Merkur, Nr. 361, Juni 1978

Gespräch über anthropologische Grundlagen der Gesellschaft

von Herbert Marcuse und Jürgen Habermas

 

Dieses nur auszugsweise wiedergegebene Gespräch wurde im August 1977 in Starnberg geführt und erscheint in einer Reihe von Gesprächsprotokollen zum 80. Geburtstag von Herbert Marcuse am 18. Juli in der edition Suhrkamp. Von den beiden weiteren Teilnehmern des Gesprächs ist zu sagen, daß Heinz Leibasz Geschichtswissenschaft an der Universität Essex (England) lehrt und Tim Spengler als Sinologe dem Arbeitskreis für Wissenschaftsforschung des Max-Planck-Instituts in Starnberg angehört.

 

HABERMAS: Ich würde ganz gerne über ein paar theoretische Fragen mit Ihnen diskutieren, und zwar als erstes über anthropologische Grundlagen der Gesellschaftstheorie. Vielleicht sollte ich zuvor sagen, aus welcher Perspektive ich meine Fragen stelle. Neben Adorno haben Sie mit Ihren Arbeiten auf mich persönlich den größten unmittelbaren Einfluß gehabt, und die Übereinstimmungen sind so groß, daß mir nur noch die Schwierigkeiten auffallen, die in dieser Theorie vielleicht auch drinstecken und auf die man stößt, wenn man das Interesse hat, diese Dinge weiterzutreiben. Ich glaube, daß ich ab und zu einfach mal ein paar Stellen vorlese aus Ihren Sachen, dann wissen wir, worüber wir genau reden. Zuerst aus den Neuen Quellen zum Historischen Materialismus. Da findet sich eine Stelle, von der ich glaube, daß sie ein Motiv in Ihrem Denken klarmacht, das bis heute, bis zu dem Buch über Die Permanenz der Kunst, konstant geblieben ist, ein Motiv, das Sie übrigens von Horkheimer und Adorno trennt. Es heißt in diesem frühen Aufsatz von 1932:

»Gerade der unbeirrbare Blick auf das Wesen des Menschen wird zum unerbittlichen Antrieb der Begründung der radikalen Revolution: daß es sich in der faktischen Situation des Kapitalismus eben nicht nur um eine ökonomische oder politische Krise handelt, sondern um eine Katastrophe des menschlichen Wesens – diese Einsicht verurteilt jede bloße ökonomische oder politische Reform von vornherein zum Scheitern und fordert unbedingt die katastrophische Aufhebung des faktischen Zustandes durch die totale Revolution. Erst auf der so gesicherten Grundlage, deren Festigkeit durch keine nur ökonomischen oder politischen Argumente erschüttert werden kann, erwächst die Frage nach den geschichtlichen Bedingungen und Trägern der Revolution: die Theorie vom Klassenkampf und der Diktatur des Proletariats. Jede Kritik, die sich nur mit dieser Theorie beschäftigt, ohne sich mit ihrem eigentlichen Fundament auseinanderzusetzen, verfehlt ihren Gegenstand.«

MARCUSE: Das ist aus den Neuen Beiträgen?

HABERMAS: Neue Quellen des Historischen Materialismus, also der Kommentar zu den ökonomisch-philosophischen Manuskripten. Das ist 1932.

MARCUSE: Ja.

HABERMAS: Selbst wenn ich einen Hauch von expressionistischen Vokabeln (wie »totale Revolution«) abziehe, steckt hier ein Gedankenmotiv, das sich durchgehalten hat. Sie haben damals noch einen ontologischen Ansatz. Wenn Sie von Fundament sprechen, vom Wesen des Menschen, dann denken Sie immer noch daran, sich fundamental-ontologische Perspektiven marxistisch anzueignen. Von diesem Begriffsrahmen haben Sie sich abgelöst. Andererseits hat man den Eindruck, daß später die Freudsche Metapsychologie die Rolle der Heideggerschen Existentialontologie übernommen hat. Ihr Marxismus hat bis heute einen stark anthropologischen Einschlag, wenn ich das so locker sagen darf.

MARCUSE: Anthropologisch meinen Sie jetzt im Sinn der philosophischen Anthropologie, nicht der Ethnologie?

HABERMAS: Ja. Um vielleicht noch klarer zu machen, was ich meine: In Versuch über die Befreiung heißt es S. 25: »Wir hätten dann, diesseits aller >Werte< ein trieb-psychologisches Fundament für Solidarität unter den Menschen – eine Solidarität, die gemäß den Erfordernissen der Klassengesellschaft wirksam unterdrückt wurde, nunmehr aber als Vorbedingung von Befreiung erscheint.«

 MARCUSE: Ja.

HABERMAS: In diesem Sinne sprechen Sie sogar von den biologischen Grundlagen des Sozialismus, auch wenn Sie ein Fragezeichen dahinter machen.

(…)

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