Merkur, Nr. 467, Januar 1988

Die Einheit der Vernunft in der Vielheit ihrer Stimmen

von Jürgen Habermas

 

»Einheit und Vielheit« bezeichnet das Thema, in dessen Zeichen die Metaphysik von Anbeginn gestanden hat. Die Metaphysik will alles auf Eines zurückführen; seit Plato präsentiert sie sich in ihren maßgeblichen Ausprägungen als All-Einheitslehre; Theorie richtet sich auf das Eine als Ursprung und Grund von Allem. Dieses Eine hieß vor Plotin Idee des Guten oder Erster Beweger, nach ihm summum ens, Unbedingtes oder absoluter Geist. Während des letzten Jahrzehnts hat das Thema erneut Aktualität gewonnen. Die einen beklagen den Verlust des metaphysischen Einheitsdenkens und bemühen sich entweder um eine Rehabilitierung vorkantischer Denkfiguren oder um eine Rückkehr zur Metaphysik über Kant hinaus. 1 Die anderen machen umgekehrt die metaphysische Erbschaft im Subjekt- und geschichtsphilosophischen Einheitsdenken für die Krisen der Gegenwart verantwortlich und beschwören den Plural der Geschichten und Lebensformen gegenüber dem Singular der Weltgeschichte und der Lebenswelt, die Alterität der Sprachspiele und der Diskurse gegenüber der Identität von Sprache und Gespräch.

Dieser Protest gegen die Einheit im Namen einer überwältigten Vielheit äußert sich in zwei konträren Lesarten. Im radikalen Kontextualismus eines Jean-Francois Lyotard oder eines Richard Rorty lebt auch die alte metaphysikkritische Absicht fort, die dem Idealismus aufgeopferten Momente des Nicht-Identischen und Nicht-Integrierten, des Abweichenden und Heterogenen, des Widersprüchlichen und Konflikthaften, des Vergänglichen und Akzidentellen zu retten. Hingegen verlieren die Apologie des Zufälligen und der Abschied vom Prinzipiellen in anderen Zusammenhängen ihre subversiven Züge; dort haben sie nur noch den funktionalen Sinn, die wahrheitsunfähig gewordenen Traditionsmächte gegen unziemlich kritische Ansprüche abzuschirmen, damit sie einer ins Schleudern geratenen Modernisierung der Gesellschaft kulturellen Flankenschutz geben können. 2

So läßt sich der differenzierte Streit um Einheit und Vielheit keineswegs auf ein simples Für und Wider reduzieren. Eine klare Konstellation bilden die Parteien für und gegen das metaphysische Einheitsdenken erst zusammen mit einer dritten Partei, in der sie den gemeinsamen Gegner ausmachen: ich meine den Humanismus derjenigen, die in Fortsetzung der Kantischen Tradition versuchen, einen skeptischen und nachmetaphysischen, aber nicht-defätistischen Vernunftbegriff sprachphilosophisch zu retten. 3 Aus der Sicht des metaphysischen Einheitsdenkens ist der Verfahrensbegriff der kommunikativen Vernunft zu schwach, weil er alles Inhaltliche in den Bereich des Kontingenten entläßt und sogar erlaubt, die Vernunft selbst als kontingent entstanden zu denken. Zu stark ist er wiederum aus kontextualistischer Sicht, weil sich im Medium sprachlicher Verständigung noch die Grenzen angeblich inkommensurabler Welten als durchlässig erweisen. Meine Überlegungen laufen auf die These hinaus, daß die Einheit der Vernunft allein in der Vielheit ihrer Stimmen vernehmbar bleibt — als die prinzipielle Möglichkeit eines wie immer okkasionellen, jedoch verständlichen Übergangs von einer Sprache in die andere. Diese nur noch prozedural gesicherte und transitorisch verwirklichte Möglichkeit der Verständigung bildet den Hintergrund für die aktuelle Vielfalt des einander — auch verständnislos – Begegnenden.

 

I

In den Enneaden des Plotin ist »Einheit und Vielheit« das zentrale Thema. In dieser Schrift resümiert sich die mit Parmenides einsetzende Denkbewegung eines philosophischen Idealismus, der über die kognitiven Schranken der mythischen Weltsicht hinausgeführt hat. Das to hen panta meint nicht, daß Alles in Einem aufgeht, sondern daß sich das Viele auf das Eine zurückführen und somit im ganzen, als Totalität, begreifen läßt. Mit dieser gewaltigen Abstraktion gewinnt der menschliche Geist einen extramundanen Bezugspunkt — eine Abstand nehmende Perspektive, aus der sich das bewegte Ineinander und Gegeneinander konkreter Begebenheiten und Phänomene zu einem standfesten, dem veränderlichen Geschehen selbst enthobenen Ganzen zusammenfügt. Dieser distanzierende Blick kann nun zwischen dem Seienden im ganzen und den einzelnen Entitäten, zwischen der Welt und dem, was in ihr geschieht, differenzieren. Diese Unterscheidung wiederum ermöglicht ein Niveau der Erklärung, das sich von den mythischen Erzählungen unterscheidet. Die Welt im Singular verweist auf einen Ursprung, und zwar auf einen, der nicht mehr von derselben Art sein kann wie die im Plural auftretenden, miteinander im Wettstreit liegenden Ursprungsmächte des Mythos. Diese blieben mit der Kette der Geschlechter verflochten und hatten einen Anfang in der Zeit: das Eine aber ist als voraussetzungsloser Anfang ein Erstes, dem Zeit und Zeitliches erst entspringen.

Die Erklärung aus Prinzipien, die das Besondere dem Allgemeinen subsumiert und aus einem letzten Grundsatz ableitet, dieser deduktive, dem Vorbild der Mathematik nachgebildete Erklärungsmodus bricht mit dem Konkretismus einer Weltsicht, in der sich das Besondere unvermittelt mit dem Besonderen vernetzt, Eins im Anderen spiegelt und alles ein flächiges Gewebe von Oppositionen und Ähnlichkeiten bildet. Mit Nietzsche könnte man sagen, daß der Mythos nur Oberfläche, nur Schein und kein Wesen kennt. Demgegenüber geht die Metaphysik in die Tiefe.

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FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Vgl. Robert Spaemann, Philosophische Essays (Stuttgart: Reclam 1983) und Das Natürliche und das Vernünftige (München: Piper 1987); Dieter Henrich, Fluchtlinien (Frankfurt: Suhrkamp 1982).
  2. Vgl. Odo Marquard, Abschied vom Prinzipiellen. Stuttgart: Reclam 1981.
  3. Vgl. Hilary Putnam, Vernunft, Wahrheit und Geschichte. Frankfurt: Suhrkamp 1982.