahn in der Nähe, und schon ist die neue Urbanität gestärkt. Wenn das Ganze überdacht und beheizt beziehungsweise gekühlt wird, kann ein stetigerer Absatz erwartet werden.

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für diese Strategie sind die spektakulären Pläne der Bahn, ihre freiwerdenden Gleisanlagen zu City-Flächen aufzuwerten, um so Kapital für ihre Modernisierung zu mobilisieren. Gleichzeitig sollen die Bahnhöfe zu Knotenpunkten einer neuen Urbanität umgestaltet werden. Zu Beginn des Eisenbahnzeitalters lagen die Bahnhöfe vor der Stadt und waren ihre Zugänge. Dann wuchs die Stadt um sie herum, so daß sie am Rande des Zentrums zu liegen kamen − aber sie blieben immer noch Zugänge. Inzwischen werden sie selbst zu Zentren. U-, S- und Bundesbahnhöfe werden ausgebaut zu Einkaufs- und Erlebniszentren mit Gleisanschluß. Das ist kein Zufall, denn die Stadt löst sich immer mehr auf in Mobilität, und deren Knotenpunkte werden die logischen Zentren, an denen urbane Funktionen im Vorübergehen dargeboten werden. Damit können Bahnanlagen, an denen sich die City-Expansion immer stieß, die aber heute überflüssig oder verlagert worden sind (Güterbahnhöfe und Verschiebegleise), wieder in Wert gesetzt werden. Die Bahn plant in Deutschland zwanzig solcher »Zentren fürs 21. Jahrhundert«. Auf dem Bahngelände werden die Waggons gegen Konsumenten ausgetauscht. Das ist nur scheinbar eine Umkehrung des Modells »Erlebnispark am Stadtrand«, denn dabei entsteht im Prinzip nichts anderes: auskalkulierte, funktional spezifische Konsum- und Büroorte, die den Schmuddel der öffentlichen Räume hinter sich gelassen haben.

 

Reurbanisierung

Die Bemühungen der Stadtplaner, die Gestalt der europäischen Stadt zu rekonstruieren oder doch wenigstens zu verteidigen, scheinen nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt. Es gibt viel Anlaß für Pessimismus, aber offenbar auch für die Hoffnung, daß die Städte nicht verschwinden, sich nicht vollständig auflösen in funktional und sozial segregierte, über ein gestaltloses StadtLand verstreute Inseln. Eine Politik gegen die Auflösung der Stadt kann sich auf demographische Trends und ökonomisch oder auch nur nostalgisch motivierte Interessen stützen. Obendrein gibt es gute Gründe für eine Politik zur Bewahrung der Gestalt der europäischen Stadt.

Erstens: Die Auflösung der Stadt beinhaltet auch Tendenzen zur sozialen Segregation, zur Homogenisierung von Einkommens- und Lebensstilgruppen in verschiedenen Quartieren, zur sozialen Spaltung der Stadt. Die Auflösung räumlicher Zusammenhänge, die soziale Entmischung, vorangetrieben durch ökonomische Differenzierung und Privatisierung des Sozialen, schafft Ausgrenzungen und Deklassierungen, deren räumliche Verfestigung im Laufe des 20. Jahrhunderts gerade überwunden zu sein schien.

Zweitens: Das Zerfließen der Stadt in viele unverbundene, feinkörnig differenzierte, homogene Einheiten beschädigt den Kern der Stadtkultur, nämlich die Koexistenz des Verschiedenen, des Unbekannten und Fremden in einem nicht-hierarchisch strukturierten Raum. Die Stadt war Zufluchtshoffnung der Emigranten und Eingangstor zu der Vision einer Weltgesellschaft. Diese Kultur setzt Anonymität und Gleichgültigkeit voraus, die es in den kleinen Gemeinschaften der Dörfer und sozial homogenen Vororte nie gegeben hat. Die Tendenzen zur Auflösung der Stadt beinhalten daher auch einen Verlust der Qualität des Städtischen.

Drittens: Die Ökologie könnte ein gewichtiger Faktor für den Erhalt der traditionellen europäischen Stadt werden. Eine Argumentationslinie in der Diskussion um die »nachhaltige« Siedlungsform läuft auf eine Rückkehr zur kompakten Stadt des 19. Jahrhunderts hinaus, die Stadt der kurzen Wege, des niedrigeren Energie- und Flächenverbrauchs. Außerdem belegen Berechnungen, daß Erhalt und Umnutzung bestehender Gebäude und Infrastrukturen in der Energiebilanz sehr viel sparsamer sind als Abbruch und Neubau, egal wie ökologisch der Neubau sein mag.

Wenn die gegenwärtig feststellbaren Trends anhalten, wird die überkommene Gestalt der europäischen Stadt im Gemenge der Agglomerationen verschwinden: Sie hat ihre gesellschaftliche Basis verloren, sie ist nicht mehr notwendig. Soll sie weiter bestehen, so bedarf es bewußter Politik. Von selbst und ohne wie immer ökonomisch interessierte Inszenierungen scheint die Gestalt der europäischen Stadt nicht überleben zu können. Für eine solche Politik zugunsten des Erhalts der europäischen Stadt gibt es Spielräume, Verbündete und gute Gründe. Aber dies wird zu einer anderen Stadt führen, die Qualität des Urbanen wird dabei verdünnt.

 

Urbanitätsbeschwörung

Die Klage über den drohenden Verlust von Urbanität und der darin begründete Appell an Politik und Investoren, diesen Verlust aufzuhalten, weist Ähnlichkeiten auf zur konservativen Stadtkritik der Jahrhundertwende. Zwar propagierte diese Kritik die Rückkehr aufs Land und in die friedliche Kleinstadt, während die heutige Rede vom Verlust der Urbanität die große Stadt gerade bewahren will, aber abgesehen davon scheint die kulturpessimistische Logik der Argumentation doch ähnlich: beide Male mündet sie im Appell an die Politik, eine durch die gesellschaftliche Entwicklung bedrohte bessere Vergangenheit zu bewahren. Die konservative Großstadtkritik plädierte für den Erhalt dörflich-ländlicher und kleinstädtischer Strukturen gegen die sich entwickelnde industrielle Großstadt mit sozialen Argumenten (Zerfall von Familie und Gemeinschaft), mit biologischen Überlebensnotwendigkeiten (die Unfähigkeit der Großstädter, sich zu reproduzieren) und mit dem drohenden Verfall der Kultur (Materialismus und Vermassung).

Ebenso wird heute kulturell (Erhalt der europäischen Urbanität), sozial (Fürsorge für die in der Kernstadt abgelagerten Randgruppen) und mit Überlebensnotwendigkeiten (ökologische Katastrophe) für eine Politik gegen die vorherrschenden Trends der gesellschaftlichen Entwicklung argumentiert. Besteht der Unterschied nur darin, daß nicht mehr für den Erhalt des Landes gegen die Stadt, sondern für den Erhalt der Stadt gegen ihr Verschwinden im strukturlosen Siedlungsbrei plädiert wird?

Die Analogie reicht tiefer: Die konservative Kritik an der sich entwickelnden industriellen Großstadt hat die Stadt verantwortlich gemacht für die Folgen der kapitalistisch organisierten Industrialisierung. In dieser Verwechslung von Ursache und Wirkung war ihre illusionäre Hoffnung begründet, mit der Rückkehr in die Kleinstadt würden auch die bedrohlichen Massen mit all ihrem Elend wieder verschwinden, die in den großen Industriestädten so erschreckend sichtbar geworden waren. Der Appell an die Politik, die Gestalt der europäischen Stadt zu bewahren, in der Hoffnung, so ihre Urbanität lebendig zu halten, beruht auf derselben ideologischen Überschätzung der gebauten Stadtstruktur. Nur ihr Bild wäre restauriert, aber nicht ihre Qualität, denn Urbanität ist mehr als nur eine Form der Stadt, sie ist eine Lebensweise, eine Geisteshaltung, eine zivile Kultur mit entsprechenden Verhaltensstandards.

 

 

Die vormoderne Stadt war ein besonderer Ort mit einer besonderen Kultur, die in vier Dimensionen auf eine Utopie von ziviler Gesellschaft verwies: In zivilisatorischer Hinsicht war die Stadt Ort der Emanzipation von Naturzwang. In politischer Hinsicht war sie der Ort von Selbstverwaltung, der Regierung durch eine Stadtbürgerschaft. In sozialer Hinsicht war sie – trotz aller Spaltungen und Ausgrenzungen − der Ort von Integration; welche Massen von Zuwanderern die Städte im 19. Jahrhundert aufgenommen und in ihre Ökonomie integriert haben, ist historisch beispiellos. In kultureller Hinsicht war die Stadt der Humusboden für den modernen Sozialcharakter, sie ermöglichte die Emanzipation des Individuums aus den Bindungen der familiären Clans und aus den sozialen Kontrollen der lokalen Gemeinschaft. Das war die Voraussetzung dafür, daß die Stadt zum Zentrum kultureller Innovation wurde. Damit übernahmen die Städte die politische und kulturelle Führungsrolle in den sich modernisierenden Gesellschaften, und diese Rolle war verbunden mit ihrer Zentralität, die sich in baulicher Dichte und Repräsentanz manifestierte. Solange es keine Autos, keine Telekommunikation und keine Massenmedien gab, war die räumliche Dichte der Großstadt notwendige Voraussetzung für diese ökonomischen und kulturellen Leistungen. Alle, die am »Fortschritt« teilhaben oder die einen Markt erschließen wollten, mußten einen Fuß in der Tür haben.

Das ist überflüssig geworden und vorbei. Politische Meinungsbildung findet im Fernsehen statt, und wer nicht in den Massenmedien werben kann, hat keinen ökonomischen Erfolg. Der Kulturbetrieb ist entlokalisiert, seine Stars treten in der Mailänder Scala oder in einer Scheune in Schleswig-Holstein auf − gemacht werden sie durch internationale Promotoren. Die Stadt ist kein gesellschaftlich besonderer Ort mehr, allenfalls ein Ort höchster kultureller Differenzierung, der aber die Gesellschaft nicht mehr transzendiert. Die demokratische Organisation von Herrschaft ist nicht mehr Charakteristikum allein der Stadt, sondern Prinzip der Organisation des Nationalstaats.

Mit der Globalisierung des Warenaustauschs ist der Markt nichtmehr Spezifikum einer städtischen Ökonomie. Individualisierung und die Differenzierung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit prägen heute auch ländliche Lebensweisen. Und schließlich läßt sich die Unabhängigkeit von Natur angesichts der Industrialisierung der Landwirtschaft und der Suburbanisierung des städtischen Wohnens auch außerhalb der Stadt leben. Dieser Verlust der politischen, ökonomischen, sozialen und zivilisatorischen Besonderheit der Stadt ist der entscheidende Grund für das physische Verschwinden der Gestalt der Stadt in den Agglomerationen, ebenso wie für die Unmöglichkeit, ihre Urbanität durch planende Interventionen wiederzubeleben. Was gegenwärtig mit den Aufwertungsmodernisierungen, Fußgängerzonen, Passagen und Stadtkronen auf stillgelegten Bahngeleisen bewahrt wird, ist die Erinnerung an die europäische Stadt mit den Mitteln der Architektur und des Städtebaus. Aber diese Mittel sind unzureichend. Urbanität läßt sich nicht bauen.

 

Geplante Urbanität?

Edgar Salin hat Urbanität bestimmt als Mitwirkung der Bürger am Stadtregiment, also als durchgesetzte Demokratie. Solange der Bürger in derselben Stadt, in der er wohnte, auch arbeitete und das Theater besuchte, solange existierte eine Stadtbürgerschaft. Heute aber wohnt man in A, arbeitet in B, kauft ein in C und ist an D nur insoweit interessiert, wie man schnell mit dem Auto hindurchkommt. Damit existiert keine Stadtbürgerschaft mehr, in deren Öffentlichkeit die Konflikte zwischen Verkehr, Wohnen, Wirtschaft und Kultur diskutiert und entschieden werden könnten. Diese Öffentlichkeit ist zerfallen in verschiedene Kundengruppen, die hochspezialisierte Interessen befriedigt haben wollen: von A ein möglichst ungestörtes Wohnen, von B einen expansiven Arbeitsmarkt, von C gute Einkaufs- und Vergnügungsmöglichkeiten und von D Schnellstraßen. Engagement und Mitwirkung einer aktiven Stadtbürgerschaft lassen sich heute nur noch in regionalen Zusammenhängen dauerhaft organisieren. Die herkömmliche Gestalt der europäischen Stadt ist ein zu enges Gefäß geworden für den politischen Gehalt der Urbanität, die Mitwirkung der Bürger am Stadtregiment.

Daß man Urbanität nicht bauen kann, gilt ebenso für ihren sozialen Gehalt. Soziologen haben die urbane Qualität der Stadt immer als eine Kultur der Differenz definiert. Richard Sennett hat kürzlich wiederholt, was vor ihm Hans-Paul Bahrdt und bereits vor hundert Jahren Georg Simmel formuliert haben: Die Stadt ist der Ort, wo Fremde zusammenleben. Die urbane Stadt ist ein Ort, wo verschiedene Lebensweisen, Anschauungen und Kulturen nebeneinander existieren können und zugleich in produktiven Austausch zueinander treten. Damit dies gelingt, sind jene großstadttypischen Verhaltensweisen vonnöten, die Simmel als Distanziertheit, Gleichgültigkeit, Intellektualität und Blasiertheit bezeichnet hat. Diese Verhaltensweisen sind mehr als Abwehrreaktionen, es sind Tugenden, denn sie bilden die Voraussetzungen für die Entfaltung von Individualität und für eine produktive Kultur der Differenz. Die »resignierte Toleranz« (Bahrdt) des Städters läßt jeden nach seiner Fasson selig werden, ohne ihn gleich wegen abweichenden Verhaltens zur Räson zu rufen, und sie unterstellt auch dem fremdartigen Verhalten einen möglichen Sinn, von dem her es verständlich wird – Voraussetzung dafür, daß man sich überhaupt einläßt auf den riskanten Versuch der Verständigung unter Fremden.

Was hält eine solche Stadtgesellschaft von lauter Fremden noch zusammen? Wieso verbinden sich mit dieser Urbanität emanzipatorische Hoffnungen und nicht Ängste vor Vereinsamung und den Ungewißheiten der Zukunft? Wieso schließlich stößt der Fremde auf resignierte Toleranz statt auf Vorurteil und Aggression? Urbanität als Kultur der Differenz setzt soziale Integration voraus. Diese beruht auf handfesten ökonomischen Bedingungen: Wachstum, funktionierende Arbeitsmärkte und ein haltbares Netz sozialer Absicherung. Erst dadurch wird soziale Integration gesichert, indem die Gesellschaft jedem eine ökonomisch gesicherte Existenz und eine fraglos gesellschaftlich nützliche Rolle, das heißt einen Platz im Leben, zuweist. Heute aber filtern die Wachstumsgewinne nicht mehr nach unten durch, und der Arbeitsmarkt als zentraler Mechanismus der Integration versagt.

Die wachsende Zahl der dauerhaft Arbeitslosen, viele der neu Zugewanderten drohen in eine Randexistenz zu geraten, wo sie vom ökonomischen, sozialen und kulturellen Leben der Gesellschaft ausgeschlossen sind. Damit kann sich auch in Deutschland eine Unterschicht entwickeln, wie sie in den Gettos amerikanischer Städte existiert: eine Minderheit von dauerhaft aus den Zusammenhängen der Gesellschaft Ausgegrenzten. Wenn aber die Stadtgesellschaft nicht nur hierarchisch gegliedert ist in ein Oben und ein Unten, sondern gespalten ist in ein Drinnen und ein Draußen, dann fehlt die soziale Integration, auf deren Basis sich erst eine Kultur der Differenz und eine produktive Auseinandersetzung mit dem Fremden entfalten kann. Dann drohen die urbanen Tugenden der resignierten Toleranz und Gleichgültigkeit umzuschlagen in Abgrenzung und Gewalt. Die sich verschärfende Segregation auch in den westdeutschen Städten, das Nebeneinander von Zitadellen Der Wohlhabenden und Inseln der Armen ist Indiz für mehr als nur ein sozialpolitisches Problem: Es belegt die Erosion der sozialen Basis von Urbanität.

Ebensowenig, wie mit der gebauten Form der politische und kulturelle Gehalt der urbanen Stadt wiederbelebt werden kann, ebensowenig kann es gelingen, Urbanität zu planen, also durch absichtsvolles Handeln herzustellen. Gerade weil es geplante Strukturen und inszenierte Bilder sind, fehlt ihnen das, was die Qualität von Urbanität ausmacht: die Überraschung, das Unvorhergesehene, das Fremde. Die urbane Qualität der europäischen Stadt liegt in ihrer Widersprüchlichkeit und Ambivalenz, in ihrer Unübersichtlichkeit und in dem chaotischen Überschuß, den Dichte, Größe und Heterogenität produzieren können. Das planvoll herstellen zu wollen, wäre ein Widerspruch in sich.

Daß Stadt gezielt inszeniert wird, hat seinen Grund in der Art und Weise, wie Städte heute produziert werden: durch die Kommune, private Investoren oder Private-Public-Partnerships, in jedem Fall durch ein planendes Subjekt, das Stadt bewußt herzustellen sucht. In der alten europäischen Stadt waren Immobilieneigentümer und Nutzer noch nicht getrennt. Die Absicht, ein Stück Boden zu kaufen und darauf ein Gebäude zu errichten, war motiviert durch einen anderen Zweck als schlicht den, Immobilienbesitzer zu sein. Ein Laden sollte eröffnet, ein Handelskontor geführt oder eine Gaststätte betrieben werden. Dafür wurde ein Haus entworfen, das gleichzeitig Visitenkarte des Gewerbes war. »Stadt« entstand nebenbei, und der Ort wurde, wenn es gut ging, zu einem besonderen durch die Aktivitäten, die vom Gewerbe ausgingen. Heute hat sich die Immobilienbranche abgelöst von allen spezifischen Zwecken, sie ist zu einer eigenen Sphäre der Kapitalverwertung geworden, die Vielzweckarchitektur zum Zwecke der Vermarktung erzeugen will. Bei der Planung ist noch gar nicht bekannt, welche Nutzer in das Gebäude einziehen werden, lediglich die Nutzung: Büro oder Einkauf oder Wohnen. Da das Gebäude selbst der Zweck der Investition ist, muß jedes Eckchen sorgfältig auskalkuliert und einer kontrollierten Verwertbarkeit unterworfen werden. Zugleich aber werden diese Gehäuse durch prahlerische Imageproduktion zu besonderen Orten stilisiert, um sie besser vermarkten zu können. Solche Gebäude produzieren nicht »Stadt«, sie nutzen lediglich die sehnsüchtige Erinnerung daran aus, und es entstehen Abziehbilder von Stadt, überdachte, klimatisierte und abschließbare Inseln, deren kontrollierte Räume in den öffentlichen Raum ausgreifen, ihn privatisieren und von allen Unliebsamkeiten des Urbanen reinigen. Obwohl diese Lokalitäten zentral gelegen sind, sind sie gegenüber der alten Stadt doch exterritorial. Die Besucherströme sollen die unkontrollierbare Straße verlassen und sich auf den intern organisierten Konsumpfaden bewegen, begleitet vom Klangteppich des Muzak: Simulationen von Urbanität.

 

Ortlose Urbanität

Urbanität ist damit nicht verschwunden, sie ist nur ebenso ortlos geworden wie die moderne Arbeit. Urbane Kultur ist nicht mehr an Orte gebunden, und sie wird auch nicht mehr von besonderen Orten erzeugt. Dies sind heute die Köpfe der Menschen. »Urbanität« − so die ironische Definition Stendhals − »ist nichts als die überlegene Unfähigkeit, sich über die schlechten Manieren anderer zu ärgern.« Wenn Urbanität im Charakter der Menschen heimisch geworden ist, prägt sie auch die Stadt. Schon Simmel hat mit den typisch großstädtischen Verhaltensweisen weniger den Städter als den modernen Sozialcharakter beschrieben. Er hat ihn in den Straßen Berlins der Jahrhundertwende entdeckt, aber Blasiertheit, Gleichgültigkeit, Intellektualität und Distanziertheit waren schon damals nicht mehr allein Selbstpanzerungen des Großstädters gegen die Reizüberflutung im öffentlichen Raum der Stadt, sondern ebenso Reflex der durchgesetzten Geldwirtschaft. Die Leistungen der Urbanität, die die große Stadt dem Städter abverlangt, sind dieselben, die in der modernen Gesellschaft von gelungener Identität generell verlangt sind, nämlich der Umgang mit Unsicherheit, Ambivalenz und Fremdheit.

Die zentrale Metapher der Stadt ist der Fremde. Er ist in der Formulierung von Simmel der, »der gekommen ist, um zu bleiben«. Er kommt aus der Fremde, die seine Heimat war, und bleibt, wo andere ihre Heimat haben. Er ist, so der andere große Stadttheoretiker, Robert Ezra Park, der »marginal man«, der Mensch auf der Grenze zwischen zwei Kulturen. Es ist eine zugleich prekäre und produktive Existenz. Da der Fremde zwei Kulturen angehört, zugleich aber keiner von beiden ganz integriert ist, eignet seiner Rolle eine besondere Freiheit und Objektivität, wie sie den Künstler und den Wissenschaftler, den Erfinder und den Unternehmer auszeichnen.

Diese Figur des Fremden ist der Kern aller soziologischen Definitionen von Urbanität. Bahrdt hat von der »unvollständigen Integration« im öffentlichen Raum der Stadt gesprochen, die es ermögliche, daß »trotz Fremdheit Kontakt und Kommunikation zustande kommen«. Die Erfahrung der Differenz, des Anderen, der Ambivalenz und des Widerspruchs ist konstitutiv für die Figur des Fremden wie des Städters. Und Urbanität ist die Fähigkeit, diese krisenhafte Existenz zu leben, die Differenz wahrzunehmen, sie auszuhalten und produktiv werden zu lassen für sich und für andere.

Urbanität ist zum Synonym für gelungene Identität in der modernen Gesellschaft geworden. Identität ist danach nicht allein die Summe der Rollen, die ein Individuum zu spielen hat, sondern seine Fähigkeit, durch seine verschiedenen Rollen hindurch sich als ein mit sich selbst identisches Individuum kenntlich zumachen. Es ist die Fähigkeit zur Ambivalenztoleranz und zu konsistentem Verhalten trotz widersprüchlicher Rollenanforderungen und in unterschiedlichen Situationen. Gelungene Identität ist damit als eben dieselbe Aufgabe beschrieben, die der Prototyp des Städters, der Fremde als der Mensch auf der Grenze zwischen verschiedenen Kulturen, zu bewältigen hat. Die urbane Existenz ist nicht fixiert, sie ist im gelungenen Fall ein von Offenheit geprägter Schwebezustand, ohne Selbstgewißheit oder Selbstzufriedenheit − und damit offen für kulturelle Innovation.

Urbanität hatte in der europäischen Stadt des Mittelalters ihren unverwechselbaren Ort. Heute ist die überkommene Gestalt der europäischen Stadt nur noch ihre Metapher. Ihr Gehalt realisiert sich in der durchgesetzten Demokratie, in funktionierenden Märkten, die offen sind für jeden, und in der gelungenen Identität psychisch gesunder Menschen. Über die politischen und die ökonomischen Bedingungen der Urbanität wird auf der Ebene der Regionen, der Nationalstaaten und des Weltmarktes entschieden, und die Leistungen des »marginal man« werden in modernen Gesellschaften jedem abverlangt − nicht nur den Städtern, auch als Anforderung an die psychische Leistungsfähigkeit der Menschen ist Urbanität ubiquitär geworden. Und soweit sie den modernen Sozialcharakter prägt, prägt sie durch das Verhalten der Individuen auch die moderne Stadt − und nicht umgekehrt.

Ist damit der Städtebau exkulpiert? Ist es egal, was um die Bahnhöfe, in den neuen Mitten und auf den Industriebrachen geschieht? Urbanität kann man nicht bauen, sie widersetzt sich der zweckvollen Inszenierung und sie entsteht nicht von heute auf morgen. Aber doch hat sie ihre Orte, an denen sie gleichsam materielle Gestalt gewinnt und erlebbar wird. Solche Orte sind oft Ergebnis des Alterns der Stadt, des Zerfalls, der Lücken hinterläßt, in denen urbanes Leben sich breitmachen kann. Dieses Altern oder dieser Zerfall müssen nicht unbedingt physisch sein, sondern − wichtiger noch − sozial, ökonomisch und politisch: Ablösung der Herrschaft, Rückzug der Nutzungen, Auszug der Bewohner, die diese Räume einmal geprägt haben. Die Ritterburgen entlang des Rheins wurden erst romantisierbar, als ihre Herren nicht mehr Herren waren. Wenn die Globalisierung den Stahlbaron entthront hat, wenn die Revolution den König aus seinem Palast vertrieben hat, dann werden Lücken im Gefüge der Stadt aufgerissen, in denen die Spannung von alten Zwecken und neuen Nutzungen jene irritierende Differenz entstehen läßt, die kulturell offene Räume schafft. Nicht die Ästhetik des baulichen Verfalls ist entscheidend für die Stimulanz von Kreativität, die in vielen leergewordenen Fabrikhallen, Schlachthäusern oder alten Gefängnissen anzutreffen ist, sondern der Verfall der Herrschaft dessen, dem diese Gehäuse einmal gedient hatten. Er hinterläßt leere Hüllen, die noch von Macht und Herrlichkeit erzählen oder von Lärm, Ausbeutung und Maloche. Aber die neuen Nutzer sind all dem nicht mehr unterworfen, sie können, was der Machtentfaltung oder der Kontrolle menschlicher Arbeit diente, als ihre Freiheitsräume erfahren. Urbane Situationen entstehen heute in den unausgefüllten Räumen, die noch nicht Gegenstand neuer Verwertung geworden sind. Dadurch werden sie selbst zyklisch: Wo Urbanität an Orte gebunden ist, ist sie zum flüchtigen Wesen geworden.

Städte erzeugen heute nicht mehr Urbanität, aber sie können ihr Raum lassen durch Orte des Dazwischen, des Übergangs und der Desinvestition, »zones of transition«, wie sie Park im Chicago der zwanziger Jahre entdeckt hatte. Solche Räume im Abseits behalten ihre Qualität nur vorübergehend, zwischen den Phasen ihrer In-Wert-Setzung. SoHo, Greenwich Village, East Village, für eine bestimmte Zeit in der Bundesrepublik war Schwabing ein solcher Ort, dann Kreuzberg, jetzt Prenzlauer Berg. Es sind die Räume, in denen sich meist auch die neu angekommenen Fremden eine erste Wohnung nehmen.

Solche Räume entstehen besonders in Phasen des Übergangs und des Umbruchs. In solchen krisenhaften Phasen beschleunigten sozialen Wandels beschleunigt sich auch das Altern der Städte. Das 19. Jahrhundert, als die Industriegesellschaft die vormodernen Residenz- und Bürgerstädte sozial und physisch aufbrach, umbaute und erweiterte, war eine solche Phase. Heute, wo die sich zurückziehende Industriegesellschaft überall leere Fabrikhallen und überflüssige Infrastrukturen hinterläßt, hat sich das Altern der Stadt wieder so beschleunigt, daß urbane Räume entstehen können. Das ist in Berlin der Fall, im Ruhrgebiet und überall in den Stadterweiterungsgürteln, die die Industriegesellschaft um die alten Stadtkerne gelegt hatte. Die Planung kann solche Prozesse nur zulassen, aber nur allzu oft verbaut sie sie, aus einem Horror vacui heraus, der aus ökonomischen Verwertungsinteressen nicht restlos erklärt werden kann. Räume des Dazwischen und Zonen des Übergangs zuzulassen und Architekturen zu bauen, die altern können, die Lücken, Zerfall und Zweckentfremdung vertragen, ist das Beste, was die Planung für den Erhalt der urbanen Stadt tun kann. Auch eine Stadt wie Berlin, in der gegenwärtig die Nischen beseitigt und die Räume neu bewertet werden, kann so immer wieder neue Orte der Urbanität gewinnen. Das ist und bleibt die Hoffnung gegenüber allen städtebaulichen Inszenierungen.

 

 

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