Merkur, Nr. 296, Dezember 1972

Die Utopie des guten Herrschers
Eine Diskussion zwischen Jürgen Habermas und Robert Spaemann*

* Über dessen Beitrag »Die Utopie der Herrschaftsfreiheit« in MERKUR, Nr. 292, August 1972.

von Jürgen Habermas

 

Lieber Herr Spaemann,

in unaufdringlicher Weise souverän und ohne den betulichen Traditionalismus, der den modernen Anwälten des klassischen Naturrechts häufig eigen ist, lenken Sie die politische Philosophie zu ihren Ursprüngen zurück: zur Idee der vernünftigen Herrschaft. Sie bringen die Überlegenheit der Tradition gegenüber der mit Hobbes entfalteten empiristischen Sozialphilosophie ans Licht; jene leugnet nicht, wie diese, die Wahrheitsfähigkeit praktischer Fragen, sondern begreift, daß zwischen Legitimität und Wahrheit, also zwischen der Bestandsfähigkeit legitimer Herrschaft und dem Anspruch auf die Begründbarkeit der faktisch geltenden Normen ein nicht bloß subjektiver Zusammenhang besteht.

Freilich erwähnen Sie nicht die Schwierigkeiten, die dazu geführt haben, daß die auf Plato und Aristoteles sich stützende Lehre von der Politik fallen gelassen worden ist — und heute nicht ohne Gewaltsamkeit rehabilitiert werden kann. Die beiden wichtigsten Einwände ergeben sich, wenn ich recht sehe, einmal aus der Erfahrung, daß legitime Herrschaft in der Regel kontrafaktisch, gegen den Augenschein von Ausbeutung und Unterdrückung stabilisiert wird; und zum anderen aus dem problematischen Status einer Wesenserkenntnis, also eines intuitiven Zugangs zur Wahrheit, der durch Ideenlehre oder Metaphysik, trotz Leo Strauss, heute nicht mehr plausibel gemacht werden kann.

Zufällig nahm ich das Merkurheft mit Ihrem Artikel in die Hand, als ich dabei war, Aufsätze über »Imperialismus und strukturelle Gewalt« (edition suhrkamp 563) zu lesen. In diesem Zusammenhang verliert das Zitat von Franz Fanon, das ich dem Motto eines dieser Aufsätze entleihe, jede Sentimentalität:

»Die Stadt des Kolonialherrn ist eine stabile Stadt, ganz aus Stein und Eisen. Es ist eine erleuchtete, asphaltierte Stadt, in der die Mülleimer immer von unbekannten, nie gesehenen, nicht einmal erträumten Resten überquellen. Die Füße des Kolonialherrn sind niemals sichtbar, außer vielleicht am Meer, aber man kommt niemals nah genug an sie heran. Von soliden Schuhen geschützte Füße, während die Straßen ihrer Städte sauber, glatt, ohne Löcher, ohne Steine sind. Die Stadt des Kolonialherrn ist eine gemästete, faule Stadt, ihr Bauch ist ständig voll von guten Dingen. Die Stadt des Kolonialherrn ist eine Stadt von Weißen, von Ausländern. Die Stadt des Kolonisierten, oder zumindest die Eingeborenenstadt, das Negerdorf, die Medina, das Reservat, ist ein schlechtberufener Ort, von schlechtberufenen Menschen bevölkert. Man wird dort irgendwo, irgendwie geboren. Man stirbt dort irgendwo, an irgendwas. Es ist eine Welt ohne Zwischenräume, die Menschen sitzen hier einer auf dem andern, die Hütten eine auf der andern. Die Stadt des Kolonisierten ist eine ausgehungerte Stadt, ausgehungert nach Brot, Fleisch, Schuhen, Kohle, Licht. Die Stadt des Kolonisierten ist eine nieder gekauerte Stadt, eine Stadt auf Knien, eine hingelümmelte Stadt. Eine Stadt von Negern, eine Stadt von Bicots. Der Blick, den der Kolonisierte auf die Stadt des Kolonialherrn wirft, ist ein Blick geilen Neides.« (Fanon, Die Verdammten dieser Erde)

Der extreme Fall der sogenannten Peripherie beleuchtet den Normalfall unserer Metropolen. Fanon macht anschaulich, wie sehr legitime Herrschaft in der Regel auch die Rechtfertigung eines Institutionensystems bedeutet, das Belastungen und soziale Entschädigungen, Chancen der Bedürfnisbefriedigung und Risiken ungleich verteilt. Wenn die von ihr Betroffenen an diskursiver Willensbildung beteiligt würden, machen wir das Gedankenexperiment, dürfte die »legitime« Herrschaft einen zwanglosen Konsensus kaum finden.

Die Kategorie Herrschaft ist auch nach Ihrem Maßstab unvernünftig — aber eben sie erhält sich kraft Legitimation. Das erklärungsbedürftige Phänomen besteht mithin in der wirksamen Etablierung eines Scheins von Rechtfertigung, der den faktisch bestehenden Institutionen gewaltlose Anerkennung sichert. Ich versuche, diese strukturelle Gewalt mit der systematischen Einschränkung willensbildender Diskurse zu erklären.

Sie, Herr Spaemann, beeilen sich hingegen, die Notwendigkeit eines weisen Herrschers darzutun. Weil die Vielen nicht fähig sind, an einem Diskurs teilzunehmen und ihr wahres Interesse zu erkennen, sollen sie den bestimmen, »der imstande ist, aufgrund seiner eigenen uneigennützigen Weisheit, den vernünftigen Konsens aller zu antizipieren« (S. 740). Das ist eine neue, Tocqueville überraschend mit Plato stützende Version der in den letzten Jahrzehnten in den USA und auch hierzulande herrschenden politischen Theorie, die Peter Bachrach in seinem Buch über die Theorie demokratischer Elitenherrschaft (Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt 1970) einer, wie ich finde, überzeugenden Kritik unterzogen hat.

Was veranlaßt Sie, anzunehmen, daß sich Inhaber von Herrschaftspositionen, die in der Regel nicht nur durch Machtbesitz privilegiert sind, eher von partiellen Interessen frei machen als die Masse der nicht- oder unterprivilegierten Bevölkerung? Das ist keine Sache des anthropologischen Pessimismus oder Optimismus. Ich meine, daß wir auf die Frage, wie weit diskursive Willensbildung als Organisationsprinzip der Gesellschaft durchgesetzt werden kann, ohne an Kapazitätsgrenzen des Persönlichkeitssystems zu stoßen, eine anthropologische Antwort überhaupt nicht geben können: Wir wissen es nicht und haben darum keine theoretische Berechtigung, Versuche, auf einem wie immer pessimistischen Erwartungsniveau wir sie beginnen mögen, zu unterlassen, zu diskriminieren oder zu unterbinden.

(…)

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