Merkur, Nr. 96, Februar 1956

Der Zeitgeist und die Pädagogik

von Jürgen Habermas

Vor einiger Zeit hatte die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Akademiker ein halbes Dutzend Wissenschaftler, Publizisten und Politiker in die Münchener Universität gebeten, um es wieder einmal mit dem Thema jedes „engagierten“ Denkens zu versuchen: mit der Feststellung des Zeitgeistes. Die Vortragsreihe ist dann im Druck erschienen (unter dem anspruchsvollen Titel „Das Weltbild unserer Zeit“. Nestverlag, Nürnberg 1954).

Max Benses Gedanken über Kunst und Zivilisation stammen aus dem Umkreis der „Plakatwelt“ und seiner jüngst erschienenen „Aesthetica“. Seit je geht es ja diesem allem Aktuellen zugewandten Geist um den Zusammenhang von Technik und moderner Kunst. Die Kunst hat in der Phase der Zivilisation einen geradezu theoretischen Zustand erreicht, eine Reflexivität, die ihren Mangel an Emotion durch die Berührung mit dem cartesischen Intellekt ersetzt; was sie instand setzen soll, die technische Welt ästhetisch zu rechtfertigen. Diese ästhetische Rechtfertigung — ein Gegenstück zur klassischen Theodizee, der theologischen Rechtfertigung des Kosmos — läuft darauf hinaus, daß der Künstler den kritischen Geist der Freiheit inmitten einer technisch verplanten Welt bewahrt und bestätigt, die Idee der Rationalität mit der der „Existenz“ verbindet. Dabei stehen Rationalität‘ und ,Existenz‘ für die beiden heute bestimmenden Traditionen der Technik und des Humanismus; die eine mit dem funktionalen Bildungsbegriff einer planmäßigen Spezialität, der andere mit dem Bildungsbegriff einer luxuriösen Universalität; Technische Hochschulen und Universitäten sind die entsprechenden Bildungsanstalten.

Da nun mit fortschreitender Ausdehnung der technischen Sphäre und der zweckrationalen Spezialistenausbildung gleichwohl die Ordnung der gesellschaftlichen Verhältnisse immer mehr von der Kenntnis nichttechnologischer Daten, also vom Horizont „humanistischer“ Bildung abhängt, verlangt unsere Lage nach einer synthetischen Bildung, die beides verknüpft. Daran sollen nun gerade Künstler und Literaten mitarbeiten, weil sie als Hersteller und Geschäftsführer der modernen Kunst im Schnittpunkt beider Traditionen stehen und bestätigen können, daß die Existenz der technischen Welt von sich aus den freien Geist der Kunst weder aufhebt noch entleert.

Freilich werden solche Andeutungen sogleich fragwürdig, wenn Bense die geforderte Rechtfertigung der Technik für sein Teil vorwegnimmt und behauptet, daß die Gefahren ja nicht von der zunehmenden Totalität der technischen Sphäre, sondern von der zunehmenden Vermachtung ideologischer Systeme drohe.

Etwas vorsichtiger ist schon die komparative Formulierung, daß die Perfektion der Ideologien und der totalitäre Irrationalismus der Humanität hinderlicher sei als die Perfektion der Technik und der totalitäre Rationalismus — die Rationalisierung töte weniger Seelen als die Remythologisierung Intelligenzen zerstöre. Da ist denn doch zu fragen, ob sich die Humanität einer Methode nur an der Größenordnung ihrer Krematorien bemißt. Eine Rationalisierung ist nur dann „gerechtfertigt“, will uns scheinen, wenn sie — ihrem Prinzip nach — überhaupt keine Seele tötet. Wer sich davon etwas abhandeln läßt, hat schon den Weg des Totalitären beschritten.

Sicher kommt es darauf an, in welcher Gesellschaft und in welchem politischen Gefüge Technik verwirklicht wird. Wer aber, wie auch der Physiker Walter Gerlach in seinem Vortrag über Energie und Materie — für die Deformationen in der technischen Massengesellschaft allein die „anonymen Puppenführer des Weltmarionettentheaters“ haftbar machen will, der sieht doch an dem wirklichen Verhältnis vorbei. An dem Verhältnis nämlich, daß gerade eine ausschließliche Rationalisierung zu unkontrollierten, irrationalen Zwecken in der gesellschaftlichen Anwendung der Technik führt.

Es ist falsch, den Schnitt zwischen Technik und Gesellschaft so zu legen, daß die Verantwortung allein auf die Seite der gesellschaftlichen Handhabung fällt. Alexander Mitscherlich schlägt denn auch die „Daseinsverfehlungen des modernen Menschen“ nicht so leichtfertig auf die Seite der Ideologien, ohne deren dialektischen Zusammenhang mit der „Aufklärung“ zu bedenken. Er rechnet vielmehr die psychosomatischen Störungen, mit denen er es als Analytiker von Berufs wegen zu tun hat, zu den Folgen jenes besonderen Umgangs mit der Natur, wie ihn Naturwissenschaft und Technik planmäßig betreiben.

Die offizielle wissenschaftliche Auffassung der Krankheit als eines „organischen“ Defekts bestätigt nämlich dem Kranken, daß sein Leiden ihn persönlich gar nichts angeht. Die Psychosomatik versucht ihm indes klarzumachen, daß hinter der Gallenkolik oder dem Magengeschwür doch etwas steckt, was mit dem Patienten persönlich, wie er sich versteht und mißversteht, zu tun hat.

(…)

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