Merkur, Nr. 126, August 1958

Vergebliche Brandung der Ferne. Eine Theorie des Tourismus

von Hans Magnus Enzensberger

Die Sonnenflamme schoß immer näher herauf an die entzündeten Morgenwolken — endlich gingen am Himmel und in den Bächen und in den Teichen und in den blühenden Taukelchen hundert Sonnen miteinander auf, und über die Erde schwammen tausend Farben, und aus dem Himmel brach ein einziges lichtes Weiß.

Wir starteten in La Guardia, New York, mit dreistündiger Verspätung infolge Schneestürmen. Unsere Maschine war, wie üblich auf dieser Strecke, eine Super- Constellation. Ich richtete mich sofort zum Schlafen, es war Nacht. Wir warteten noch weitere vierzig Minuten draußen auf der Piste, Schnee vor den Scheinwerfern, Wirbel über der Piste, . . . die Motoren dröhnten, einer nach dem andern auf Vollgasprobe . . . Endlich ging’s los.

In seiner Seele stieg eine überirdische Sonne mit der zweiten am Himmel. In jedem Tal, in jedem Wäldchen, auf jeder Höhe warf er einige pressende Ringe von der engen Puppe des winterlichen Lebens und Kummers ab und faltete die nassen Ober- und Unterflügel auf und ließ sich von den Mailüften mit vier ausgedehnten Schwingen in den Himmel unter tiefere Tagschmetterlinge und über höhere Blumen wehen.

Als man die Bouillon gelöffelt hatte, blickte ich zum Fenster hinaus, obschon nichts anderes zu sehen war als das grüne Blinklicht draußen an unsrer nassen Tragfläche, ab und zu Funkenregen wie üblich, das rote Glühen in der Motor-Haube. . . . Später [flogen wir] irgendwo über dem Mississippi, in großer Höhe und vollkommen ruhig, unsere Propeller blinkten in der Morgensonne, die üblichen Scheiben, man sieht sie und sieht hindurch, ebenso glänzten die Tragflächen, starr im leeren Raum, nichts von Schwingungen, wir lagen reglos in einem wolkenlosen Himmel, ein Flug wie hundert andere zuvor, die Motoren liefen in Ordnung . . . Es war noch früher Morgen, ich kenne die Strecke, ich schloß die Augen, um weiterzuschlafen.

Aber wie kräftig fing das bewegte Leben an, in ihm zu gären und zu brausen, da er aus der Diamantgrübe eines Tales voll Schatten und Tropfen herausstieg, einige Stufen unter dem Himmelstore des Frühlings. Wie aus dem Meere, und noch naß, hatte ein allmächtiges Erdbeben eine unübersehliche neugeschaffne in Blüte stehende Ebene mit jungen Trieben und Kräften herausgedrängt — das Feuer der Erde loderte unter den Wurzeln des weiten hangenden Gartens, und das Feuer des Himmels flammte herab und brannte den Gipfeln und Blumen seine Farbe ein.

Unser Aufenthalt in der Wüste von Tamaulipas, Mexico, dauerte vier Tage und drei Nächte, total 85 Stunden, worüber es wenig zu berichten gibt — ein grandioses Erlebnis (wie jedermann zu erwarten scheint, wenn ich davon spreche) war es n i c h t . . . Natürlich dachte ich sofort daran, zu filmen, und nahm meine Kamera; aber von Sensation nicht die Spur, ab und zu eine Eidechse, die mich erschreckte, eine Art von Sandspinnen, das war alles.

Nur das Schoßkind der unendlichen Mutter, der Mensch, stand allein mit hellen frohen Augen auf dem Marktplatz der lebendigen Sonnenstadt voll Glanz und Lärm, und schauete trunken rund herum in alle unzähligen Gassen. Aber seine ewige Mutter ruhte verhüllt in der Unermeßlichkeit, und nur an der Wärme, die an sein Herz ging, fühlte er, daß er an ihrem liege.

Ich habe mich schon oft gefragt, was die Leute eigentlich meinen, wenn sie von Erlebnis reden. Ich bin Techniker und gewohnt, die Dinge zu sehen, wie sie sind. Ich sehe alles, wovon sie reden, sehr genau; ich bin ja nicht blind. Ich sehe den Mond über der Wüste von Tamaulipas — klarer als je, mag sein, aber eine errechenbare Masse, die um unseren Planeten kreist, eine Sache der Gravitation, interessant, aber wieso ein Erlebnis?

Als er wieder ins Freie trat, lösete sich der Glanz in Helle auf, die Begeisterung in Heiterkeit. Jedes rote Kirchendach, und jeder schillernde Strom, der Funken und Sterne sprühte, warf fröhliche Lichter und hohe Farben an seine Seele. Wenn er in den laut atmenden und schnaubenden Waldungen das Schreien der Köhler und das Widerhallen der Peitschen und das Krachen fallender Bäume vernahm — wenn er dann hinaus trat und die weißen Schlösser anschauete und die weißen Straßen, die wie Sternbilder und Milchstraßen den tiefen Grund aus Grün durchschnitten, und die glänzenden Wolkenflocken im tiefen Blau — so konnte ja wohl kein dunstiger Winkel seiner Seele, keine umstellte Ecke mehr ohne Sonnenschein und Frühling bleiben, und seine Seele mußte ja in die tausend um ihn fliegenden und sumsenden Singstimmen einfallen und mitsingen: das Leben ist schön, und die Jugend ist noch schöner, und der Frühling ist am allerschönsten.1

Wozu hysterisch sein ? Gebirge sind Gebirge, auch wenn sie in gewisser Beleuchtung, mag sein, wie irgendetwas anderes aussehen, es ist aber die Sierra Madre Oriental, und wir stehen . . . in der Wüste von Tamaulipas, Mexico, ungefähr sechzig Meilen von der nächsten Straße entfernt, was peinlich ist, aber wieso ein Erlebnis ? Ein Flugzeug ist für mich ein Flugzeug, ich sehe keinen ausgestorbenen Vogel dabei, sondern eine Super-Constellation mit Motor-Defekt, nichts weiter, und da kann der Mond sie bescheinen, wie er will. Warum soll ich erleben, was gar nicht ist? Ich kann mich auch nicht entschließen, etwas wie die Ewigkeit zu hören; ich höre garnichts, ausgenommen das Rieseln von Sand nach jedem Schritt.2

 

Zwischen der Reise des Armenadvokaten Firmian Siebenkäs von Kuhschnappel nach Bayreuth und derjenigen des UNESCO-Ingenieurs Walter Faber von New York nach Caracas liegen eineinhalb Jahrhunderte. Die zeitliche und phänomenale Differenz zwischen beiden Texten markiert die Entfaltung einer Sache, von der wir kaum wissen, ob wir sie zu der unsern oder ob sie uns zu den Ihrigen gemacht hat: des Tourismus.

Als Jean Paul den Zenit seines Ruhmes erreicht hatte, kam diese Sache auf, und mit ihr das Wort. Die Wörterbücher melden für das Jahr 1800 das Auftauchen des „Touristen“, für das Jahr 1811 das des „Tourismus“. Diese Neubildungen sind, keineswegs zufällig, wie sich erweisen wird, der englischen Sprache zu verdanken. Der Roman „Homo Faber“ von Max Frisch ist 1957 geschrieben. In den eineinhalb Jahrhunderten seines Daseins hat der Tourismus die Aufmerksamkeit der Historiker nicht auf sich ziehen können. Seine Geschichte ist immer noch nicht geschrieben. Zwar hat sich die Einsicht durchgesetzt, daß Historie sich nicht allein zu Hofe, auf dem Schlachtfeld, in Kabinetten und Generalstäben abspielt, doch hat sich der Schematismus der Hofhistoriographie weithin auf die Kultur- und Geistesgeschichte, die seine Durchbrechung im Sinne hatte, übertragen. Voltaire ist neben Friedrich den Großen getreten, aber er fungiert wie dieser als historisches Versatzstück, das vor die Wirklichkeit gestellt wird. Wir haben eine Geschichte von Völkern. Die der Leute ist immer noch nicht geschrieben; deshalb fehlt es dem Tourismus, der eine Sache der Leute ist, an historischer Verständigung über sich selbst. Dafür gibt es in unserer Zivilisation wenig Erscheinungen, die so ausgiebig mit Hohn überschüttet, so geflissentlich kritisiert werden.

Aber diese Kritik ist blind. Sie ist am blindesten dort, wo sie sich am repräsentativsten gebärdet, wo sie artistisch formuliert und mit dem Federschmuck einer flügellahmen Metaphysik geziert wird: „Der abendländische Tourismus ist eine der großen nihilistischen Bewegungen, eine der großen westlichen Seuchen, die an bösartiger Wirksamkeit kaum hinter den Epidemien der Mitte und des Ostens zurückbleiben, sie aber an lautloser Heimtücke übertreffen. Die Schwärme dieser Riesenbakterien, Reisende genannt, überziehen die verschiedensten Substanzen mit dem gleichförmig schillernden Thomas-Cook-Schleim, so daß man schließlich zwischen Kairo und Honolulu, zwischen Taormina und Colombo nicht mehr recht unterscheiden kann . . . Man muß begreifen, daß das Venedig der sight-seeing-Hennen in die Kategorie der Plunderhaufen Interlaken und Montreux gehört, im Vergleich zu denen Bochum und Nottingham nicht nur solide, sondern geradezu schön erscheinen . . . Am deutlichsten wurde mir die zerstörende Kraft des Tourismus im oberen Engadin, dieser herrlich gelungenen Verschmelzung des Mediterranen und Polaren, diesem in Lärchen-Zartheit geglückten Ausgleich von Schwermut und Heiterkeit, von heroischem Schwung und stolzer Reinheit. Die Luft wird von der Kloake Sankt-Moritz verpestet, und das Auge wird beleidigt durch die nach Maloja sich ohne Unterbrechung hinziehende Kette von Komfort-Fabriken . . . (Hier) bricht die europäische Krankheit in einer Kette von Eiterbeulen aus. Ein Land, das touristisch erschlossen wurde, verbirgt sich metaphysisch — es bietet eine Kulisse, aber nicht mehr seine dämonische Kraft dar.“3

 

icon printMehr Merkur?
Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen.

 

Diese Äußerung von Gerhard Nebel wird hier nicht zitiert, weil sie originell wäre, sondern im Gegenteil: weil sie für die Kritik am Tourismus, wie sie landläufig geübt wird, nur allzu charakteristisch ist. Bezeichnend ist in erster Linie, daß sie von einem eingefleischten Touristen herrührt. Intellektuell beruht seine Kritik auf einem Mangel an Reflexion, der an Torheit grenzt; moralisch beruht sie auf Einbildung. Die Berufung auf den Nihilismus, von dem keiner recht weiß, was er ist, bringt kein Licht in die Sache; sie ist bloßes modisches Attribut, das auf alles und nichts paßt. Mangel an Historizität, an faktischer Durchdringung des Gegenstandes, soll durch schlechte Metaphysik wettgemacht werden.

Der Sachverhalt wird mythologisiert statt geklärt. Die Denunziation des Tourismus, die sich mit seiner Kritik verwechselt, ist übrigens von ehrwürdigem Alter. Bereits im Jahre 1903 erschien in London ein kleines Buch aus der Feder eines gewissen Shand, der ein besonders passionierter Tourist war, unter dem Titel: „Reisen in der guten alten Zeit. Reminiszenzen aus den sechziger Jahren, verglichen mit den Erfahrungen der Gegenwart.“ Darin heißt es: „Vor vierzig Jahren gab es gemütliche Hotels, aber keine ungemütliche Masse . . . Touristen waren damals eine Seltenheit, und der billige Reisepöbel von heutzutage fehlte ganz . . . Im Lauf des letzten halben Jahrhunderts ist eine erschreckende Veränderung eingetreten. Der Tourist von seinerzeit würde sich die Augen reiben, käme er heute nach Basel oder Genf. Eisenbahnen führen kreuz und quer durchs Land; durch das Innere der Alpen werden Tunnels gesprengt; Seilbahnen wurden angelegt, wo immer ein hervorragender Gipfel gute Aussicht bietet; riesige Hotels sind überall hervorgeschossen; schlichte Schutzhütten haben sich in komfortable Gasthöfe verwandelt. Die Spielwiese Europas ist mit sight-seeing-Volk überschwemmt, und die Heiligtümer, über die dereinst die alte Nacht des Chaos allein gebot, sind entweiht und zum Tummelplatz der Masse erniedrigt worden.“4

Was Kritik zu sein vorgibt, erweist sich hier wie dort als Reaktion im doppelten Sinn des Wortes. Gesellschaftlich reagieren beide Stimmen auf die Bedrohung oder Vernichtung ihrer privilegierten Stellung. Implizit verlangen sie, das Reisen solle exklusiv sein, ihnen und ihresgleichen vorbehalten bleiben. Worin sie sich selber von den „sight-seeing-Hennen“, vom „billigen Reisepöbel“ eigentlich unterscheiden, bleibt ungesagt. Der Komfort, den man selbst ohne weiteres in Anspruch nimmt, wird jenem Pöbel wie eine Sünde aufgerechnet. Die technische Entwicklung der Verkehrsmittel, denen der Tourismus seine Existenz verdankt, wird verwünscht; idealisiert dagegen die schlichte Primitivität vortechnologischer Zustände, die „alte Nacht des Chaos“, an deren „dämonischer Kraft“ sich von Rechts wegen nur der privilegierte „Tourist von seinerzeit“ laben durfte. Reaktion ist eine solche Kritik indessen nicht nur im gesellschaftlichen, sondern auch im psychologischen Sinn des Wortes. Daß sie den Tourismus von seinen Anfängen an ohne wesentliche Änderung ihrer Argumente begleitet, ist kein Zufall, kein Zufall auch, daß die Gegenbilder, die sie aufrichtet, sich ihrerseits wie Reklametexte für den Fremdenverkehr ausnehmen: indem er die verurteilt, die ihrer Anziehungskraft erliegen, preist Shand die „gute Aussicht“, die hervorragende Gipfel bieten, „die Spielwiese Europas“, damals die Schweiz, und die „Heiligtümer“, deren Entweihung er jeweils den anderen zuschreibt.

Die Lyrismen Nebels vollends mit ihrem „in Lärchen-Zartheit geglücktem Ausgleich von Schwermut und Heiterkeit, von heroischem Schwung und stolzer Reinheit“ könnten in jeden beliebigen Reiseprospekt nahtlos eingehen. Die Kritik am Tourismus, die er vorbringt, gehört in Wahrheit zu diesem selbst. Ihre heimliche Ideologie, der Preis, den sie auf das „Dämonische“, das „Elementare“, das „Abenteuer“, das „Unberührte“ setzt, das alles ist ein Teil derjenigen, welche sich der Tourismus als Reklame vorhängt. Die Enttäuschung, mit der der Kritiker auf ihn reagiert, antwortet auf die Täuschung, die er mit dem Tourismus teilt. Die Bloßstellung ihrer Kritiker kann Hinweise für das Verständnis der touristischen Bewegung liefern, doch kann sie es nicht fundieren.

Wenn es zutrifft, daß die Erscheinung, mit der wir es zu tun haben, auf die letzten 150 Jahre fixier bar ist, so muß sich der Satz durch eine Gegenprobe beweisen lassen. Die Reise gehört zu den ältesten und allgemeinsten Figuren menschlichen Lebens; sie läßt sich bis in mythische Frühen zurückverfolgen. Immer schon sind Menschen gereist; mit welchem Recht läßt sich, was wir Tourismus nennen, historisch isolieren und als etwas Besonderes aus dem ausscheiden, was immer schon war? Immer schon war es die Not, waren es biologische und wirtschaftliche Zwänge, was die Menschen veranlaßte, zu wandern. Die Züge der Nomaden haben geographische und klimatische Ursachen. Nie war die Lust zu reisen Antrieb für die kriegerischen Expeditionen der alten Völker. Die ersten Leute, die aus eignem Entschluß in die Ferne aufbrachen, waren Händler. Im frühesten Hebräisch waren die Worte „Kaufmann“ und „Reisender“ synonym. Mit einer einzigen Ausnahme (sie wird uns noch beschäftigen) war vom Anfang der Zeiten bis ins 18. Jahrhundert alles Reisen die Sache winziger Minoritäten, spezifischen und handgreiflichen Zwecken unterworfen. Soldaten und Kuriere, Staatsmänner und Gelehrte, Studenten und Bettler, Pilger und Verbrecher waren es, die man auf den Straßen antraf, vor allem aber und immer wieder Kaufleute: Gewürz und Myrrhe, Gold und Seide, Waffen und Perlen. Die Reise als Abenteuer, als Selbstzweck, war bis tief ins 18. Jahrhundert hinein unbekannt. Odysseus selbst, mythisches Inbild aller späteren Reisenden, heißt im Gedicht „der herrliche Dulder“,

Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troia Zerstörung,
Vieler Menschen Städte gesehn und Sitte gelernt hat,
Und auf dem Meer so viel‘ unnennbare Leiden erduldet; . . .
Selbst da das Jahr nun kam, im kreisenden Laufe der Zeiten,
Da ihm die Götter bestimmt, gen Ithaka wiederzukehren,
Hatte, der Held noch nicht vollendet die müdende Laufbahn,
Auch bei den Seinigen nicht. Es jammerte seiner die Götter.

Und der „ängstlich harrende Dulder“,

. . . welcher so lang, entfernt von den Seinen, sich abhärmt, . . .
Sehnt sich, auch nur den Rauch von Ithakas heimischen Hügeln
Steigen zu sehn, und dann zu sterben
5

Die Ferne ist Verbannung, Reisen ist Irren, die „müdende Laufbahn“ ein einziges Exil — sie bleibt es bis in die Tage des Robinson Crusoe. Das sentimentalische Fernweh ist eine romantische Kategorie. Der Glanz, der die Gestalten der heroischen Periode der Entdeckungen heute umgibt, ist perspektivische Täuschung. Der Engländer Candish, einer der ersten Weltumsegler, berichtete nach seiner Rückkehr: „Dem Allmächtigen hat es gefallen, mir die Umfahrung des ganzen Erdballs zu erlauben . . . Auf dieser Reise habe ich alle reichen Stätten der Welt, die die Christenheit nur kennen kann, entdeckt oder wenigstens sichere Kundschaft über sie erlangt. Ich segelte entlang der Küsten von Chile, Peru und Neu-Spanien und machte große Beute. Ich verbrannte und versenkte neunzehn Segelschilfe, groß und klein. Alle Dörfer und Städte, in denen ich an Land ging, habe ich ausgeraubt und verbrannt. . ,“6

Erst eine nachromantische Zeit hat ihre eigenen Wunschvorstellungen auf die Entdecker und Konquistadoren projiziert. Das Ziel dieser Männer bestand nicht darin, Sehnsüchte zu befriedigen; es war handfester. Sie waren Werkzeuge der Politik. Nachträglich erst hat ihnen der Tourismus jene Aura verliehen, mit der er sich in seinen Anfängen selber umgab. Im Lauf des 18. Jahrhunderts begann sich die strenge Zweckhaftigkeit des Reisens zu lockern. Schon vorher hatte die Cavalierstour zu fremden Höfen zum Bildungsgang des jungen Adeligen gehört; in den vornehmeren Ständen hatte sich die Reise an einen Badeort zur Kur eingebürgert: beide Motive begannen damals an Ernst und Gewicht zu verlieren, ohne doch zu bloßen Vorwänden zu werden. Sie wirken in der Entwicklung des Tourismus übrigens bis heute nach, wenngleich der Bildungszweck sich vollkommen verändert hat; für den jungen Cavalier war die Welt, die es kennenzulernen galt, le monde: will sagen, die vornehme Gesellschaft, nicht etwa ein Kanon von kulturellen Denkmälern. Vom Fortwirken der alten Bäderreise legt die hohe Wertschätzung von touristischen Zielen wie Baden-Baden, Spa und Aix-les-Bains noch heute Zeugnis ab. Immerhin konnte noch im Jahre 1792 ein Vertreter der Nationalökonomie, einer damals jungen Disziplin, allen Ernstes eine Reisesteuer vorschlagen. Marperger, ein Anhänger der merkantilistischen Lehre, begründete in seinen „Anmerkungen über das Reisen in fremden Ländern“ seinen Vorschlag damit, daß die Reisenden das gute Geld außer Landes trügen. Diese Besorgnis läßt darauf schließen, daß das Reisevolumen sich damals auszudehnen begann.

Mit der reinen Vergnügungsreise kann es gleichwohl noch nicht weit her gewesen sein. Das verbreitetste Reisehandbuch des damaligen Europa, Reichards „Guide des Voyageurs“, weist weder auf Naturschönheiten noch auf Sehenswürdigkeiten hin und gibt völlig nüchtern die kürzesten Routen, die Postverhältnisse und Preise, Unterkunftsmöglichkeiten und behördlichen Vorschriften an: kurzum, es betrachtet das Reisen als ein notwendiges Übel. Kein Wunder! Nach einem Tag auf den Poststraßen war der Reisende gerädert, wenn er überhaupt sein Ziel erreichte. Reichard empfiehlt dringend, stets geladene Pistolen mitzuführen. Sein Handbuch ist zehn Jahre nach Schillers „Räubern“ erschienen. Überfalle auf der Landstraße waren damals noch nichts Ungewöhnliches. Vierzig Jahre später hatte sich die Wende des Reisens vollzogen. Der Tourismus war geboren. Der Engländer John Murray bereiste den Kontinent, um das Material für seine Bibel zu sammeln. Sie erschien 1836 und wurde weltberühmt: das erste Red Book verzeichnete die Sehenswürdigkeiten von Holland, Belgien und dem Rheinland und empfahl dem Touristen die pittoreskesten und romantischsten Routen. Murray, einer der Propheten des Tourismus, ist auch der Erfinder des Sternsystems, das den Zielen, die es fortan zu besichtigen galt, gleichsam ihr Preisschild aufsteckte. Drei Jahre später folgte Karl Baedekers erster Reiseführer durch „Die Rheinlande“. Die neue Bewegung hatte ihre heiligen Schriften, sie hatte ihren Siegeszug angetreten.

Dieser Siegeszug war nicht von ungefähr. Er wurde ermöglicht durch eine ganz spezifische historische Situation. Es genügt für unsere Zwecke, ihre Komponenten vorzuzeigen. Die Frage, welche von ihnen als die „letzte Ursache“ anzusehen ist, können wir, soweit sie überhaupt entscheidbar ist, unentschieden lassen. Wir beschreiben die geschichtliche Situation, aus der der Tourismus hervorgegangen ist, als ein Syndrom politischer, sozialer, wirtschaftlicher, technischer und geistiger Züge, deren Gemeinsames in ihrem revolutionären Wesen liegt. Der Sieg der bürgerlichen Revolution pflanzte dem einzelnen ein Freiheitsbewußtsein ein, das sich an der Gesellschaft, die aus ihr hervorging, brechen mußte. Jede revolutionäre Öffnung der Gesellschaftsordnung schließt sich wieder, aber sie hinterläßt eine Erinnerung, die sich mit der restaurativen Verfestigung nicht mehr abfinden kann: eine bleibende Narbe im Bewußtsein, die nie wieder spurlos verheilt. Der politischen Revolution entsprach eine Revolution in der Produktionsweise. Die neue herrschende Klasse, das Bürgertum, organisierte die industrielle Arbeitswelt und den von ihr bedingten Weltmarkt. Der neue Zustand drängte zwar nicht unmittelbar auf soziale, jedoch auf räumliche Homogenität. Der technologische Fortschritt, besonders die Erfindung der Eisenbahn und des Dampfschiffs, gestattete dem Kapitalismus den Ausbau eines Verkehrsnetzes, wie es zu dieser Homogenisierung des Raumes nötig war.

Von hier aus ist die historische Ausnahme verständlich, von der wir gesprochen haben. Diese Ausnahme ist das Rom des späteren Kaiserreichs. In den letzten Jahrhunderten des römischen Imperiums gab es tatsächlich so etwas wie einen Tourismus vor dem Tourismus. Friedländer berichtet in seiner Sittengeschichte Roms, daß das Reisevolumen jener Zeit bis ins 19. Jahrhundert hinein in Europa nicht wieder übertroffen worden sei. Vom Strand der Toscana bis zum Golf von Salerno war damals die italienische Westküste ein Tummelplatz für Touristen. Marmorne Villen und luxuriöse Hotels nahmen die Gäste auf. Griechenland, Rhodos, Kleinasien und Ägypten waren bevorzugte Ziele für Erholungsreisen. Es gab feste Schiffsverbindungen, Reisebüros, Wechsel stuben und Festivals; ja sogar das museale Interesse, das für unseren modernen Tourismus bezeichnend ist, machte sich damals schon geltend.

In mancher Hinsicht ist jener frühe touristische Ansatz mit dem modernen vergleichbar. In der römischen Gesellschaft hatte sich in gewissen Grenzen eine egalitäre Tendenz durchgesetzt. Sie war gewissermaßen verbürgerlicht. Ihre kapitalistischen Züge sind bekannt. Sowohl die politischen wie die wirtschaftlichen Verhältnisse forderten eine räumliche Homogenisierung des Imperiums. Sie wurde technisch erreicht durch den Bau des großartigen römischen Straßennetzes, dessen Spuren heute noch in ganz Europa bis zum Limes erkennbar sind. Dagegen fehlen im Bild des römischen Tourismus die revolutionären Züge. Er ist ein Minderheits-Tourismus geblieben. Weder die politischen noch die technologischen Antriebe reichten aus, um ihn aufs Ganze auszudehnen. Vor allem aber waren seine geistigen Wurzeln weit weniger stark ausgebildet als die des modernen Tourismus.

Diese Wurzeln liegen in der englischen und deutschen Romantik. Sie hat die Freiheit, die in der Wirklichkeit der beginnenden Arbeitswelt und in der politischen Restauration zu ersticken drohte, im Bilde festgehalten. Ihre Einbildungskraft hat die Revolution gleichzeitig verraten und aufbewahrt. Sie verklärte die Freiheit und entrückte sie in die Fernen der Imagination, bis sie räumlich zum Bilde der zivilisationsfernen Natur, zeitlich zum Bilde der vergangenen Geschichte, zu Denkmal und Folklore gerann. Dies, die unberührte Landschaft und die unberührte Geschichte, sind die Leitbilder des Tourismus bis baute geblieben. Er ist nichts anderes als der Versuch, den in die Ferne projizierten Wunschtraum der Romantik leibhaftig zu verwirklichen. Je mehr sich die bürgerliche Gesellschaft schloß, desto angestrengter versuchte der Bürger, ihr als Tourist zu entkommen.

Diese Flucht vor der selbstgeschaffenen Realität wurde erleichtert durch dieselben Kommunikationsmittel, mit deren Hilfe diese sich verwirklichte. Hinter der fieberhaften Begeisterung, mit der in den dreißiger und vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die englischen Eisenbahnen ausgebaut wurden, steht mehr als bloß der spekulierende Eifer der Kapitalisten. Die Eisenbahnmanie verrät bereits den heftigen Wunsch, den Wohn- und Arbeitsplätzen der industriellen Revolution zu entrinnen.

Aber was das Netz der Verkehrsmittel zu gestatten schien, vereitelte es zugleich. Mit der Festigung dieses Netzes, das sie für den Touristen zu öffnen schien, schließt sich alsbald die Gesellschaft wieder. Wie der Igel im Märchen den keuchenden Hasen am Ziel des Wettlaufs immer schon höhnisch erwartet, so kommt dem Tourismus allemal seine Widerlegung zuvor. Diese Dialektik ist der Motor seiner Entwicklung; denn weit entfernt, den Wettlauf um den Preis der Freiheit resignierend aufzugeben, verdoppelt er nach jeder Niederlage seine Anstrengung von neuem. Wie eng die Ausfaltung des Tourismus mit der der industriellen Zivilisation Hand in Hand geht, beweist der Vorsprung, den die englischen Touristen das ganze 19. Jahrhundert hindurch vor denen anderer Nationen gehalten haben. Schon um die Jahrhundertwende waren die Engländer die Reisenden par excellence. Die Italienreisen von Keats und Shelley legen von ihrer Reisemanie ebenso Zeugnis ab wie die Pioniersleistungen Byrons, der als Archetyp des modernen Touristen gelten muß. Noch in unsern Tagen kann man in ländlichen Gegenden Griechenlands den Ausdruck „lordoi“ für Touristen überhaupt hören.

Die Schweiz verdankt ihren frühen Ruf als Fremdenverkehrsland ganz und gar den Engländern. Eine Schlüsselrolle in der Geschichte des Tourismus fällt den Bergsteigern zu. Die Geburt des Alpinismus läßt sich auf das Jahr 1787 datieren. Damals bestieg Saussure als erster den Mont Blanc. Aber erst siebzig Jahre später begann die goldene Zeit der Alpinisten. Führend waren dabei die Engländer. Ziemlich genau vor hundert Jahren gründete Edward Kennedy den Alpine Club, die erste Vereinigung von Bergsteigern: eine englische Initiative! Die Schlüsselrolle des alpinistischen Vorstoßes beruht darauf, daß er die romantische Ideologie des Tourismus besonders rein verkörpert. Er richtet sich auf das „Elementare“, das „Unberührte“, das „Abenteuer“: unter welchem Namen das Ziel auch verstanden wird, ändert an der Dialektik des Vorgangs nichts: indem es nämlich erreicht wird, ist es auch schon vernichtet. Nicht zufällig verbindet sich der touristische Zugriff mit den Methoden des Leistungssports. Da das Unberührte immer erst in der Berührung vergegenwärtigt werden kann, kommt es darauf an, der Erste zu sein. So kommt es zum Wettlauf um die Erstbesteigung, zum Erhaschen des Rekords. Vernes Romanheld Phileas Hogg setzte seine Ehre darein, „in 80 Tagen um die Erde“ zu reisen. Noch die Satelliten, die wir in den Himmel schießen, eifern ihm nach, indem sie ihn unterbieten.

Auch die Entdeckungsreisenden werden zu Touristen. Die romantische Aura, die den früheren Entdeckern erst nachträglich verliehen wurde, fällt ihnen schon bei Lebzeiten zu. Wie den Alpinisten die unbestiegenen Gipfel, so faszinieren den Forscher die weißen Flecken auf der Landkarte. Das Jahrhundert begreift ihre Vernichtung als seine Aufgabe. Die Männer, die sich ihr unterziehen, von Livingstone bis zu Hillary, werden als Helden gefeiert. Die Venezianer des 13. Jahrhunderts hingegen hatten für ihren Mitbürger Marco Polo nur Spott und Hohn übrig. Sie begriffen nicht, was ihn bewogen haben konnte, das Unzugängliche zu seinem Ziel zu machen, und hielten ihn deshalb für einen Schwindler. Heute dagegen rüsten die Russen eine Expedition zum Unzugänglichkeitspol der Antarktis aus, einem Punkt, dessen einzige und ganz abstrakte Auszeichnung in der Schwierigkeit, ihn zu erreichen, besteht. Das Unberührte ist zur ideologischen Mystifikation geworden. Noch die mühevollste Expedition in die entferntesten Weltgegenden ist heute von vornherein touristischer Art, und noch ehe der erste Mensch in den Weltraum vorgedrungen ist, melden sich bereits die ersten touristischen Interessenten für die Astronautik an.

Wie die Pioniere, meist zu ihrem Widerwillen, bald erkennen mußten, blieb es bei ihrer privilegierten Rolle nicht. Die Gesellschaft, deren Interesse sie trug, verfolgte mit ihnen ihr eignes. Wer ihnen Ruhm spendete, war schon auf ihren Fersen. Das mündige Bürgertum bedachte sie mit einem Nimbus, den es sich selber zu verschaffen hoffte, indem es sich in die Wiederholung ihrer Taten stürzte, die Tourismus heißt. Die Freiheit, die diese im Fels des Berner Oberlands, im Eis der Polarkappen, in den äquatorialen Dschungeln gewonnen zu haben schienen, sollte bald von allen als ein neues Menschenrecht verlangt werden. Freilich waren die touristischen Nachtreter nicht gewillt, den hohen Preis jener Freiheit zu erlegen. Das neue Menschenrecht, sich von der eignen Zivilisation in der Ferne zu befreien, nahm die harmlosen Züge der Urlaubsreise an. Doch pochen die Touristen bis heute ohnmächtig auf die Wertzeichen des Abenteuerlichen, Elementaren, Unberührten. Zugleich zugänglich und unzugänglich, zivilisationsfern und komfortabel soll das Ziel sein. Im Pullman-Bus wird die Wüste, im Schlafwagen die lappländische Tundra erfahren. Der Nordpol wird aus dem Fenster der Super-Constellation lässig gefilmt. In der Wüste von Tamaulipas verdunstet das Erlebnis, dem die atemlose Jagd gilt, unter dem kühlen Blick des Homo Faber.

Freilich fiel das neue Menschenrecht, wie stets, nicht allen zu, sondern allein der Klasse, die es erfand und durchsetzte: dem unabhängigen Bürgertum, das vom Ertrag seiner Kapitalien zehrte. Doch läßt sich ein solches Recht, einmal postuliert, nicht isolieren. Es wirkt vielmehr an der Durchmischimg und Homogenisierung der Gesellschaft mit. Zwischen der egalitären Tendenz, die dem Bürgertum erst zu seinem Sieg, dann zu seinem Untergang verhalf, und der allseitigen Austauschmöglichkeit, die die neuen Verkehrsmittel hervorriefen, bestand und besteht eine Wechselwirkung. Die Voraussetzungen des Tourismus sind zugleich Wirkungen, seine Wirkungen Voraussetzungen für seine weitere Ausbreitung, wie Strom und Magnetfeld im Schwingkreis einander verstärken.

Nach dem Großbürgertum ergriff der Prozeß weitere Schichten, zunächst die Beamten, Handwerker, Kleinbürger. Zwischen dem Stand der Produktivkräfte und der Entfaltung des Tourismus lassen sich genaue Entsprechungen feststellen. Auch hier liegt England an der Spitze. Thomas Cook, Gärtner und Tischler, organisierte im Juli 1841 für die Mitglieder seines Temperenzler* Vereins eine erste Reise zwischen Loughborough und Leicester. Vier Jahre später gründete er sein Reisebüro, das sich innerhalb von drei Jahrzehnten zu einer weltumspannenden Organisation entwickelte. In Deutschland dagegen entstand das erste Reisebüro, das dem Tourismus diente, erst im Jahre 1868, also mit mehr als zwanzigjähriger Verspätung. Charakteristisch ist überdies, daß Karl Stangen in Berlin ausschließlich die sogenannten besseren Kreise bediente (sein erstes Ziel war Ägypten), während Cooks Arbeit bereits auf die Bedürfnisse des breiten, kleinbürgerlichen Publikums zugeschnitten war. Ein solches Publikum, das die „zwecklose“ Reise als Bedürfnis und Möglichkeit sah, gab es in Deutschland erst gegen Ende des Jahrhunderts.

Ausgeschlossen blieben von der fieberhaften Ausbreitung des Tourismus einmal die Bauern, die bis heute seiner Ideologie und Praxis als einzige soziale Schicht widerstehen, zum andern die Arbeiterschaft, die für seine Kosten letzten Endes aufkam. Erst nach dem ersten Weltkrieg erkämpfte sie sich die Möglichkeit, dem ungeheuer angewachsenen Druck der industriellen Arbeitswelt wenigstens für die Dauer einiger Wochen, wenigstens scheinbar, zu entrinnen. Während Unternehmer und Lehrer, Beamte und Ärzte, Handwerker und Geschäftsleute längst im Tourismus eine Chance erkannt hatten, den Finsternissen von Birmingham und Glasgow, Wuppertal und Bochum den Rücken zu kehren, blieben die eigentlichen Leidtragenden der primären Akkumulation der trostlosen Gefangenschaft der Städte, dem Elend der Mietskasernen verhaftet. Bis auf den heutigen Tag gibt es in vielen Ländern keine allgemeine Urlaubsgesetzgebung, so zum Beispiel in England und den Vereinigten Staaten.

Erst nach dem ersten Weltkrieg wurde der bezahlte Urlaub nach und nach zum Bestandteil der Tarifverträge zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften. Noch im Jahre 1940 stand nur einem Viertel der amerikanischen Arbeiter ein bezahlter Urlaub zu. Heute liegt diese Zahl bei 90 Prozent. Gesetzliche Urlaubsregelungen bestehen in Deutschland, Frankreich und den skandinavischen Ländern. Der Kampf um das Recht auf Urlaub war mühsam; er zog sich über Jahrzehnte hin. Jeder Teilsieg verstärkte den Drang nach den Ferienzielen. Wo der Druck aus den Industriestädten ins Freie des Urlaubs wuchs, wuchs im gleichen Maß der Gegendruck. Im dichtbesiedelten England wurden Orte wie Brighton oder das berüchtigte Blackpool zu Synonymen menschlicher Überschwemmung. Auf den Badestränden lagen schon vor dem zweiten Krieg die erholungsuchenden Touristen enger aufeinandergepreßt als in den Slums, und die Ferienzüge waren überfüllt wie die U-Bahn zu den Spitzenzeiten des Pendelverkehrs.

Längst hatte sich inzwischen der Sieg des Tourismus als Pyrrhussieg erwiesen, längst war das Fernweh nach der Freiheit von der Gesellschaft, vor der es floh, in ihre Zucht genommen worden. Die Befreiung von der industriellen Welt hat sich selber als Industrie etabliert, die Reise aus der Warenwelt ist ihrerseits zur Ware geworden. Wenn ein Kritiker vom Schlage Gerhard Nebels die Schönheit von Bochum und Nottingham gegen die „Plunderhaufen“ Interlaken und Montreux ausspielt, so versucht er damit nur, ein Phänomen der Arbeitswelt durch sein komplementäres zu bannen. Der Gegensatz ist fiktiv. Mit demselben Recht könnte man versuchen, ein Stahlwerk zu beschämen, indem man es mit einer Kohlengrube vergliche.

Der Fortschritt des Tourismus, der zugleich ein Fortschritt seiner Botmäßigkeit ist, läßt sich an drei Errungenschaften darstellen, deren jede für die Entwicklung einer Industrie großen Stils unentbehrlich ist: Normung, Montage und Serienfertigung. Die Normung der Reiseziele beginnt schon mit der Erfindung des Reiseführers. Murrays Red Book von 1836 leitet den Touristenstrom bereits in vorgegebene Kanäle. Dieser Steuerung unterwirft sich der Reisende zunächst noch freiwillig. Er wird durch das Buch zwar psychisch, aber noch nicht physisch konditioniert. Das genormte Grundelement der Reise ist die „sight“, die Sehenswürdigkeit, sie wird nach ihrem Wert durch einen, zwei oder drei Sterne klassifiziert. Der Begriff der Sehenswürdigkeit, für den Touristen von ausschlaggebender Bedeutung, verdient aufmerksame Analyse. Aus ihm geht zunächst hervor, daß der Tourist nicht frei von Gewissensbissen ist. Die Zwecklosigkeit der Reise, welche erst die ersehnte Freiheit garantiert, straft er Lügen. Denn die Sehenswürdigkeit ist der Besichtigung nicht nur würdig, sie verlangt nach ihr auf gebieterische Weise. Sehenswürdig ist, was man gesehen haben muß. Mit der Erfüllung dieser Pflicht gilt der Tourist die Schuld ab, die er heimlich in seiner Flucht vor der Gesellschaft erblickt. Mit seinem Gehorsam bekennt er ein, daß er die Freiheit, auf die er aus zu sein vorgibt, gar nicht erträgt.

Was sich derart als Sehenswürdigkeit verkapselt, sind die Bilder der Ferne, als welche die Romantik Natur und Geschichte aufgerichtet hat. Diese Bilder schrumpfen zum Zoologischen und Botanischen Garten dort, zum Museum hier zusammen. Die Namen, die für zentrale Institutionen und Gedanken des 19. Jahrhunderts stellvertretend stehen, lassen sich vertauschen. Nimmt der Tourist mit Hilfe seines Handbuchs das antike Rom als einen Zoo der Geschichte, in dem er den Bestien der Historie gefahrlos und ungestraft ins Auge blicken darf, so wird ihm die Landschaft, wo der Doppelstern seiner Vorschrift sie auszeichnet, zum Gegenstand musealer Betrachtung. Heute arrangiert ihm sein Reisebüro Büffeljagden in Afrika, Tiger-Shikars in Indien und Elchjagden in Lappland.

Auf der Photo-Safari zur Etoschapfanne erläutert der Zoologieprofessor die sights der Natur, vor den Teilnehmern eines 24tägigen Afrikafluges tanzen Watussis und Lippenpflockneger kommentiert von führenden Ethnologen; ihre Zuhörer lauschen andächtig wie dem kunsthistorischen Kollegen in den Uffizien die hurtig eingeflogenen College-Girls. In unseren Tagen übersteigt die Nachfrage nach Sehenswürdigkeiten das Angebot. Hielt sich das vergangene Jahrhundert noch an den Fundus, den Museum und Tiergarten voraussetzen, so produziert das unsere synthetische Sehenswürdigkeiten nach Bedarf. Vom Festival bis zum imitierten Lappenzelt wird für den Touristen, was ihn anzieht, allererst hingestellt. Zu sich selbst kommt die Sehenswürdigkeit endlich in der Abstraktion, wo sie, aller fremden Kontingenz enthoben, zum touristischen Absolutum wird. Im Norden des amerikanischen Bundesstaates Kansas, unweit der Bundesstraße Nr. 281, befindet sich ein kleiner, wohlgepflegter Hain, der um einen Stein herum angelegt worden ist. Auf dem Stein steht: Hier ist das geographische Zentrum der Vereinigten Staaten. Auf der Straße, die zur Erreichung dieses Steins angelegt wurde und nur zu ihm führt, drängen sich die Wagen der Touristen, zu deren Norm seine Besichtigimg gehört.

Zur industriellen Herstellung von Reisen genügen die genormten Elemente für sich jedoch nicht. Sie müssen montiert werden. Die für diesen Schritt repräsentative Erfindung ist das Fahr- und Gutscheinheft. Auch dieser Gedanke ist, und zwar im Jahre 1868, dem Gehirn des unglaublichen Thomas Cook entsprungen. Die Firma fädelte für den Touristen die Sehenswürdigkeiten zu einer Route auf und garantierte ihm die Einlösung der Papiere, die ihn dazu berechtigten, ihr zu folgen. Alles war fortan inbegriffen, die Reise wurde fertig montiert und verpackt geliefert. Das Abenteuer war zum Präparat geworden, bei dem jedes Risiko ausgeschlossen war. Aber auch mit dem genormten und montierten Produkt war die neue Industrie noch nicht zufrieden. Es war zu teuer, solange es einzeln, Stück für Stück, angefertigt werden mußte. Wie jedes Konsumgut, so mußte auch die Reise in großen Serien hergestellt werden, wollte die Fremdenindustrie ihren Platz auf dem Markt behaupten. Behauptung aber bedeutete Expansion. Der Tourismus krönte seinen Sieg, die Niederlage seines menschlichen Sinns, durch die Erfindung der Gesellschaftsreise.

Wem anders konnte sie gelingen als dem braven Thomas Cook? Er ahnte nicht, was er anrichtete. Den missionarischen Eifer, mit dem er zuvor den Teufel Alkohol bekämpft hatte, widmete er nun dem Tourismus. Zwischen dem Guten und dem guten Geschäft kannte sein biederes Ethos keinen Widerspruch. Im Jahre 1845 organisierte er die erste Gesellschaftsreise zum touristischen Vergnügen. Sie glich einem Triumphzug. Er hatte ihn sorgfältig vorbereitet. Alle Orte, die er berührte, hatte Cook vorweg aufgesucht. Hotelzimmer standen für jeden Teilnehmer bereit. Ein gedrucktes Programm unterwies die Mitglieder der Gesellschaft im rechten Genuß. Mit Trommelwirbel und Böllerschüssen wurden sie am Ziel empfangen. Die Erfindung der Gesellschaftsreise hatte die Produktionsmethoden der Fremdenindustrie komplettiert. Es gab kein Halten mehr, die Massenproduktion hatte begonnen. Noch in den siebziger Jahren startete die erste Gesellschaftsreise um die Welt. Der Tourismus, ersonnen, um seine Anhänger von der Gesellschaft zu erlösen, nahm sie auf die Reise mit. Von den Gesichtern ihrer Nachbarn lasen die Teilnehmer fortan ab, was zu vergessen ihre Absicht war. In dem, was mitfuhr, spiegelte sich, was man zurückgelassen hatte. Der Tourismus ist seither das Spiegelbild der Gesellschaft, von der er sich abstößt.

Unverkennbar erscheint in diesem Spiegelbild der Fortgang vom klassischen zum Spätkapitalismus, von diesem zur totalitären Verfassung der Gesellschaft. Das Unberührte wird kapitalistisch „erschlossen“, totalitär „aufgerollt“. Militärische Analogien stellen sich ein. Der Tourismus parodiert die totale Mobilmachung. Seine Hauptquartiere gleichen Stäben, in denen Truppenbewegungen vorauskalkuliert werden. War der Fremdenführer der guten alten Zeit noch dienstbarer Geist, so setzt der Guide von heute bereits die Miene des Chefs auf, dessen Kommando dadurch nicht weniger dienstlich wird, daß der Kommandierte ihn dafür bezahlt. Der Reiseleiter vollends nimmt die Züge eines Transportführers auf, dessen Autorität die Kolonne gleichermaßen fürchtet und ersehnt. Unversehens verwandelt sich die auftrumpfende KdF-Reise in die geduckte Verschickung, und hinter den Ferienlagern stehen unsichtbar die Wachtürme jener anderen Lager, für die unsere Epoche einzustehen hat.

Der revolutionäre Impuls, der den Tourismus zum Weltphänomen erhoben hat, war zu blind, um Einsicht in seine Dialektik zu gewinnen, und zu mächtig, um sich mit der Vereitelung, die sein Los ist, abzufinden. In immer neuen Anläufen versucht der Tourismus erbittert, aus dem circulus vitiosus, der sein Lebensgesetz ist, und damit aus der Unfreiheit auszubrechen. Immer wieder scheitert er dabei. Die deutsche Jugendbewegung ist vielleicht der charakteristischste dieser Versuche. Protestierend nicht nur gegen die Welt der Erwachsenen, als welche sie die Gesellschaft verstand, sondern auch gegen die touristischen Mittel, die zur Scheinflucht bereitstanden, verzichtete sie entschlossen auf den Komfort und begab sich mit Rucksack, Kochtopf und Zelt auf Fahrt. Programmatisch wurden die technischen Mittel des Reisens ausgeschlagen. Künstlich stellte man sich die harten Bedingungen des „echten“ Abenteuers her. Durch die Treue, mit der man ihn übernahm, als wäre seither nichts geschehen, strafte man den romantischen Entwurf der Freiheit noch einmal Lügen. Die Flucht vor dem Hülsenhaften des Tourismus potenziert es nur. Als bloße Hülse ließ sich die Freiheit der Jugendbewegung ohne weiteres faschistischen Zwecken aufstecken. Die vorgebliche Ungebundenheit der HJ-Fahrten stand schon unter dem Gesetz jener anderen Fahrten, die ihre Teilnehmer später nach Stalingrad und Sibirien führen sollten.

Leichtherzig im Protest, harmlos im Scheitern ist dagegen ein anderer Anlauf gegen die Perversion des Tourismus geblieben. Seine ideologische Vermummung ähnelt freilich dem der Jugendbewegung: die Camping-„Bewegung“ wurde unter den Schlagworten der Naturverbundenheit, der Zivilisationsferne, der Ungebundenheit groß. Doch lieferte man sich den Parolen, für deren Verbreitung in diesem Fall schon die Hersteller der nötigen Ausrüstungsgegenstände sorgten, ohne Fanatismus, eher mit jener abgebrühten Resignation aus, die sich als Reaktion auf die Slogans der Reklame eingebürgert hat. Mit polizeilicher Reglementierung des Zeltens, obligatorischen Campingplätzen, Lagerordnung, Lagermeister, fließendem Wasser und Steckdose für den Rasierapparat führte sich das Camping rasch ad absurdum. Heuer soll es bereits démodé sein. „Man“ wohnt in Bungalow-Dörfern. Am fragwürdigen Kern der Sache ändert sich nichts.

Ein radikalerer Anlauf, die Grenzen, die im Tourismus selber liegen, zu durchbrechen, kündigt sich in den Überlegungen kluger Promotoren und Touristen an, die dem geheiligten Zeremoniell des sight-seeing den Garaus machen wollen. Sie haben es darauf abgesehen, an seine Stelle, wie es heißt, das life-seeing zu setzen. Wie die Leute, die man besucht, in Wirklichkeit leben, das wird als neuer Gegenstand touristischen Interesses eingesetzt. Die kommerzielle Seite des verlockenden Vorschlags ist es, aus der Hotel-Not, die der Andrang der Reisenden mit sich bringt, eine Tugend zu machen. Man wohnt statt dessen bei Privatleuten, an deren Alltag man teilzunehmen vorhat. Die Tugend der Gastfreundschaft soll in ihre alten Rechte wieder eingesetzt werden. Auch dieser Anlauf birgt, getreu der Dialektik des Tourismus, sein Scheitern in sich. Die Tugend, die man beschwören will, wird vernichtet, indem man sie in Anspruch nimmt. Tourismus ist der Bock, der sie vertrieb, Nichttourismus taugt zu ihrem Gärtner. Solange das Reisen Irrfahrt und Verbannung war, wurde Gastfreundschaft wie ein Asyl gewährt; als es zum freiwilligen Vergnügen wurde, schlössen sich die Türen. Es erhoben sich die Kathedralen des Tourismus: die Hotels.

Die Geschichte des Tourismus ist auch eine Geschichte der Hotels. Die primitive Notdurft der mittelalterlichen Herbergen, die anspruchslose Utilität der alten Post-Gasthöfe genügten der neuen Bewegung nicht. Die architektonischen Denkmäler, die sie sich setzte, stellten alles, was früher der Beherbergung von Fremden diente, in den Schatten. Das erste moderne Hotel war der Badische Hof, der in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts in Baden-Baden errichtet wurde. Eine komplizierte Hierarchie von Geschäftsführern, Pförtnern, Maitres d’hôtel, Kellnern, Pikkolos, Pagen, Zimmermädchen und Hausburschen bediente hier zum ersten Mal den Apparat der Hallen, Festsäle, Speisesäle, Lesezimmer, Schlafzimmer und Bäder, Ställe, Terrassen und Wintergärten. Das Modell des Badischen Hofes von 1805 ist bis heute maßgebend geblieben. Bahnhofshotels nach seinem Muster verdrängten die alten Gasthöfe an den Stationen der Postkutsche. Je weiter der Tourismus im Zeichen des Hochkapitalismus fortschritt, desto mehr machte sich die Hotelindustrie dessen Wirtschaftsformen zu eigen. 1850 wurde in Paris das Grand Hotel eröffnet, das erste Unternehmen der Branche, das sich die Rechtsform der Aktiengesellschaft gab. Die fortschreitende Konzentration des Kapitals führte bereits 1880 zur Gründung des ersten Hotel-Trusts, der Ritz-Kette. Um die Jahrhundertwende entstanden in den Vereinigten Staaten die ersten Mammuthotels mit fünfhundert und mehr Zimmern. An der alten Schale des Hotels nach dem Muster von Baden-Baden änderte sich dabei nichts, und diese Schale ist aufschlußreich für die Psychologie des Tourismus. Das Hotel ist das Schloß des Großbürgertums.

In ihm usurpiert die neue Klasse demonstrativ die Lebensformen der Aristokratie. Sein Milieu ist der unbewältigte Luxus. Während der echte Aristokrat dem Reisen um seiner selbst willen ebenso abgeneigt ist wie der Bauer, stellt der bürgerliche Parvenu als Reisender zur Schau, was ihm zu Hause versagt bleibt. Die Freiheit, in die er als Tourist zu entkommen vermeint, ist nicht nur die einer historischen oder räumlichen Ferne, sondern auch die einer Lebensform, die er für die gesellschaftlich höhere hält. Er sucht nicht nur die Geschichte als Museum, nicht nur die Natur als Botanischen Garten, sondern auch gesellschaftliche Entrückung im Bilde des high life auf.

Neben der Sehenswürdigkeit tritt als Reiseziel das soziale Prestige. In die Kalkulation ihres Preises spielt bei der Ware, als welche die Reise aus der Warenwelt zu verhelfen vorgibt, ihr Warenzeichen fortan eine maßgebliche Rolle. Wie die Marke eines Parfüms dessen Wert steigert, ja halbwegs ausmacht, so der Name ihres Ziels den der Reise. Die Aura, mit welcher Romantik den Weitgereisten umgab, gefriert zum Warenzeichen, das den Fetischcharakter der Tour verbürgt. Im Fetisch des Souvenirs erscheint dieser Charakter leibhaftig. Als Blechschild am Spazierstock, als Zettel auf dem Koffer, als Plakette am Auto, als Zertifikat über Äquator- und Poltaufe versichert es den Touristen gegen den Zweifel am eigenen Erlebnis, der ihn wie Walter Faber befällt, und gibt ihm ein Beweisstück für seine Rückkehr zur Hand. Zum Programm der touristischen Reise gehört als letzter Punkt die Heimkehr, die den Touristen selbst zur Sehenswürdigkeit macht. Was ihm seine Ideologie als unberührte Ferne hinstellt, muß er nicht nur berühren, sondern auch publizieren. Die Zuhausgebliebenen verlangen von ihm, daß er ihnen von seinen Abenteuern erzähle. In seinem Bramarbasieren ist ein uralter Zug alles Reisens aufgehoben, nämlich sowohl aufbewahrt als zunichte gemacht. Er geht auf die Zeiten zurück, in denen der Mund des Weitgereisten die einzig sichere Quelle war, aus der Kenntnis der Ferne zu gewinnen war.

Dagegen verkündet heute der heimgekehrte Tourist nur, was alle längst wissen. Sein Bericht dient nicht nur dem Zweck, sein eigenes Prestige, sondern auch das des Arrangeurs zu festigen, dem er sich anvertraut hat. Der Tourismus ist die Industrie, deren Produktion mit ihrer Reklame identisch ist: ihre Konsumenten sind zugleich ihre Angestellten. Die bunten Aufnahmen, die der Tourist knipst, unterscheiden sich nur den Modalitäten nach von jenen, die er als Postkarten erwirbt und versendet. Sie sind die Reise selbst, auf die er sich begibt. Die Welt, derer er auf ihr ansichtig wird, ist von vornherein Reproduktion. Nur Abklatsch wird ihm zuteil. Er bestätigt das Plakat, das ihn verlockt hat, sich in sie zu begeben.

Diese Bestätigung des Vorgespiegelten als eines Wahren ist die eigentliche Arbeit, die der Tourist ableistet. Es ist keine leichte Arbeit, die da von ihm verlangt wird. Um die Langeweile, welche sie begleitet, zu lindern, ersann schon 1841 der Leipziger Verleger Tauchnitz die Reiselektüre als Palliativ. Die Sammlung diente mit ihren englischen Texten den Touristen von jenseits des Kanals, die damals noch das Bild der Bewegung bestimmten; sie trug ihm die Dankbarkeit aller englischen Reisenden, ein ansehnliches Vermögen und den Titel eines Barons ein. Gegen die Traurigkeit der heimlichen Enttäuschung, gegen die Verzweiflung des Voyageurs wuchs dem Tourismus indes kein Kraut. Die Trostlosigkeit ist dem Touristen vertraut. Blind greift er nach den heftigsten Mitteln, um die Langeweile zu verscheuchen, obwohl er doch im Grunde von der Vergeblichkeit seiner Flucht weiß, noch ehe er sie unternimmt. Immer schon durchschaut er das betrügerische Wesen einer Freiheit, die ihm von der Stange verkauft wird. Aber er gesteht sich den Betrug, dem er zum Opfer fällt, nicht ein. Seine Enttäuschung läßt er nicht laut werden. Sie fiele nicht auf den Industriellen zurück, der ihn betreut, sondern auf ihn selbst. Der Kreis seiner Bekannten würde dem Touristen das Eingeständnis seiner Niederlage als soziales Versagen ankreiden. Der Dupierte will zu seinem Schaden nicht auch noch den Spott zu fühlen bekommen. Er läuft Gefahr, daß ihm von seinem Stammtisch eben jene Verachtung entgegenschlägt, mit der ihn eine reaktionäre Kulturkritik ohnehin straft.

Es ist in der Tat sehr leicht, sich über den Massentourismus unserer Tage wie Gerhard Nebel lustig zu machen. Gewaltig aber ist die Kraft, welche heute überall auf der Welt die Massen an den Strand ihres kleinen Urlaubsglückes wirft. Es ist die Kraft einer blinden, unartikulierten Auflehnung, die in der Brandung ihrer eigenen Dialektik immerfort scheitert. Es stellt der politischen Verfassung, in der wir uns befinden, ein vernichtendes Zeugnis aus, daß allein Omnibusunternehmer und Bettenhändler sie ernst nehmen. Die Flut des Tourismus ist eine einzige Fluchtbewegung aus der Wirklichkeit, mit der unsere Gesellschaftsverfassung uns umstellt. Jede Flucht aber, wie töricht, wie ohnmächtig sie sein mag, kritisiert das, wovon sie sich abwendet.

Der Wunsch, der sich in dieser hartnäckigen, erbitterten, aussichtslosen Kritik verbirgt, läßt sich mit keinem Mittel unterdrücken. Wohl bietet er sich zur geschäftlichen Ausbeutung an. Da er sich selber nicht durchsichtig ist, hat sie es leicht, ihn immer von neuem zu pervertieren. Damit, daß man ihn verhöhnt, kann man ihn weder erklären noch lähmen. Das Verlangen, aus dem sich der Tourismus speist, ist das nach dem Glück der Freiheit. Noch im Rummel von Capri und Ibiza bezeugt es seine ungebrochene Kraft. Die Bilder jenes Glücks, welche die Romantik aufgerichtet hat, behalten gegen alle Fälschung recht, solange wir nicht imstande sind, ihnen eigene entgegenzuhalten. Sie triumphieren noch über die Plakate, in die das Kapital sie medusisch verzaubert hat.

Nicht für, sondern gegen uns zeugen sie. In ihren Gesichtern leuchtet das Wahre wie eine Erinnerung auf, die nicht verbleichen kann, weil wir uns mit ihr zufriedengeben. In einem nachgelassenen Aphorismus von Otto Weininger heißt es, von einem Bahnhof aus könne man niemals in die Freiheit fahren. Der Satz gilt, solange wir uns abfinden mit dem, was in der Zeitung steht, die wir uns ans Ferienziel nachsenden lassen. Der Tourismus zeigt, daß wir uns daran gewöhnt haben, Freiheit als Massenbetrug hinzunehmen, dem wir uns anvertrauen, obschon wir ihn insgeheim durchschauen. Indem wir auf die Rückfahrkarte in unserer Tasche pochen, gestehen wir ein, daß Freiheit nicht unser Ziel ist, daß wir schon vergessen haben, was sie ist.

 


 

Weitere Beiträge aus der Reihe Zweite Lesung


Genießen Sie freien Zugriff auf das gesamte MERKUR-Archiv
Jetzt Digital-Abonnement bestellen

 

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Jean Paul, Blumen-, Frucht- und Dornenstücke; oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten
    St. Siebenkäs. Drittes Bändchen. Zwölftes Kapitel. (Zitiert nach der Ausgabe der Sämmtlichen Werke von 1840 f.)
  2. Max Frisch, Homo Faber. Ein Bericht. Frankfurt a. M. 1957
  3. Gerhard Nebel, Unter Kreuzrittern und Partisanen. Stuttgart 1950
  4. A. I. Shand, Old-Time Travel. Personal Reminiscences of the Continent Forty Years Ago compared
  5. Homer, Odyssee. Deutsch von Johann Heinrich Voß. Erster Gesang
  6. Brief des englischen Entdeckungsreisenden Candish, zitiert nach Robert Kerr, Voyages and Travels. Edinburgh 1811. (Zitat vom Autor verdeutscht.)