Merkur, Nr. 180, Februar 1963

Parteirügen an Schriftsteller – hüben und drüben

von Jürgen Habermas

In den letzten Wochen erfuhren wir von zwei Vorgängen, die auf den ersten Blick eine gewisse Ähnlichkeit zu haben schienen, obwohl sich der eine in Ostberlin, der andere in Hannover abspielte. In beiden Fällen sind freie Schriftsteller von Parteileuten gerügt worden. Dort hat man ihnen, während des Parteitags der SED, in langatmigen Programmreden mangelnde Parteilichkeit vorgeworfen; und hier beschwerte sich der geschäftsführende Vorsitzende der CDU vor Journalisten über den wachsenden, der Regierung nicht eben nützlichen Einfluß der Gruppe 47. Beidemal war der Tenor der gleiche: man dürfe die Gefahren nicht nur registrieren, man solle Abhilfe schaffen.

Eine solch fatale Parallele mag sich, wenn man beide Nachrichten zur gleichen Zeit liest, in aller Unschuld einstellen. Sie ist nicht schon deshalb von der Hand zu weisen, weil, wie man oft hören kann, Vorgänge diesseits und jenseits der Mauer unvergleichbar seien. Gerade wenn man genau und ernsthaft vergleicht, wird man aber rasch feststellen, daß diese »Fälle« wenig miteinander zu tun haben. Schon die beiden Anlässe, an denen die Parteileute hüben wie drüben Anstoß genommen haben, sind schwerlich auf der gleichen Ebene zu diskutieren. Dort war es jenes letzte Heft der offiziellen Zeitschrift der Ostberliner Akademie der Künste, das noch unter der Redaktion des inzwischen abgelösten Peter Hüchel zustandegekommen ist; hier ein politischer Kommentar im Westdeutschen Bundfunk, der von Wolfdietrich Schnurre, einem Mitglied der Gruppe 47, unter dem frischen Eindruck der Spiegel-Affäre gesprochen wurde.

Schnurre läßt eine lange Beihe von Zeugen auftreten: einen von der SA erschlagenen Arbeiter, den im KZ umgekommenen Intellektuellen, erhängte Partisanen, Opfer alliierter Bombenangriffe, auf dem Treck erfrorene Kinder und viele andere; mehr noch – er verknüpft diese symbolischen Opfer des politischen Widersinns suggestiv mit einem jüngst geflüchteten Volkspolizisten, der sich in Westberlin nach wenigen Tagen der Freiheit aus ungeklärten Motiven erschossen hat. Und diesen Selbstmord deutet Schnurre dann aus seiner eigenen Verzweiflung an den politischen Zuständen der Bundesrepublik – er schiebt ihn sozusagen dem Minister Strauss in die Schuhe. Eine sentimentale Geschichte also und viel harte Polemik gegen die Bundesregierung, getragen von einem gesamtdeutschen, berlinerisch getönten Pathos, das sich unsere psychologische Kriegsführung sonst stets in umgekehrter Richtung zunutze macht.

Wir wollen mit Schurre nicht rechten – er hat einen politischen Kommentar gehalten. Der hat gar nichts damit zu tun, daß Schnurre sonst Romane schreibt und Erzählungen, und erst recht nichts damit, wie er sie schreibt. Genau darum geht es aber in Ostberlin. In jenem Heft von »Sinn und Form«, das in dem grauen Parteijargon inferiorer Biedermänner abgekanzelt worden ist, findet sich natürlich kein einziges Wort offener politischer Kritik.

(…)

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