Merkur, Nr. 468, Febraur 1988

Die neue Intimität zwischen Politik und Kultur

Thesen zur Aufklärung in Deutschland

Die politische Konkurrenz um die knappe Ressource »Sinn« hat die Entfernung zwischen Politik und Kultur verringert. Die neue politische Aufmerksamkeit für die kulturellen Ausdrucksformen des Zeitgeistes erklärt sich u.a. aus einer veränderten Wahrnehmung der Politik selber: diese scheint eine Einbuße an Manövrierfähigkeit und Kompetenz zu erleiden. Zum ernüchterten Bild von der Politik gehören mindestens drei Überzeugungen.

Erstens: Die systemkonformen Eingriffe ins Wirtschaftssystem erzielen nicht die erwünschten Effekte. Noch weniger wird von systemverändernden Eingriffen erwartet; sie würden sich kontraproduktiv auswirken. Zweitens: Nicht nur das ökonomische Steuerungsmedium erweist sich als resistent; auch die administrativen Maßnahmen, deren sich die Politik für ihre Eingriffe bedienen muß, stellen kein eigenschaftsloses Medium dar. Bürokratie und Recht haben in den Augen der Klienten ihre Unschuld verloren. Drittens: Die Krisen haben sich diffus ausgebreitet und verstetigt. Sie werden zur herrschenden Form der Selbststabilisierung eines beschleunigten sozialen Wandels. Politiker, die dieses Bild von der Politik teilen, sind versucht, ihre ungelösten Probleme in ein drittes Medium zu verschieben. Sie weichen aus in die Arena der Massenkultur. Bei 750-Jahr-Feiern repräsentiert sich der Staat nicht etwa eine Woche lang mit militärischen Paraden und Gottesdiensten, er badet sich ein ganzes Jahr in der Lauge einer aus Pop, Punk und Preußentum angerührten Unterhaltungs-, Diskussions- und Ausstellungskultur. Eine Etage höher nutzt ein intellektueller Bundespräsident erfolgreich die Nischen des kulturellen Betriebs.

Die neue Intimität zwischen Politik und Kultur hat zweischneidige Folgen für die Politiker. Einerseits erweitert sich der Spielraum für eine symbolische Politik, mit der sich die andernorts entstandenen Enttäuschungen beinahe kostenneutral entschädigen lassen. Andererseits bildet der kulturelle Sinn einen eigensinnigen Stoff, der sich nicht nur nicht nach Belieben vermehren, sondern auch nicht in beliebige Formen bringen läßt. Das pejorative Wort von der »Stimmungsdemokratie« verschleiert eher, daß der Legitimationsprozeß dieser neuen Art von Beschränkung unterliegt. Aufschlußreicher ist schon das Interesse der Wahlsoziologen für die sogenannten Dienstleistungszentren, wo sich eine themenabhängige und informierte, jedenfalls kulturell vermittelte Wahrnehmung der Politik am deutlichsten ausprägt.

Fast schon enthüllend ist die Direktheit, mit der ein kühl kalkulierender Geißler propagandistisch auf die postmateriellen Werte setzt — und Blüm nach Chile schickt. Kurzum, die über Massenmedien verbreitete, auch in Diskussionen einmündende Kultur zeigt das Janusgesicht jeder Rhetorik. Wer sich erst einmal auf Kultur einläßt, kann nur noch in dem gefährlichen Medium der Überzeugungen überreden. Gewiß, die medienvermittelte Kultur bezahlt für ihre Verbreitung oft genug in der Münze einer Entdifferenzierung geistiger Gehalte; aber Verbreitung bedeutet auch eine Dezentralisierung von Widerspruchsmöglichkeiten. Das Neinsagen-Können ist die Kehrseite der Überzeugung – und auch der Überredete muß sich mindestens überzeugt fühlen. Die politische Inanspruchnahme der Kultur könnte insofern Tendenzen der Aufklärung sogar fördern. Das muß nicht so sein – wie die Erfahrung lehrt.

Aufklärung in Deutschland. Zwei Meinungen

Eines der jüngsten Beispiele für die politische Relevanz der Kultur bietet der Streit um den Frankfurter Börneplatz. Aus diesem Anlaß hat der Oberbürgermeister die Stadtverordnetenversammlung, was ihr zur Ehre gereicht, in ein historisches Kolleg verwandelt. Seine wohl von Fachleuten präparierte Rede betrifft unser Thema auch in anderer Hinsicht. Der Oberbürgermeister trat nicht nur in eine historisch-kritische Auseinandersetzung, also in einen Diskurs ein, der dem Geist der Aufklärung verpflichtet ist; er machte darin Aufklärung zum Thema. Es geht nämlich um den geistesgeschichtlichen Zusammenhang zwischen der Entstehung des rassistischen Antisemitismus in Deutschland und dem durch die Aufklärung verursachten Autoritätsverlust des christlichen Glaubens und der Kirche: »nicht der christliche Antijudaismus, sondern der Weg des deutschen Volkes seit der Aufklärung ist das, was in die deutsche Katastrophe geführt hat« (Frankfurter Rundschau, 26. September 1987).

Daß die Formulierung »seit der Aufklärung« nicht bloß im Sinne eines post-hoc gemeint ist, wird aus dem Kontext klar. Der abnehmende »Einfluß der Kirchen auf staatliches und privates Leben« wird belegt mit Folgen der Französischen Revolution, mit Nationalstaat und Nationalismus, mit Marx und Nietzsche. Allerdings soll diese christlich-fundamentalistische Geschichtsdeutung nur für die Deutschen gelten, nicht für Juden, die ja im Zeichen der Aufklärung eine mehr oder weniger glückliche Symbiose mit der deutschen Kultur eingegangen sind: »Ich verstehe die Betroffenheit eines Juden, die zum Nichteinverständnis mit meiner Wertung führt. Das ist selbstverständlich. Er wertet aus dem Schicksal seines Volkes, seiner Religion, und ich werte aus dem Schicksal unseres Volkes und komme deshalb möglicherweise zu anderen Ergebnissen.«

Was immer der Oberbürgermeister gemeint haben mag – daß nur Schicksalsgenossen oder »Artgleiche« einander verstehen können, ist eine Maxime, die so offensichtlich mit dem Universalismus der Aufklärung unvereinbar ist, daß sie nach 1933 auch in akademischen Kreisen Karriere gemacht hat.

(…)

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